Dienstag, 19. Mai 2026

Die Freude ist groß. Endlich hat eine Springer-Überschrift die Physik und die Realität besiegt

 

Werner Koller/ LinkedIn

Lassen Sie sich durch die Kampagne von Springer, R21 und anderen Fossil-Lobbyisten nicht irre machen ... Deutschland verfolgt keinen Sonderweg, sondern setzt internationale Verpflichtungen um.

Dabei sind wir übrigens weder sonderlich ehrgeizig noch ausnehmend erfolgreich. In der Emissionsreduzierung seit 1990 liegt Deutschland gerade noch so im internationalen Mittelfeld. In anderen Ländern ist die Energiewende bereits wesentlich weiter.

Der Klimaaktivist / LinkedIn

Die Debatte rund um den Wegfall des Extremszenarios RCP 8.5 hält weiterhin an. 

Ich bin jetzt zum 3. Mal tiefer eingestiegen und möchte meine Recherche und Zusammenfassung mit Euch teilen: 

Das RCP 8.5 Modell wurde in der Studie Riahi et al. (2011) entwickelt, als die globale Kohleverbrennung auf dem Weg zu Höchstständen war. Es ging davon aus, dass wir den Kohleverbrauch bis 2100 um das 6,5 bis 10-fache steigern. Erst ab 2014 fing die globale Kohleverbrennung an zu sinken. 

Wenn man das ganze Spektrum an Möglichkeiten der Klimaentwicklung abbilden möchte, dann gehört ein technisch möglicher Extrempfad dazu, das nennt sich dann „hoch-emittierendes Referenzszenario“. 

Wissenschaftler*innen haben wiederholt darauf hingewiesen, dass die Szenarien oft nicht korrekt kommuniziert werden und diverse Medien haben wiederholt die extremen RCP 8.5 Ergebnisse hervorgehoben, weil sich daraus schockierende Schlagzeilen ableiten ließen. 

Die Studie Ritchie & Dowlatabadi (2017) hatte den RCP 8.5 kritisiert, da die globalen Kohlereserven gar nicht ausreichen würden, um diesen Pfad zu erreichen.

Burgess et al. (2020) haben festgestellt, dass sich der Verlauf des RCP 8.5 deutlich über der Realität bewegt.

Pielke Jr. & Ritchie (2021) haben festgestellt, dass das RCP 8.5 zu einer Überpräsentation in der Literatur führt (Zirkelschlüsse).

Der Weltklimarat bildet den wissenschaftlichen Konsens ab – deshalb wird das Szenario folgerichtig ersetzt. Betrachtet man den Stand der Klimaforschung, ist dieser Schritt vollkommen plausibel. In der Debatte wird jedoch meist ausgeblendet, dass nicht nur das RCP-8.5-Szenario entfällt, sondern ebenso RCP 2.6. Die Klimapfade werden insgesamt präziser – nach oben wie nach unten. Doch auch hier wählen viele Medien wieder vor allem jene Aspekte aus, die sich am besten für Klicks, Reichweite und Schlagzeilen eignen. Beispiele hierzu:

Die Welt am 11.05.2026: „Klima: Warum Klimaforscher ihre beliebte Horrorprognose plötzlich abschaffen“. Hier wurde – mal wieder – extrem zugespitzt und unterstellt, dass Forschende ein emotionales Interesse daran hätten, Schrecken zu verbreiten.

Die Berliner Zeitung titelte am 08.05.2026: „Fehlerhafte Klimaforschung: Warum sich Forscher vom Extremszenario verabschieden“. Hier wird der ganze Vorgang als Fehler interpretiert. Der wissenschaftliche Prozess wurde gar nicht verstanden, denn was passiert ist, war eine stetige Selbstkorrektur. Eine Anpassung an neue Daten und Rahmenbedingungen. Der Wegfall des Szenarios ist kein Versagen, sondern der Beweis für eine funktionierende Forschung. 

Die Gesellschaft ist zu großen Teilen von der Komplexität der Klimawissenschaften überfordert und diverse Akteure ziehen – mal wieder – falsche Schlüsse



Daniel Mautz / LinkedIn

Die Freude ist groß. Endlich hat eine Springer-Überschrift die Physik und die Realität besiegt.

Ehrlich. Ich erkenne euer Bedürfnis nach einfachen Wahrheiten. Die Welt ist kompliziert. Das ist anstrengend. Und dann kommt diese eine Überschrift und macht alles gut.

„Klimaforscher streichen schlimmstes Angst-Szenario." Das fühlt sich an wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Endlich hat jemand laut gesagt bzw. in dicken fetten Lettern gesetzt, was ihr eh schon immer wusstet. Wie praktisch!

Die Klimakatastrophe ist abgesagt. Ich sehe, wie sehr euch das erleichtert.

Jetzt kommt der Teil, den ihr nicht lesen müsst, weil er das schöne Gefühl kaputt machen könnte.

RCP8.5 war ein Stresstest. Es beschrieb eine Welt, in der die Menschheit jeden Tag neue Kohlekraftwerke baut und null Klimapolitik betreibt. Dass es rausfliegt, liegt am Ausbau erneuerbarer Energien und an tatsächlicher Klimapolitik. Also an exakt dem, was ihr für Geldverschwendung haltet.

Das steht sogar in den dünnen, unausgewogenen Texten von BILD und WELT selbst. Man muss gar keine komplizierten Primärquellen lesen. Man müsste nur weiterlesen als bis zur Überschrift. Aber ich verstehe, dass Details das junge Glück gefährden könnten.

Das Kalkül dahinter ist simpel. Die Überschrift liefert das Narrativ. Der Text liefert gerade genug Kontext, um sich journalistisch abzusichern. Den Text liest keiner. Das weiß Springer. Deshalb funktioniert es.

Was in der Realität passiert, ist weniger gemütlich. Der aktuelle Emissionspfad liegt bei rund 2,7 Grad bis 2100. Fast das Doppelte der 1,5-Grad-Grenze aus dem Pariser Abkommen. Das mittlere Szenario ist nahezu eingetreten.

Wer das mit Entwarnung verwechselt, bewertet auch eine bösartige Hirntumor-Diagnose mit „fast kein Krebs", weil es ja auch schon die Lunge hätte sein können.

Dass ihr dabei alle denselben Screenshot teilt, ist fast rührend. Wie Kinder, die sich gegenseitig dieselbe Geschichte erzählen und glauben, sie wird wahrer, je mehr sie erzählt wird.



Dirk Specht

Der Weltklimarat streicht das Szenario RCP8.5 als unwahrscheinlich. Eine wissenschaftliche Korridoranalyse wird angepasst, weil die Annahmen nicht mehr gegeben sind. 

Hier die Annahme, dass es keinerlei Gegenmaßnahmen gibt, also beispielsweise die Kohlenutzung ungebremst weiter wächst. Dieses sogenannte „No Policy“-Szenario kann entfallen, da es dann doch die eine oder andere „Policy“ gab. Vielleicht sogar wegen RCP8.5?

Das ist für Korridoranalysen schlicht Teil der Methode, nennt sich wissenschaftlicher Erkenntnisprozess: Es beginnt breit und mit zunehmender Erkenntnis wird es präziser. Wenn, wie hier, der vorherige Korridor nicht verlassen, sondern verengt wird, belegt das sogar die Qualität des Prozesses. 

Hindert aber Empörungsschreiberlinge nicht, eine Welle an platten Beißreflexen zu erzeugen. Viele sind intellektuell wohl überfordert, die Logik der simplen Begriffe "wenn" und "dann" zu entziffern? 

Highlight ist Ex-Ministerin Schröder, die sich zu Kampfbegriffen wie „Apokalypse“ hinreißen lässt und behauptet, RCP8.5 sei als „falsch enttarnt“ worden, was nun wirklich eine unfassbar dämliche Aussage ist. Nein, Frau Schröder, ist es nicht, es bleibt ein korrekt modelliertes Szenario, dessen Voraussetzungen nicht mehr wahrscheinlich sind. „Wenn“ … „dann“ … ist nicht falsch, weil „wenn“ nicht mehr eintreten wird.

Aber so was kommt vor, wenn eine Sozialwissenschaftlerin sich zu naturwissenschaftlicher Methodik äußert. Was die Dame an ökonomischen Thesen äußert, wird nicht besser: RCP8.5 ist demnach schuld an „Deindustrialisierung“ und daher fordert sie zur „Reindustrialisierung“, die Klimaziele zu „überdenken“. Der übliche Stuss über deutsche Sonderwege und dessen Folgen kommt natürlich auch.

Da ist sie leider in bester Gesellschaft: Das Narrativ vom teuren Sonderweg ist stammtischerhärtet. Stimmte vielleicht sogar mal, möglicherweise bis zur Amtszeit der Ministerin, kleiner Hinweis. Seitdem ist eher festzustellen, dass Deutschland von den führenden Ländern moderner Energietechnologie die Rücklichter sieht und dabei sogar noch langsamer wird, seitdem wir um eine Ministerin von Schröder’schem Format „reicher“ sind. Das ist sogar ein Grund für die Wettbewerbsverluste vieler Industrien und daher ein noch besserer Grund, sich eben diesen Rücklichtern mit deutlich mehr Tempo wieder zu nähern.

Aber Leute wie Schröder sind zu tief überzeugt, dass ihr intellektuell erbärmlicher Kulturkampf im Rahmen einer politisierten Klimadebatte, die leider vom anderen Pol oft nicht besser geführt wird, alles und jedes erklärt, was in unserer Welt so passiert. 

Abschließend: Der IPCC hat auch die untersten Szenarien SSP1-1.9 und SSP1-2.6 neu bewertet. Habe ich irgendwie aber überlesen, auch Frau Schröder scheint das nicht zu interessieren. Diese Szenarien werden zwar nicht aufgegeben, aber es wird ergänzt, dass die nur noch erreichbar sind, wenn es ab 2050 zu negativen Emissionen kommt. Also nicht nur Null neue, sondern CO2-Entnahme/Speicherung.

Wenn, dann …


Christian Stöcker ‪@christianstoecker.de‬

Die Logik dieser peinlichen und offenkundig konzertierten Kampagne entspricht der Logik von “das Medikament beginnt langsam zu wirken, dann können wir es ja absetzen”.

Hier ein bisschen drei Jahre alter (!) Lesestoff für alle, die die aktuelle “Klimakrise fällt aus!!!1!1”-Kampagne von Springer und Co richtig einordnen wollen. Hier werden gerade in Wissenschaftskreisen sehr alte, keineswegs beruhigende Kamellen wieder aufgewärmt.


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