Montag, 19. Januar 2026

»Wir befinden uns in der Ära der Milliardärinnen und Milliardäre – und das ist keine gute Nachricht für die Welt«


Francesco Garita  LinkedIn

Die Frage ist nicht, ob wir uns Armut leisten können. Die Frage ist, ob wir uns Reichenschutz leisten wollen, als stilles Abkommen zwischen Gesetzgebung, Lobby und Besitz, das Jahr für Jahr Milliarden kostet, ohne dass irgendwer dafür an der Kasse Rechenschaft ablegt.

Bürgergeld kostet rund 50 Milliarden Euro im Jahr. Darüber wird gesprochen, als sei es der Hauptgrund für jede Haushaltslücke. Missbrauch liegt laut Studien im unteren einstelligen Prozentbereich, der reale Schaden bewegt sich grob unter einer Milliarde. Trotzdem wird bei den Schwächsten so getan, als müsse man sie mit der Lupe jagen, als wäre Misstrauen schon eine Finanzpolitik.

Oben gilt ein anderes Maß.


In Deutschland werden jährlich etwa 400 bis 450 Milliarden Euro vererbt. Aus der Erbschaftsteuer kommen nur etwa 9 bis 10 Milliarden im Staat an. Große Vermögen werden durch Privilegien für Betriebsvermögen, durch Stiftungen und juristische Konstruktionen so behandelt, dass am Ende Mini Sätze oder null stehen. Das ist keine Panne, das ist die Regel. Wenn dadurch grob 30 bis 50 Milliarden Euro pro Jahr als Einnahmen ausfallen, dann ist das kein Versehen, sondern politisch organisierter Schutz.

Die Vermögensteuer ist seit 1997 weg. Damals brachte sie inflationsbereinigt etwa 15 Milliarden. Heute, bei deutlich höherer Vermögenskonzentration, wären je nach Modell 30 bis 40 Milliarden Euro im Jahr realistisch. Wer das nicht erhebt, trifft eine Entscheidung, und sie lautet: Besitz bleibt tabu, Kontrolle bleibt unten.

Dazu kommt Steuervermeidung und Steuerhinterziehung. Konservative Schätzungen sprechen von 100 bis 160 Milliarden Euro jährlich. Unternehmenssubventionen liegen bei etwa 65 bis 70 Milliarden pro Jahr. Cum Ex hat über Jahre mindestens 30 Milliarden gekostet.
Während man unten Anträge prüft, wird oben optimiert, gestaltet, verschoben, beraten.

Wer ernsthaft rechnen will, sollte nicht auf die Armen zeigen. Der große Posten ist Reichenschutz. Ein Staat, der nach unten misstraut und nach oben schützt, wird irgendwann nach unten hart und nach oben schwach, und nennt genau das dann Vernunft.


19.01.2026  Spiegel hier

Oxfam-Bericht über Vermögen

Die Reichen der Welt werden immer reicher. Und reicher. Und noch reicher

Weltweit gibt es rund 3000 Milliardärinnen und Milliardäre – und noch nie besaßen sie so viel Vermögen wie jetzt. Das berichtet die Organisation Oxfam. In Deutschland leben demnach die viertmeisten Milliardäre.

Es gibt immer mehr Milliardäre auf der Welt – und ihr Vermögen wächst und wächst. Das geht aus einem Bericht hervor, den die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam zum Start des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos veröffentlicht hat.

Demnach besaßen die rund 3000 Milliardärinnen und Milliardäre weltweit im vergangenen Jahr ein Vermögen von 18,3 Billionen US-Dollar (umgerechnet etwa 15,75 Billionen Euro) – so viel wie nie zuvor. Seit März 2020 wurden sie inflationsbereinigt um mehr als 80 Prozent reicher. Gleichzeitig lebe fast die Hälfte der Menschheit in Armut, so Oxfam.

Dem Bericht  liegen Daten aus verschiedenen Quellen zugrunde. So führte Oxfam etwa »Forbes«-Schätzungen zum Vermögen von Milliardären mit Daten der Weltbank und solchen aus dem UBS-Weltvermögensreport zusammen.


»Wir befinden uns in der Ära der Milliardärinnen und Milliardäre – und das ist keine gute Nachricht für die Welt«

Charlotte Becker, Oxfam Deutschland


Im vergangenen Jahr sei das Vermögen der Milliardäre um 2,5 Billionen Dollar oder rund 16 Prozent gewachsen – und damit dreimal schneller als im Durchschnitt der Vorjahre, erklärt Oxfam. Die zwölf Reichsten hätten nun mehr Geld als die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung, das sind mehr als vier Milliarden Menschen.

Der reichste Mann der Welt, Elon Musk, verdient nach Rechnung von Oxfam in vier Sekunden so viel wie ein Durchschnittsmensch in einem Jahr. Er müsste pro Sekunde mehr als 4500 Dollar verschenken, damit sein Vermögen schrumpfte.

»Wir befinden uns in der Ära der Milliardärinnen und Milliardäre – und das ist keine gute Nachricht für die Welt«, sagte Charlotte Becker, die Vorständin von Oxfam Deutschland. Der Reichtum an der Spitze konzentriere sich in nie dagewesenem Tempo.

In Deutschland leben laut Oxfam 172 Milliardäre

Laut Oxfam ist auch in Deutschland die Zahl der Milliardärinnen und Milliardäre im vergangenen Jahr deutlich gestiegen, und zwar um ein Drittel auf nun 172. Damit habe Deutschland die viertmeisten Milliardäre weltweit. Ihr Gesamtvermögen habe inflationsbereinigt ebenfalls um rund 30 Prozent auf 840,2 Milliarden US-Dollar zugenommen.


Insgesamt, so rechnet Oxfam, verdiene ein deutscher Milliardär in weniger als anderthalb Stunden das durchschnittliche Jahreseinkommen in Deutschland. Die Entwicklungsorganisation warnt, die große Lücke zwischen Arm und Reich sei auch hier »ein idealer Nährboden für antidemokratische Kräfte«. Dem müsse die Bundesregierung mit höheren Steuern für die Reichsten entgegensteuern, forderte Oxfam. Zuletzt hatte die SPD eine höhere Steuer auf Erbschaften in Millionenhöhe vorgeschlagen, die Union lehnt das aber ab (mehr zu dem SPD-Plan hier ).

Martyna Linartas forscht zu Vermögen und Ungleichheit. Hier  erklärt die Berliner Politologin, warum Leistung in Deutschland aus ihrer Sicht nichts mehr zählt – und welche Rolle dabei Superreiche spielen.

 

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