Samstag, 16. Mai 2026

Auch in Portugal: Ausländerhass macht sich breit. Dabei kann das Land ohne Ausländer nicht mehr überleben

Es ist wie bei uns und in vielen anderen europäischen Ländern halt auch: der Ausländerhass greift um sich. Egal  wie gerechtfertigt die Vorwürfe sind oder auch nicht.
Alle betroffenen Länder sind überaltert und kämpfen mit massiven Finanzierungsproblemen der Sozialkassen.

Auch in der Schweiz wird es im Juni eine Abstimmung zum Thema geben, wobei - für uns ganz ungewohnt - auch Einwanderungs- Deutsche betroffen sein werden. Man darf auf das Abstimmungsergebnis gespannt sein! Vielleicht wird es dann in Deutschland zukünftig mehr Ärzte geben?


DW hier Jochen Faget  15.5.26

Portugal braucht Arbeiter

Ohne Einwanderer geht in Portugal nichts

In Portugal leben etwa 1,5 Millionen Ausländer. Genaue Zahlen weiß niemand und die Dunkelziffer der Illegalen dürfte hoch sein. Die rechtsextreme Partei Chega hetzt gegen sie. Dabei geht ohne Ausländer so gut wie nichts.

'Immigranten dürfen nicht von Sozialleistungen leben', hetzen Plakate der rechtsradikalen Partei Chega seit den letzten Wahlen noch immer überall in Portugal. Das Land gibt sich neue, extrem verschärfte Ausländergesetze und immer mehr Bürger finden das richtig so.
Obwohl höchstens rund 1,5 Millionen Ausländer, fast alle Arbeitsmigranten, in Portugal leben. 

Das sind etwa 14 Prozent der Landesbevölkerung. Doch Ausländerangst, ja Ausländerhass macht sich breit. Dabei - das zeigen die Zahlen - kann das Land ohne Ausländer nicht mehr überleben: Die Immigranten erhalten nicht mehr Sozialleistungen als Portugiesen und das Sozialsystem des Landes hätte Finanzierungsprobleme ohne sie. Viele Jobs blieben unbesetzt.
Von der Bedienung im Café bis hin zu Landarbeitern, die Beeren für den Export in Länder wie Deutschland pflücken.

Eine Studie, veröffentlicht von der Einwanderungsbehörde AIMA und erarbeitet vom portugiesischen Migrationsobservatorium, belegt, wie groß der Beitrag der Gastarbeiter zu den Sozialsystemen des Landes ist: Im vergangenen Jahr zahlten rund 1,1 Millionen Ausländer in die Sozialversicherung ein, weil sie legal in Portugal arbeiteten. Das sind stolze 447 Prozent mehr als zehn Jahre vorher. Die Zahlungen sind sogar um 763 Prozent auf knapp 4,2 Milliarden Euro angestiegen - immerhin 14 Prozent aller Beiträge.

Immigranten halten Land am Laufen

Portugal brauche die Zahlungen der im Land arbeitenden Ausländer, bekräftigt der Soziologe Elísio Estanque, der viel zum Thema Arbeitsmigration geforscht hat. "Portugal ist eines der am stärksten überalterten Länder der EU. Die Sozialversicherung muss immer mehr Renten bezahlen und auch die Gesundheitsausgaben steigen stark. Da leisten ausländische Arbeiter mit ihren Beiträgen einen wichtigen Beitrag." 

Doch nicht nur das. Sie halten praktisch das Land am Laufen: "Die größte Immigrantengruppe, die Brasilianer, ist vor allem im Gewerbe- und Dienstleistungsbereich beschäftigt", erklärt der Soziologe Estanque. "Sie fahren die Uber-Autos, liefern Essen aus und es gibt kaum ein Geschäft, in dem keine Brasilianer arbeiten."

Die Brasilianerin Veronica Santos zum Beispiel: Sie ist vor drei Monaten nach Portugal gekommen und arbeitet in einem Restaurant in der mittelportugiesischen Stadt Leiria. Ihr Mann ist Hilfsarbeiter am Bau, beide hatten keine Probleme, einen Job zu finden. 

"Wir verdienen gutes Geld hier", sagt Veronica, die Entscheidung, nach Portugal zu kommen, sei richtig gewesen. Zuhause würde sie nicht nur weniger verdienen, gibt die junge Frau Mitte 20 zu bedenken: "Die Unsicherheit ist sehr groß in Brasilien, es gibt viele Verbrechen. Portugal ist viel sicherer."
Sie und ihr Mann fühlten sich wohl in ihrer neuen Wahlheimat. Zum Thema wachsender Ausländerhass äußert Veronica sich diplomatisch. "Rassisten gibt es überall. In Portugal und auch in Brasilien. Da kann man wohl nichts machen."

Immigranten als Sündenbock

Rechtsradikale Parteien wie Chega machten die Immigranten zu Sündenböcken für die unsichere Lage, stellt João Neves, Wirtschaftsdozent an der Fachhochschule Leiria, fest. Doch hätten die populistischen Slogans nichts mit der Realität zu tun: "Ohne Gastarbeiter müssten ganze Wirtschaftszweige schließen. Es fehlt an portugiesischen Arbeitskräften. Und die wären selbst dann nicht zu finden, wenn die Löhne stark anstiegen."

Die Tourismusindustrie zum Beispiel, die für 20 Prozent des portugiesischen Bruttoinlandprodukts stehe, sei auf billige Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Ohne die müssten viele Hotels schließen. Auch viele landwirtschaftliche Betriebe, die vor allem Beeren anbauten und ins Ausland exportierten, hätten ohne Erntehelfer aus Asien keine Arbeiter. 

Und bei der Sozialversicherung müsste ein großes Loch gestopft werden: 2025 betrug der Überschuss zwischen Einnahmen und Ausgaben bei ausländischen Versicherten stolze 3,3 Milliarden. Geld von vor allem jungen Beitragszahlern, das die Sozialversicherung für Renten-, Arbeitslosen- und Krankengeldzahlungen für eher alte Portugiesen verwenden konnte.

Keine langfristige Einwanderungspolitik

Obwohl die ausländischen Arbeitskräfte dem Land eigentlich nur Vorteile bringen, wachsen Ressentiments und Vorurteile in Portugal.
"In den vergangenen Jahren ist es für Ausländer sehr leicht gewesen, zum Arbeiten nach Portugal zu kommen. Es war ein unkontrollierter Ansturm, es gab keine Integrationspolitik. Es entstanden soziale Brennpunkte und das führte zu wachsender Ausländerangst," erinnert der Soziologe Elísio Estanque.

Doch hätten die Fehler der Vergangenheit zu neuen Fehlern geführt: "Die Vorschläge der Rechtsradikalen, denen die Regierung sich immer mehr angenähert hat, sind unmenschlich, schlecht und keine Lösung für die Probleme des Landes." Zu versuchen, die Aufenthaltsdauer der Ausländer zeitlich zu begrenzen und möglichst auf ein halbes Jahr zu verkürzen, schaffe nur neue Schwierigkeiten: "Die Bereitschaft, sich noch mehr ausbeuten zu lassen, steigt. Denn die Immigranten wollen während ihres Aufenthalts möglichst viel Geld für ein besseres Leben in der Heimat verdienen. Sie sind also verletzlicher."

Portugal fehle eine langfristige und nachhaltige Einwanderungspolitik, findet auch Ökonom João Neves aus Leiria: "Dabei waren wir selbst einmal ein Auswanderungsland, viele Portugiesen sind aus dieser Region zum Arbeiten nach Europa gegangen. Das ist gerade einmal 60 Jahre her und wir haben ganz offensichtlich nichts daraus gelernt." Stimmt nicht ganz: Ausländische Arbeiter, die in ihre Heimat zurückkehren, können in Portugal nicht ihre Rentenbeiträge zurückerstattet bekommen, wie etwa in Deutschland. Dieses Geld behält die portugiesische Sozialversicherung.


Spiegel hier  Von Simon Maurer, Zürich  16.05.2026

Die Schweiz streitet über Zuwanderer, auch über die deutschen

In der Schweiz sollen bis 2050 nicht mehr als zehn Millionen Menschen leben, so will es die rechtskonservative SVP. Im Fokus ihrer Kampagne: gut ausgebildete Arbeitskräfte aus der EU.

Kaum ein anderes Land Europas hat einen so hohen Ausländeranteil wie die Schweiz.
Rund 27 Prozent der Bevölkerung besitzen keinen Schweizer Pass, vier von zehn Einwohnern haben einen Migrationshintergrund. 

Gleichzeitig wächst das Land wegen des wirtschaftlichen Erfolgs: Im Jahr 2023 lag die Nettozuwanderung bei fast 100.000 Menschen. Viele Schweizer geben an, das längst im Alltag zu spüren – etwa in steigenden Mieten, überfüllten Zügen oder morgendlichen Staus auf den Autobahnen.

In der Schweiz gibt es dafür sogar ein eigenes Wort: »Dichtestress«.

Genau dieses Gefühl versucht die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei SVP nun politisch zu nutzen. Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative ab. Hinter dem grün angefärbten Begriff steckt ein radikaler Plan:
Die ständige Wohnbevölkerung soll in der Schweiz bis zum Jahr 2050 auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden (aktuell 9,05 Millionen Einwohner). Wenn die Marke von 9,5 Millionen zuvor überschritten wird, soll die Regierung innerhalb weniger Jahre Maßnahmen zur Begrenzung der Zuwanderung ergreifen müssen – wie etwa die Begrenzung des Familiennachzugs. Notfalls soll auch die Kündigung internationaler Abkommen oder der Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union möglich sein.

Fast die Hälfte aller Ärzte aus dem Ausland

Anders als bei früheren Abstimmungen zur Migrationspolitik, welche die SVP gegen den Widerstand aller anderen Parteien auch schon gewonnen hat, geht es diesmal nicht nur um das Feindbild von Asylsuchenden. Denn der mit Abstand häufigste Einwanderungsgrund in die Schweiz ist gemäß dem Staatssekretariat für Migration eine neue Arbeitsstelle. Im Zentrum der Debatte stehen deshalb vor allem gut ausgebildete Arbeitskräfte aus der Europäischen Union, die den größten Teil der Nettozuwanderung ausmachen. Die größte Gruppe von Einwanderern stammte vergangenes Jahr mit 16 Prozent aus Deutschland. Dahinter folgten mit zwölf Prozent Franzosen und mit elf Prozent Italiener.

Die Gegner der SVP-Initiative betonen, dass die Schweizer Wirtschaft diese Fachkräfte brauche. Viele Branchen suchen händeringend nach neuen Arbeitskräften, in manchen Wirtschaftsteilen ist die Lage sogar so prekär, dass sie ohne Ausländer nicht mehr funktionieren würden. Im Schweizer Gesundheitswesen haben beispielsweise mehr als vier von zehn Ärzten ihre Ausbildung im Ausland absolviert . Weil die Schweizer Universitäten viel zu wenig neue Ärzte ausbilden, stammten vergangenes Jahr auch rund 70 Prozent der neu anerkannten Arztdiplome aus dem Ausland.

Dennoch scheint derzeit eine knappe Mehrheit der Schweizer Bevölkerung mit dem Anliegen der SVP zu sympathisieren. Gemäß einer Umfrage des Instituts Leewas sagen nämlich 52 Prozent Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative. Rund 46 Prozent der Befragten lehnen sie dagegen ab. Die Zustimmung ist in den vergangenen Wochen leicht gestiegen .

Das ist bemerkenswert, weil Volksinitiativen in der Schweiz fast immer an Zustimmung verlieren, je näher der Abstimmungstermin rückt. Bei migrationspolitischen Vorlagen der SVP sei das allerdings oft anders, sagt der Politologe Michael Hermann vom Umfrageinstitut Sotomo gegenüber dem SPIEGEL. »Die Unterstützung bleibt stabil oder steigt sogar leicht an.« Migration sei in der Schweiz seit Jahrzehnten ein emotionales Dauerthema, bei dem viele Menschen bereits eine gefestigte Meinung hätten.

Rechte Kampagne provoziert diesmal kaum

Hinzu komme, dass die öffentliche Debatte selbst das Gefühl wachsender Überforderung verstärke.
Seit Wochen dominieren neue Rekordzahlen zur Zuwanderung die Schlagzeilen: zehn Millionen Einwohner, fast 100.000 zusätzliche Menschen pro Jahr, immer dichtere Ballungsräume.
»Je mehr man über diese Zahlen spricht, desto realer wirkt das Problem«, sagt Hermann.
Gerade die abstrakten Wachstumszahlen erzeugten bei vielen das Gefühl, dass die Entwicklung außer Kontrolle geraten könnte, sagt der Politologe.

Auffällig ist dabei auch, wie vorsichtig die SVP diesmal ihre Kampagne führt. Anders als bei früheren Abstimmungen verzichtet die Partei auf aggressive Anti-Ausländer-Plakate mit schwarzen Schafen oder Messerstechern. Stattdessen zeigt sie auf sozialpolitische Themen wie die steigenden Mieten oder die überlastete Infrastruktur. Damit versucht die Partei bewusst, auch Wähler außerhalb ihres klassischen konservativen Milieus anzusprechen – etwa Menschen, die sich Sorgen um Wohnraum, Natur oder Lebensqualität machen.

Die Gegner der Initiative setzen dagegen auf ein Sujet, das in ganz Europa ein negatives Gefühl beschwört: eine Karikatur eines grinsenden US-Präsidenten Donald Trump.

Das soll Erinnerungen an den Zollstreit mit den USA wecken, der für die Schweiz besonders chaotisch war, weil Trump gegen die Schweiz Zölle von 39 Prozent verhängt hatte .
Die Gegner wollen klarmachen: Eine Annahme der Initiative und damit eine Verschlechterung der Beziehungen mit der stabilen EU könne sich die Schweiz in diesen Zeiten nicht leisten.

Die Liberalen entscheiden über die Initiative
Manche Wirtschaftsforscher wie der emeritierte Basler Ökonom George Sheldon bezweifeln, ob die Zuwanderung überhaupt für das Gefühl vom »Dichtestress« verantwortlich ist. »Eine andere Erklärung ist der steigende Wohlstand in der Schweiz und der damit verbundene Wunsch nach einem Haus im Grünen, was den Pendelverkehr erhöht«, sagt Sheldon gegenüber dem SPIEGEL.
Dazu komme die gestiegene Zahl an Einpersonenhaushalten, was die Wohnungsnot erhöhe.

Wird die Initiative angenommen, wird das wohl Folgen für den Arbeitsmarkt haben.
»Vielleicht werden einige inländische Produktionsstätten auf der Suche nach qualifizierten Arbeitskräften ins Ausland verlagert«, erklärt Sheldon. Ein Problem sieht er besonders bei der Rekrutierung von Hochschulabgängern aus den MINT-Fächern – Mathematik und Naturwissenschaften etwa. »Der wirtschaftliche Schaden lässt sich aber ohnehin kaum zuverlässig beziffern.« Gute Zahlen dazu gebe es kaum.

Trotz dieser unsicheren Aussichten ist die Kampagne der Gegner mit dem Fokus auf die Wirtschaft bisher nur begrenzt erfolgreich. Bei den Wählern der wirtschaftsliberalen Schweizer FDP liegt die Zustimmung zur neuen Initiative bei 54 Prozent. Obwohl diese Wählergruppe als Arbeitgeber oder Immobilienbesitzer tendenziell stärker von der Zuwanderung profitiert als andere – und obwohl die Wirtschaftsverbände von einer »radikalen Chaos-Initiative« sprechen und die offizielle FDP ein Nein empfiehlt. Genau wie alle anderen großen Parteien außer der SVP.

Realistischerweise hängt der Ausgang der Abstimmung damit vor allem vom Abstimmungsverhalten der liberalen FDP-Wähler ab. Wenn sie zur Überzeugung kommen, dass die wirtschaftlichen Risiken der Initiative zu groß sind, gibt es kaum einen Weg für einen Abstimmungserfolg der SVP. Wenn sie und eine Mehrheit der Schweizer Mitte-Partei zustimmen, dürften die Rechtskonservativen dagegen einen Erfolg feiern – zumindest so lange, wie es für die Schweiz keine wirtschaftlichen Konsequenzen gibt. 

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