Irgendwo im Osten werden diese Sätze ausgesprochen:
"wäre die Energiewende "ein bisschen ökonomischer und ein bisschen sozialverträglicher" abgelaufen, dann hätte man auch mehr Leute mitnehmen können"
und
"Am meisten stört die Menschen wahrscheinlich, was in den letzten 30 Jahren falsch gelaufen ist, dass dort, wo die meisten erneuerbaren Energien gebaut wurden, die höchsten Strompreise sind"
hier 13.05.2026,Von Hanno ChristWarum ein AfD-Politiker in der Uckermark auf die Energiewende setzt
- Erneuerbare Energien sind Wirtschaftsfaktor in der Uckermark
- AfD-Ortsvorsteher befürwortet Ansiedlung von Windradanlagen
- Projektentwickler sehen keinen örtlichen Widerstand der AfD
- Widerspruch zu Forderungen der Partei auf Bundes- und Landesebene
Wer in diesen Wochen über die Felder rund um Güstow in der Nähe von Prenzlau (beide Uckermark) blickt, der sieht nicht nur große gelb-blühende Rapsfeldflächen, sondern auch eine stattliche Anzahl von Windkraftanlagen. Mehr als zwei Dutzend sind es von jeweils unterschiedlichen Betreibern - darunter Firmen aus Westdeutschland, aber auch eine Güstower Bürgerwindgesellschaft, die Kirche und Familien aus der Region. Auch die Familie von Felix Teichner besitzt Windräder, errichtet auf dem Acker seines Urgroßvaters.
Während andere beim Anblick von Windrädern auf die Barrikaden gehen, gibt sich Teichner gelassen: "Ich bin damit aufgewachsen, vor etwa 30 Jahren - jetzt bin ich 35 Jahre alt - wurden die ersten Windkraftanlagen gebaut. Ich kenn' es eigentlich gar nicht anders." Er selbst lebt nur 800 Meter von den 45 Megawatt-Anlagen entfernt. Trotzdem störe ihn weder Anblick noch Geräusch, sagt Teichner.
AfD-Ortsvorsteher ist stolz auf Energiewende vor Ort
Das Besondere daran: Teichner ist nicht nur Ortsvorsteher des 130-Einwohner-Dörfchens. Er ist AfD-Mitglied, also in jener Partei, die fundamental gegen die Energiewende Stimmung macht. Teichner sitzt für die AfD im Landtag, war im Landesvorstand und kandidierte kürzlich erfolglos als Landrat.
Im Nordosten des Landes ist er das Gesicht seiner Partei, die dort bei den vergangenen Landtags- und Bundestagswahlen starke Ergebnisse einfuhr. Wenn Teichner aber über Windradanlagen spricht, ist er der Argumentation der Bündnisgrünen näher als der seiner eigenen Partei. Anfänglich habe man sich über die vielen Windräder geärgert, sagt Teichner. "Aber jetzt sieht man natürlich, was für einen großen Sprung wir gemacht haben in der Dorfentwicklung und wie wir als Ortsteil davon profitieren."
Felix Teichner klingt dabei hörbar stolz. Im Jahr wehten die Windräder rund 26.000 Euro in die sonst eher klammen Güstower Kassen. Davon leistete sich das Dorf die Inneneinrichtung des Gemeinschaftshauses, weitere Investitionen wie neue Wege oder eine Terrasse sollen folgen. Außerdem profitieren die Güstower vom grünen Tarif der Stadtwerke, der ihnen einen Stromnachlass von 180 Euro im Jahr pro Haushalt beschert.
Teichner selbst verdiene kein Geld mit den Windrädern, betont er auf Nachfrage, aber Familienmitglieder. Ohne diese Einnahmen wäre es mittlerweile schwierig, den landwirtschaftlichen Betrieb aufrecht zu erhalten. Dafür werfe das Geschäft mit der klassischen Landwirtschaft mittlerweile zu wenig ab. Er selbst besitzt Anteile der Bürgerwindgesellschaft und hat das auch dem Landtag als Nebentätigkeit gemeldet.
Teichner: Müssen weg von fossilen Brennstoffen
Auch deshalb ist Teichner alles andere als ein Fundamentalkritiker der Energiewende. "Am meisten stört die Menschen wahrscheinlich, was in den letzten 30 Jahren falsch gelaufen ist, dass dort, wo die meisten erneuerbaren Energien gebaut wurden, die höchsten Strompreise sind, dass man nur in die Erzeugungsanlagen investiert hat, dass 80 Prozent des Stroms, der produziert wird, nicht abgeführt werden kann und dass stattdessen nicht in die Infrastruktur und auch nicht in Speicher investiert wurde", so der AfD-Politiker.
Er ist überzeugt, wäre die Energiewende "ein bisschen ökonomischer und ein bisschen sozialverträglicher" abgelaufen, "dann hätte man auch mehr Leute mitnehmen können".
Auch in Güstow, seinem Dorf, in dem es bei den vergangenen Landtagswahlen keinen einzigen Wähler der Grünen gegeben hat.
Wenn alle Windkraftbetreiber rund um das Dorf mitmachten und andere an ihren Gewinnen beteiligen würden, müssten die Bewohner gar nichts mehr für ihren Strom bezahlen, rechnet Teichner vor und sagt dann einen Satz, wie er von der AfD nicht selbstverständlich zu hören ist. "Klar ist: Wir müssen irgendwann weg von fossilen Brennstoffen."
Kein lokaler Widerstand gegen Windenergie?
Ist die AfD ein Hindernis in der Region, wenn es um den Ausbau von Erneuerbaren geht? Nach Ansicht der Projektentwicklerin Bianca Buthmann nicht. Sie arbeitet für das Unternehmen MLK Brandenburg Windpark, das auch bei Güstow Anlagen betreibt. "Man hatte sehr viel gehört im Wahlkampf. Im Moment ist es ruhiger und wir sehen, dass wir trotzdem vor Ort eine gute Kooperation und Zusammenarbeit entwickeln können. Auch der AfD ist daran gelegen, dass alle partizipieren."
Die AfD wolle in erster Linie Anlagen, die sich auch ohne Förderung tragen, so Buthmann. "Wir haben es hier vor Ort einfach nicht, dass wir da anecken und ich sehe es auch in der Gemeinde Nordwestuckermark. Da ist die AfD auch stark vertreten. Man hat sicherlich bei neuen Projekten Enthaltungen von AfD-Vertretern. Aber sie stimmen nicht dagegen, wenn Anrainer und Gemeinde partizipieren. Sie enthalten sich dann eher, aber sie stoppen es nicht", so Buthmann. Das größere Problem sei die schwer planbare Politik der Bundesregierung mit CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, sagt Buthmann.
Auch Maurice Tauchert, Leiter der Geschäftskundenbetreuung bei den Stadtwerken Uckermark, kann keinen Widerstand der AfD erkennen. "Ich glaube, dass wir gerade bei den Stadtwerken, auch im Aufsichtsrat, alle Parteien miteinander vernünftig arbeiten und es auch keine Brandmauern gibt. Dadurch, dass man guckt, dass man Sachen voranbringt, Projekte gemeinsam entwickelt und für die Regionen arbeitet." Und da stünde am Ende die Parteizugehörigkeit nicht im Vordergrund, so Tauchert.
Erneuerbare Energien sind Wirtschaftsfaktor in der Region
Es gibt aber auch einen anderen Grund, weshalb der gelernte Industriemechaniker Teichner eine ganz persönliche Energiewende vollzogen hat: Die Uckermark ist eine der strukturschwächsten Regionen der Republik, die öffentliche Verwaltung und die PCK-Raffinerie in Schwedt waren hier die bislang verlässlichsten Arbeitgeber.
In den vergangenen Jahren aber hat die Branche der Erneuerbaren Energien aufgeholt. Viele Windräder sind gebaut worden, die aber erzeugen nicht nur Strom, sondern auch Wertschöpfung. Das Erneuerbare-Energie-Unternehmen Enertrag etwa hat in der Region seinen Ursprung und ist mittlerweile weltweit aktiv. Immer mehr Menschen arbeiten in Betrieben, die von der Energiewende leben, auch AfD-Mitglieder und Anhänger der Partei.
Würde Teichner pauschal Stimmung gegen Erneuerbare Energien machen, würde er nicht nur seine eigene Familie, sein Dorf, sondern auch seine eigene Basis im Landkreis angreifen. Auch deshalb ließ Teichner im zurückliegenden Landratswahlkampf die Finger davon. Er zog stattdessen mit bewährten AfD-Themen ins Feld wie etwa dem Widerstand gegen ein neues Asylbewerberheim oder griff seine Rivalin Karina Dörk (CDU) im Rennen um das Landratsamt auch mal persönlich an.
Teichner: Weidels Stimmungsmache gegen Windräder ist ärgerlich
Weil die Erneuerbaren Energien zu einem immer größeren Wirtschaftsfaktor in der Uckermark geworden sind, ärgerte es Teichner umso mehr, als Alice Weidel im Januar 2025 auf einem AfD-Parteitag von "Windmühlen der Schande" sprach und den Abriss von Windrädern ankündigte, sollte die AfD an die Macht kommen.
"Wenn man die abreißen wollen würde, dann müsste man die Eigentümer erstmal enteignen oder dementsprechend auch die Anlagen den Eigentümern abkaufen. Aber wer soll das bezahlen? Also, ich glaub', wenn es tatsächlich an die echte Umsetzung gehen würde, dass man da an Grenzen stoßen würde", so Teichner, der Weidels Zitat aber auch als "emotionalisierte Wahlkampfrede" entschuldigt.
"Ich habe mich da beschwert an der Stelle und ich glaube, sie würde das so heute nicht noch mal sagen", sagt er. Aber auch Teichners Fraktionsvorsitzender im Brandenburger Landtag, Hans-Christoph Berndt, spricht angesichts von Windparks gerne auch von "unerträglichen Horrorlandschaften" und von "Mordor", jenem Reich der Finsternis aus "Herr der Ringe". Die AfD bezeichnet die Energiewende gerne als "ideologisch getrieben", als Nachteil für den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Andere Realität in der Uckermark als in Potsdam
Doch wie passt das zusammen mit der Entwicklung in der Uckermark, wo selbst die AfD in der Energiewende mitmischt? Argumentiert nicht die AfD ideologisch? Teichner sagt, es sei nicht alles Schwarz und Weiß in der Partei. "Wir haben jetzt hier in der Uckermark mit Sicherheit andere politische Verhältnisse als vielleicht in Potsdam oder in anderen Bereichen. Hier sind die Erneuerbaren Energien nun mal Realität. Ich würde mir da schon ein bisschen den differenzierten Blick wünschen", räumt er ein.
Aber warum äußert er sich dazu nicht öffentlich und bezieht Position? "Das ist auch Teil der Professionalität, die man natürlich haben muss als Politiker", sagt er. "Man kann sich gerne nach innen hin herzlich zoffen und streiten, aber nach außen hin geschlossen zusammenstehen." Teichner akzeptiert, dass seine Realität vor Ort eine andere ist, als es die Parteilinie vorgibt. Er sei deswegen nicht in der falschen Partei, sagt er.
Teichner hat sich derweil schon neue Ziele gesetzt: Irgendwann, so hofft er, werde sein Dorf energieautark sein.
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