Dienstag, 14. Juli 2026

Wenn 𝐦𝐚𝐧 𝐣𝐞𝐭𝐳𝐭 𝐳𝐮𝐠𝐢𝐛𝐭, wie gefährlich Hitze ist, müsste man auch sagen: Wir haben versagt

 Martin Jendrischik / LinkedIn


𝐒𝐢𝐞 𝐰𝐞𝐫𝐟𝐞𝐧 𝐝𝐞𝐫 𝐏𝐨𝐥𝐢𝐭𝐢𝐤 𝐚𝐥𝐬𝐨 𝐯𝐨𝐫, 𝐝𝐢𝐞 𝐆𝐞𝐟𝐚𝐡𝐫 𝐯𝐨𝐧 𝐇𝐢𝐭𝐳𝐞 𝐛𝐞𝐰𝐮𝐬𝐬𝐭 𝐤𝐥𝐞𝐢𝐧𝐳𝐮𝐫𝐞𝐝𝐞𝐧?

"Ja. Wenn 𝐦𝐚𝐧 𝐣𝐞𝐭𝐳𝐭 𝐳𝐮𝐠𝐢𝐛𝐭, wie gefährlich Hitze ist, müsste man auch sagen: Wir haben versagt. Wir müssen unsere Schuld eingestehen. Und dann müsste man irgendwann zum Beispiel auch Frau Reiche fragen, ob sie mit diesem 𝐟𝐨𝐬𝐬𝐢𝐥𝐞𝐧 𝐒𝐜𝐡𝐰𝐚𝐜𝐡𝐬𝐢𝐧𝐧 aufhören und 𝐠𝐞𝐧𝐚𝐮 𝐝𝐚𝐬 𝐆𝐞𝐠𝐞𝐧𝐭𝐞𝐢𝐥 machen kann."

Interview des Jahres mit dem 𝐒𝐢𝐜𝐡𝐞𝐫𝐡𝐞𝐢𝐭𝐬𝐞𝐱𝐩𝐞𝐫𝐭𝐞𝐧 𝐌𝐚𝐧𝐮𝐞𝐥 𝐀𝐭𝐮𝐠, Gründer und Sprecher der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG Kritis). 

t-Online: hier  Ein Interview von Ellen Ivits, am 13.07.2026

Deutschlands Infrastruktur schmilzt

"Reiche hat ihre Ziele mit Auszeichnung erreicht"

Hitze bringt Deutschlands Infrastruktur buchstäblich zum Schmelzen. Das sommerliche Extremwetter verursacht enorme wirtschaftliche Schäden und kostet Menschenleben – und zwar jedes Mal aufs Neue. Ein Experte erklärt, warum die Politik dennoch tatenlos bleibt.

Deutschland schwitzt – und mit den Temperaturen wächst der Druck auf die kritische Infrastruktur. Die Juni-Hitzewelle erreichte historische Ausmaße. Mehrere Hitzerekorde fielen. Autobahnen brachen auf, Schienen verformten sich, Transformatoren fingen Feuer.

Für den Sicherheitsexperten Manuel Atug sind solche Probleme keine überraschenden Ausnahmefälle. Die Risiken seien seit Langem bekannt. Im Interview mit t-online wirft der Gründer und Sprecher der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG Kritis) der Politik vor, die Gefahren durch Hitze bewusst kleinzureden. 


Atug warnt vor erheblichen wirtschaftlichen Schäden,
Ausfällen bei der Strom- und Wasserversorgung
sowie einer wachsenden Gefahr für Menschenleben.


t-online: Herr Atug, Deutschland erlebt erneut eine Hitzewelle. Ist das Land auf die stetig steigenden Temperaturen im Zuge der Klimakrise vorbereitet?

Manuel Atug: Ja und nein. Es gibt Bereiche, die durchaus gut vorbereitet sind. Bei der Deutschen Bahn sind zum Beispiel die Schienen für ICEs auf hohe Temperaturen ausgelegt. Gleichzeitig sieht man aber an anderen Stellen erhebliche Defizite. Straßenbahnschienen verformen sich teilweise, weil verwendete Materialien wie Bitumen bei Hitze weich werden und austreten. Das eigentliche Problem ist: Man repariert vielerorts immer wieder billig und kurzfristig, statt dauerhaft zukunftsfähige und nachhaltige Lösungen umzusetzen.

Auch die Bahn kämpft mit der Hitze – trotz der hitzebeständigen Schienen. Zuletzt wurden die Fahrgäste gar aufgerufen, auf Bahnreisen zu verzichten.

Gerade ältere Züge haben Klimaanlagen, die bei voller Auslastung und großer Hitze kapitulieren. Man müsste diese Systeme austauschen, aber das wäre teuer und würde neue Zulassungen erfordern. Also wird das Problem weitergeschoben. Das Muster ist überall dasselbe: Die Risiken sind bekannt – aber es werden Kostengründe vorgeschoben, um sie nicht anzugehen.

Warum passiert aus Ihrer Sicht so wenig?

Weil Hitzewellen politisch nichts taugen – ganz im Gegensatz etwa zu Hochwasser. Nach einer Flut fahren Politiker und Politikerinnen ins Katastrophengebiet und lassen sich fleißig in Gummistiefeln ablichten. Eine Hitzewelle bietet keine solchen Gelegenheiten. Im Gegenteil: Sie wird lieber verharmlost und verniedlicht. Markus Söder stellt sich dann hin und sagt, er gehe jetzt schwimmen, es sei ja schönes Wetter. Dabei verursachen Hitzetage enorme wirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe und kosten Menschenleben – und zwar jedes Mal aufs Neue.

Sie werfen der Politik also vor, die Gefahr von Hitze bewusst kleinzureden?

Ja. 


Wenn man jetzt zugibt, wie gefährlich Hitze ist,
müsste man auch sagen: Wir haben versagt.
Wir müssen unsere Schuld eingestehen. 

Und dann müsste man irgendwann
zum Beispiel auch Frau Reiche fragen,
ob sie mit diesem fossilen Schwachsinn aufhören und
genau das Gegenteil machen kann.


Manuel Atug: Manuel Atug ist Sicherheitsexperte, Gründer und Sprecher der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG Kritis). Er ist regelmäßig für die Bundesregierung und die Bundesländer als Sachverständiger in Fragen der Cybersicherheit und des Katastrophenschutzes tätig.

Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass ein einziger Hitzetag die deutsche Wirtschaft 431 Millionen Euro kostet – vor allem durch sinkende Produktivität. Schäden an Autobahnen, Schienen und anderer Infrastruktur sind dabei nicht einberechnet. Sind rechtzeitige Investitionen am Ende nicht günstiger?

Rein logisch würde ich sofort zustimmen. Die zentrale Frage lautet aber: Welche Ziele verfolgen diejenigen, die politische Entscheidungen treffen? Wollen sie wirklich eine nachhaltige Autobahn bauen oder nachhaltig Bahnschienen legen lassen? Mein Eindruck ist, dass notwendige Investitionen häufig hinter kurzfristigen politischen oder wirtschaftlichen Interessen zurückstehen. Statt konsequent in resiliente kritische Infrastruktur zu investieren, werden andere Prioritäten gesetzt.

Meinen Sie jemanden Konkretes?

Ich nenne wieder den Namen von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Aus meiner Sicht verfolgt sie klar und deutlich eine Politik zugunsten fossiler Energiekonzerne.
Ihr geht es darum, einzelne Akteure zu fördern und zu unterstützen, damit diese ihre Profitziele erreichen. Und in dieser Hinsicht hat Frau Reiche ihre Ziele mit Auszeichnung erreicht.
Das Problem ist nur, dass diese nicht ihrem eigentlichen Auftrag entsprechen – nämlich im Sinne der Bevölkerung zu handeln, die Infrastruktur nachhaltig zu stärken und Deutschland zukunftsfähig auszurichten.

Also müsste man sich zwar aus wirtschaftlicher Vernunft Investitionen in Infrastruktur leisten, will es aber nicht?

Die derzeitige Politik will offensichtlich einige wenige Konzerne und einige reiche und mächtige Menschen schützen. Das ist aber viel zu kurz gedacht. Einige wenige ziehen kurzfristig hohe Profite. Die Gesamtkosten aber trägt die Gesellschaft. Es fehlt seit Jahren an nachhaltigen Strategien. Viele Politiker und Politikerinnen – als Entscheider/Entscheiderinnen und Wegweiser/Wegweiserinnen – denken nur noch in Vier-Jahres-Zyklen: In drei Jahren muss ich mich mit populistischem Erfolg beweihräuchern, im vierten Jahr mache ich damit dann Wahlwerbung. Das ist keine Politik, die den Staat zukunftsfähig oder resilient macht.

Auch die Stromversorgung gehört zur kritischen Infrastruktur – und scheint nicht zukunftsfähig zu sein. Während der letzten Hitzewelle fielen zahlreiche Trafostationen aus. Wie verwundbar sind wir hier?

Sehr verwundbar. In Deutschland gibt es mehrere Hunderttausend Trafostationen. Transformatoren wandeln Spannungsebenen um – von Höchstspannung auf Hochspannung, von Hochspannung auf Mittelspannung und schließlich auf die normale Versorgung in Haushalten. Diese Transformatoren stehen überall im Land. In den vergangenen Tagen sind einige hitzebedingt zu heiß geworden, haben Feuer gefangen und Brandschäden erlitten oder mussten abgeschaltet werden.

Warum sind diese Anlagen so anfällig?

Viele Komponenten kritischer Infrastrukturen werden eingebaut und dann über Jahrzehnte betrieben. Manche Transformatoren sind wirklich sehr alt. Sie wurden zu einer Zeit geplant, als andere Temperaturannahmen galten.

Kann man die Anlagen einfach austauschen?

Man kann nicht alle älteren Trafosysteme komplett austauschen. Erstens gibt es gar nicht so viele auf dem Markt. Bei großen Höchstspannungstrafos warten Sie vier bis sechs Jahre auf die Lieferung. Zweitens sind diese Anlagen sehr teuer und müssen regelmäßig und gut gewartet werden. Aber man muss im Rahmen des Risikomanagements für eine bessere Resilienz überlegen: Welche Teile sind besonders gefährdet? Welche könnten ausfallen? Wo hilft zum Beispiel Verschattung?

Sehen Sie auch Defizite beim Bevölkerungsschutz?

In vielen südeuropäischen Ländern wissen die Menschen selbstverständlich, wo sie im Notfall Wasser bekommen. Sie haben Kanister zu Hause und sind vorbereitet. In Deutschland wissen die meisten Menschen nicht einmal, wo sich Notwasserbrunnen befinden. Wenn man wissen will, wo diese sind, heißt es leider vom Bundesinnenministerium: Das ist geheim. Angeblich, damit Terroristen nicht wissen, wo sie sind. Das ist natürlich Schwachsinn. Denn wenn man bei den Kommunen nachfragt, bekommt man die Listen ausgehändigt.

Warum werden die Standorte dann nicht einfach veröffentlicht?

Aus meiner Sicht ist Geheimhaltung hier wieder mal nur ein Vorwand. Viele Notwasserbrunnen funktionieren schlicht nicht mehr. Sie sind ausgetrocknet, verrostet, kaputt oder enthalten kein Trinkwasser. Das will man lieber nicht an die große Glocke hängen und damit lieber intransparent agieren, statt demokratisch und offen. Stattdessen beruft man sich daher auf eine potenzielle Terrorgefahr. Alles soll geheim gehalten werden, damit Saboteure keine Chance haben. Halten wir demnächst auch Flughäfen geheim, damit Drohnen nicht darüber fliegen? Mich wundert, dass Innenminister Dobrindt die Sonne noch nicht für einen Terroristen erklärt hat.

Kritis-Dachgesetz

Kritische Infrastrukturen (Kritis) sind Organisationen, Anlagen und Einrichtungen, die für das staatliche Gemeinwesen, die öffentliche Sicherheit und das wirtschaftliche Leben unerlässlich sind, da ihr Ausfall schwerwiegende Folgen, etwa Versorgungsengpässe, hätte. Dazu gehören Bereiche wie Energie, Wasser, Gesundheit, Transport, Informationstechnik, Ernährung, Staat und Verwaltung sowie Medien.

Das Kritis-Dachgesetz sieht die Stärkung der Resilienz vor, indem Betreiber wichtiger Sektoren zu umfassenden Schutzmaßnahmen verpflichtet werden, darunter Risikomanagement, Meldepflichten und physische Sicherung, um Ausfälle zu verhindern und die Versorgung zu gewährleisten.

Was müsste jetzt sofort passieren?

Wir müssen zum Beispiel Pflegeheime, Krankenhäuser, Kitas und Schulen dringend hitzeresilient machen. In dieser Reihenfolge. Und kritische Infrastrukturen müssen das Kritis-Dachgesetz ernst nehmen – nicht nur mit Blick auf Sabotage, sondern auch auf Naturereignisse und Unfälle. Sabotage ist ein Hype-Thema, weil man da mit dem Finger auf jemanden zeigen kann. Die Gefahr von Naturereignissen ist jedoch viel größer und kostet regelmäßig viele Hunderte Menschenleben, wie vor fünf Jahren im Ahrtal bei der Sturzflut.

Wegschauen ist keine Option. Es geht um die Frage, ob dieser Staat fortbestehen kann. Wenn wir weiter vorgeben, als sei Hitze nur schönes Wetter, werden die Schäden größer – wirtschaftlich, infrastrukturell und menschlich.

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