Montag, 9. Mai 2022

Planetare Grenze überschritten: Wenn das Süßwasser knapp wird

 Standard  hier 5. Mai 2022

Erklärt! Klima

Artensterben, Klimakrise, biochemische Kreisläufe: Der Mensch verändert bestimmte Systeme so stark, dass es lebensbedrohlich wird. Jetzt könnte es auch beim Wasser eng werden


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Eine Neubewertung der planetaren Grenze im Bereich Süßwasser deutet darauf hin, dass diese nun überschritten ist, so ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Stockholm Resilience Centre und unter Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK).
Diese Schlussfolgerung ist auf die erstmalige Einbeziehung von "grünem Wasser" - dem für Pflanzen verfügbaren Wasser - in die Bewertung der planetaren Grenze zurückzuführen.
Update planetare Grenzen: Grenze für Süsswasser überschritten
Aktualisierte Abbildung der planetaren Grenzen (Abbildung aus Wang-Erlandsson et al, 2022).

"Wasser ist der Blutkreislauf der Biosphäre. Aber wir sind dabei, den Wasserkreislauf tiefgreifend zu verändern. Dies wirkt sich auf die Gesundheit des gesamten Planeten aus und macht ihn deutlich weniger widerstandsfähig gegen Schocks",
sagt Hauptautorin Lan Wang-Erlandsson vom Stockholm Resilience Centre (SRC) an der Universität Stockholm.

Das Konzept der planetaren Grenzen wurde erstmals 2009 vorgestellt unter der Leitung von Johan Rockström - damals Direktor des SRC, heute Direktor des Potsdam-Instituts und Mitautor der neuen Studie. Die planetaren Grenzen markieren den sicheren Handlungsraum für die Menschheit. Wasser ist einer der neun Regulatoren für den Zustand des Erdsystems und die sechste Grenze, deren Überschreitung Forschende festgestellt haben. Andere überschrittene Grenzen sind: Klimawandel, Integrität der Biosphäre, biogeochemische Kreisläufe, Veränderung des Landsystems und, im Jahr 2022, neuartige Stoffe, zu denen Plastik und andere vom Menschen hergestellte Chemikalien gehören.

Unterscheidung zwischen "blauem Wasser" und "grünem Wasser"

Bislang galt die planetare Grenze für Süßwasser als innerhalb des sicheren Handlungsraums liegend. Die ursprüngliche Süßwassergrenze bezog sich jedoch nur auf die Entnahme von Wasser aus Flüssen, Seen und Grundwasser - dem so genannten "blauen Wasser". Jetzt haben Forschende die Wassergrenze genauer untersucht. Die Autoren argumentieren, dass frühere Bewertungen die Rolle des grünen Wassers und insbesondere der Bodenfeuchtigkeit für die Widerstandsfähigkeit der Biosphäre, für die Sicherung der Kohlenstoffsenken an Land und für die Regulierung der atmosphärischen Zirkulation nicht ausreichend berücksichtigt haben.

"Der Amazonas-Regenwald ist für sein Überleben auf Bodenfeuchtigkeit angewiesen. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass Teile des Amazonas austrocknen. Der Wald verliert durch den Klimawandel und die Abholzung an Bodenfeuchtigkeit", sagt Arne Tobian, Zweitautor und Doktorand am Stockholm Resilience Centre und PIK. "Diese Veränderungen bringen den Amazonas möglicherweise näher an einen Kipppunkt, an dem große Teile des Regenwaldes in savannenähnliche Zustände übergehen könnten", fügt er hinzu.

Und das gilt nicht nur für den Amazonas – das Phänomen ist global zu beobachten. Überall, von den borealen Wäldern bis zu den Tropen, von Ackerland bis zu Wäldern, verändert sich die Bodenfeuchtigkeit. Ungewöhnlich feuchte und trockene Böden sind zunehmend an der Tagesordnung.

"Diese neueste wissenschaftliche Analyse zeigt, wie wir Menschen das grüne Wasser weit jenseits dessen verändern, was die Erde während des Erdzeitalters des Holozäns über mehrere tausend Jahre erlebt hat", schließt Rockström. "Dies ist eine ernste Bedrohung für die lebenserhaltenden Systeme auf der Erde, verursacht durch die globale Erwärmung, nicht nachhaltige Landbewirtschaftung und die Zerstörung der Natur."


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