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In zehn Jahren decken Batteriespeicher die Lücke komplett ab, wenn Sonne, Wind und Bioenergie einmal nicht ausreichen, wettet Matthias Willenbacher, Gründer der nachhaltigen Investing-Plattform WIWIN.
Von der Wirtschaftsministerin fordert er eine technologieoffene Ausschreibung statt nur für Gaskraftwerke.
Klimareporter hier / Willenbachers Woche 16.11.2025 Fragen: Jörg Staude
Exponentielle Erneuerbare, Solarstrom für alle und eine Zehn-Jahres-Wette auf Batteriespeicher
In zehn Jahren decken Batteriespeicher die Lücke komplett ab, wenn Sonne, Wind und Bioenergie einmal nicht ausreichen, wettet Matthias Willenbacher, Gründer der nachhaltigen Investing-Plattform Wiwin und Mitglied im Klimareporter°-Herausgeberrat. Von der Wirtschaftsministerin fordert er eine technologieoffene Ausschreibung statt nur für Gaskraftwerke.
Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Matthias Willenbacher, Gründer der Plattform für nachhaltiges Investieren Wiwin.
Klimareporter°: Herr Willenbacher, laut dem neuen Report zum globalen CO2-Budget wachsen die erneuerbaren Energien zwar weltweit schnell, der Energiebedarf wächst aber schneller und die "Lücke" wird durch ebenfalls wachsende fossile Verbrennung gedeckt. Im Ergebnis steigen die CO2-Emissionen weiter. Wie kommen wir da heraus?
Matthias Willenbacher: Diese vermeintlich vertrackte Lage ist in Wahrheit bereits dabei, sich aufzulösen. Und das viel schneller, als viele glauben.
Die globalen Daten zeigen eindeutig, dass die Erneuerbaren schneller wachsen als der Strombedarf. Laut den neuesten Zahlen stieg die weltweite Stromnachfrage im ersten Halbjahr 2025 um 369 Milliarden Kilowattstunden, während Solar- und Windenergie zusammen 403 Milliarden Kilowattstunden zusätzlich ins Netz brachten. Die erneuerbaren Energien überholen die Kohle in der Stromproduktion.
Wir sehen also genau das, was nötig ist, um die CO2-Emissionen endlich zu senken: Erneuerbare Energien decken schon heute den zusätzlichen Bedarf. Auch in Europa und Deutschland findet eine Verschiebung statt. Im Oktober hat Deutschland trotz aller politischen Hürden bereits einen Erneuerbaren-Anteil von 62 Prozent erreicht.
Je schneller wir den Ausbau vorantreiben, desto stärker sinken die Kosten und desto eher erreichen wir den Punkt, an dem erneuerbare Energien nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch unschlagbar sind.
Wenn Solar- und Windkraft ihren exponentiellen Wachstumspfad fortsetzen – und die Zahlen sprechen dafür –, werden sie nicht nur den steigenden Energiebedarf decken, sondern fossil erzeugten Strom auch vollständig ersetzen. Wir müssen lediglich den bereits funktionierenden Weg radikal konsequent weitergehen.
Australien nutzt mit dem "Solar Sharer"-Programm künftig mittägliche Photovoltaik-Überschüsse, um den Haushalten – auch ohne eigene Dachanlage – drei Stunden kostenlosen Solarstrom zu schenken. Ist das gut für die Akzeptanz der Energiewende oder einfach nur Verschwendung?
Das Programm ist ein starkes Signal und trägt eindeutig zu mehr Akzeptanz der Energiewende bei. Solarstrom wird immer günstiger, und wenn der Verbrauch gezielt in die Mittagsstunden gelenkt wird, lassen sich Angebot und Nachfrage deutlich besser zusammenbringen.
Genau das macht Australien vor: Statt überschüssige Solarenergie abzuregeln, wird sie für drei Stunden kostenlos an alle Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben.
Damit ein solcher Ansatz auch in Deutschland funktioniert, brauchen wir endlich die passenden Rahmenbedingungen. Ein zügiger Smart-Meter-Rollout, flexible Stromtarife und zeitvariable Netzentgelte würden automatisch dafür sorgen, dass sich der Verbrauch in jene Stunden verschiebt, in denen erneuerbarer Strom reichlich und preiswert verfügbar ist. Wer dann mittags wäscht, lädt oder produziert, profitiert unmittelbar.
Wenn Menschen direkt erleben, dass die Energiewende ihnen ganz konkret Vorteile bringt, also kostenlosen oder besonders günstigen Solarstrom, dann entsteht Vertrauen. Je mehr günstiger Solarstrom am Markt ist, desto sinnvoller ist es, den Konsum dorthin zu lenken, und desto mehr Menschen profitieren unmittelbar.
Über Jahrzehnte galt der Emissionshandel als das marktwirtschaftliche und liberale Instrument, um gerade die Industrie auf sanfte und effiziente Weise zu dekarbonisieren. Neuerdings beklagen aber energieintensive Zweige wie die Chemie über untragbare Lasten aus dem Emissionshandel und fordern dessen Aussetzung, wenn nicht gar Abschaffung. Was ist da passiert und wie kann der Konflikt gelöst werden?
Klima- und Umweltschutz haben traditionell die schwächste Lobby, deshalb überrascht es mich nicht, dass ausgerechnet besonders CO2-intensive Industrien jetzt den Emissionshandel aussetzen oder abschaffen wollen. Dort versucht man immer wieder, den regulatorischen Hebel zu lockern und Verantwortung abzuwehren.
Doch wir lösen das Problem nicht, indem wir die Regeln aufweichen. Deshalb braucht es eine starke Gegenlobby für Mensch und Umwelt, also gesellschaftliche und politische Stimmen, die konsequent einfordern, dass Klimaschutz nicht verhandelbar ist.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Für mich war die Entscheidung des Bundestages, Großbatteriespeicher baurechtlich zu privilegieren, ganz klar die Überraschung der Woche. Endlich wird anerkannt, dass Großspeicher keine Randtechnologie mehr sind, sondern eine wichtige Säule in einem modernen, flexiblen Energiesystem.
Ich sehe es so wie Ursula Heinen-Esser, die neue Präsidentin des Erneuerbaren-Verbandes BEE, die große Batteriespeicher als Rückgrat eines solchen Systems bezeichnet. Sie ermöglichen die optimale Integration fluktuierender erneuerbarer Energien.
Viele unterschätzen, wie schnell sich unser Energiesystem tatsächlich wandelt. Die Netzbetreiber haben längst Zusagen für Speicherkapazitäten in einer Größenordnung gemacht, die bisherige Zukunftsprognosen deutlich übertrifft: insgesamt mehr als 75.000 Megawatt.
Solche Größenordnungen tauchen in vielen langfristigen Energieszenarien frühestens zur Mitte des Jahrhunderts auf, nicht aber für das kommende Jahrzehnt. Selbst wenn nicht alle Projekte umgesetzt werden: Die "Pipeline" wächst, und die Kosten von Batterien sinken weiter.
Gleichzeitig sehe ich die rechtliche Gleichstellung von Kleinspeichern und Autobatterien als ebenso bedeutende Entwicklung. Fahrzeugbatterien werden beispielsweise zunehmend als mobile Speicher genutzt, die perspektivisch aktiv ins Energiesystem eingebunden werden können.
Und mit dem wachsenden Markt für Second-Life-Batterien aus E‑Autos entsteht zusätzlich ein enormes Potenzial für kostengünstige stationäre Speicher. Damit wächst ein Energiesystem mit großen und kleinen Speichern zusammen.
Dass diese Dynamik jetzt so schnell Fahrt aufnimmt,
hätte ich vor wenigen Monaten nicht erwartet.
Umso erfreulicher ist sie,
denn mit starken Speichern wird die Energiewende gelingen.
Ich gehe eine Wette ein:
In zehn Jahren werden Batteriespeicher
die gesamte Residuallast abdecken können –
also genau jene Lücke schließen, die entsteht,
wenn Sonne, Wind und Bioenergie einmal nicht ausreichen.
Zum Schluss noch eine Frage an Wirtschaftsministerin Katherina Reiche: Warum wurden die geplanten 10.000 Megawatt Reservekapazität nicht technologieoffen ausgeschrieben? Viele Experten kritisieren die einseitige Ausrichtung auf Gaskraftwerke und können diese nahezu planwirtschaftliche Festlegung nicht nachvollziehen.
Klimareporter von Jörg Staude hier 14.11.25
Einigung zur Kraftwerksstrategie: Reiches doppelte Niederlage
Alle neuen Gaskraftwerke müssen "H2-ready" sein – und genehmigt ist die neue Kraftwerksstrategie der Bundesregierung noch immer nicht. Mit der Einigung der Koalition auf Basis der EU-Vorgaben muss Wirtschaftsministerin Reiche eine doppelte Niederlage einstecken.
Anfang August klang es von der Bundeswirtschaftsministerin noch ganz anders. Bei einem Termin in der Lausitz verkündete Katherina Reiche (CDU), man habe sich mit der EU-Kommission bisher zu deutlich mehr als der Hälfte der neuen Gaskraftwerke einigen können.
Flugs wurde gerechnet: Wenn über die Hälfte der geplanten 20.000 Megawatt so gut wie fertig verhandelt ist, dann hat die EU also schon dem Neubau von mindestens 10.000 Megawatt Gaskraftwerken praktisch zugestimmt.
Ein Vierteljahr später erweisen sich nicht nur die 10.000 Megawatt als vorläufige Luftnummer – mit der Einigung des Koalitionsausschusses über die Kraftwerksstrategie am Donnerstagabend muss die Ministerin gleich eine doppelte Niederlage einstecken.
Denn die EU will zunächst nur maximal 8.000 Megawatt Gaskraft genehmigen – und entgegen Reiches Ziel müssen diese Anlagen von vornherein wasserstofffähig ("H2-ready") sein und spätestens 2045 dekarbonisiert werden. Reiche hatte stets darauf gepocht, einen Großteil der neuen Gaskapazität als fossile Anlagen bauen zu lassen.
Rhetorische Rückzugsübungen der Ministerin
Was "dekarbonisieren" dabei heißt, wird in bester Reiche-Manier wieder einmal verquast ausgedrückt. Im Beschlusspapier der Koalition steht dazu, die neuen Kraftwerke werde man "technologieoffen dekarbonisieren". Welche andere Technik dazu bei wasserstofffähigen Anlagen in Anwendung kommen könnte, erschließt sich nicht. Bisher wollte Reiche die Gaskraftwerke vor allem per CO2-Abscheidung und ‑Speicherung (CCS) klimaverträglich machen.
Das ist jetzt wohl hinfällig, nur will es niemand sagen. Reiche selbst erwähnt in ihrer offiziellen Erklärung am Freitag das Wort Gas auch gar nicht mehr, sondern spricht in geradezu vergnatztem Ton von einer kurzfristigen Ausschreibung von 12.000 Megawatt "steuerbarer Kapazitäten".
Zu den 8.000 Megawatt H2-ready-Gas, die spätestens 2031 in Betrieb gehen, sollen bis 2027 noch weitere 2.000 Megawatt "technologieoffene" sowie 2.000 Megawatt "wasserstofffähige" Kraftwerksleistung kommen.
Vielleicht bekommt Reiche so am Ende doch noch die 10.000 Megawatt zusammen – den Wasserstoff zur Dekarbonisierung aber ist sie nicht losgeworden. Zur Erinnerung: Ihrem Vorgänger im Ressort hatte die EU-Kommission in ähnlicher Zusammensetzung 12.500 Megawatt neue Kapazität genehmigt. Reiches politische Leistung besteht insofern darin, in energiepolitisch schwierigen Zeiten ein Jahr verplempert zu haben.
Selbst die Gaslobby ist unzufrieden
Dazu kommt eine zweite Niederlage für Reiche. Diese besteht darin, dass die EU-Kommission die ganze Kraftwerksstrategie noch immer nicht endgültig genehmigt hat. Die Gespräche mit der Kommission seien so gut wie abgeschlossen, verkündete Bundeskanzler Friedrich Merz nach der Koalitionsrunde am Donnerstagsabend. Im Koalitionspapier ist von einer "in den nächsten Tagen angestrebten Einigung" die Rede.
Damit ist besonders die Gaslobby unzufrieden. Es sei "ein Trauerspiel", dass die Verhandlungen mit der EU immer noch nicht abgeschlossen seien, beschwert sich Timm Kehler, Vorstand beim Verband der Gas- und Wasserstoffwirtschaft. "Investoren und Lieferanten stochern weiter im Nebel, weil die wesentlichen Details der Kraftwerksausschreibungen fehlen", so Kehler weiter. Damit komme auch die Entlastung des Stromsystems zu spät.
Für die Energieökonomin Claudia Kemfert ist die Ausschreibung von zunächst nur 8.000 Megawatt eine begrüßenswerte Korrektur, aber kein strategischer Durchbruch bei den Kraftwerken. Auch bei den 8.000 bleibe das Risiko neuer fossiler Lock-in-Effekte, wenn nicht gleichzeitig massiv in Speicher und Flexibilität investiert werde. "Die Prioritäten sind weiterhin zu stark auf fossile Reservekapazität ausgerichtet statt auf ein modernes, intelligentes Energiesystem", kritisiert Kemfert.
"Fixierung auf Gaskraftwerke nicht begründbar"
Für Constantin Zerger von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ist die Einigung eine "schwere Schlappe" für Wirtschaftsministerin Reiche. "Nun ist offensichtlich, dass sie mit ihren ursprünglich geplanten Kapazitäten zwar den Wünschen der Gaslobby gerecht werden wollte, damit aber völlig überzogen und das EU-Recht sowie die Klimaziele aus den Augen verloren hatte", erklärte der Energie- und Klimaexperte.
Auch Zerger sieht in der Einigung keinen Grund zum Feiern. Der größte Teil der Kapazitäten für 2026 werde nicht technologieoffen ausgeschrieben, Batteriespeicher bekämen so bei den 8.000 Megawatt keine Chance. "Diese planwirtschaftliche Fixierung der Regierung auf Gaskraftwerke ist nicht begründbar und muss dringend aufgegeben werden", fordert der DUH-Experte.
Der Eneuerbaren-Verband BEE sieht die Einigung bei der Kraftwerksstrategie ebenfalls skeptisch, teilte er am Freitag mit. Die H2-ready-Vorgabe sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung, für die Versorgungssicherheit bis 2032 müsse nun aber sofort die Ausschreibung zusätzlicher 2.000 Megawatt steuerbarer Leistung beginnen, fordert der Verband.
Es sei unwahrscheinlich, begründet dies der BEE, einen Gaskraftwerks-Ausbau in dem kurzen Zeitraum umzusetzen. Dezentrale Technologien wie Bioenergie, Wasserkraft, Geothermie, Kraft-Wärme-Kopplung und Batteriespeicher könnten dagegen nicht nur zeitnah und kosteneffizient Energie liefern, sondern auch deutlich mehr als nur 2.000 Megawatt steuerbare Leistung bereitstellen.
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