Sonntag, 17. Mai 2026

Wir können gerade den Selbstmord einer Supermacht beobachten

T. Snyder hat nach der 2. Wahl Trumps die USA verlassen und lehrt nun in Kanada

Süddeutsche Zeitung hier  17. Mai 2026   Gastbeitrag von Timothy Snyder

Ein Toast auf den eigenen Untergang

Es lässt sich kaum beschreiben, wie primitiv Trumps Herangehensweise ist und wie viel Freude sie den Feinden der USA bereitet: Nach seinem Selbstmord als Supermacht wird Amerika seinen Status nur schwer zurückerlangen.

Die Vereinigten Staaten geben Milliarden Dollar aus, um einen Krieg gegen Iran zu verlieren, der ihre Oligarchen bereichert, ihre Bürger verarmt, ihre Allianzen beschädigt und ihre Feinde stärkt

Der Krieg offenbart ein Leitprinzip der Außenpolitik von US-Präsident Donald Trump:
den Selbstmord der Supermacht. Imperien entstehen und vergehen, aber meines Wissens hat noch nie ein Staat absichtlich und systematisch seine eigene Macht zerstört – erst recht nicht mit solcher Geschwindigkeit.

Dieser strategische Suizid ist schwer einzugestehen: Man hofft immer noch, dass Trumps Fehlschläge auf einem gewissen Verständnis des nationalen Interesses der USA beruhen. Das tun sie nicht.

Eine Supermacht muss zumindest ein moderner Staat sein, der – durch Rechtsstaatlichkeit und andere Institutionen – eine beträchtliche Zahl von Bürgern umfasst, die sich einem gemeinsamen Ziel verschrieben haben. Doch die Trump-Regierung behandelt die USA nicht als modernen Staat, sondern als Geschäftschance für einige wenige Auserwählte.

Timothy Snyder ist erster Inhaber des neuen Lehrstuhls für moderne europäische Geschichte an der Munk School of Global Affairs and Public Policy der Universität Toronto und ständiger Mitarbeiter am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Er ist Verfasser oder Herausgeber von 20 Büchern.

Um eine Supermacht zu bleiben, muss sich ein Staat zudem über die Zeit hinweg selbst erhalten. Kontinuität hängt von einem Prinzip zur Übertragung politischer Autorität ab.
Indem er danach strebt, auf unbestimmte Zeit an der Macht zu bleiben und das Vertrauen in Wahlen untergräbt, stellt Trump das Prinzip infrage, das die politische Nachfolge in den USA ermöglicht. 

Es gibt natürlich andere Wege, dies zu erreichen, etwa eine dynastische Herrschaft oder die Entscheidung eines Politbüros. Ein Übergang zu einer dieser Formen – man könnte sich den Zirkel der für den Aufstieg von Vizepräsident J. D. Vance verantwortlichen Tech-Oligarchen als kapitalistisches Politbüro vorstellen – würde das Ende der amerikanischen Republik bedeuten.

Die Trump-Regierung hat den öffentlichen Dienst ausgehöhlt und die Führungsspitzen des Militärs ausgetauscht

Dafür zu sorgen, dass die richtigen Personen an der Spitze stehen, ist entscheidend dafür, dass ein Staat Macht erlangt und bewahrt. Im Laufe der Geschichte fanden mächtige Staaten verschiedenste Wege, qualifizierte Personen zu ermitteln und in Führungspositionen zu befördern, unabhängig von ihrer Herkunft. Das alte China hatte ein Prüfungssystem. Napoleon etablierte das Leistungsprinzip sowohl im zivilen als auch im militärischen Leben.

Die USA ihrerseits hatten einst einen öffentlichen Dienst, um den sie die Welt beneidete, sowie ein in hohem Maße leistungsorientiertes Militär. Doch die Trump-Regierung hat den öffentlichen Dienst ausgehöhlt und die Führungsspitzen des Militärs ausgetauscht – ein Prozess, der von Leuten verantwortet wurde, die für die von ihnen bekleideten Positionen selbst unqualifiziert sind. Die Tatsache, dass Tulsi Gabbard, Kash Patel und Pete Hegseth heute Direktorin der nationalen Nachrichtendienste, FBI-Direktor und Verteidigungsminister sind, ist ein klares Indiz, dass hier eine Supermacht Selbstmord begeht.

In einem tieferen Sinne muss eine Supermacht über ein Bildungssystem verfügen, das ihre Bevölkerung und damit ihre politischen Führer darauf vorbereitet, sich globalen Herausforderungen stellen zu können. Doch in Trumps USA werden der öffentlichen Bildung die Mittel entzogen, Universitäten müssen mit Repressalien rechnen, wenn sie die akademische Freiheit verteidigen, und Schulbibliotheken, auch an Militärakademien, werden von nützlichen Büchern „gesäubert“.

Ebenso ist die Wertschätzung der Wissenschaft, die den Aufstieg vieler Großmächte beflügelt hat, in Trumps USA unter Beschuss geraten. Wie die alten Mesopotamier, deren Astronomen wissenschaftliche Methoden zur Kartierung des Himmels entwickelten, und die Römer, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Griechen nutzten, um ein Imperium aufzubauen, wurden die USA zur Supermacht, indem sie staatliche Institutionen schufen, um die Wissenschaft zu finanzieren und Wissenschaftler anzulocken – oft Einwanderer.

Die Trump-Regierung jedoch hat eine erschütternde Offensive gegen die Wissenschaft gestartet. Sie hält Forschungsgelder aus politischen Gründen zurück, hält angehende und etablierte Wissenschaftler davon ab, in die USA zu ziehen, und stellt grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse wie den vom Menschen verursachten Klimawandel infrage.

Selbst wenn Trumps neue Schlachtschiffe gebaut würden, wären sie für die moderne Kriegsführung völlig ungeeignet

Infolgedessen hat die Trump-Regierung die Energiewende in den USA abrupt gestoppt und subventioniert stattdessen ökologisch und wirtschaftlich zunehmend überholte fossile Brennstoffe.
Wie ein großartiges, in Kürze erscheinendes Buch zeigt, steigen Gesellschaften auf, die neue Energieformen erschließen; jene, die dies nicht tun, gehen unter. Dies könnte die profundeste Wahrheit in der Menschheitsgeschichte sein und macht Trumps Entscheidung zu einem existenziellen Fehler, der den Bedeutungsverlust der USA beschleunigen und China – ihren Hauptkonkurrenten und die weltweite Supermacht im Bereich sauberer Energie – in eine stärkere Position bringen wird.

Das Gleiche gilt für die Technologie und Innovation, die militärische Macht untermauern.
Die USA haben immer schon riesige Summen für Rüstung ausgegeben. Doch konzentriert sich die Regierung auf Ausrüstung der Vergangenheit, darunter eine neue Klasse von Schlachtschiffen, die nach Trump benannt werden soll. Der Plan ist ein absolutes Hirngespinst. Selbst wenn diese Schlachtschiffe irgendwie gebaut würden, wären sie für die moderne Kriegsführung, deren Konturen durch den Hightech-Krieg zwischen Russland und der Ukraine offenbart wurden, völlig ungeeignet.
Man kann sie bereits mit dem Stapellauf als versenkt betrachten.

Der Ukraine-Krieg ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Trump-Regierung die Kunst der Diplomatie zugunsten von „Deal-Making“ missachtet. Doch es gibt reichlich Beweise – darunter sein Kriechen vor dem russischen Präsidenten Wladimir Putin –, dass Trump nicht weiß, wie man verhandelt. Darüber hinaus werden US-Verbündete beschimpft und ausgegrenzt, und das aus keinem anderen Grund als persönlicher Gekränktheit.

Ohne einen Sinn für das nationale Interesse kann es kein Verständnis dafür geben, wozu Allianzen dienen. Und ebenso wenig eine Wertschätzung des internationalen Systems – der Gesetze, Regeln und Normen, die die globale Vorherrschaft der USA untermauerten. Es lässt sich kaum beschreiben, wie primitiv Trumps Herangehensweise ist und wie viel Freude sie den Feinden der USA bereitet.

Der Krieg gegen Iran ist eine strategische Niederlage; soweit die USA überhaupt Ziele hatten, wurden sie nicht erreicht

Das bringt uns zurück zu Iran. In internationalen Konfrontationen gewinnt eine Supermacht zumindest manchmal. Doch die Trump-Regierung verliert immer wieder. Der Krieg gegen Iran ist eine klare strategische Niederlage; soweit die USA überhaupt Ziele hatten, wurden diese nicht erreicht. Trumps Politik hat dazu geführt, dass mehr angereichertes Uran in den Händen eines noch radikaleren iranischen Regimes verbleibt, das über neue Quellen wirtschaftlicher Macht verfügt (Kontrolle der Straße von Hormus; Einschüchterung der Golfstaaten), und hat es den USA praktisch unmöglich gemacht, Einfluss auf die iranische Gesellschaft zu nehmen.

Die Regierung feiert Niederlagen zudem auf symbolische Weise, wie es für untergehende Staaten charakteristisch ist. Man denke an Hegseths Vergleich der Rettung eines abgestürzten US-Piloten mit der Auferstehung Jesu – eine schreiende Blasphemie, die uns von der zugrunde liegenden strategischen Hilflosigkeit ablenken könnte. Derartige christologische Bilder werden genutzt, um eine Niederlage in der realen Welt in einen Sieg in einer imaginären Welt zu verwandeln. Die polnische Romantik beispielsweise betrachtete den Zusammenbruch einer Republik (hauptsächlich aufgrund von Vermögensungleichheit) als Beweis dafür, dass Polen der „Christus der Nationen“ sei.

Zu guter Letzt verlieren viele Staaten an Macht, weil sie es sich schlicht nicht leisten können, sie aufrechtzuerhalten. Erstmals seit 1945 ist die US-Staatsverschuldung höher als das Bruttoinlandsprodukt. Ein nützlicher Vergleichspunkt: Hohe Defizite sind normal, wenn man vor einer Herausforderung wie dem Zweiten Weltkrieg steht. Aber die Trump-Regierung fährt diese Defizite aus einem ganz anderen Grund: um die Besteuerung wohlhabender Privatpersonen und Unternehmen zu vermeiden. Dieser Ansatz – der die Regierung als Dienstleister für die Superreichen betrachtet – ist unvereinbar mit dem Gewinnen von Kriegen oder der Aufrechterhaltung der sozialen Dienste, die das Funktionieren einer modernen Gesellschaft ermöglichen.

Reformen und Korrekturen sind nicht länger relevant, denn der Selbstmord der USA als Supermacht unter Trump ist ein Symptom der demokratischen Verzerrungen und Ungleichheiten, die eine derartige weltgeschichtliche strategische Narretei erst ermöglicht haben. Was die USA zur Supermacht machte, ermöglichte auch den aktuellen Versuch der Selbstzerstörung. Statt eine Rückkehr zum früheren Status quo anzustreben, müssen nun intensive Anstrengungen unternommen werden, um die US-Politik so umzugestalten, dass die Menschen mehr Macht erhalten, um eine gerechtere Zukunft zu schaffen.


Aus dem Englischen von Jan Doolan. Copyright: Project Syndicate, 2026.



Trump in China – was vom Gipfel der Weltmächte bleibt
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