Sonntag, 3. Mai 2026

Fehlgeleitete Technologieoffenheit steigert das Preisrisiko - und das trägt im Wesentlichen der Verbraucher

Futurezone  hier  von Philipp Rall  1.05.2026

Neues Heizungsgesetz: Selbst CDU-Rathäuser warnen vor dem Plan der Merz-Regierung

Die geplante Reform der Vorgaben für neue Heizanlagen stößt in kommunalen Verwaltungen auf Skepsis. Vor allem die langfristigen Kosten und die praktische Umsetzbarkeit rufen Bedenken hervor.

Die Bundesregierung plant weitreichende Änderungen im Gebäudesektor und ein neues Heizungsgesetz. Anstelle der bisherigen Vorgaben für erneuerbare Energien sollen in Zukunft eine überarbeitete Biotreppe und eine Grüngasquote treten. Dieser Ansatz birgt jedoch nach Einschätzung vieler Kommunen finanzielle Risiken für Hausbesitzer*innen, da Investitionsentscheidungen stark von schwankenden Energiepreisen abhängig werden.

Das Heizungsgesetz und die kommunale Wärmeplanung

Viele Städte haben ihre kommunale Wärmeplanung bereits abgeschlossen und befürchten nun Konflikte mit dem geplanten Heizungsgesetz. Das CDU-regierte Essen setzt in dicht besiedelten Gebieten laut einer offiziellen Mitteilung auf den Ausbau von Wärmenetzen und in Randlagen auf dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen. Von einem flächendeckenden Einsatz von Gas rät die Kommune ab.

Im Essener Rathaus sieht man die Reformpläne laut einer Umfrage der Zeitung für kommunale Wirtschaft (ZFK) kritisch. Die Stadt teilte dem Fachblatt mit, die 65-Prozent-Erneuerbaren-Regel habe sich „grundsätzlich als Instrument zur Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien im Wärmesektor bewährt“. Eine Abkehr von diesem Weg betrachten die Verantwortlichen mit Sorge. So fügte die Essener Verwaltung hinzu, „die Einführung von Grüngas- und Grünheizölquoten ist mit Risiken verbunden, da die Verfügbarkeit grüner Gase begrenzt und deren Preisentwicklung schwer kalkulierbar ist“.

Ein Fernwärmenetz rechnet sich nur bei ausreichend vielen Abnehmer*innen. Auch in Bayern sieht man die Gefahr, dass eine fehlgeleitete Technologieoffenheit notwendige Investitionen hemmt. 

Das Nürnberger Rathaus erklärte der ZFK: „Grüngas ist knapp und deutlich teurer, was Hausbesitzer möglicherweise dazu verleiten wird, den Umstieg auf klimafreundliche Technologien zu verzögern.“ Eine verlässliche Orientierung für die Bürger*innen gehe dadurch verloren. Hansjörg Roll, Technikvorstand des Mannheimer Versorgers MVV Energie, bezeichnete ein mögliches Aus der 65-Prozent-Regel dem Bericht zufolge sogar als „Katastrophe“.

Begrenzte Verfügbarkeit von Grüngas

Die Machbarkeit der angedachten Neuregelungen im Heizungsgesetz hängt stark von der Verfügbarkeit klimaneutraler Gase ab. Ein Fachbericht des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2025 zeigt die aktuellen Dimensionen auf. Die deutsche Biomethan-Einspeisung betrug im Jahr 2023 lediglich rund 10,7 Terawattstunden. Der jährliche Erdgasbedarf der privaten Haushalte liegt dagegen bei etwa 254 Terawattstunden. Grüngas bleibt somit ein knappes Gut und wird den Bedarf voraussichtlich nicht ansatzweise decken können.

Wasserstoffheizungen für Privathaushalte stellen ebenfalls keine flächendeckende Alternative dar. Untersuchungen des Kopernikus-Projekts Ariadne belegen, dass diese Technologie im Gebäudesektor zu ineffizient und im Vergleich zur Wärmepumpe oft doppelt so teuer ist.

Verbraucher*innen tragen das finanzielle Risiko

Das SPD-geführte Bochum hält an seinen ursprünglichen Wärmeplanungen fest und rechnet durch das geplante Heizungsgesetz mit negativen Folgen für die Endkund*innen. Die Stadt betonte gegenüber der ZFK: „Das Preisrisiko – neben dem Anteil grüner Gase auch durch die CO2-Bepreisung sowie die Marktvolatilität, zum Beispiel aufgrund geopolitischer Krisen verursacht, – trägt im Wesentlichen der Verbraucher.“

Wer sich bei der anstehenden Modernisierung langfristig an eine Gasheizung bindet, muss zudem das sogenannte Last-Customer-Problem einkalkulieren. Wenn künftig immer mehr Haushalte auf Wärmepumpen oder Fernwärme umsteigen, verteilen sich die Fixkosten für den Erhalt des Gasnetzes auf immer weniger Anschlüsse. Die Denkfabrik Agora Energiewende schlussfolgerte in einer Analyse, dass die Netzentgelte für die verbleibenden Verbraucher*innen dadurch massiv ansteigen könnten. Das neue Heizungsgesetz erfordert daher von Eigentümer*innen eine besonders sorgfältige Abwägung der zukünftigen und oft versteckten Betriebskosten.


hier   FAZ Artikel von Lukas Fuhr 28.4.26

Umfrage zur Energiewende: „Unser Schwimmbad war warm“

Tobias Averbeck klingt am Telefon ziemlich leidenschaftlich, wenn er fordert, man müsse emotionslos sein. Er redet von der Energiewende, die manche in Berlin gerade abwenden wollen. Aber das fände Averbeck nicht gut. 

Er ist Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Bakum im Landkreis Vechta. Und er findet, dass manche gerade mitten in einer Energiekrise die Chance vertun, unabhängiger zu werden von Öl und Gas, das mit Tankern über Pipelines herangeschafft werden muss. In Bakum hat er da begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Und er fürchtet, diese könnten aus Berlin weiter eingeschränkt werden, wo die Bundesregierung nicht mehr geschlossen zur Energiewende zu stehen scheint.

Wie Averbeck geht es einigen Bürgermeistern im Land. Gut 600 von ihnen haben der Verein Heimatwurzeln, der sich für „bürgerlichen Klimaschutz“ einsetzt, und die Initiative Klimaneutrales Deutschland befragt. 65 Prozent der Bürgermeister stimmten voll und ganz oder zumindest eher zu, dass in Sachen Energiewende die „Kommunikation der aktuellen Bundesregierung der Akzeptanz vor Ort schadet“. An diesem Mittwoch soll die Studie vorgestellt werden, der F.A.Z. lag sie vorab vor. Demnach betonen vier von fünf Bürgermeistern auch, dass es bei ihnen an Ort und Stelle eine hohe Akzeptanz für die Energiewende gibt. Knapp 40 Prozent sehen in ihrer Kommunen aber auch erhebliches Protestpotential bei diesem Thema.

Da stimmt auch Bürgermeister Averbeck zu. Mittlerweile gebe es bei den knapp 7000 Einwohnern seiner Gemeinde viele Unterstützer für erneuerbare Energie, aber dafür sei einige Überzeugungsarbeit notwendig gewesen.

„Geholfen hat zum Beispiel, dass unser Schwimmbad auch in der letzten Energiekrise nach dem Angriff auf die Ukraine warm war.“ Ein Fernwärmenetz gebe es in Bakum schon lange, mittlerweile auch Schnellladesäulen für E-Autos, die selbst dann nicht teurer würden, wenn die Energiepreise steigen. „So können wir den Leuten etwas zurückgeben“, sagt der Bürgermeister und schwärmt von den eigenen Solar- und Windkraftanlagen, die reichlich Strom brächten, der im eigenen Batteriespeicher aufbewahrt werden könne.

Sorge vor einer Wende weg von der Energiewende

Mit Parteipolitik habe das alles übrigens nichts zu tun, sagt Averbeck, ein Christdemokrat, dessen 1. Stellvertreter von der CDU ist, genau wie die zweite stellvertretende Bürgermeisterin, der dritte Stellvertreter und überhaupt 75 Prozent der Mitglieder des Gemeinderats. „Wir haben mit den Erneuerbaren hier einfach Chancen, die wir nutzen“, sagt Averbeck.

Der Umfrage zufolge sehen das viele seiner Bürgermeisterkollegen ähnlich. Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden gibt es demnach mittlerweile in 80 Prozent der Gemeinden, Ladesäulen in 73 Prozent. Gefragt wurde auch nach Projekten, die noch nicht realisiert sind, aber an denen aus Sicht der Bürgermeister Interesse besteht: Neben Maßnahmen zur Anpassung an die bereits spürbaren Folgen der Erderwärmung wurden dabei vor allem Energiespeicher genannt. Interesse gibt es vielerorts auch an Großwärmepumpen, Geo- und Solarthermie.

Investitionen in solchen Bereichen sind für viele Kommunen eine Herausforderung. Umso mehr dringen sie auf stabile Bedingungen – und fürchten eine Wende weg von der Energiewende durch die Bundesregierung. Christian Porsch, Erster Bürgermeister von Speichersdorf im Landkreis Bayreuth, fürchtet, das ein Hin und Her seine Kommune Geld kosten könnte. „Für einen strukturschwachen Raum wie unseren ist die Energiewende eine Chance“, seine Gemeinde nehme an Gewerbesteuern mittlerweile fast zwei Millionen Euro im Jahr durch Windkraftanlagen ein. Das sei mehr als doppelt so viel wie noch vor sechs Jahren, und noch mehr wäre möglich, sagt der parteilose Bürgermeister. „Da fordere ich schon Rückhalt von der großen Politik.“

Die Befragung der Bürgermeister zeigt, dass sie einen solchen Rückhalt vor allem in Bereichen vermissen, in denen sie auf Entscheidungen von höherer Ebene angewiesen sind. Dass im Verteilnetz Kapazitäten fehlen, nennt fast jeder zweite befragte Bürgermeister ein Problem. Zudem berichten viele von Engpässen bei Umspannwerken. Nur drei Prozent der Befragten gaben an, dass Netzanschlüsse kein Problem seien. „Wenn der Netzausbau nicht Schritt hält, geraten millionenschwere Vorhaben ins Wanken, und das bremst Investitionen für unseren Standort“, sagt Bürgermeister Averbeck. Von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, seiner Parteifreundin, fordert er daher: „Tempo und Verlässlichkeit“.

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