Der neue Fahrradmonitor ist veröffentlicht – und erstmals wurden Kinder und Eltern gezielt befragt
Die Ergebnisse sind teilweise wirklich besorgniserregend.
Nur etwa ein Drittel der Kinder fährt mit dem Fahrrad zur Schule oder Kita.
Der Hauptgrund ist nicht Bequemlichkeit – sondern Angst Kinder haben vor allem Angst vor großen Autos
75 % fürchten, angefahren zu werden. Erst mit einigem Abstand folgt die Angst, zu stürzen.
Das sollte uns zu denken geben. Mir persönlich ist das als Mutter von zwei Kindern besonders wichtig Eine kindgerechte Verkehrsinfrastruktur ist kein „Nice-to-have“, sondern ein Maßstab für lebenswerte Städte.
Wer sichere Wege für Kinder schafft, schafft sie für alle.
Lesenswert auch das Interview dazu mit der leitenden Forscherin Franziska Jurczok:
Spiegel hier Ein Interview von Anika Freier 25.04.2026
»Bei Kindern ist Fahrradfahren eine soziale Frage. Die Schere geht weiter auf«
Für die Studie »Fahrradmonitor« sind erstmals Kinder zwischen 6 und 13 Jahren befragt worden. Die leitende Forscherin sagt, was die sich wünschen und warum bei der Verkehrserziehung so viel vom Verhalten der Eltern abhängt.
SPIEGEL: Frau Jurczok, alle zwei Jahre ermittelt der »Fahrradmonitor«, eine vom Bundesverkehrsministerium geförderte Erhebung, wie die Menschen in Deutschland zum Radfahren stehen. Diese Woche wurden die jüngsten Ergebnisse veröffentlicht, erstmals wurden dabei auch Kinder zwischen 6 und 13 Jahren befragt. Wie äußern diese sich zum Radverkehr?
Jurczok: Am eindrücklichsten war, wie positiv das Thema Fahrradfahren besetzt ist. Kinder verbinden mit dem Fahrrad eine schöne Zeit mit Familie und Freunden, aber auch, dass sie sich eigenständig fortbewegen können. Erwachsene schauen oft mit Sorge auf die Umgebung und sehen tatsächliche und mögliche Probleme, etwa fehlende Radinfrastruktur. Bei Kindern steht der Spaß im Vordergrund.
Franziska Jurczok hat empirische Politik- und Sozialwissenschaften studiert. Seit 2016 ist sie Wissenschaftlerin am Sinus-Institut, das alle zwei Jahre unter Förderung des Bundesverkehrsministeriums den »Fahrradmonitor« erstellt. Jurczok forscht unter anderem zu den Themen Mobilität und Familien.
SPIEGEL: Unterschieden sich die Eindrücke von Kindern in der Stadt und auf dem Land?
Jurczok: Relativ wenig, das hat uns auch überrascht. Die Freude am Fahrrad empfinden die Kinder ähnlich, sie fahren im Schnitt auch etwa gleich viel, in der Regel fühlen sie sich sicher. Das liegt aber auch daran, welche Rolle das Fahrrad in ihrem Alltag einnimmt.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Jurczok: Ein Großteil der Kinder nutzt das Fahrrad vor allem, um im Hof oder im Wohngebiet herumzufahren, oder um Ausflüge zu machen. Den Weg zum Kindergarten oder zur Schule bewältigen dagegen nur knapp ein Drittel der Kinder mit dem Rad. Der Kontakt zur Infrastruktur, zu fehlenden oder unsicheren Radwegen, ist natürlich ein ganz anderer, wenn ich eine Spielstraße zum Spaß hoch- und runterfahre oder tatsächlich von A nach B kommen muss.
SPIEGEL: Was berichten die Kinder von diesen Wegen?
Jurczok: So explizit haben wir das nicht nach verschiedenen Wegezwecken abgefragt, aber in der Befragung hat die Mehrheit der Kinder angegeben, Angst vor großen Autos zu haben. 75 Prozent haben Sorge, von Autos angefahren zu werden, 56 Prozent haben Angst vor sich plötzlich öffnenden Türen von fahrenden Autos. Das alles kommt noch vor der Sorge, zu stürzen oder sich zu verletzen. Am sichersten fühlen sich die Kinder, wenn sie mit Erwachsenen unterwegs sind. Aber da wird es oft kompliziert, insbesondere, wenn der Platz begrenzt ist.
SPIEGEL: Inwiefern?
Jurczok: Bei Kindern unter acht Jahren dürfen die Eltern mit auf dem Gehweg fahren, dann beschweren sich aber oft Fußgänger. Ab zehn Jahren dürfen Kinder nicht mehr auf dem Gehweg fahren, für die Straße fühlen sich viele aber noch zu unsicher. Viele der inhaltlich sinnvollen Regeln sind im Alltag nicht so leicht umzusetzen. Und dazu kommt, dass sie vielen nicht oder nur teilweise bekannt sind, und zwar sowohl bei Eltern als auch bei anderen Verkehrsteilnehmern. Das kann zu Konflikten führen.
SPIEGEL: Ist das der Grund, warum Kinder das Fahrrad vor allem zum Spaß und nicht für ihre alltäglichen Wege nutzen?
Jurczok: Das ist sicher einer der Gründe. Gerade bei jüngeren Kindern hat es einen großen Einfluss, ob auch die Eltern Fahrrad fahren und die Kinder damit begleiten. Bei älteren Kindern kommt oft die Entfernung dazu, wenn die weiterführenden Schulen weiter vom Zuhause weg sind als die Grundschulen. Andere Verkehrsmittel sind dann in der Regel praktischer.
SPIEGEL: Wie sehr prägt die Kindheit, wie wir uns später fortbewegen?
Jurczok: Sehr. Wir haben in der Umfrage untersucht, wann die Kinder Fahrradfahren gelernt haben und ob sie vorher schon Laufrad oder Roller gefahren sind. Dabei sehen wir ganz deutlich: Je früher die Kinder Kontakt zum Fahrrad hatten, desto häufiger fahren sie später. Dabei gibt es einen beunruhigenden Trend.
SPIEGEL: Nämlich?
Jurczok: Aus der Praxis hören wir immer wieder, dass viele Kinder den Fahrradführerschein nicht schaffen , weil sie unsicher auf dem Fahrrad sind. Auch unsere Befragung zeigt: 15 Prozent der Kinder zwischen 11 und 13 Jahren haben den Fahrradführerschein nicht gemacht, in dem es um ganz grundlegende Kenntnisse geht: sicher geradeaus fahren, bremsen, abbiegen.
SPIEGEL: Woher kommt diese Unsicherheit?
Jurczok: Insbesondere bei Kindern ist Fahrradfahren auch eine soziale Frage. Können die Eltern ihnen ein funktionierendes Fahrrad kaufen oder nicht? Haben sie die Möglichkeit, sich die Zeit zu nehmen, um mit ihren Kindern zu üben? Bei den Erwachsenen sehen wir: Menschen mit geringem Einkommen haben deutlich seltener ein Fahrrad oder fahren oft überhaupt nicht Fahrrad. Das bleibt nicht ohne Folge auf ihre Kinder. Und gleichzeitig gibt es viele Eltern, die ihren Kindern neue Fahrräder kaufen und großen Wert darauf legen, dass sie diese auch benutzen. Die Schere geht also tendenziell weiter auf.
»Kinder haben einen ganz intrinsischen Drang, sich zu bewegen, das sieht man auch an den Antworten.«
SPIEGEL: Wie zuverlässig sind die Antworten der Kinder in der Befragung überhaupt?
Jurczok: Die Fragebögen haben wir über die Eltern verschickt. Die Auswahl der Befragten ist, was Bildungsgrad und Wohnort der Eltern sowie Geschlecht, Alter und Herkunft angeht, für die Menschen in Deutschland repräsentativ. Wir haben die Eltern gebeten, ihre Kinder lediglich beim Antworten zu unterstützen, aber nicht in ihren Aussagen zu beeinflussen. Überprüfen können wir den tatsächlichen Ablauf nicht. Gerade bei den Antworten auf offene Fragen konnten wir aber etwa am Wortlaut gut sehen, dass sie von Kindern kamen.
SPIEGEL: Haben die Kinder dabei gesagt, was sie sich für den Verkehr wünschen?
Jurczok: Ja, darin waren sie auch sehr klar.
SPIEGEL: Und was stört Kinder am Fahrradfahren?
Jurczok: Unter den fünf Störfaktoren, die am häufigsten genannt wurden, beziehen sich vier auf die Infrastruktur. Die Kinder nennen zu viel Verkehr, Baustellen und kaputte Wege, zu wenig Platz und zu wenige oder gar keine Radwege. Ein Störfaktor fällt aus dieser Reihe raus. »Nass werden« kommt in der Liste an zweiter Stelle. Erwachsene geben das Wetter sogar als häufigsten Grund an, wenn sie erklären sollen, warum sie kein Fahrrad fahren.
SPIEGEL: Das Wetter lässt sich nicht beeinflussen, die Infrastruktur schon. Wenn es um den Bau neuer Radwege geht, für den etwa Parkplätze wegfallen sollen, argumentieren viele für Parkplätze und gegen die Radwege.
Jurczok: Auch daran zeigt sich, welchen Stellenwert Kinder in unserer Gesellschaft haben. Mobilität wird oft von Erwachsenen, von Berufstätigen gedacht, die schnell irgendwo hinmüssen. Kinder und ihre Wünsche werden dabei schnell übersehen. Dazu kommt, dass Radfahren oft auch politisch aufgeladen ist. Dann heißt es etwa, Radfahren sei nur etwas für Menschen, die viel Wert auf Nachhaltigkeit legen. Natürlich stimmt das zu einem Teil – dabei geht aber unter, dass das Fahrrad in der Bevölkerung insgesamt beliebt ist, das sehen wir in unseren Fahrradstudien seit fast 20 Jahren immer wieder. Viele Autofahrer fahren ja auch selbst Fahrrad, und sei es nur für Ausflüge.
Zum Fahrradmonitor geht's hier
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