Samstag, 9. Mai 2026

Einsicht fehlt, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht allein am BIP gemessen werden kann

FRankfurter Rundschau  hier Artikel von Joachim Wille  5.5.26

„In die Steinzeit zurück“: Katherina Reiche streicht Daten aus Jahreswirtschaftsbericht

Klarer Rückschritt“: Der Jahreswirtschaftsbericht 2026 verzichtet auf ökologische Kennzahlen. 
Fachleute werfen der Regierung einen Rückschritt vor.

Alle starren auf Wachstumszahlen, gerade jetzt, da Iran-Krieg, US-Zölle und Innovationsschwäche etwa in der Autoindustrie die Sorge vor einer Rezension schüren. Doch eigentlich weiß jeder, dass der Blick alleine auf das Bruttoinlandsprodukt nicht ausreicht, um den Wohlstand der Menschen umfassend zu messen. 

In den letzten Jahren hatte das Bundeswirtschaftsministerium daher ergänzende Indikatoren in den Jahreswirtschaftsbericht aufgenommen, nämlich Daten zu Klima, Biodiversität, Bildung sowie sozialer und finanzieller Ungleichheit. Im jüngsten, von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vorgelegten Bericht für 2026 allerdings wurde diese Ergänzung wieder gestrichen. Mehrere Fachleute haben dies in Stellungnahmen nun heftig kritisiert.

Die Erweiterung des Berichts war unter dem damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eingeführt worden. Sie folgte der Einsicht, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht allein am BIP gemessen werden kann. Vielmehr sollten auch ökologische Tragfähigkeit, soziale Gerechtigkeit und Zukunftschancen abgebildet werden. Hintergrund waren unter anderem Empfehlungen etwa von der Vereinten Nationen und vom Industrieländerclub OECD, die seit Jahren umfassendere Wohlstandsindikatoren fordern. Der aktuelle, traditionell Ende Januar vorgelegte Bericht konzentrierte sich wieder ganz auf Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.

Im Bericht für 2025 hatte die Bundesregierung etwa die Entwicklung der CO₂-Emissionen als einen Wohlstandsindikator dargestellt. So wurde ausgewiesen, dass die Emissionen in Deutschland weiter sinken, zugleich aber in wichtigen Sektoren wie Verkehr und Gebäuden noch erhebliche Defizite bestehen. Der Bericht setzte diese Daten in Beziehung zu den Klimazielen – etwa der angestrebten Treibhausgasneutralität bis 2045 – und bewertete, ob die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung auf einem kompatiblen Pfad liegt. Ergänzend wurden Indikatoren wie der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix oder Investitionen in klimafreundliche Technologien aufgeführt, um zu zeigen, ob Wachstum und Dekarbonisierung tatsächlich zusammenlaufen. Damit wurde Klimaschutz nicht als Nebenbedingung, sondern als Bestandteil wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit verstanden.

Im Bericht 2026 fehlt diese Perspektive nun weitgehend. Stattdessen rückt die Regierung angesichts der wirtschaftlichen Schwächephase, hoher Energiepreise und geopolitischer Spannungen die kurzfristige Stabilisierung der Konjunktur in den Mittelpunkt. Die Kernbotschaft: Deutschland müsse seine Wettbewerbsfähigkeit stärken, Investitionen ankurbeln und Bürokratie abbauen, um wieder auf einen robusten Wachstumspfad zurückzukehren.

Änderungen im Jahreswirtschaftsbericht 2026 seien „Ausdruck des Politikversagens“

Kritiker:innen sehen darin einen deutlichen Rückschritt. Roland Zieschank vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung spricht von einem „Ausdruck des Politikversagens“. 


Der Bericht habe
„das eigentliche Ziel des Wirtschaftens wie auch
seine Basis aus dem Blick verloren“

kritisierte er. 

Die früheren Berichte hätten anerkannt,
„dass das Ziel der Wirtschaftspolitik in der Verbesserung gesellschaftlichen Wohlergehens bestehen“ müsse.
 


Nun aber werde diese Perspektive wieder aufgegeben. Besonders problematisch sei das Ausblenden ökologischer Grundlagen. „Die Basis des Wirtschaftens sind intakte Ökosysteme und Biodiversität“, so Zieschank. Die bis 2025 verwendeten Indikatoren hätten hierzu wichtige Informationen geliefert, während der aktuelle Bericht dies ignoriere. Dabei verwies der Experte auf den UN-Biodiversitätsrat IPBES, der den Verlust biologischer Vielfalt als „systemisches, existenzielles Risiko für die Weltwirtschaft“ einstuft.

Auch aus Sicht der Wohlstandsforschung ist die Neuausrichtung nicht nachvollziehbar.
Benjamin Held und Dorothee Rodenhäuser von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) sehen einen „klaren Rückschritt“, der im Widerspruch zum wissenschaftlichen Erkenntnisstand stehe.


 „Gesellschaftliche Wohlfahrt ist mehr als BIP-Wachstum“


betonten sie. Alternative Maße wie der Nationale Wohlfahrtsindex zeigten, dass Verteilung und Nachhaltigkeit entscheidend für die Lebensqualität seien.

Die Debatte ist nicht neu. Bereits die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Bundestages hatte 2013 parteiübergreifend festgestellt, dass das Bruttoinlandsprodukt als alleiniger Maßstab nicht ausreiche. 

Der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Hermann Ott, damals Mitglied in der Kommission, erinnerte jetzt daran, dass „alle damaligen Fraktionen Vorschläge gemacht haben“, um soziale und ökologische Indikatoren einzubeziehen. Das Wirtschaftsministerium unter Habeck habe diesen Ansatz aufgegriffen und weiterentwickelt. Mit der aktuellen Streichung durch Reiche, so Ott, „driftet die Bundesregierung wieder in die Steinzeit der Wohlstandsmessung zurück“.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen