Ich liebe den wunderbaren Erzählstil von W. Kaminer seit ich ihn vor vielen Jahren zufällig entdeckt habe. Er, als geborener Russe, kennt die Hinter- und die Abgründe seines Geburtslandes ganz genau. Und so ziehe ich auch immer wieder neue Erkenntnisse aus seinen Erzählungen. Sehr spannend finde ich nun das, was er zu den Desinformationskampagnen zu sagen hat. Ja, Rußland führt bereits einen subtilen Krieg gegen uns.
T-online Kolumne "Russendisko" hier Wladimir Kaminer 28.12.2025
Da wurde der Kreml mächtig reingelegt
Das russische Regime braucht den Krieg, fürchtet Wladimir Kaminer
Russlands Regime hatte eine Erkenntnis: Im Krieg herrscht es sich leichter. Für die Ukraine, Deutschland und Europa ist das eine schlechte Nachricht, meint Wladimir Kaminer.
Die Weihnachtszeit ist eine Zeit der Besinnung und des Friedens. Doch die Gewissheit ist nun da: Auch wegen Weihnachten wird die russische Führung den Angriff auf die Ukraine nicht stoppen. Trotz aller diplomatischen Anstrengungen, trotz des amerikanischen Angebots, mit beiden Seiten eine Feuerpause zu vereinbaren: Man wolle sie am Kragen packen und für weitere "Verhandlungen" aus den zugefrorenen Schützengräben in einen warmen Konferenzraum setzen. Diese Anstrengungen haben nicht gefruchtet.
Die ganze Welt schaut mit Unverständnis und Kopfschütteln zu, wie das größte Land der Welt sich in einem sinnlosen Kräftemessen in der Ostukraine ruiniert. Doch diesem Krieg geht bald die Puste aus. Die Experten sind sich einig: Ein weiteres Jahr des Krieges in dieser Intensität wird die Wirtschaft Russlands nicht ohne schwerwiegende Folgen mittragen können.
Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Russendisko". Sein aktuelles Buch ist "Das geheime Leben der Deutschen", das am 27. August 2025 erschienen ist.
Der substanzielle Schaden an Menschen und Material ist zu groß, die Schlachten sind zu teuer, die Unterstützung für den Krieg in der Bevölkerung ist zu gering. Die knifflige Frage ist: Gibt es für das Regime ein Leben nach dem Krieg? Und wenn ja, wie sieht dieses Leben aus?
Die kremlnahe Zeitschrift "Russland in der globalen Welt" sprach zum Ende des Jahres eine Warnung aus. Ihr Chefredakteur Fjodor Lukjanow, Putins Lippenleser ersten Grades, gab zu bedenken, dass Russland ohne Krieg den letzten Hebel in der globalen Politik verlieren, aus den Schlagzeilen der Weltnachrichten verschwinden und in eine internationale Isolation fallen würde.
Putin braucht den Konflikt
Jedes Land, das in der Welt wahrgenommen werden will, braucht Verbündete, ihm freundlich gesinnte Länder. Mit Freunden wie denen in Nordkorea, Kuba oder den Taliban lasse sich kaum eine relevante Weltpolitik betreiben, und China würde Russland als Spielkarte im amerikanischen Poker bei der ersten Gelegenheit abwerfen, meint das russische Staatsorgan.
Die eigene Armee im Donbass ständig ausbluten zu lassen, löst dieses Problem jedoch auch nicht. Als einziger Ausweg bleibt ein anderer Krieg, eine dauerhafte hybride Auseinandersetzung mit dem Westen, die nicht unbedingt mit Waffen geführt werden solle. Hier in Europa scheint diese Botschaft langsam mit großer Verspätung anzukommen.
Pünktlich Richtung Adventszeit veröffentlichte der Verfassungsschutz den Bericht über mutmaßliche russische Aktivitäten in Deutschland, es geht um Sabotage, Hackerangriffe, Versuche, die radikalen Parteien zu infiltrieren, zur Torpedierung des innenpolitischen Diskurses. Der Bericht umfasst nur einen kleinen Teil der Ereignisse aus dem letzten Jahr und beantwortet kaum die Frage, was das Ganze soll und was man dagegen tun kann. Es wird erst einmal gründlich "ausgewertet". Vielleicht wollten die Russen ja nur spielen, ein wenig angeben?
Genauer betrachtet scheint jedoch in der augenblicklichen Situation exakt diese Art der Auseinandersetzung mit dem Westen die einzig mögliche Strategie des Regimes zu sein. Diese kann sich im Grunde immer weiter hinziehen, ohne große Anstrengungen von der Bevölkerung zu verlangen und ohne bemerkenswerte wirtschaftliche Belastungen.
Kreml auf Elefantenjagd
Europa und Deutschland sind auf eine solche Auseinandersetzung nicht vorbereitet und können sich militärisch dagegen nicht wehren. Auch auf diplomatischem Weg ist eine Zurechtweisung des Angreifers äußerst schwierig, zumal die Angriffe im Verborgenem vorbereitet und oft "outgesourct" werden: an heimische Kriminelle oder willige Sympathisanten, die sich gerne zu einem "Besuch der russischen Botschaft" einladen lassen.
Eine solche Kampfesweise ist keine russische Erfindung. Vor vielen Jahrhunderten, als es noch keine Drohnen und kein Internet gab, wurden darüber bereits Traktate verfasst. In alten indischen Büchern wird diese Taktik als "Kampf der tausend Kratzer" beschrieben. Es ging damals um die Elefantenjagd. Ein Elefant ist ein großes und gefährliches Tier. Man kann ihn nicht mit einem Speer oder Pfeil erlegen.
Und so begleiteten die Jäger ihre Beute über Tage und manchmal Wochen und machten dem Tier mit allen Mitteln das Leben schwer, bis es irgendwann wie von allein zu Boden ging. Den Kampf der tausend Kratzer führen im Übrigen auch die Ukrainer seit Beginn der Aggression im russischen Hinterland – und das mit Erfolg. Dabei werden Telefonbetrüger und Hacker für terroristische Aktivitäten angeworben, Lkw-Fahrer, Schüler und Rentner werden manipuliert.
Die letzte solche Aktion überraschte mich sehr. Die Führung der Autonomen Republik Baschkortostan (bis 1992 Baschkirien genannt) bekam aus Moskau eine Anweisung, den "Tag der im Krieg gefallenen Baschkiren" durchzuführen. In jedem Kindergarten und in jeder Schule sollten die Kinder über das Schicksal der 8.000 an der ukrainischen Front getöteten Baschkiren informiert werden, eine Trauerfeier organisieren und einen Bericht darüber ins Internet stellen.
Die Beamten vor Ort haben sich zuerst ein wenig gewundert, das Militär hält eigentlich die Verlustzahlen seit Beginn des Krieges unter Verschluss. Niemand soll wissen, wie viele Menschen mit ihrem Leben für den "Ausrutschkrieg" des Kremls bezahlt haben, und die 8.000 Gefallenen sind für Baschkortostan eine sehr große Zahl. In vielen Kindergärten wurde die Trauerfeier durchgeführt, Befehl ist immerhin Befehl.
Wenig später kam eine böse Reaktion aus Moskau: Eine solche Anweisung habe es nie gegeben, die Verbindungen zwischen baschkirischer Administration und Zentrum müssen gehackt worden sein. Es wird seltsamer und seltsamer, wie Alice im Wunderland zu sagen pflegte.
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