Dienstag, 28. Juli 2026

Feuer, die mit der Intensität von Atombomben brennen

Standard  hier  Karin Krichmayr  28. Juli 2026

Brände in Südeuropa

Warum die Waldbrände in Südeuropa so schwer unter Kontrolle zu bringen sind, was Pyrocumulonimbus-Stürme sind und was Ziegen mit der Situation zu tun haben, erklären Fachleute

In Spanien und Frankreich wüten seit Tagen heftige Brände, viele Tausende Menschen mussten bereits in Sicherheit gebracht werden. Zwar gibt es Fortschritte bei der Bekämpfung des Feuers, doch die Schäden sind längst enorm. In Frankreich brannten allein am Samstag und Sonntag 10.000 Hektar Land ab, in der Provinz Ávila nahe Madrid wurden rund 70.000 Hektar vernichtet.

Frage: Warum sind die Brände derzeit so extrem und schwer unter Kontrolle zu bringen?

Antwort: Bei den Bränden in Spanien handle es sich um "Feuer, die mit der Intensität von mehreren Atombomben brennen", sagt Waldbrandexperte Víctor Resco de Dios von der spanischen University of Lleida. Sie zu löschen, sei extrem komplex. 

  • Die Intensität sei unter anderem auf die enorme Biomasse in der Landschaft zurückzuführen, die durch ein feuchtes Frühjahr gedeihen konnte und dann austrocknete. 
  • Hinzu kommen extreme Hitze, niedrige Luftfeuchtigkeit, starker Wind sowie
  •  teilweise steiles und unwegsames Gelände; 
all das erschwert die Brandbekämpfung erheblich. Víctor Fernández-García (Universität León) betont gegenüber dem spanischen Science Media Center (SMC), 

  • dass auch strukturelle Veränderungen wie Landflucht, 
  • die Zersiedelung etwa im Umland Madrids, 
  • die Aufgabe landwirtschaftlicher Flächen und 
  • die Ausdehnung von Siedlungen in Waldgebiete eine entscheidende Rolle spielen. 
An vielen Stellen übersteigt das Feuer die Löschkapazitäten, daher bleibt oft die Evakuierung die einzige Option.

Frage: Welche Rolle spielt der Klimawandel bei den derzeitigen Waldbränden?

Antwort: Die Brände in Spanien und Frankreich "gehören zu den extremsten, die wir je in Europa erlebt haben – sowohl hinsichtlich ihrer Ausdehnung als auch der Ausbreitungsgeschwindigkeit und der dadurch ausgelösten Pyrocumulonimbus-Stürme", sagte Theodore Keeping, Waldbrandexperte vom Imperial College London, gegenüber dem britischen SMC. 

Entscheidend sei das heiße und trockene Sommerwetter: Aufeinanderfolgende heiße und windige Tage lassen Brände immer schneller wachsen. Der Klimawandel führt dazu, dass solche Bedingungen immer wahrscheinlicher und intensiver werden, weshalb wir europaweit deutlich extremere Waldbrände beobachten.

Frage: Was sind Pyrocumulonimbus-Wolken – und warum sind sie gefährlich?

Antwort: Ein Pyrocumulonimbus ist ein extrem kraftvolles, durch Feuer ausgelöstes Gewitter.
Ein solches Gewitter entsteht, wenn ein intensiver Waldbrand genügend Wärme freisetzt, um eine schnell aufsteigende Säule aus heißer Luft, Rauch und Feuchtigkeit zu erzeugen. Ist die Atmosphäre ausreichend instabil, kann sich diese Säule zu einer voll entwickelten Gewitterwolke auswachsen, erklärt Francesca Di Giuseppe, Koordinatorin für Brandprognosen am Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen (ECMWF). 

Der Brand erzeugt gewissermaßen sein eigenes Wetter. 

Derartige Wolken können starke Fallwinde, Blitzschläge und unberechenbare Windverhältnisse auslösen und den Rauch bis in die obere Troposphäre oder sogar die untere Stratosphäre transportieren – ihre Auswirkungen sind daher mit denen eines mäßigen Vulkanausbruchs vergleichbar. 

Pyrocumulonimbus-Ereignisse sind in Australien, Kanada und den Vereinigten Staaten gut dokumentiert. Dass sie in Frankreich auftreten, zeugt von der außergewöhnlichen Intensität der aktuellen Brände.


 "Wir müssen anerkennen,
dass sich diese Naturgewalt unserer Kontrolle entzieht. 
Es ist ein kriegsähnliches Szenario,
bei dem wir ständig unter Beschuss sind und
uns alle in Sicherheit bringen müssen"

formuliert der französische Feuerwehrsprecher Eric Brocardi.

Frage: Sind solche Megabrände die neue Normalität?

Antwort: "Sobald wir als Gesellschaft akzeptiert haben, dass wir das Klima verändern, werden diese Brände Teil der neuen Normalität; mit anderen Worten: Sie sind genau das, was wir erwartet haben", sagt Juli G. Pausas vom Forschungszentrum CIDE (Centre for Research on Desertification) in Valencia: 

"Seit Jahrzehnten wird davor gewarnt, dass die Folgen sehr schwerwiegend sein könnten, wenn wir die Temperaturen weiter in die Höhe treiben." Bei den Hitzewellen, die wir derzeit erleben, könne fast jede Art von Vegetation in Brand geraten. Falls die Brennstoffmengen in den Wäldern nicht reduziert würden, müsse man sich tatsächlich auf solche Brände einstellen, sagt Jesús Santiago Notario del Pino von der Universität La Laguna. Das Problem habe sich über Jahrzehnte aufgebaut und lasse sich nicht kurzfristig lösen.

Frage: Was haben Schafe und Ziegen damit zu tun?

Antwort: Die zunehmende Landflucht hat in Spanien, aber auch in Frankreich und Italien dazu geführt, dass die Orte auf dem Land schrumpfen. Ehemalige Felder und Weiden, wo einst Schafe, Ziegen und Kühe grasten, sind inzwischen verbuscht. Auf nicht mehr bewirtschafteten Flächen bleibt viel mehr trockene Biomasse liegen – ein idealer Treibstoff für die Flammen.

Frage: Wie lassen sich künftige Schäden verhindern?

Antwort: Fachleute nennen vor allem die Bewirtschaftung verwaister Flächen und Vegetationsmanagement als Präventionsmaßnahmen. Besonders wichtig seien Mosaiklandschaften, in denen große Waldflächen durch weniger brennbare Bereiche, etwa landwirtschaftlich genutzte Flächen, unterbrochen werden

Weiters plädieren Expertinnen und Experten für kontrolliertes Abbrennen risikoreicher Flächen, die später als natürliche Brandschneisen dienen könnten. Besonders rund um Wohnhäuser und Siedlungen brauche es konsequente, finanziell geförderte Schutzmaßnahmen. 

Außerdem müssen ein Risikobewusstsein etabliert sowie Frühwarnsysteme und das Krisenmanagement verbessert werden. Aus Sicht der Forschung gibt es genug Wissen darüber, wie verheerende Schäden durch Brände vermieden werden können – warum es noch an der Umsetzung hapert, hat kürzlich eine österreichische Studie aufgearbeitet.

Frage: Welche Folgen haben Brände dieser Größenordnung?

Antwort: Die Brände haben erhebliche Auswirkungen: Sie stellen eine Lebensgefahr dar, zerstören Gebäude und haben bereits Hunderttausende in die Flucht getrieben. Darüber hinaus ist mit erheblichen Gesundheitsgefahren zu rechnen: Schätzungen gehen von weltweit weit über 100.000 zusätzlichen Todesfällen aufgrund der Rauchbelastung durch Waldbrände aus. 

Kaum berücksichtigt würden ökologische Folgen, nicht nur für die Artenvielfalt in den betroffenen Gebieten, sondern auch für den Wasserhaushalt und die Nähr- und Schadstoffkreisläufe, betont Elisabeth Dietze von der Universität Göttingen: "Durch Vegetationsverbrennung können gesundheitsgefährdende Stoffe entstehen, die unter anderem sowohl die Luft- als auch die Wasserqualität beeinflussen können. Dies ist besonders relevant für die Brandnachsorge und in Trinkwasserschutzgebieten. Auch die Abflussdynamik auf Waldbrandflächen verändert sich, was nach großen Bränden in Mittelgebirgen den Hochwasserschutz beeinflussen kann."

Frage: Wie geht es weiter?

Antwort: Die etwas niedrigeren Temperaturen und die höhere Luftfeuchtigkeit bei Bordeaux bieten den Einsatzkräften zwar eine kurze Verschnaufpause. Aber: "Eine vollständige Bekämpfung von Bränden dieser Größenordnung ist nicht möglich, ohne dass das Feuer deutlich nachlässt, und die Rückkehr sehr heißer Bedingungen in den kommenden Tagen macht eine weitere Ausbreitung dieser Brände wahrscheinlich", sagt Theodore Keeping. 

Mit August, dem wärmsten Monat, nähere sich die Hochsaison erst – und mit September und Oktober würden weitere traditionell trockene Monate folgen. (Karin Krichmayr, 28.7.2026)


Euronews hier  Von Rafael Salido   am 27/07/2026 

Waldbrandwelle in Spanien: Bis zu 3,275 Milliarden Euro nur für Löscharbeiten

In Spanien entspricht die 2026 verbrannte Waldfläche fast der Hälfte des Vorjahres. Die Löschkosten werden auf rund 1,7 bis 3,3 Milliarden Euro geschätzt; Tourismus und Landwirtschaft melden zusätzliche Verluste. Fachleute dringen auf mehr Prävention.

Noch sind Hunderte Feuerwehrleute in Madrid, Ávila und Toledo im Einsatz, um den schlimmsten registrierten Waldbrand der spanischen Geschichte zu bekämpfen. Wie hoch die Belastung für den Staatshaushalt in diesem Jahr am Ende ausfällt, lässt sich noch nicht genau beziffern.
Klar ist aber schon jetzt: Die Rechnung wird hoch.

Der Greenpeace-Bericht (Quelle auf Spanisch) „Grandes incendios forestales“, erstellt auf Grundlage von Daten der Asociación Nacional de Empresas Forestales (Asemfo), schätzt, dass die spanische Regierung im vergangenen Jahr zwischen 3.548 und 6.741 Millionen Euro für die Bekämpfung der Brände ausgegeben hat. Diese Feuer zerstörten nach Zahlen des Innenministeriums rund 354.793 Hektar Wald- und Buschfläche in insgesamt 8.189 registrierten Vorfällen im ganzen Land.

Wie hoch die Summe ausfällt, hängt davon ab, welche Richtwerte man zugrunde legt: Die Forstagentur von Navarra kalkuliert mit 10.000 Euro pro Hektar, Asemfo geht von etwa 19.000 Euro pro Hektar aus. Beide Ansätze erfassen allerdings nur die durchschnittlichen Kosten der Löscharbeiten. Die Restaurierung der verbrannten Flächen bleibt außen vor.

Nach dem jüngsten Zwischenbericht (Quelle auf Spanisch) des Ministeriums für den Ökologischen Wandel beträgt die seit Jahresbeginn in Spanien von Bränden betroffene Waldfläche bereits 172.396 Hektar. Das ist fast die Hälfte der Gesamtfläche, die im Jahr 2025 im Land abgebrannt ist. Die Kosten allein für die bisherigen Brände könnten sich damit auf 1.723 bis 3.275 Millionen Euro summieren.

Zur Einordnung: Das Europäische Parlament hat in diesem Monat eine Nothilfe für Spanien in Höhe von 120,55 Millionen Euro (Quelle auf Spanisch) bewilligt, um Schäden durch Dürren, Hitzewellen und Waldbrände auszugleichen.

Waldbrände: Bedeutung von Prävention

Nach Schätzungen von Asemfo auf Basis der Daten des Ministeriums für den Ökologischen Wandel fließt ein großer Teil der öffentlichen Mittel gegen Waldbrände in die akute Brandbekämpfung, deutlich weniger in vorbeugende Maßnahmen.

„Wahrscheinlich liegen wir wieder bei ähnlichen Summen wie in den Vorjahren, insgesamt bei etwa 1.200 bis 1.300 Millionen Euro. Rund 400 Millionen davon gehen in die Brandbekämpfung“, erläuterte gegenüber dem Sender „Ser“ Miguel Ángel Duralde, Präsident von Asemfo. Etwa 800 Millionen Euro blieben demnach für Präventionsmaßnahmen. Die Berechnung beruht auf den offiziellen Angaben der zuständigen Verwaltungen an das Ministerium für den Ökologischen Wandel, sie ist daher nur eine Annäherung.

Duralde beklagt, „die Verluste sind enorm“, und betont: „Waldbrände werden im Winter gelöscht.“ Er plädiert für deutlich höhere Investitionen in die Prävention. Nach seinen Berechnungen spart jeder in Vorsorge investierte Euro rund hundert Euro bei späteren Löscharbeiten.


„Die Landschaft wird sich massiv verändern,
die Qualität und Menge des Wassers,
die Biodiversität, die wir verlieren,
die Ressourcen an Holz, Pilzen oder Harzen,
der beschädigte Boden, der sich nur langsam regeneriert und dann ein Ökosystem wie das bisherige tragen kann ... 

das Verhältnis liegt bei eins zu hundert“, fasste er zusammen


Angesichts dessen hält der Experte jährliche Investitionen von rund 3.000 Millionen Euro für notwendig. Hintergrund ist, dass die Waldflächen in Spanien etwas mehr als die Hälfte der Staatsfläche ausmachen. Das Geld solle „nicht für den Kauf von Flugzeugen (...) , sondern für Waldmanagement“ eingesetzt werden. „So würden wir nach und nach spürbare Veränderungen feststellen, die sich auf die Entwicklung der Brände auswirken“, erklärte er.

Tourismus und Landwirtschaft am stärksten betroffen

Waldbrände verursachen nicht nur enorme ökologische Schäden, sie treffen auch die Wirtschaft. Eine Studie (Quelle auf Spanisch) aus dem Jahr 2023, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Journal of Environmental Economics and Management“, kommt zu dem Ergebnis, dass vom Großfeuer betroffene Regionen im Süden Europas ihr jährliches BIP-Wachstum um 0,11 bis 0,18 % reduzieren. In besonders schweren Jahren kann der kumulierte Rückgang 3,3 bis 4,8 % erreichen.

Die Studie identifiziert zudem einen direkten Effekt auf die Beschäftigung im Tourismus. Tätigkeiten rund um Transport, Beherbergung und Gastronomie verzeichnen ein um 0,09 bis 0,15 % geringeres jährliches Wachstum. Das entspricht einer geschätzten Einbuße von 5.700 bis 9.600 Arbeitsplätzen pro Saison im Süden Europas insgesamt.

Direkt betroffen ist auch der Agrarsektor, der von solchen Katastrophen unmittelbar getroffen wird. Innenminister Fernando Grande-Marlaska ordnete an diesem Montag an, alle Erntearbeiten mit schwerem Gerät in der Autonomen Gemeinschaft Madrid sowie in den Provinzen Ávila und Toledo auszusetzen, solange der Notstand wegen der Waldbrände anhält.

Zudem sind durch die Flammen Tausende Stück Vieh verendet oder von der Außenwelt abgeschnitten, ohne Zugang zu Wasser und Futter, vor allem im Zentrum der Iberischen Halbinsel. Die Region Madrid hat deshalb beschlossen, den Betrieben finanzielle Unterstützung zu gewähren, die vom Brand in der westlichen Sierra der Autonomen Gemeinschaft betroffen sind.

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