Auch Litauen (Platz 6 im Public Health Index) ist ein gutes Beispiel für funktionierende Gesundheitspräventionspolitik. Maßnahmen wie die Einschränkung von Verkaufszeiten für Alkohol und eine höhere Besteuerung führten dazu, dass der Alkoholkonsum um rund 15 Prozent zurückging. Als Folge sank dann auch die Anzahl der auf Alkohol zurückzuführenden Todesfälle, sagt Reimann.
Fazit: Sind Tabak, Alkohol und Zucker
teurer oder nur eingeschränkt verfügbar,
wird weniger geraucht und gesünder gegessen und getrunken
„Bei uns ist vieles jeden Tag überall sehr preiswert vorhanden – und das bedeutet auch mehr Konsum“, bemängelt Reimann.
Die Gründe für zu wenig Prävention
Kassen-Chefin Reimann sieht drei Gründe dafür, warum die Prävention in Deutschland verbesserungswürdig ist:
- mangelnder politischer Wille,
- eine starke Lobbyarbeit der Industrie und
- die unzureichende Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Laut der Studie bleibt zum Beispiel die Tabakpolitik in Deutschland in zentralen Bereichen hinter den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zurück: “Die Tabaksteuer liegt unter dem von der WHO empfohlenen Niveau, Werbung ist am Verkaufsort weiterhin erlaubt und in vielen Bundesländern bestehen Ausnahmen beim Nichtraucherschutz.”
Auch die Alkoholpolitik kommt in der Untersuchung nicht gut weg und wird zu den “größten Schwachstellen” gezählt: “Besonders deutlich wird das Defizit bei drei zentralen Hebeln: der Besteuerung, der Verfügbarkeit und der Werbung.”
Allein bei der Bewegungsförderung belegt Deutschland einen mittleren Platz im Ranking.
Die Bundesregierung setzt derweil beim Thema Prävention andere Schwerpunkte. Auf einem Kongress im Sommer 2025 benannte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nach einem Bericht des Ärzteblattes mehrere Maßnahmen, mit denen sie die Prävention in Deutschland stärken will. Dazu gehört demnach eine Verbesserung der Zusammenarbeit der Akteure im Gesundheitswesen und der Ausbau der betrieblichen Gesundheitsförderung. Auch die Gesundheitskompetenz der Bürger soll verbessert werden.
Warum eine präventive Gesundheitspolitik wichtig ist
Folge von zu wenig Prävention ist nicht nur
Krankheit und persönliches Leid,
sondern auch ein hoher volkswirtschaftlicher Schaden.
Allein der Tabakkonsum verursache
rund 97 Milliarden Euro volkswirtschaftliche Kosten jährlich
Bei Adipositas seien es 63 Milliarden,
und bei Alkohol 57 Milliarden Euro.
Doch nicht jeder ist von höheren Steuern auf Zucker, Tabak und Alkohol, von Verboten oder anderen Regelungen überzeugt. Die Gegner einer solchen Politik argumentieren mit der individuellen Freiheit des Einzelnen, die nicht eingeschränkt werden dürfe. Reimann kann das nicht nachvollziehen. „Wenn man sich unsere europäischen Nachbarn anguckt, kann man sehen, dass wirtschaftsfreundliche, liberale Demokratien vorangehen“, sagt sie.
Mit ihrem Urteil über die dürftige Prävention im Gesundheitsbereich steht Reimann nicht allein da. Auch Hajo Zeeb, Epidemiologe am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, fordert mehr vorbeugende Gesundheitspolitik.
Statt Krankheiten zu verhindern, konzentriere sich das System zu sehr auf deren Behandlung, kritisiert er.
Das Problem mit Präventionsmaßnahmen ist allerdings: Sie wirken nicht kurzfristig.
Positive Ergebnisse sieht man oft erst Jahre später. Ende Dezember 2025 teilte das Bundesfinanzministerium mit, es sehe keine Grundlage für eine Zuckersteuer. Diese stehe nicht im Koalitionsvertrag.
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hatte zuvor dafür plädiert, sie einzuführen. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) sagte dazu der „Rheinischen Post“, man habe bei Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten eine freiwillige Reduktionsstrategie mit der Lebensmittelwirtschaft vereinbart.
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