Freitag, 17. Juli 2026

Klimaschutz kann die Wirtschaft schwächen, heißt es. Dabei ist in vielen Branchen das Gegenteil der Fall

Süddeutsche Zeitung hier  Kommentar von Thomas Hummel 29. Juni 2026,

41,7 Grad Celsius: War das jetzt heiß genug?

Diese Hitzewelle war brutal. Doch in ihr kann auch ein Momentum liegen.
Zeit, die Klimapolitik aus der Angstdebatte herauszuholen. Deutschland hat einiges zu bieten, um das Problem zu lösen.

In der Klimaszene gibt es seit Jahren den Gedanken, es müsse erst alles ganz schlimm werden, ehe die Menschen wirklich etwas tun. Die Erderhitzung müsse spürbar und erlebbar sein, damit die Motivation steige, sie zu stoppen, weil sonst katastrophale Zustände drohten. Nach dieser Rekordhitzewoche stellt sich also die Frage: War das schlimm genug?

Die Menschen ließen tagsüber die Rollos runter, zogen die Fensterläden zu, trauten sich kaum aus dem Haus und wenn, dann sammelten sie sich im Baumschatten oder am Wasser. Den Großeltern wurden hektisch Ventilatoren oder Luftkühler ins Wohnzimmer gestellt, Einkäufe vor zehn Uhr morgens erledigt, Sportveranstaltungen der Kinder abgesagt. Denn die Sonne brannte und drückte, in und zwischen den Gebäuden stand die heiße Luft.

Eine solch tagelange Hitze hat das Land noch nicht erlebt. Als „historisch“ bezeichnen sie Meteorologen. Den Rekord stellte Coschen, Ortsteil von Neißemünde an der polnischen Grenze in Brandenburg, auf mit 41,7 Grad Celsius im Schatten. Woanders war es nicht viel kühler. Für Körper und Geist sind hier medizinische Grenzbereiche erreicht, gerade für Ältere, Kranke, Schwangere, Kleinkinder. Und wenn sich nicht quasi alle Klimatologen täuschen, war das nur ein Zwischenstopp. Es wird noch heißer werden. Und noch heißer. Das ist die Logik des Klimawandels.

Was schon zu sehen ist: Alle reden jetzt darüber, wie man die Menschen besser schützt

Die Bemühungen dagegen sind allerdings in den Hintergrund gerückt. Politisch und gesellschaftlich. In dieser Hitzewelle, so brutal sie ist, kann deshalb ein Momentum liegen. Sie kann Anlass sein, das Denken, Sprechen und Handeln neu zu hinterfragen. Das Thema, wie man die Menschen besser schützen kann, drängt sich schon nach vorn. Wie im Alltag umgehen mit diesem Klimawandel? Doch mehr wäre möglich. Zum Beispiel, endlich die polarisierte Klimadebatte hinter sich zu lassen und sich pragmatisch der Sache zuzuwenden.

Warum das bislang so selten passiert? Angst – auf allen Seiten.

Forschende aus Psychologie und Soziologie erklären seit Langem, dass der Klimawandel und seine möglicherweise drastischen Folgen zu Angst führen. Mindestens zu Unbehagen. 

Ein Teil der Menschen fordert deshalb einen schnellen Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle sowie die Wende hin zu pflanzlicher Ernährung. Koste es, was es wolle. 

Andere flüchten sich in Leugnung und Verharmlosung, lassen sich allzu gerne verführen, die ganze Angelegenheit als Verschwörung „grüner Eliten“ zu sehen. Oder die Schuld ganz woanders zu suchen.

Die AfD war sich etwa nicht zu blöd, die Bundesregierung offiziell zu fragen, ob ihr Erkenntnisse „insbesondere zu Energieverbrauch und CO₂-Emissionen vorliegen“, die die Migration auslöse. Schließlich würden die Menschen in ärmeren Ländern im Schnitt viel umwelt- und klimaschonender leben als hierzulande. Trägt es demnach nicht zum Klimaschutz bei, sie dort zu lassen?

Klimaschutz kann die Wirtschaft schwächen, heißt es. Dabei ist in vielen Branchen das Gegenteil der Fall

Zwischen diesen Extremen wankt eine Gesellschaft, der zuletzt EU-Kommission, Bundesregierung, bayerische Staatsregierung sowie auch einige Arbeitgeber und Gewerkschaften eine Art Totschlagargument lieferten: Nachhaltigkeit und Klimaschutz seien ja gut, dürften aber nicht die Wirtschaft schwächen. Dann sei Deutschland der Dumme, der die Welt retten wolle, aber dabei verarme.

Für Sparten wie Stahl, Zement, Chemie oder Ölraffinerien ist das teils stichhaltig. Doch in anderen Bereichen ist das Gegenteil der Fall. VW und Mercedes sind auch deshalb in Bedrängnis, weil sie den Übergang zur Elektromobilität viel zu zögerlich angegangen haben. In der Batterietechnologie waren Deutschland und Europa einmal Weltmarktführer, heute sind sie hinter chinesische Anbieter zurückgefallen. Stromnetze, Windräder oder Stromspeicher werden weltweit zunehmend benötigt, doch ausgerechnet hier will Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) auf die Bremse treten.

Green Tech ist ein Hoffnungsträger

Bei Wassertechnologien sind deutsche Firmen Weltspitze, in der Kreislaufwirtschaft warten allein in München Dutzende Start-ups auf Investorengeld und den Durchbruch auf den Märkten. Auch beim Wasserstoff ist Europa noch mit im Spiel. Nur müssen EU und Bundesregierung jetzt verhindern, dass diese Ideen und Technologien am Ende wieder nach China oder in die USA abwandern. Der sogenannte Green-Tech-Bereich ist zwar kein Allheilmittel, aber einer der Hoffnungsträger für die deutsche und europäische Wirtschaft.

Dazu kommen die wirtschaftlichen Kosten hoher Temperaturen. Die Produktivität sinkt. Gerade für Konservative und Wirtschaftsliberale sollte das ein Argument sein dafür, dass man die Sache nicht einfach laufen lässt. Denn diese Rechnung geht nicht auf. Das Land hat die Kraft und das Know-how, dieser Krise aktiv zu begegnen, statt weiter in kollektive Depression zu versinken. Und wenn Parteien wie Bevölkerung sich doch lieber abwenden, weiter auf Verbrennermotoren, Ölheizungen und russische Gaslieferungen setzen? Dann war es wohl noch nicht heiß genug.

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