Mittwoch, 7. Januar 2026

„Deutschland verliert Tempo beim Klimaschutz“

Tagesspiegel hier  07.01.2026,

Treibhausgase: Studie: Klimaziel 2025 erreicht, aber nur wenig CO2 gespart

Ziele für 2025 zwar erreicht, aber kaum CO₂ gespart
Solar boomt, Wind legt zu – doch Gebäude und Verkehr bremsen die Klimabilanz. Wie geht es weiter mit dem Klimaschutz in Deutschland?

Deutschland hat sein Klimaziel nach einer aktuellen Studie im vergangenen Jahr eingehalten – allerdings ist der Ausstoß an Treibhausgasen weniger stark gesunken als noch 2024. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Untersuchung der Denkfabrik Agora Energiewende, die der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vorliegt. „Deutschland verliert Tempo beim Klimaschutz“, sagte Direktorin Julia Bläsius.

Damit seien die Klimaziele für das Jahr 2030 in Gefahr, warnt Agora Energiewende. Bis dahin soll der Ausstoß an klimaschädlichen Gasen um 65 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 sinken. Um dieses Ziel einzuhalten, müssten ab diesem Jahr im Durchschnitt 36 Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden, viermal so viel wie im vergangenen Jahr, rechnet die Denkfabrik vor. 

Wo steht Deutschland beim CO₂-Sparen?
Der Untersuchung zufolge hat Deutschland im vergangenen Jahr 640 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente ausgestoßen. Zur besseren Vergleichbarkeit werden andere Treibhausgase in Kohlendioxid (CO₂) umgerechnet.

Damit sind die Emissionen 1,5 Prozent niedriger als 2024 und 49 Prozent niedriger als 1990. Bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein, also nicht mehr Treibhausgase ausstoßen als wieder gespeichert werden können. 

Nicht in allen Bereichen sind Daten bereits für das gesamte Jahr 2025 verfügbar. Zum Teil greift Agora Energiewende deshalb auf Hochrechnungen zurück. 

Wie schon in den Vorjahren sei die schlechte Wirtschaftslage maßgeblich mitverantwortlich für den geringeren CO₂‑Ausstoß, stellen die Experten fest. Insbesondere energieintensive Industrien produzieren weniger, die exportorientierte deutsche Wirtschaft leider unter der Handelspolitik der USA und Chinas. 

Erneuerbare Energien legen zu
Positiv machte sich der Anstieg der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien um etwa zwei Prozent bemerkbar, der wesentlich auf das Konto der Solarenergie ging. Hier wurde laut Agora im vergleichsweise sonnigen Jahr 2025 eine Rekordmenge an Strom erzeugt, und es entstanden neue Kapazitäten mit einer Leistung von 17,5 Gigawatt (GW). Photovoltaik war damit erstmals die zweitwichtigste Stromquelle, vor Gas und Kohle. 

Am meisten Strom wurde der Untersuchung zufolge aus Windkraftanlagen gewonnen, trotz eines relativ windstillen Jahresbeginns. Es entstanden an Land zusätzliche Kapazitäten von 4,5 GW, nach Abzug alter Anlagen, die vom Netz gingen oder durch leistungsstärkere ersetzt wurden. Genehmigungen für weitere 17,9 GW wurden erteilt. Bis dieser Strom ans Netz geht, dauert es ungefähr zwei Jahre. 

„Verkürzte Genehmigungsverfahren und deutlich mehr ausgewiesene Flächen trugen maßgeblich zu dieser Beschleunigung bei“, schreibt Agora. Bei der Offshore-Windenergie (Windparks in Gewässern) gebe es dagegen wenig Zuwachs. Bläsius erklärt: „Auch wenn die erneuerbaren Energien wie erwartet weiter zulegen, wird das auf Dauer nicht die Rückstände bei Verkehr und Gebäuden ausgleichen können.“

Gebäude und Verkehrssektor hinken hinterher 
Denn wie in den Vorjahren ging es 2025 mit dem Klimaschutz im Gebäude- und Verkehrsbereich kaum voran. Der CO₂‑Ausstoß sei in beiden Bereichen gestiegen, so die Fachleute. Wegen eines kalten Jahresbeginns sei mehr Öl und Gas zum Heizen verbraucht worden, die Emissionen stiegen um 3 Millionen Tonnen CO₂ beziehungsweise 1,4 Prozent im Vergleich zu 2024. 

Die europäisch festgelegten Klimaschutzvorgaben würde Deutschland nach diesen ersten Berechnungen um rund 30 Millionen Tonnen CO₂ verfehlen. Wenn es so weitergehe, müsse die Bundesregierung bis 2030 zusätzliche Rechte zum CO₂‑Ausstoß in Höhe von bis zu 34 Milliarden Euro von anderen Staaten kaufen, schreiben die Fachleute.

Wie passiert mit der Förderung von Wärmepumpen und E-Autos?
Der Absatz klimafreundlicherer Wärmepumpen und Elektroautos zieht an, allerdings laut Agora nicht ausreichend zur Erreichung der Klimaziele. So seien im vergangenen Jahr mit rund 300.000 Stück erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen verkauft worden, der Anteil elektrischer Pkw an den Neuzulassungen sei auf knapp ein Fünftel gestiegen.

Dabei bremsten aber hohe Investitionskosten. Je kleiner ein Auto sei, desto eher sei ein Verbrenner die günstigere Wahl, erklärt die Denkfabrik.

Derzeit wird der private Kauf von Elektroautos nicht gefördert, die schwarz-rote Bundesregierung will das ändern und arbeitet an neuen Regelungen. Diskutiert wird auch über eine Reform des Gebäudeenergiegesetzes und die Förderung für den allmählichen Austausch alter Gas- und Ölheizungen. 

Das Gesetz sieht vor, dass jede neu eingebaute Heizung mit 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden soll. Die CDU strebt eine Änderung der 65-Prozent-Vorgabe an. Die SPD will daran festhalten. (dpa)


Süddeutsche Zeitung hier  Von Michael Bauchmüller, Berlin

Deutschland strauchelt beim Klimaschutz

Auch 2025 sind die klimaschädlichen Emissionen im Land wohl gesunken. Doch erste Zahlen zeigen: Das lag vorwiegend an der Schwäche der Industrie. Beim Verkehr und bei Gebäuden stiegen sie sogar.

Auf den ersten Blick scheint die Welt in Ordnung zu sein. Auch 2025, so zeigen erste Zahlen, war Deutschland auf bestem Wege, seine Klimaziele zu erreichen. Das deutsche Klimaschutzgesetz erlaubte für das vergangene Jahr Emissionen von maximal 662 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Tatsächlich ausgestoßen wurden aber nach Berechnungen des Berliner Thinktanks Agora Energiewende nur 640 Millionen Tonnen. Also Haken dran, wieder ein Schritt zum Ziel geschafft?

Eher nicht, warnen die Agora-Experten. Denn zum einen habe sich der Rückgang der Emissionen deutlich verlangsamt, zum anderen erkläre er sich hauptsächlich aus der Schwäche der Industrie. „Deutschland verliert Tempo“, sagt Julia Bläsius, Deutschland-Chefin des Thinktanks. ‚So gingen die gesamten Emissionen Deutschlands im vorigen Jahr um neun Millionen Tonnen sogenannter CO₂-Äquivalente zurück – 2024 war der Rückgang mehr als doppelt so hoch. Allein elf Millionen Tonnen entfallen auf gesunkene Emissionen der Industrie, die im vergangenen Jahr mit starken Rückgängen bei Aufträgen und Produktion zu kämpfen hatte. Ohne diesen wirtschaftlich bedingten Rückgang wäre das Minus im Jahr 2025 ein Plus.

Noch deutlicher wird das Straucheln in den Bereichen, die seit jeher nur mühsam vorankommen: im Verkehr und bei den Gebäuden. Steigende Absätze von Benzin und Diesel deuten darauf, dass die Emissionen im Verkehrssektor um zwei auf 145 Millionen Tonnen ansteigen. Das ist weit jenseits der 123 Millionen Tonnen, die das Klimaschutzgesetz dem Verkehr für 2025 zubilligtund liegt nur fünf Millionen Tonnen unter dem Niveau des Jahres 2010. Auch die Emissionen im Gebäudebereich stiegen den Berechnungen zufolge um drei Millionen Tonnen. Weil diese Emissionen vor allem aufs Heizen zurückgehen, sind sie allerdings auch stärkeren Schwankungen unterworfen – hier zeigt sich auch kühlere Witterung.

Doch nicht alles ist finster. Wie schon seit Jahren senkt der Ökostrom-Ausbau die Emissionen der Energiewirtschaft, also etwa aus Kohlekraftwerken. Mittlerweile ist er mit 182 Millionen Tonnen nur noch halb so hoch wie vor zehn Jahren. Auch gebe die wachsende Zahl neu zugelassener Elektroautos Grund zur Hoffnung, sagt Bläsius. Oder der Umstand, dass 2025 erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen verkauft wurden. „Wenn der Absatz weiter nach oben geht, wird sich das auch günstig auf die Emissionen auswirken“, erwartet sie. Allerdings müssten dazu Vorgaben des umstrittenen Heizungsgesetzes erhalten bleiben, nach denen neue Anlagen mehrheitlich erneuerbare Energien nutzen müssen.

Ohnehin wird eher mehr als weniger geschehen müssen, wenn Deutschland bis 2030 das Klimaziel von minus 65 Prozent gegenüber 1990 erreichen will. Geschafft sind bisher 49 Prozent. Mit jedem Jahr, in dem die Emissionen nur wenig zurückgehen, wird der Weg zum Ziel steiler. Um es noch zu erreichen, müssten die Emissionen ab sofort in jedem Jahr um 36 Millionen Tonnen CO₂ schrumpfen. Doch Rückgänge in dieser Größenordnung gab es bisher nur in Krisenjahren.

Dem Bundesumweltminister dürfte diese Diagnose helfen. Bis Ende März muss Carsten Schneider (SPD) ein nationales Klimaschutzprogramm vorlegen, das primär die säumigen Sektoren Verkehr und Gebäude zu mehr Anstrengungen zwingt. Die Arbeiten daran ziehen sich aber, eigentlich hatte Schneider das Programm noch im alten Jahr durchs Kabinett bringen wollen. Auch im Streit um das Heizungsgesetz dürften die Zahlen eine Rolle spielen. Bis Ende Januar sollen die Koalitionsfraktionen zusammen mit den zuständigen Ministerien Eckpunkte für eine Reform vorlegen. Eine Abschwächung des Gesetzes lassen die Zahlen kaum zu. Die Umweltorganisation Germanwatch warnt zudem: Bestehende Regelungen zu schleifen, würge Investitionen ab und sei „industriepolitisch kontraproduktiv“.

Gute Nachrichten gibt es allerdings auch: Mit den CO₂-Preisen, die an der Zapfsäule, von Heizkunden, bei Kraftwerken und von Industrieunternehmen erhoben werden, nahm der Staat im vorigen Jahr 21,4 Milliarden Euro ein, so viel wie nie. Das Geld fließt in den Klima- und Transformationsfonds des Bundes und von dort unter anderem in die Förderung von Klimaschutz-Investitionen – etwa für Wärmepumpen oder den Umbau der Industrie.




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen