Mittwoch, 13. Mai 2026

The Innovator's Dilemma: Und plötzlich verschieben sich die Maßstäbe

Jakob Weißinger

"Das Elektroauto zerstört Made in Germany." 

Diese Überschrift des FOCUS-Artikels von Philipp Raasch hat mich heute morgen geärgert. 

Denn sie ist so falsch wie der Beitrag dahinter gut, interessant, richtig und wichtig ist

Die Zukunft der deutschen Automobilbranche entscheidet sich in der Elektromobilität. Deutsche Hersteller haben die besten Verbrenner der Welt gebaut. Dann kamen neue Player, eine andere Grundlage, Innovationen. In Deutschland ist man jedoch beim klassischen Verbrenner geblieben und hält daran fest, während sich die Anforderungen an das Auto weltweit ändern. Was der Artikel aufzeigt: Die erste Generation deutscher E-Autos hat Kunden enttäuscht. Mittlerweile gibt es bessere, technologisch viel weitere Modelle.

Deshalb ist jedoch nicht das Elektroauto schuld daran, dass Made in Germany "zerstört" wurde. Vielmehr hat das fehlende Commitment, von der Verbrenner-Pferdekutsche auf das Elektro-Automobil umzusteigen, zu fehlender Qualität und verlorenem Vertrauen geführt. Die Technologie Elektromobilität trägt daran den geringsten Anteil.

Die Folge muss sein: mehr Konsequenz beim Umstieg. Und vielleicht auch eine Artikelüberschrift, die hier nicht nur für meinen klick sorgt, sondern auch die Botschaft übermittelt, die mit dem Beitrag transportiert werden soll. 


Focus hier  Philipp Raasch  Mittwoch, 13.05.2026,

Erwartungen nicht erfüllt: Das Elektroauto zerstört Made in Germany

Made in Germany ist das stärkste Qualitätsversprechen der Automobilindustrie. Kein anderes Label hat weltweit mehr Vertrauen. Aber ausgerechnet beim E-Auto bricht dieses Versprechen.

Berylls by AlixPartners hat gerade ihre neue Consumer-Studie veröffentlicht. Ich habe die Daten vorab gesehen und mit den Autoren gesprochen. Sie haben 8000 Autokäufer in 11 Ländern befragt.

Das Ergebnis ist auf den ersten Blick eine gute Nachricht für deutsche Hersteller. Auf den zweiten ein Problem. Wer heute ein deutsches E-Auto fährt, ist deutlich unzufriedener als jemand mit einem chinesischen E-Auto. Die Marke überzeugt. Das Produkt nicht.

Heute schauen wir uns an, warum Made in Germany beim E-Auto nicht mehr hält, was es verspricht. Warum deutsche Hersteller gerade das opfern, was sie stark gemacht hat. Und warum das ein Muster ist, das schon ganze Industrien zerlegt hat.

Philipp Raasch (10 Jahre Mercedes) analysiert jeden Sonntag, warum deutsche Autobauer gegen Tesla und China den Anschluss verlieren – sein Newsletter Der Autopreneur erreicht 39.000 Leser. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.

Kein Land enttäuscht mehr E-Auto-Kunden

Berylls hat die Frage anders gestellt, als man erwarten würde. Nicht: Welche Automarken bevorzugst du? Sondern: Autos aus welchem Land meidest du explizit?

Nur 12 Prozent der Befragten weltweit sagen: Ein deutsches Auto kommt für mich nicht infrage. Das ist der niedrigste Wert aller Herkunftsländer. Amerikanische Marken kommen auf 25 Prozent. Chinesische auf 44 Prozent.

Made in Germany ist also das stärkste Label der Branche. Stärker als Japan. Stärker als die USA.

Aber jetzt kommt der Haken: Das gilt für Verbrenner. Nicht für E-Autos.

23 Prozent der Fahrer eines deutschen E-Autos würden nicht wieder ein deutsches Auto kaufen. Bei Fahrern chinesischer E-Autos sind es nur 13 Prozent.

Deutsche E-Autos erfüllen die Made-in-Germany-Erwartung nicht

Kein Land hat bei Autokäufern weltweit mehr Vertrauen. Und kein Land hat mehr enttäuschte E-Auto-Kunden.

Die Wiederkaufrate ist der härteste Indikator. Sie misst nicht Image, sondern Erfahrung. Und die Erfahrung sagt: Beim E-Auto hält das Produkt nicht, was die Marke verspricht.

Theresa Stütz ist eine der Autorinnen der Studie. Sie sagt: Deutsche E-Autos erfüllen die Made-in-Germany-Erwartung nicht. Nicht nur bei der Qualität. Auch beim Vertrauen in die Technologie.

Und es wird nicht besser. Die nächste Käufergeneration in China kennt deutsche Marken vor allem als die Autos ihrer Eltern. Der durchschnittliche Neuwagenkäufer dort ist 35. Für diese Generation stehen Li Auto, Huawei oder Xiaomi für Innovation. Nicht Mercedes und BMW.

Deutsche Hersteller verlieren Kunden auf zwei Fronten. Kunden, die ein deutsches E-Auto ausprobieren, sind enttäuscht. Und die nächste Generation hat deutsche Marken gar nicht mehr auf dem Schirm.

Woran scheitern deutsche E-Autos wirklich?
Die naheliegende Erklärung: Sie sind zu teuer. Die Kunden wechseln zu günstigeren Alternativen.

Die Studie widerlegt das.

Weltweit nennen 37 Prozent der Befragten den Preis als größte Hürde für ein E-Auto. In China sind es 8 Prozent. Der Preis ist nicht das Problem.


China ist kein Billigmarkt.
China ist ein Qualitätsmarkt.
Oder wie es Jonas Wagner von Berylls formuliert:
"China ist High Tech und High Quality."


77 Prozent der E-Auto-Käufer sagen, Materialqualität ist ihnen wichtig. Bei Verbrenner-Käufern sind es 63 Prozent .


Deutsche Hersteller konkurrieren nicht gegen billige Autos.
Sie konkurrieren gegen Autos,
die bei gleichem Qualitätsanspruch mehr bieten.
Mehr Reichweite.
Bessere Software.
Ein besseres digitales Erlebnis.


Beim autonomen Fahren verlieren deutsche Hersteller, bevor es losgeht

Jeder vierte Chinese erwartet von seinem nächsten Auto Level 4 oder 5 autonomes Fahren. Obwohl es heute kein einziges Privatfahrzeug gibt, das das kann. In Deutschland und den USA: 6 Prozent.

Aber der eigentliche Unterschied ist nicht die Nachfrage. Es ist die Motivation.

69 Prozent der chinesischen Kunden wollen autonomes Fahren, um den Stress im Alltag zu reduzieren. Autonomes Fahren bedeutet dort Freiheit.

Westliche Kunden sehen autonomes Fahren vor allem als Sicherheits-Feature. Gut zu haben. Aber kein Kaufgrund. Nur 10 Prozent der Deutschen würden extra dafür zahlen. In den USA sind es 7 Prozent.

In China ist es ein Kaufgrund. Nur ein Prozent der Chinesen hat kein Interesse an autonomem Fahren. Global sind es 17 Prozent.

Andere Technologien definieren ein modernes Auto

Das Dilemma: Wo autonomes Fahren entscheidend ist, kaufen die Kunden bereits bei der Konkurrenz. Wo deutsche Hersteller noch stark sind, will kaum jemand dafür zahlen.

Made in Germany stand nie nur für Qualität. Es stand für Technologieführerschaft. Die besten Motoren. Die neuesten Technologien. Das hat den Aufpreis gerechtfertigt.
Aber heute definieren andere Technologien ein modernes Auto. E-Antrieb. Software. Autonomes Fahren. Und bei genau diesen Technologien führen andere.

Mein Take

Es gibt ein Buch aus den 90ern. The Innovator's Dilemma von Clayton Christensen. Die These ist eigentlich ganz einfach: Erfolgreiche Unternehmen scheitern nicht, weil sie schlechte Entscheidungen treffen. Sie scheitern, weil sie das Richtige tun. Sie hören auf ihre Kunden. Optimieren, was funktioniert.

Und während sie das tun, baut jemand anderes was Neues. Ein Produkt, das am Anfang schlechter ist.
 In allem, was bisher gezählt hat. Aber es kann etwas, das das alte Produkt nicht kann. Und plötzlich verschieben sich die Maßstäbe.

Als Steve Jobs 2007 das iPhone vorgestellt hat, hat er nicht gesagt: Das ist ein besseres Handy. Er hat gesagt: "An iPod, a phone, and an internet communicator." Er hat eine neue Produktkategorie erfunden.

Deutsche Hersteller haben die besten Verbrenner der Welt gebaut

Genau das ist in der Autoindustrie passiert. Deutsche Hersteller haben die besten Verbrenner der Welt gebaut. Jahrzehntelang. Besserer Motor. Bessere Verarbeitung. Besseres Fahrwerk. Aber das Auto blieb immer ein Auto. So wie wir es kannten.

Dann kamen neue Player. Erst aus Amerika. Dann aus China. Sie haben das Auto nicht verbessert. Sie haben es neu gedacht.

Und die deutschen Hersteller? Haben weiter bessere Verbrenner gebaut. The Innovator's Dilemma eben.

Irgendwann haben sie reagiert. Aber da waren die anderen schon Generationen voraus. Das Ergebnis: Die erste Generation deutscher E-Autos hat Kunden enttäuscht. Das zeigen die Daten.

Deutsche Autobauer investieren Milliarden

Jetzt wissen sie: Sie sind keine Technologieführer mehr. Also investieren sie Milliarden, um aufzuholen. Aber die Milliarden müssen irgendwo herkommen.

Genau das ist die Abwärtsspirale: 

  1. Die Technologie ist nicht mehr konkurrenzfähig
  2. Kunden sind enttäuscht
  3. Also investieren sie Milliarden, um aufzuholen
  4. Dafür sparen sie bei Qualität und Material. Bei dem, was Made in Germany ausmacht
  5. Noch mehr Kunden sind enttäuscht

Am Ende verlieren sie auf beiden Seiten. Bei der Technologie nicht vorne. Bei der Qualität nicht mehr Made in Germany.

Aber: Es ist noch nichts verloren. Made in Germany hat weltweit immer noch das höchste Vertrauen. Das haben die Daten gezeigt.

Und die 2. Generation deutscher E-Autos kommt jetzt. Technologisch auf einem komplett anderen Level als die erste. Das sind die Schicksalsmodelle. Und mit ihnen entscheidet sich, was Made in Germany in 10 Jahren noch wert ist. 


Dazu ein kleiner Praxis-Bericht aus dem Leben gegriffen: 
“Sooh ist man früher Auto gefahren?" 

 Katrin Krüger  / LinkedIn

Mit dieser entrüsteten Frage stieg mein Sohn neulich aus meinem Auto, das er nur im Urlaub mal eben genutzt hatte. Keine Beschleunigung, voll schwerfällig, ohne Sitzheizung … Er selber fährt E-Auto, schon immer. 

Und während ich mich noch kurz über die gefühlte Beleidigung meines Bullis ärgere (Bullifahrer gelten als nostalgisch) und erwidern will, wie praktisch dieses Auto doch sei und ja auch noch gar nicht erneuerungsnotwendig – da fällt mir auf, wie cool seine Bemerkung eigentlich ist: 

Aus Sohn-Sicht ist ein schwerfälliger Verbrenner gar nicht mehr vorstellbar, da viel zu unbequem, kein Spaß halt. Das ist doch genau das, was wir in der Transformation erreichen wollen: Rückblickend ist es anders als vorher, aber nicht schlechter. Schon gar nicht für jemanden, der mit dem Neuen begonnen hat und das Alte gar nicht mehr kennt. 

Vielleicht machen wir es uns in vielen Transformationsdebatten zu schwer.Wir argumentieren mit Logik, Effizienz und Notwendigkeit, aber wir vergessen oft, ein attraktives Zielbild zu zeichnen. Es ist dann viel leichter, die Notstalgie aufzugegen. 

Und am Ende ist doch Transformation dann gelungen, wenn das Neue irgendwann selbstverständlich wird.

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