Mittwoch, 13. Mai 2026

Jetzt kommt der Abschied von Winfried Kretschmann

Ich glaube, dass  der Zauber von W. Kretschmann in seinem unbedingten Willen lag, seinem Land zu dienen. Nie war er berauscht von seiner eigenen Macht, nie hat er sich zu einer Rolle aufgeschwungen, die ihm nicht zustand.....Er stand mit beiden Füßen fest auf dem Boden des Ländles und es ist bezeichnend, dass er im Artikel der SZ als "weise, manchmal kauzig" beschrieben wird und Danyal Bayaz ihn einen "hochanständiger Politiker" nennt. 

Wo gibt`s denn sowas? Hochanständig und weise? Was hatten wir Baden-Württemberger doch Glück!


Süddeutsche Zeitung hier  Kommentar von Roland Muschel, Stuttgart 9. Mai 2026

Hier stimmt der Begriff Ära mal

Winfried Kretschmann: Er hat gezeigt, dass Kompromisse keine Niederlagen sind

15 Jahre hat der Grünen-Politiker das konservativ grundierte Baden-Württemberg regiert, länger als jeder CDU-Ministerpräsident vor ihm. Von seinem Politikstil können auch Jüngere lernen.

Wenn die Amtszeit eines bekannten Politikers endet, ist schnell vom Ende einer Ära die Rede. Dabei prägen die wenigsten Politiker ihr Amt so stark, dass auch die Verfasser von Geschichtsbüchern aufhorchen. Aber wenn der Grünen-Politiker Winfried Kretschmann am 13. Mai die Stuttgarter Staatskanzlei für seinen Parteifreund Cem Özdemir räumt, endet tatsächlich eine Ära. Mit Kretschmann geht ein Politiker, dessen Ministerpräsidentschaft stilprägend war und aus der seine grüne Partei, aber auch der politische Nachwuchs etwas lernen können.

Dabei war es zunächst vor allem ein Experiment mit ungewissem Ausgang, als Kretschmann 2011 der erste grüne Ministerpräsident der Republik wurde. Und nicht nur traumatisierte Christdemokraten sagten diesem schwäbischen Abenteuer eine geringe Halbwertszeit voraus. Dass dieser weise, bisweilen kauzige Alte von der Schwäbischen Alb in einem konservativ grundierten Bundesland am Ende länger regieren würde als jeder CDU-Ministerpräsident vor ihm, hat viel mit seiner Person zu tun. Aber eben auch mit seinem pragmatischen Politikansatz.

Der frühere Lehrer verstand es, schwierige Prozesse so zu übersetzen, dass es die Leute auch verstehen

Kretschmann blieb im Amt als Mensch sichtbar und – auch hier stimmt eine inflationär gebrauchte Zuschreibung mal – authentisch. Der Ministerpräsident Kretschmann sprach nicht viel anders als der Bürger Kretschmann. Er redete nicht in Phrasen und technisch-bürokratischem Politsprech über die Menschen hinweg. Vielmehr verstand es der frühere Lehrer, schwierige Prozesse so zu übersetzen, dass es die Leute auch verstehen. Er wagte Tiefgang, wo andere die schnelle Schlagzeile suchen; er setzte auf Fakten, nicht Emotionen; auf den Kompromiss, nicht die Konfrontation.
Und schaffte so etwas, das in der Politik selten geworden ist: Vertrauen. Die Baden-Württemberger fühlten sich bei ihm gut aufgehoben.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Es brauchte 2011 schon eine sehr spezielle Konstellation aus Fukushima, gesteigertem Stuttgart-21-Verdruss und einem unbeliebten CDU-Regierungschef mit Rambo-Attitüde, um diesem Hannah Arendt zitierenden, Froschkuttel essenden, Opern- wie VfB-Stuttgart-affinen Gesamtkunstwerk die große Bühne zu eröffnen. 

Aber Kretschmanns Auftritt geriet dann so überzeugend, dass sich nicht nur die grüne Kernklientel im Freiburger Ökoviertel Vauban und im Stuttgarter Westen auf ein Dauerabo einließ. Sondern auch Konservative in ländlich geprägten Wahlkreisen wie Sigmaringen oder Balingen, die bei Europa- und Bundestagswahlen weiter bei der CDU ihr Kreuzchen machten, aber im Land auf Kretschmann setzten.

Unter seiner Ägide gab es keinen Beschluss, der zur Diskreditierung des Klimaschutzes taugt

Der Erfolg von Kretschmanns Politik gründete vor allem in ihrem Pragmatismus. Der Superrealo und überzeugte Ökologe wusste immer sehr genau, was er den Menschen zumuten konnte.
Das hat den misslichen Nebeneffekt, dass auch Baden-Württemberg den eigenen Klimazielen hinterherhinkt und nach 15 Jahren grüner Regentschaft selbst bei der Windkraft die Bilanz nicht sonderlich beeindruckend ausfällt. 

Andererseits gab es in Kretschmanns Ägide kein Heizungsgesetz und auch sonst keinen Beschluss, der zur Diskreditierung des Klimaschutzes und einer ganzen Partei missbraucht werden konnte. Stattdessen hat Kretschmann früher als andere Bundesländer eine Solarpflicht für die schwäbischen und badischen Häuslebauer eingeführt, die sein Politikprinzip ganz gut veranschaulicht: Sie gilt für Neubauten und bei größeren Sanierungen, aber nicht für den Bestand. Sie entfaltet damit nicht die maximale Wirkung, macht sich für die Klimabilanz aber dennoch positiv bemerkbar, ohne dass nennenswerte Proteste registriert wurden. Im Gegenteil: Diese Solarpflicht erfreut sich großer Akzeptanz.

Die Menschen haben Kretschmann abgenommen, dass ihm im Zweifel die Sache mehr bedeutete als das Parteibuch und er den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärker gewichtet als einen grünen Punktsieg. 

Er hat im Bundesrat gegen den Willen seiner Bundespartei früh für zusätzliche sichere Herkunftsländer gestimmt; er hat aber auch dafür gesorgt, dass Baden-Württemberg als erstes Bundesland jesidischen Frauen und Kindern aus dem Nordirak eine Zuflucht bot. 

Er hat das Ergebnis der Volksabstimmung über den Weiterbau von Stuttgart 21 vorbehaltlos akzeptiert, aber auch nie verschwiegen, dass er das Milliardenprojekt für aus der Zeit gefallen hält.

Nun kann Kretschmanns Politik keine Blaupause für die gesamte grüne Partei sein; in Berlin-Kreuzberg sind die Voraussetzungen für Wahlerfolge andere als in Sigmaringen-Laiz. Und seinen fast schon provozierend bedächtigen Stil können jüngere Politiker im Tiktok-Zeitalter auch nur bedingt adaptieren. Dennoch kann er Vorbild sein. Weil er Kompromisse nicht als Niederlagen begriff, sondern als Resultat eines Ringens um die beste Lösung, als demokratisches Grundprinzip. Mehr noch: als Chance, zusammenzuführen.



Michael Merkel /LinkedIn

Eine schöne Würdigung von Danyal.
Auch mit Blick auf die Klassiker die Winfried prägen.



Mein Abschiedsstück im Tagesspiegel hier   Ein Gastbeitrag von Danyal Bayaz  10.5.26

Der Lincoln aus Oberschwaben

Kretschmanns Schwäche war gleichzeitig seine größte Stärke
Als Finanzminister konnte ich Winfried Kretschmann fünf Jahre aus nächster Nähe beobachten und erlebte einen hochanständigen Politiker, von dem die jüngere Politikergeneration lernen kann.

Zwischen uns liegen 35 Jahre Lebenserfahrung. Winfried Kretschmann, geboren 1948, wuchs in Schwaben auf, das den Krieg gerade hinter sich hatte. Ich, geboren 1983, wuchs in Heidelberg auf, in einer anderen Republik und mit einem anderen Selbstverständnis.

Im Jahr 2021 wurde ich sein Finanzminister. Einige Zeit später, während schwieriger Haushaltsberatungen, bat er mich zu sich, um über die finanziellen Anmeldungen seines Staatsministeriums zu sprechen. Für einen Finanzminister ist das keine leichte Aufgabe. Einerseits muss er das Staatsministerium genauso streng bewerten wie jedes andere Ressort. Andererseits ist es das Ministerium des eigenen Chefs.

Kretschmann sagte nur: „Die Stärkung der Bürgerbeteiligung ist mir wichtig.“ 
Ich war überrascht, dass er nur diesen einen Punkt betonte. Keine Sonderbehandlung, kein Druck. Diese Episode ist mir in Erinnerung geblieben, weil sie viel über ihn und sein Führungsverständnis aussagt: Sich nicht wichtiger nehmen als andere und Reden und Handeln in Einklang bringen.

Ich wusste bereits, dass dieser Mann außergewöhnlich ist, bevor ich am Kabinettstisch Platz nahm. Nicht nur, weil er der erste grüne Ministerpräsident in der Geschichte der Bundesrepublik war, sondern weil er offensichtlich anders war als andere. Tiefgründig. Eigenwillig. Geerdet. Ein Politiker, bei dem Überzeugung mehr zählt als Kalkül. Fünf Jahre gemeinsame Arbeit haben diesen Eindruck vertieft.


Er ist ein Politiker, der neue Situationen nicht nach Umfragewerten beurteilt, sondern nach seinen Werten.

Grünen-Politiker Danyal Bayaz über Winfried Kretschmann


Es gibt einen beeindruckenden Spielfilm, in dem Daniel Day-Lewis Abraham Lincoln verkörpert. Als ich ihn sah, drängte sich mir ein Vergleich auf, den ich selbst zu groß fand, aber so empfand ich es:
Hier wie da ein Politiker mit tiefen Überzeugungen, dem Gemeinwohl verpflichtet, hochanständig. 

Was dieser Mann denkt und wie er Politik betrieben hat, das überdauert. 
Er hat etwas zu sagen – gerade uns Jüngeren, die wir diese Demokratie weiter gestalten müssen.

Ich kann mich an kein Gespräch mit ihm erinnern, das belanglos war.
Hinterher war ich immer um eine gedankliche Facette reicher und häufig klüger.
Er rief auch selbst an, um Rat zu suchen, um eine Einschätzung zu hören, um eine Idee zu prüfen. Das verrät viel über seinen Charakter. 

„Die Oppositionsbänke sind hart“, hat er einmal gesagt, „und sie regen zum Denken an.“ Er hat dort wirklich nachgedacht. Nicht polemisiert. Er hat verstanden – was keine Selbstverständlichkeit ist –, dass man zuhören muss, gerade dann, wenn man derjenige mit den höchsten Schulterklappen ist.

Der Spitzenkandidat der Gruenen fuer die Landtagswahl in Baden-Wuerttemberg, Winfried Kretschmann, gestikuliert am Sonntag (27.03.11) in Stuttgart bei der Wahlparty der Gruenen nach der Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen. 
In Baden-Wuerttemberg zeichnet sich ein historischer Regierungswechsel ab. Voraussichtlich muss die CDU nach knapp 58 Jahren die Macht abgeben
Erste Hochrechnungen von ARD und ZDF ergaben am Sonntagabend kurz nach der Landtagswahl eine Mehrheit fuer ein rot-gruenes Buendnis. Offen war zunaechst, ob die FDP an der Fuenf-Prozent-Huerde scheitern wird. (zu dapd.Text) 
 
Winfried Kretschmann musste lange in der Opposition warten, bis er 2011 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde

Zum vierzigsten Geburtstag, wenn man das Schwabenalter erreicht und bekanntlich g’scheit wird, hat er mir die Essais von Michel de Montaigne geschenkt. 


Den Satz „Die Pest des Menschen ist, dass er zu wissen wähnt“, hat Kretschmann jeden Tag gelebt. 


Neugierig bleiben, dazulernen, wissenschaftliche Erkenntnisse ernst nehmen, angeblich absolute Wahrheiten hinterfragen – das ist die Voraussetzung für alles andere.
„Wir müssen die Wahrheit in den Fakten suchen“, das ist ein typischer Kretschmann-Satz.

Wir leben in einer Zeit, in der der nächste Empörungszyklus wichtiger erscheint als langfristige Perspektiven. Kompromisse gelten als Schwäche, und Konsequenz wird mit Sturheit verwechselt. In dieser Zeit wirkt Winfried Kretschmann ungewöhnlich: Er ist ein Politiker, der neue Situationen nicht nach Umfragewerten beurteilt, sondern nach seinen Werten – und diese Werte auch an der Realität misst. Er hat verstanden, was nicht alle verstehen wollen:
Die „reine Lehre“ gehört in Seminare, nicht in verantwortungsvolle Ämter.

Kompromisse sind für ihn keine Schwäche

„Land vor Partei“ ist für ihn kein Slogan, sondern ein Lebensprinzip. Kompromisse sind für ihn keine Schwäche, sondern Stärke.
Der Philosoph Avishai Margalit drückte es so aus: „Ideale sagen uns, wie wir sein möchten. Kompromisse zeigen, wer wir sind.“ Fünf Jahre lang konnte ich das aus nächster Nähe beobachten.

Übrigens auch, dass er nicht der geborene Verhandler ist. Er hält das taktische Hin und Her für Zeitverschwendung, weil doch offensichtlich ist, dass man sich in der Mitte treffen wird. Auf eine gewisse Art ist Kretschmann zu ehrlich für die Politik. Und zugleich – das ist das Paradoxe – ist genau das seine größte Stärke.

Er liest Aristoteles, Kant und Hannah Arendt und greift auch zu Machiavelli oder Thomas Hobbes. Diese Denker geben ihm Halt, sodass er über 15 Jahre lang anderen Orientierung bieten konnte. Sie sind sein Kompass, besonders in Zeiten von Polarisierung und Verunsicherung. Die Herausforderungen unserer Generation sind nicht geringer als die seiner Zeit: Klimawandel, wirtschaftliche Krise, bröckelnder sozialer Zusammenhalt, der Aufstieg des Populismus und die Erosion demokratischer Werte.

All das erfordert genau das, was Kretschmann vorgelebt hat: Bewahren und Verändern nicht als Gegensätze zu sehen, sondern als zwei Seiten derselben Verantwortung. Wer die wirtschaftliche Stärke des Landes nicht bewahrt, kann den ökologischen Wandel nicht finanzieren. Wer die Demokratie nicht verteidigt, verliert den Rahmen, in dem all das verhandelt werden kann.


Politik ist keine Expertenangelegenheit. Sie betrifft uns alle. Kretschmann hat das verinnerlicht.

Grünen-Politiker Danyal Bayaz über Winfried Kretschmann.


Er hat die Klassiker gelesen – und spricht eine verständliche und ernsthafte Sprache. Wer Arendts Aussage „Der Sinn von Politik ist Freiheit“ wirklich verstanden hat, weiß: Politik ist keine Expertenangelegenheit. Sie betrifft uns alle. Kretschmann hat das verinnerlicht. Er verschleiert nichts und schließt niemanden aus. Er nennt die Dinge beim Namen, auch wenn sie unbequem sind. 
Über die Finanzpolitik hinaus verband uns ein gemeinsames Verständnis davon, was Politik leisten kann – und dass sie nichts versprechen darf, was sie nicht halten kann.

Dazu kommt die Überzeugung, dass Freiheit nur funktioniert, wenn klare Verantwortlichkeiten gelten. Jede Ebene – von der Kommune über Land und Bund bis Europa – muss das übernehmen, was sie am besten kann. Dafür hat Kretschmann im Bundesrat gekämpft wie kaum ein anderer. Wer seine Zuständigkeit kennt, kann Rechenschaft ablegen. Und nur, wo Rechenschaft möglich ist, wächst Vertrauen – der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält.


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Was bleibt? Nicht nur Wahlergebnisse, Beschlüsse und Amtszeiten. Es bleibt die Frage, die er gestellt und durch sein Wirken beantwortet hat: Was schulden wir einander in einer freien Gesellschaft? Mehr als Konsum, mehr als Bequemlichkeit, mehr als die stille Erwartung, dass andere die Dinge schon richten werden. Demokratie ist kein Bestellservice. Demokratie lebt von Menschen, die sich einmischen, zuhören und streiten – zivilisiert, aber ernsthaft. Von Menschen, die Verantwortung übernehmen, statt sie weiterzureichen. Von Menschen, die die Dinge beim Namen nennen, auch wenn es unbequem ist.

Er würde nie behaupten, alles richtig gemacht zu haben. Er weiß, dass manches besser hätte laufen können, dass die Zeit nie reicht und die Wirklichkeit stur ist. Auch darin zeigt sich eine Haltung. 

Meine Generation hatte das Glück, einen Politiker zu erleben, der Überzeugung, Demut und Verantwortung nicht nur gefordert, sondern vorgelebt hat. Was er uns mitgibt, verpflichtet.

Der Autor ist seit 2021 Finanzminister in Baden-Württemberg und saß zuvor vier Jahre für die Grünen im Bundestag.



Noch kurz vor seiner Ablösung: 

Morgenpost  hier

Kretschmann poltert bei Lanz gegen Merz-Regierung: „schlechtes Handwerk“


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