Der Klimawandel verändert schon heute unseren Alltag – in unseren Städten, in der Landwirtschaft, in Krankenhäusern und in der Wirtschaft.
Im Interview mit dem SPIEGEL macht Bundesumweltminister Carsten Schneider deutlich: Deutschland muss sich besser auf extreme Hitze und zunehmende Trockenheit vorbereiten.
Dafür brauchen wir mehr Bäume und Grünflächen, moderne und hitzefeste Gebäude, einen verantwortungsvollen Umgang mit Wasser und eine engere Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen.
Klimaanpassung ist keine Nebensache.
Sie entscheidet darüber, ob unsere Städte auch in Zukunft lebenswert bleiben, Unternehmen weiter produzieren können und besonders gefährdete Menschen geschützt werden.
Gleichzeitig bleibt klar: Anpassung allein reicht nicht.
Wir müssen den Klimaschutz konsequent vorantreiben und unser Ziel erreichen, den CO₂-Ausstoß bis 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 zu senken.
Spiegel hier 16.07.2026, DER SPIEGEL 30/2026
Umweltminister Carsten Schneider - Ein Interview von Sophie Garbe und Andreas Niesmann
»Wir werden ernsthafte Konflikte um Wasser haben – auch in Deutschland«
Die Zukunft wird heiß und trocken. Umweltminister Carsten Schneider sagt, wie sich Deutschland darauf vorbereiten sollte. Damit Orte auch in zehn Jahren noch lebenswert sind.
SPIEGEL: Herr Schneider, vor Kurzem wurden in Deutschland mehrere Tage hintereinander neue Hitzerekorde aufgestellt, der aktuelle liegt bei 41,8 Grad. Was kommt da noch auf uns zu?
Schneider: Wir spüren jetzt, dass Europa dem Klimawandel stark ausgesetzt ist. Unternehmen merken, dass ihre Angestellten bei Hitze weniger produktiv sind. Bauern fehlt das Wasser. In den Seen und Flüssen sterben die Fische, weil sie die hohen Temperaturen nicht vertragen. Die Szenarien und Warnungen der Wissenschaft decken sich immer mehr mit der Alltagserfahrung der Menschen.
SPIEGEL: Müssen wir uns darauf einstellen, dass der Sommer von der schönen zur gefährlichsten Jahreszeit wird?
Schneider: Der Sommer ist für mich immer noch am schönsten.
SPIEGEL: Noch.
Schneider: Wir werden Teile unseres Alltags anpassen müssen. In Südeuropa findet das Leben bei Hitze seit jeher in den kühleren Morgen- und Abendstunden statt. Früher haben wir uns in Deutschland über die Siesta lustig gemacht. Da waren wir wohl etwas vorschnell.
Carsten Schneider, Jahrgang 1976, ist seit 2025 Umweltminister. Zuvor war er Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland und von 2017 bis 2021 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Der Erfurter gehört dem Bundestag seit 1998 an.
SPIEGEL: Eine Siesta klingt nett, aber die Folgen der letzten Hitzewelle waren dramatisch. Straßen platzten auf, Bahnen konnten nicht fahren, und das RKI geht von mehr als 5000 Hitzetoten aus. Warum sind wir trotz aller Warnungen so schlecht auf den Klimawandel vorbereitet?
Schneider: Die Debatte über das Klima war in den vergangenen Jahren sehr polarisiert. Die Warnungen waren manchmal zu schrill und die Reaktionen dann trotzig. Das macht es schwer, Veränderungen anzustoßen. Aber ich gehe davon aus, dass sich das ändern wird. Denn inzwischen betrifft der Klimawandel den Alltag.
SPIEGEL: Wie können wir uns jetzt besser vorbereiten?
Schneider: Bauen und Stadtplanung sind auf jeden Fall große Themen, weil sich Städte am stärksten aufheizen. In meiner Heimatstadt Erfurt wurde der wichtigste Platz, der Anger, mit viel Fördergeld saniert – allerdings mit Granitplatten. Dort gibt es zu wenige Bäume und Brunnen. Im Sommer ist dieser Platz jetzt ein unwirtlicher Ort, die Hitze ist unerträglich. Wer heute Projekte plant, ohne veränderte Temperaturen mitzudenken, versenkt Millionen.
SPIEGEL: Für viele gehören auch Klimaanlagen zur Anpassung an die Hitze. Dabei waren die in Deutschland lange als Stromfresser verpönt.
Schneider: Jeder muss für sich entscheiden, ob eine Klimaanlage sinnvoll und wirtschaftlich ist. Wenn Sie dann noch im Sommer Solarstrom verwenden, sehe ich auch für die Umwelt kein Problem. In manchen Dachgeschosswohnungen wird es kaum eine Alternative geben, wenn sie im Sommer bewohnbar bleiben sollen. Mit Wärmepumpen gibt es übrigens inzwischen effiziente Methoden, sowohl zu heizen als auch zu kühlen.
SPIEGEL: Wie sieht es bei Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen aus?
Schneider: Wir fördern mit einem Programm zur Anpassung an den Klimawandel in sozialen Einrichtungen zum Beispiel Konzepte für begrünte Dächer, Verschattung oder Entsiegelung. Aber ob Krankenhäuser Klimaanlagen einbauen, müssen die Betreiber selbst entscheiden. Das darf ich als Bundesumweltminister wegen der Aufgabenteilung zwischen Bund und Ländern laut Grundgesetz gar nicht fördern.
SPIEGEL: Viele Krankenhausgesellschaften sind schon jetzt in finanzieller Not. Woher sollen die das Geld nehmen?
Schneider: Das medizinische Personal muss einschätzen, ob Patienten durch Hitze gefährdet sind. Falls ja, müssen Maßnahmen dagegen ergriffen werden. Für den Bau von Krankenhäusern sind die Länder zuständig. Die bekommen 100 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen für ihre Infrastruktur zur freien Verwendung, der Bund bezahlt sogar die Zinsen. Dazu kommen weitere 29 Milliarden Euro, die der Bund gezielt für die Krankenhausmodernisierung bereitstellt.
SPIEGEL: Von diesem Geld will Berlin zum Beispiel mehr für das Pflanzen von Bäumen ausgeben als für Krankenhäuser und Schulen.
Schneider: Das werde ich als Umweltminister nicht kritisieren. Unterschätzen Sie die Kühlwirkung von Bäumen nicht.
SPIEGEL: Patienten, die sich in einem über 30 Grad heißen Zimmer von einer Operation erholen sollen, hilft das trotzdem wenig.
Schneider: Klimatisierte Krankenhauszimmer und Straßenbäume sind kein Gegensatz. Es ist derzeit zu kompliziert, Mittel des Bundes für die Anpassung an den Klimawandel einzusetzen. Wenn der Bund mehr als ein paar Modellprojekte finanzieren soll, müssen wir die Klimaanpassung zu einer Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern machen. Im Koalitionsvertrag steht auch ein entsprechender Auftrag dazu. Ich bin bereit, das Grundgesetz dafür zu ändern, und arbeite an einem entsprechenden Vorschlag. Wenn Bundestag und Bundesrat mit Zweidrittelmehrheit zustimmen, kann der Bund sich an den Kosten beteiligen und strukturiert mit den Ländern zusammenarbeiten. Mit Klimaanlagen allein ist die Anpassung aber nicht getan.
SPIEGEL: Was braucht es noch?
Schneider: Das Thema Wasser wird unterschätzt. Deutschland war bisher ein wasserreiches Land, aber das ändert sich gerade. Das hat zum einen wirtschaftliche Folgen: Dass Infineon sich in Dresden angesiedelt hat, hat viel mit der Elbe zu tun. Die brauchen viel Wasser bei der Halbleiterproduktion. Zum anderen ist es eine Urangst aller Menschen, dass nicht genug Wasser da ist. Es geht hier um unsere Existenzgrundlage.
SPIEGEL: Müssen sich die Deutschen darauf einstellen, dass das Wasser knapp wird?
Schneider: Ja. Das Risiko ist aber je nach Region unterschiedlich hoch. In Brandenburg trocknet zum Beispiel der Seddiner See aus. Früher hatten die Leute dort Wassergrundstücke, jetzt gehört ihnen Sand. Deshalb befasse ich mich mit Fragen, wie wir den Grundwasserspiegel wieder anheben oder Moore im großen Stil wieder vernässen können. Auch wenn das im Kabinett nicht alle hören wollen.
SPIEGEL: Ihre Ministerkollegen nehmen Sie nicht ernst?
Schneider: Na ja, es ist Krieg, Nullwachstum und so weiter. Da gibt es teilweise andere Prioritäten.
Aber ich rede ja nicht zum Spaß über Moore,
sondern weil wir damit die Voraussetzungen schaffen,
dass Orte auch in 10 oder 20 Jahren noch lebenswert sind
und Unternehmen weiter produzieren können.
Künftig werden wir ernsthafte Konflikte um Wasser haben – auch in Deutschland.
SPIEGEL: In Frankreich gab es bereits großflächige Bewässerungsverbote, einige Orte mussten per Tankwagen mit Trinkwasser versorgt werden. Droht so etwas auch bei uns?
Schneider: Die Gefahr ist da, ja. Sie ist in Teilen real. Nehmen wir Berlin: Die Wasserversorgung dort hängt maßgeblich von der Spree ab. Die fließt jetzt schon an manchen Tagen rückwärts. Und wir wissen, dass da in Zukunft nicht mehr genug Wasser ankommt, weil das abgepumpte Wasser aus den Braunkohletagebauen in der Lausitz wegfällt.
SPIEGEL: Diese werden jetzt Stück für Stück stillgelegt…
Schneider: …und dann werden die vier Millionen Berlinerinnen und Berliner einen höheren Anteil an gereinigtem und aufbereitetem Wasser aus den Klärwerken zu trinken bekommen.
SPIEGEL: Das klingt wenig appetitlich.
Schneider: Es kommt auf die Reinigung an. Ich bin dafür, dass Klärwerke in Ballungs- und Risikogebieten mit einer vierten Reinigungsstufe ausgerüstet werden, um Industriechemikalien herauszufiltern. Zahlen sollten dafür die Verursacher aus der Chemie-, Arzneimittel- und Kosmetikindustrie. Das ist für mich eine harte Verteilungsfrage.
SPIEGEL: Der Streit geht also nicht ums Wasser, sondern ums Geld.
»CDU und CSU haben eine Verantwortung für das Weltklima, die größer ist, als sie wahrhaben wollen.«
Schneider: Es geht um beides. Es gibt Überlegungen, einen Teil des Elbwassers über eine gewaltige Leitung in die Spree zu pumpen. Der ein oder andere in der Hauptstadt wäre sicher dafür, aber fragen Sie mal in Sachsen, Hamburg oder Tschechien nach. Wenn sich die Trockenheit verschärft, droht da ein Großkonflikt.
SPIEGEL: Was ist die Lösung?
Schneider: Wir müssen Wasser ganz generell in den Flächen halten und die Versickerung fördern. Und natürlich müssen wir sparsam damit umgehen. Deshalb habe ich so einen Druck auf die Betreiber von Rechenzentren gemacht, dass sie effizient mit Strom und Kühlwasser umgehen. Das ist zwar etwas teurer, aber andernfalls werden solche Rechenzentren in Deutschland auf massive Gegenwehr stoßen.
SPIEGEL: Während der Hitzewelle traf sich die CDU in Berlin zu einem Werkstattgespräch zum Thema Klima. Unter den Teilnehmenden waren einige, die das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 infrage stellen. Macht Ihnen das Sorgen?
Schneider: Die Kurzfristigkeit des Denkens ist ein Problem. Ich weiß auch, dass Deutschland den Klimawandel nicht allein aufhalten kann. Aber Europa spielt im globalen Maßstab eine Rolle, und wie sich Europa aufstellt, hängt maßgeblich von uns als Bundesregierung der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt ab. Deshalb haben CDU und CSU eine Verantwortung für das Weltklima, die größer ist, als sie wahrhaben wollen.
SPIEGEL: Ist Ihre Klimapolitik nur wegen der Union so unambitioniert? Dem Klimaschutzprogramm, das Sie im März vorgelegt haben, hat der Expertenrat der Bundesregierung substanzielle Lücken attestiert.
Schneider: Schauen Sie auf das große Bild: Wir haben ein ambitioniertes Ziel, der CO₂-Ausstoß soll bis 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 sinken. Derzeit sind wir bei 48 Prozent Reduktion, und ich sage Ihnen, dass wir die 65 Prozent schaffen werden. Mit den zusätzlichen Milliarden aus dem Klimaschutzprogramm, zwölf Gigawatt zusätzlichem Windstrom und dem neuen Förderprogramm für Elektroautos, das stark nachgefragt wird. Das wird ein gewaltiger Sprung.
SPIEGEL: Die Koalition hat sich gerade erst darauf verständigt, Öl- und Gasheizungen auch nach 2045 zu erlauben, obwohl Deutschland dann klimaneutral sein soll. Das klingt nicht nach gewaltigen Sprüngen.
Schneider: Ich hätte die Abschaffung des Gebäudeenergiegesetzes nicht gebraucht. Aber die Union hat sich nun mal entschieden, gegen den angeblichen »Heizhammer« Wahlkampf zu machen, und sie hat die Wahl gewonnen. Ich glaube, wir haben einen guten Kompromiss gefunden. Der beinhaltet auch, dass nach 2045 kein fossiles Gas mehr geliefert wird.
SPIEGEL: Wollen Sie uns wie Wirtschaftsministerin Katherina Reiche weismachen, dass dadurch weniger CO₂ emittiert wird?
Schneider: Nein, das ist schon denklogisch nicht möglich. Ein vollständiges Verbot von Öl- und Gasheizungen würde selbstverständlich mehr CO₂ einsparen. Politik darf da keinen Unsinn verbreiten. Aber ich glaube trotzdem, dass mit dem Ende des Verbots eine Chance einhergeht.
SPIEGEL: Welche?
Schneider: Die Ideologie ist jetzt aus der Debatte verschwunden. Die Leute können frei über ihre Heizung entscheiden. Wer klug ist, wird die langfristig kostengünstige Variante wählen. Und das ist ganz sicher keine Gas- oder Ölheizung.
SPIEGEL: Gut die Hälfte der Deutschen wohnt zur Miete und kann die Entscheidung nicht selbst treffen. Stattdessen sollen Vermieter einen Teil der Zusatzkosten für klimafreundliche Brennstoffe bezahlen. Die Regeln dafür sind kompliziert, kaum jemand blickt durch. Hat die Koalition ein Bürokratiemonster erschaffen, um ein schlechtes Gesetz zu retten?
Schneider: Also erstens gibt es Überprüfungsklauseln in dem Gesetz. Falls wir unsere Ziele nicht erreichen, steuern wir nach. Und zweitens können die meisten Vermieter gut rechnen. Die werden schnell erkennen, dass sich eine Wärmepumpe in wenigen Jahren amortisiert, denn sie tragen durch das neue Gesetz die steigenden Kosten für Biogas und den CO₂-Preis zur Hälfte selbst.
SPIEGEL: Wird der denn steigen? Zuletzt hat die EU die Preiserhöhung für CO₂ geschwächt, und infolge der Irankrise hat die Bundesregierung erst mal einen Tankrabatt beschlossen.
Schneider: Der CO₂-Preis wird seinen Job machen. Verlassen Sie sich darauf. Und der Tankrabatt ist trotz beginnender Ferien ausgelaufen.
SPIEGEL: Hätte man ihn nicht besser ganz gelassen?
Schneider: Der Tankrabatt sollte ein Zeichen setzen, dass die Regierung die Nöte der Menschen sieht. Ich finde, das hat funktioniert.
SPIEGEL: Ein Umweltminister, der den Tankrabatt lobt und das Ende des Heizungsgesetzes für eine Chance hält – kommt das dabei raus, wenn man einen Finanzpolitiker mit dem Thema betraut?
Schneider: Ich will die Menschen nicht belehren oder zwingen, weil das zu Reaktanz führt. Stattdessen werbe ich für moderne Technologien und Anreize, die das Klima schützen und sich finanziell lohnen. Ich glaube, damit werden wir weit kommen für die Umwelt.
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