Donnerstag, 19. Mai 2022

BODENSEEKREIS: Photovoltaik statt Hagelschutznetze

 Als einen „Pioniertag“ bezeichnete Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Einweihung einer sogenannten Agri-Photovoltaikanlage in Kressbronn. In den Obstplantagen eines Landwirts ersetzen auf einer Fläche von 0,4 Hektar nun Solarpanele die bislang verwendeten Hagelschutznetze. Das Forschungsvorhaben des Fraunhofer-Instituts und des Landes soll in den kommenden Jahren flächendeckend in der Region umgesetzt werden. 


15.05.2022  |  VON BENJAMIN SCHMIDT BENJAMIN.SCHMIDT@SUEDKURIER.DE  hier

Solar-Panels statt Hagelschutznetze

...Klar ist schon jetzt: Seit Kurzem ersetzen Solarpanels auf 0,4 Hektar Fläche die sonst üblichen Hagelschutznetze auf Bauer Bernhards Hof. Der Fachbegriff hierfür lautet Agri-Fotovoltaik. Energieerzeugung und Landwirtschaft sollen also Hand in Hand gehen. Über Apfelbäumen wurden die Zellen angebracht – und sie liefern bereits Strom für 65 Haushalte. Das Ganze ist Teil eines Forschungsprojekts, das Land Baden-Württemberg mit 2,5 Millionen Euro fördert. An fünf Standorten, darunter Kressbronn und Ravensburg, werden in den kommenden Jahren solche Anlagen erprobt.

Die Grundidee scheint so einfach wie sinnvoll. Statt Netzen schützen Solarpanels Obstbäume vor Hagel, extremer Hitze und auch Kälte. Der Clou: Die Anlagen sind lichtdurchlässig – und lassen damit noch genug Licht für die darunter liegenden Pflanzen durch.

Bauer Hubert Bernhard berichtet: „Wir testen Panels mit unterschiedlicher Lichtdurchlässigkeit.“ Denn je mehr Licht die Zellen aufnehmen können, desto mehr Strom produzieren sie auch. Wie viel Licht die darunter liegenden Pflanzen brauchen, um gut wachsen zu können, soll unter anderem herausgefunden werden. In Kressbronn werden daher zwei unterschiedlich durchlässige Anlagen getestet.

Abnehmer der in Kressbronn erzeugten Energie ist das Regionalwerk Bodensee mit Sitz in Tettnang. Deren Geschäftsführer Michael Hofmann sagt: „Wir versorgen derzeit etwa 35 000 Haushalte, sprich gut 60 000 Bürger.“ Mit den 1000 Hektar Obstfläche, die im Gebiet des Versorgers unter Netzen liegen, könnte das Regionalwerk seinen gesamten Energiebedarf decken, so Hofmann. Derzeit bezieht der Betrieb seinen Strom am freien Markt, genauso wie das Stadtwerk am Bodensee.

Nach Informationen des Kompetenzzentrums Obstbau in Ravensburg liegen etwa 5000 Hektar Obstbaufläche unter Netzen entlang des Sees. Folgt man der Kalkulation des Regionalwerks, wonach mit 1000 Hektar 35 000 Haushalte versorgt werden können, so würde dies bedeuten: In Summe könnten 175 000 Haushalte am Bodensee lokal erzeugte Energie beziehen. Weitere 2000 Hektar liegen zudem noch nicht unter Netzen – und könnten auch noch genutzt werden.

Ökonomisch könnte sich die Sache auch für Landwirte rechnen. Obstbauer Bernhard hat gut 200 000 Euro aus eigener Tasche für das Projekt beigesteuert, weitere 200 000 Euro erhielt er durch Förderung, wie er sagt. Etwa 35 000 Euro kann er durch die Stromeinspeisung jährlich verdienen – abhängig von den Preisen für Energie. Sinken zudem noch die Kosten für die Panels, wäre der Solarstrom für Landwirte ein willkommenes Zusatzeinkommen. Daher sieht Ministerpräsident Kretschmann auch keine Notwendigkeit, dass das Land künftig derartige Anlagen finanziell fördert. „Der Strom soll ja ein zusätzliches Einkommen sichern“, so Kretschmann. „Der Witz ist ja, dass man damit Geld verdienen kann.“

Was fehlt, ist neben ausreichend Erfahrung mit den neuartigen Anlagen allerdings noch die Infrastruktur – vor allem Speichermöglichkeiten für den nachhaltigen Strom. 

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