Focus hier Tim Meyer , 14.05.2026,
Die drei teuren Netz-Fehler – und wie wir Milliarden sparen
Warum die Reform des Stromnetzbetriebs ins Zentrum der Energiewende gehört und die Politik endlich ihre Verantwortung dafür annehmen muss.
Während eine weitere Energiekrise Europa in Atem hält, werden in Deutschland vermeintlich explodierende Kosten der Stromnetze problematisiert. Doch eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung 3EPunkt zeigt: Die viel beschworene Kostenexplosion im Stromnetz gibt es nicht. Gleichzeitig werden große Einsparpotenziale ignoriert.
Dr. Tim Meyer ist promovierter Elektrotechniker und Energieexperte, der sich auf Energiemärkte, strategische Geschäftsentwicklung und die Dynamiken der Energiewende spezialisiert hat. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Die Verteilnetze machen mit über zwei Millionen Kilometern Kabel und hunderttausenden Transformatoren den größten Teil der Stromnetze aus. Sie verursachen gut 60 Prozent der Netzkosten. Organisiert werden sie von mehr als 850 Netzbetreibern unterschiedlicher Größe. Doch das ist heute ineffizient organisiert, teuer und so nicht zukunftsfähig. Fünf Milliarden Euro pro Jahr ließen sich bereits heute sparen – bis 2045 wären es über zwölf Milliarden Euro jedes Jahr, wenn die Politik notwendige Reformen endlich anpackt.
Warum das heutige System ineffizient ist: Drei zentrale Probleme
1. Digitalisierung wird nicht belohnt
Die Netzentgelte, also die Preise für die Nutzung des Stromnetzes, werden anhand regulierter Kalkulationsvorgaben ermittelt. Diese belohnen vor allem Investitionen in zusätzliche Netzkapazität – nicht jedoch in Digitalisierung oder Flexibilisierung.
Smart Meter, dynamische Preissignale oder Batteriespeicher könnten die Auslastung der Netze deutlich erhöhen und damit Kosten senken, doch Netzbetreiber haben dafür kaum Anreize.
Gemäß Monitoringbericht der Bundesregierung ließe sich durch Digitalisierung und Flexibilisierung der Investitionsbedarf in die Verteilnetze um 30 Prozent senken – das entspricht bis 2045 rund sieben Milliarden Euro weniger Netzkosten pro Jahr.
2. 850 Netzgebiete – ein teurer Flickenteppich
Die Organisation des Netzbetriebs ist zersplittert: Mehr als 850 Netzgebiete mit unterschiedlichen technischen Standards, Geschäftsprozessen und Softwaresystemen führen zu Redundanzen und Ineffizienz. Allein durch Standardisierung – etwa beim Einkauf von Transformatoren oder der Nutzung weniger Softwaresysteme – ließen sich weitere drei Milliarden Euro pro Jahr sparen.
3. Überhöhte Renditen für Monopolisten
Im Jahr 2025 lagen die Eigenkapitalrenditen von 22 untersuchten Netzbetreibern im Schnitt bei über 24 Prozent – ein Wert, der selbst für riskante Geschäfte hoch ist und für ein risikoarmes Monopolgeschäft völlig überzogen. Würden die Renditen auf ein faires Niveau gesenkt, das immer noch ausreichend Kapital für Investitionen mobilisiert, könnten weitere zwei Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden.
Keine Kostenexplosion, sondern Reformbedarf
Die absoluten Netzkosten werden zwar steigen – von derzeit 32 auf 72 Milliarden Euro pro Jahr bis 2045, so Berechnungen im Auftrag des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Durch diese Effizienzmaßnahmen würden die Kosten zwar steigen, aber weniger stark – sie würden sich im Vergleich zu heute nicht mehr als ungefähr verdoppeln.
Gleichzeitig wird sich im selben Zeitraum der Stromverbrauch verdoppeln. Das Mehr an Netz erbringt also auch mehr Leistung. Pro Kilowattstunde oder pro Kilowatt Leistung gerechnet können Netzkosten stabil bleiben.
Woher kommen dann Warnungen vor einer „Kostenexplosion“?
Die Antwort: Szenarien sind stets Spiegel ihrer Annahmen. Es gibt tatsächlich Berechnungen bis hin zu einer drohenden Verdopplung der Netzentgelte. In denen werden allerdings Fehlanreize und heutige Privilegien reduzierter Netzentgelte fortgeschrieben.
Im Ergebnis würden steigende Netzkosten auf immer weniger entgeltpflichtigen Stromverbrauch umgelegt. Der Eigenverbrauch von gewerblich und privat erzeugtem Strom würde weiter zunehmen und auch die industriellen Netzentgelt-Privilegien von heute 1,5 Milliarden Euro pro Jahr schlagen zu Buche. Natürlich würde es so für alle anderen Stromkunden teuer.
Denn Netzkosten sind vor allem Kosten für die Bereitstellung von Leistung. Sie ändern sich kaum, wenn an einem Anschluss mehr oder weniger Strom genutzt wird. Aber warum sollten wir die Entgeltstrukturen nicht ändern? Bei verursachergerechter Berechnung der Netzentgelte ergäbe sich das bereits erwähnte Bild: doppelte Kosten bei doppeltem Stromverbrauch bedeuten im Schnitt konstante Netzentgelte.
Die politische Verantwortung: Warum Reformen jetzt nötig sind
Stromnetze sind natürliche Monopole. Netzkunden haben keine Wahl – sie müssen zahlen, was auch immer ihr Netz kostet. Wettbewerb gibt es nicht. Politik und die Bundesnetzagentur (BNetzA) sind gefordert, als Gegengewicht im Interesse der Netzkunden zu agieren. Sie müssen die Regeln so gestalten, dass:
- Digitalisierung und Flexibilisierung sowie höhere Auslastung der Netze belohnt werden,
- Einheitliche Standards geschaffen und Effizienzen gehoben werden,
- Renditen fair und angemessen sind.
Die Energiewende braucht klügere Strukturen
Die Elektrifizierung von Mobilität und Wärme, die Integration erneuerbarer Energien – all das erfordert einen moderne und effiziente Verteilnetze. Statt über Kostenexplosionen zu diskutieren, sollten wir endlich die Systemfehler im Netzbetrieb beheben. Die neue Studie zeigt: Mit Reformen könnten wir die Netzkosten deutlich senken und schneller mehr Wärmepumpen, Ladestationen, Solar- und Windanlagen ins Netz integrieren – ohne die Energiewende zu bremsen.
Das Krasse an diesen BILD-Schlagzeilen ist, dass sie diesmal KEIN Mock-up von mir sind.
Das muss eine CDU-Ministerin erst einmal hinbekommen:
bei der „Abschaffung des Heizhammers“ genau die Zeitung gegen sich aufzubringen, die diese Wortschöpfung und Kampagne gegen Habecks Gesetz zur Wärmewende hervorgebracht und maßgeblich getragen hat.
Bisher ist die Union unbeirrt mit dem Kopf durch die Wand jeglicher energietechnischen und ökonomischen Vernunft gerannt, bloß um ihren Dauerwahlkampf gegen den ehemaligen Grünen Wirtschaftsminister fortsetzen zu können.
Und die SPD trägt dieses Spiel augenscheinlich kompetenz- und rückgratlos mit.
So hart muss man es leider sagen. Ach ja, und alle wundern sich, warum so ganz ohne Haltung und positiven Gestaltungswillen einer Regierung die AfD in Umfragen immer stärker wird.
So hart muss man es leider sagen. Ach ja, und alle wundern sich, warum so ganz ohne Haltung und positiven Gestaltungswillen einer Regierung die AfD in Umfragen immer stärker wird.
Immerhin: dass eine so breite Akteurs-Palette von der BILD bis zum Normenkontrollrat den Entwurf des Gebäudeenergiegesetzes in scharfen Worten kritisiert, macht Hoffnung:
dass vernünftige Stimmen im Parlament das Gesetz stoppen und die Ministerin gleich mit.
dass vernünftige Stimmen im Parlament das Gesetz stoppen und die Ministerin gleich mit.
Denn nicht nur ist das alles energie- und klimapolitischer Wahnsinn. Es gehört auch „handwerklich zu den schwächsten und praxisfernsten Vorhaben, die dem Normenkontrollrat in den vergangenen Jahren vorgelegt wurden“. Und er macht Heizen für viele sehr viel teurer: für Mieterinnen und Mieter, die sich gegen eine Biotreppen-Heizung nicht wehren können und für Eigentümerinnen und Eigentümer, die sich diese dank abgeschaffter Beratungspflicht aufquatschen lassen.
Es wird spannend, wie die Regierung aus diesem selbst angerichteten Schlamassel herausfindet.
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