Recht auf Teilzeit abschaffen? Bitte mehr Konsequenz, liebe CDU!
Maßgebliche Teile der CDU wollen das Recht auf Teilzeit kippen. Das kann man machen – dann aber bitte auch alles andere, was Frauen zu Hause hält.
Sie ist schon erstaunlich, diese Breitseite aus der CDU gegen das Recht auf Teilzeit – und damit vor allem gegen Frauen. Denn es war doch die Union, die sich einst heftig gegen das Recht auf Kitaplätze sträubte und immer wieder die „Wahlfreiheit“ der Frauen betonte.
Noch Anfang der 2000er-Jahre mussten viele Frauen im Job betteln, Teilzeit arbeiten zu dürfen, wenn sich Nachwuchs ankündigte. Karriereträume konnte ohnehin begraben, wer nicht Vollzeit arbeiten wollte. Es war das Recht auf Teilzeit, das einen fundamentalen Wandel einleitete: ökonomisch und vor allem kulturell.
Dass Deutschlands Frauen heute eine der höchsten Erwerbstätigkeitsquoten Europas aufweisen, ist ein Ergebnis davon. Dass immer mehr Männer sich trauen, auch mal in Elternzeit zu gehen oder zugunsten des Nachwuchses ihre Arbeitszeit zu reduzieren, auch.
Und es ist erst gut zehn Jahre her, dass eine CDU-geführte Bundesregierung ein Betreuungsgeld einführte, das Kritiker damals abschätzig als „Herdprämie“ verlachten. Das bekamen Eltern, die darauf verzichteten, Kinder im zweiten oder dritten Lebensjahr in eine Kita zu schicken. Heute wären wir froh, wenn damals schon alle Kinder früh in der Kita gutes Deutsch gelernt hätten.
Das Betreuungsgeld hat das Verfassungsgericht gekippt. Nur Bayern führte ein Landes-Betreuungsgeld ein. Doch selbst das hat Markus Söder vergangenes Jahr beerdigt.
Der Wirtschaftsflügel der CDU will angesichts des Fachkräftemangels den Rechtsanspruch auf Teilzeit abschaffen. Demnach soll ein Rechtsanspruch auf Teilzeit künftig nur bei Vorliegen besonderer Gründe gelten. Dazu zählen etwa die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen oder Weiterbildungen. Was halten Sie von dem Vorschlag des Wirtschaftsflügels der CDU?Nun also das Recht auf Teilzeit. Das kann man natürlich abschaffen – zumal die Verhandlungsposition der angestellten Arbeitnehmer in Zeiten des Fachkräftemangels mittlerweile ja tatsächlich weit stärker ist. Dann aber bitte das ganze Programm, liebe CDU.
Seit Jahrzehnten erklären Ökonomen, dass das Ehegattensplitting die traditionelle Rollenverteilung zementiert, weil es den Anreiz für Frauen minimiert, mehr zu arbeiten. Bisher hält die Union jedoch eisern am Splitting fest. Das gilt auch für die kostenlose Mitversicherung von nicht arbeitenden Ehepartnern – ebenfalls meist Frauen – in der gesetzlichen Krankenversicherung.
Daneben müsste sich die Union auch von den Minijobs verabschieden, für die es kaum noch gute Gründe gibt, sondern die ebenfalls viele Frauen in Mini-Teilzeiten halten. Das würde ihr allerdings Ärger mit einem Teil der Arbeitgeber einbringen.
Und wenn sie schon dabei wäre, könnte die neue CDU auch die übrigen Relikte aus der Ära „Papa arbeitet, und Mama bleibt an Heim und Herd“ abschaffen. Die Witwenrenten zum Beispiel oder die Mütterrenten.
Wollen wir wetten, dass sich die Union einen solchen Rundumschlag noch nicht trauen wird? Denn das würde ihr auch den Unmut vieler CDU wählender Ehemänner einbringen, denen die traditionelle Rollenteilung nach wie vor ganz gut gefällt.
Werner Koller LinkedIn
Die Arbeitszeit pro Kopf ist auch durch mehr Teilzeit, was zu einer wesentlich höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen geführt hat, in den letzten 20 Jahren stark gestiegen.
Insgesamt wurden im Jahr 2022, dem letzten Bezugsjahr des aktuellen Mikrozensus, von den 20 bis 64 Jährigen durchschnittlich 2,6 Wochenstunden mehr gearbeitet als 1991.
Bei den Frauen waren es sogar 5,2 Wochenstunden. Und dieser Trend hat sich basierend auf Daten der Arbeitsagenturen bis 2024 fortgesetzt. Für 2025 gibt es noch keine aussagefähigen Ergebnisse.
Könnte mir also bitte jemand erklären, woher dieser Unsinn kommt, dass früher mehr gearbeitet wurde? Gerade die Einführung des Rechts auf Teilzeit im Jahr 2001 hat dazu geführt, dass die Erwerbsbeteiligung von Frauen stark und kontinuierlich gestiegen ist. Und das ist (neben Zuwanderung) der entscheidende Faktor für Wachstum.
Eine rückläufige Wochenarbeitszeit wird durch eine höhere Erwerbsbeteiligung in der Kohorte überkompensiert. Es ist volkswirtschaftlich besser, wenn von einem Jahrgang 80% 26 Stunden arbeiten als 50% 40 Stunden. Wobei noch hinzu kommt, dass die Produktivität bei kürzeren Arbeitszeiten tendenziell zunimmt.
Quelle: https://lnkd.in/dfrJ2SVB
Jochen Brühl LinkedIn
Faul, krank, LifestyleTeilzeit – WHAT???Geht’s noch?
Echt jetzt, CDU Deutschlands? In diesen Wochen redet ihr mir zu viel von angeblicher Arbeitsunlust der Deutschen.
Wir seien zu bequem, zu oft krank, bzw. krankgeschrieben, zu sehr auf Teilzeit fixiert. Ganz ehrlich: Dieses Ablenkungsmanöver ermüdet und nervt. Nicht, weil Leistung keine Rolle spielt – sondern weil sie an der Realität vorbeigeht und von Politikversagen abzulenken versucht.
Wer mit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern spricht, weiß: Die meisten arbeiten hart. Sie tragen steigende Preise, hohe Mieten, Pflegeverantwortung, Kinderbetreuung und eine wachsende Unsicherheit im Alltag. Das Problem ist nicht mangelnder Einsatz. Das Problem ist politische Ablenkung.
Während sich Teile der Politik in populistischen Schlagworten verlieren, bleiben die zentralen Baustellen liegen: Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Rente. Das sind keine Randthemen.
Das sind die sozialen Fundamente dieses Landes. Hier braucht es echte, tragfähige Strukturreformen, die die Menschen mitnehmen - Mut zur Priorisierung und den Willen, Verantwortung zu übernehmen – nicht Nebenschauplätze und symbolische, populistische Empörung, die spaltet und extremen Parteien die Menschen in die Arme treibt.
Und zur Teilzeit-Debatte: Ob Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren, ist in vielen Fällen keine Lifestyle-Entscheidung, sondern Ausdruck von Lebensrealität. Pflege, psychische Belastung, familiäre Verantwortung oder schlicht der Wunsch nach einem gesunden Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben gehen den Staat in ihrer Bewertung nichts an.
Arbeitszeitmodelle so zu moralisieren heißt, an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen vorbei zu regieren. Und diese unnötige Diskussion trifft v.a. mal wieder Frauen, die in Teilzeit arbeiten. Merkt jemand was?
Was mich dabei besonders irritiert: Arbeitnehmerinnenrechte, die über Jahrzehnte erkämpft wurden, werden plötzlich wieder zur Disposition gestellt – als wären sie Luxusprobleme und eine Art „Kirsche auf der Torte“, die man eigentlich nicht bräuchte. Dabei sind sie das Rückgrat sozialer Stabilität, ein Fundament unserer Gesellschaft.
Politik wurde gewählt, um Probleme zu lösen. Nicht, um sie rhetorisch zu umkreisen und Menschen gegen sich aufzubringen. Nicht, um eine Gesellschaft gegeneinander auszuspielen und immer wieder andere gesellschaftliche Gruppen in den Fokus zu nehmen und zu beschuldigen, Grund der Misere zu sein.
Bürgergeld/ Grundsicherungsempfängerinnen u.a., jetzt Arbeitnehmerinnen (aber immer noch keine Vermögenden?). Politik muss gerade jetzt anpacken, ordnen, reformieren – und alle Menschen mitnehmen, statt sie zu verunsichern oder gegen sich aufzubringen.
Wir brauchen eine Politik für die Menschen, die fundiert und einsichtig ist - dann werden auch einschneidende Reformen mitgetragen. Das erreicht man allerdings nicht mit einer solchen Arroganz gegenüber bestehenden Lebenswirklichkeiten und Arbeiternehmerinnenrechten.
Marcel Fratzscher LinkedIn
Eine Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit würde vielen Unternehmen und der deutschen Wirtschaft großen Schaden zufügen.
Der Trend im Arbeitsmarkt in den letzten Jahren und Jahrzehnten ist deutlich hin zu einem Anstieg von Teilzeit und einem Rückgang von Menschen, die in Vollzeit arbeiten.
Viele Beschäftigte in Vollzeit wünschen sich eine reduzierte Arbeitszeit, so dass vor allem die Arbeitsteilung innerhalb der Familie weniger ungleich wird.
Eine Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit würde stark gegen die Wünsche vieler Deutscher gehen, dadurch die Beschäftigung tendenziell eher reduzieren als erhöhen und somit den Fachkräftemangel in Deutschland weiter erhöhen. Die Konsequenz wird weniger Wachstum und Wohlstand und ein weiterer Anstieg der Insolvenzen von Unternehmen sein.
Anstelle eine Reduzierung von Vollzeit auf Teilzeit zu verhindern, sollte die Politik die vielen Hürden vor allem für Frauen aus dem Weg räumen, um in Teilzeit mehr Stunden oder gar in Vollzeit zu arbeiten. Eine Reform des Ehegatten splitting, mit Versicherung und Minijobs sind der richtige Weg.
Wir haben eine unsägliche Debatte, um fehlende Leistungsbereitschaft von Beschäftigten, und vor allem jungen Menschen. Die Fakten widerlegen dies deutlich: es wurden nie mehr Arbeitsstunden geleistet als heute. Viele Partner wünschen sich eine weniger ungleiche Aufteilung in der Familie. Viele Frauen in Teilzeit wünschen sich mehr Arbeitsstunden.
Es ist Aufgabe des Staates, Freiheiten zu schaffen und Vielfalt wertzuschätzen, und nicht Freiheiten zu beschränken und mit Zwang zu agieren.
Alexander Fischer LinkedIn
Ein Update zur Forderung des CDU-Wirtschaftsflügels nach teilweiser Abschaffung des Rechts auf Teilzeit. Gefordert wird auch ein "Hashtag#Vollzeitvorbehalt" für den Bezug ergänzender Sozialleistungen (Grundsicherung nach SGB II, Wohngeld, Kinderzuschlag). Was würde das praktisch heißen?Wer nicht Vollzeit arbeitet, verliert den Anspruch auf existenzssichernde oder existenzunterstützende Sozialleistungen. In der Grundsicherung würde das nach den letzten verfügbaren Daten (9/2025) etwa 740.000 Menschen betreffen, denn von den rund 826.000 "Aufstocker*innen" waren nur rund 10 Prozent Vollzeitbeschäftigte.
Für Kinderzuschlag und Wohngeld fehlen entsprechende statistische Grundlagen, aber entsprechend der Anlage der Leistungen muss davon ausgegangen werden, dass die Zahl der von einer solchen Regelung betroffenen Haushalte in die Hunderttausende gehen würde. Im Ergebnis würde der Vorschlag dazu führen, dass mehr als eine Million Haushalte ihren Anspruch auf ergänzende Sozialleistungen zur Existenzsicherung oder Existenzunterstützung verlieren würden. Wer die Realität des Arbeitsmarkts in den niedrigen Einkommenssegmenten kennt (hohe Fluktuation, insgesamt niedriges Beschäftigungsangebot, hoher Anteil von Teilzeitbeschäftigungsangeboten) und zur Kenntnis nimmt, kann nur zu einem Schluss kommen: dieser Vorschlag wäre gleichbedeutend mit einem drastischen Abbau der sozialen Sicherung.
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