Dienstag, 6. Januar 2026

Das Ziel: eine bessere Welt

hier  6.1.25

Vor genau zehn Jahren begann die Umsetzungsphase der UN-Nachhaltigkeitsziele

Vorausgegangen war ein historischer Schritt: In der Agenda 2030 einigten sich alle 193 UN-Mitgliedstaaten darauf, gemeinsam eine Welt zu gestalten, in der alle Menschen gut leben können.

Heute wissen wir, dass die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030 nicht erreicht werden. Hinzu kommt, dass sie zunehmend selbst zur Zielscheibe werden. Weltweit verbünden sich Kräfte, die internationale Vereinbarungen torpedieren wollen. 

Als wir über den Titel dieser Ausgabe nachdachten, haben wir deshalb zwei unterschiedliche Ideen diskutiert: „Das Ziel: eine bessere Welt“ und „Die Welt ist nicht auf Kurs“. Entschieden haben wir uns für Ersteres – denn gerade angesichts der Rückschläge darf die Weltgemeinschaft diese Vision nicht aus den Augen verlieren. In unserer Monatsausgabe blicken wir daher auf drei Länder, die in ihrer jeweiligen Region die größten Fortschritte bei der Umsetzung der SDGs verzeichnen konnten: Nepal, Peru und Usbekistan. Zudem nehmen wir Deutschland kritisch in den Blick, das im SDG-Ranking weit vorne steht.

 

von Eva-Maria Verfürth  23.12.2025

Rechtspopulismus: „Die Nachhaltigkeitsziele gehören zum Feindbild“

Rechte Stimmungsmache und antidemokratische Politik greifen um sich, internationale Zusammenarbeit ist so schwierig wie lange nicht. Scheitern die Nachhaltigkeitsziele am Zeitgeist?

Imme Scholz im Interview mit Eva-Maria Verfürth

Imme Scholz, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung, hat leitend an der Erarbeitung des letzten Global Sustainable Development Report mitgewirkt. Im Interview spricht sie über den politischen Widerstand und darüber, wie es nun weitergeht.

Vor etwas mehr als zehn Jahren einigten sich 193 UN-Staaten auf eine Vision für eine gerechtere Zukunft für alle Länder, unabhängig von ihrem Entwicklungsstand – die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs). Das war damals revolutionär. Nun haben ausgerechnet die USA unter Präsident Donald Trump deutlich gemacht, dass ihnen das gemeinsame Ziel mittlerweile herzlich egal ist. Erodiert da gerade etwas?

Für die Kräfte hinter Donald Trump und Rechtsextreme anderswo gehören die SDGs und die Agenda 2030 eindeutig zum Feindbild. Das kann man auch in Europa beobachten, etwa, als 2024 auf Einladung der spanischen Vox-Partei rechtsextreme Kräfte aus Lateinamerika und Europa zusammenkamen. Diese Gruppen ignorieren das Thema nicht nur, sie stellen sich aktiv dagegen: gegen Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte, gegen Klimaschutz und den Schutz der Biodiversität. Sie gehen politisch gegen den Spirit der SDGs vor und spielen die Fortschritte herunter.

Können Sie sich erklären, woher diese Ablehnung rührt?

Diese rechtsextremen Kräfte haben eine ganz andere Weltvorstellung. Sie arbeiten auf eine Zukunft hin, in der jeder für sich kämpft. Ideale wie internationale Solidarität und demokratische Werte stehen diesen Grundannahmen entgegen. Das gilt auch für die Idee, dass die Menschheit ein gemeinsames Interesse hat und Menschheitsaufgaben bewältigen muss, wie den Klimawandel einzuhegen oder globale Gerechtigkeit voranzubringen. Wenn jeder sich selbst der Nächste ist, ist internationale Kooperation kein Thema oder orientiert sich an ganz anderen Zielen. 

Sie hatten Widerstand gegen die Umsetzung der SDGs antizipiert: Im Global Sustainable Development Report (GSDR) 2023, für den Sie als Co-Vorsitzende die von den UN einberufene Gruppe unabhängiger Wissenschaftler*innen geleitet haben, wird das Thema angesprochen. Entsprechen die Entwicklungen also Ihren Erwartungen?

Uns war damals schon klar: Widerstand gehört zur Veränderung dazu. Wenn wir die SDGs erreichen wollen, werden wir Strukturen und Technologien, die nicht nachhaltig sind, durch nachhaltige ersetzen müssen – und das löst Widerstand bei denjenigen aus, die bis dahin von diesen Strukturen oder Geschäftsmodellen profitiert haben. 

Wir sind aber davon ausgegangen, dass man diese Kräfte einbinden kann. Der politische Widerstand, den wir aktuell erleben, ist etwas ganz anderes. Das sind nicht nur Vorbehalte gegenüber einer Veränderung, von der man weiß, dass sie kommen muss. Nein, die Veränderung soll komplett ausgehebelt werden. Der Klimawandel wird geleugnet und alles dafür getan, die fossile Ökonomie auszubauen. Der Westen war nie widerspruchsfrei und hat sich nicht immer an seine eigenen Regeln gehalten. Aber die UN-Charta mit den universellen Menschenrechten – auch wenn sie nicht explizit in die SDGs aufgenommen wurde – war immer ein klarer Bezugspunkt. Der wird nun geschwächt.

Einige Länder, wie Brasilien unter der aktuellen Regierung, setzen sich weiter für gemeinsame Werte ein. Wie groß ist die Unterstützung für die SDGs heute noch?

Die harten Gegner der Agenda 2030 sind klar in der Minderheit. Beim letzten SDG-Gipfel 2023 haben die UN-Nationen ihren Willen bekräftigt, die SDGs voranzutreiben. Den grundsätzlichen Konsens gibt es also noch – und das ist unheimlich wichtig. Zugleich macht es aber den Eindruck, dass das Bündnis aktuell nicht besonders stark ist und die SDGs nicht oben auf der Agenda stehen. Die Aufbruchsstimmung von 2015 weicht einer großen Ernüchterung. Die multilaterale Ordnung wird ausgehebelt, missachtet und verdrängt durch Kriege, Konflikte und das Handeln insbesondere der USA und Russlands. Der sogenannte Westen als politische Kategorie existiert in dieser Form nicht mehr. Und auch bei China darf man sich keine Illusionen machen, auch wenn sich das Land nicht so proaktiv gegen die SDGs stellt.

Der Westen zieht sich zeitgleich finanziell aus der Entwicklungszusammenarbeit zurück, in Europa stehen andere Themen im Vordergrund. Welche Argumente gibt es heute noch für Entwicklungspolitik?

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist Europa stärker gefordert und muss mehr Mittel zur Verteidigung aufbringen. In Deutschland besagt die Nationale Sicherheitsstrategie aber, dass militärische Verteidigung nur ein Element für Sicherheit ist. Auch eine proaktive Außenpolitik und die entwicklungspolitische Kooperation mit anderen Ländern sind wesentlich. Europa ist nach wie vor ein mächtiger Zusammenschluss, verfügt aber nicht über genug Macht, um seine Interessen gegenüber den USA und China allein durchzusetzen. Dafür brauchen wir Kooperation – auch mit Ländern des Globalen Südens. Wir brauchen multilaterale Regeln, Institutionen und eben diese Zielsetzung, die wir uns gemeinsam gegeben haben.

In der öffentlichen Debatte kommen diese Überlegungen kaum vor. Entspricht globale Zusammenarbeit nicht mehr dem Zeitgeist?

Wenn rechtsextreme Gruppen der Zeitgeist sind, dann ist das sicher so. Aber es kann auch andere Gründe haben. Wenn man die Volkswirtschaften aus dem Globalen Süden zusammennimmt, dann sind sie seit 2008 – gemessen in Kaufkraftparitäten – größer als die alten Industrieländer, auch wenn es immer noch sehr viele kleine, sehr arme Länder gibt, die von Not gekennzeichnet sind. Aber das Kräfteverhältnis hat sich verschoben. Das fällt den Ländern, die früher eindeutig auf der Gewinner- und Dominanzseite waren, schwer zu akzeptieren.

Anders gesagt: Die reichen Länder kommen nicht damit klar, nicht mehr die Stärksten zu sein? Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze argumentiert sinngemäß, dass die Erreichung der SDGs nie ein ehrliches Ziel aller Länder des Globalen Nordens gewesen sei, da sie ihre Vormachtstellung nicht aufgeben wollen. Und tatsächlich möchten die USA und viele europäische Länder nun wieder stärker auf Eigeninteressen setzen. Wie schätzen Sie das ein? 

Bei Kooperation spielen immer auch eigene Interessen eine Rolle, das ist auch nicht verwerflich. Auch die Agenda 2030, die Klima- und die Biodiversitätsagenda waren ja nicht als Akt der Mildtätigkeit vereinbart, sondern im gemeinsamen Interesse aller. Das wird gerne unterschlagen, wenn nun auf Eigeninteressen gepocht wird. Zugleich haben wir aber planetare Grenzen: Der Wohlstandszuwachs in einigen Regionen muss mit einer Wohlstandsveränderung in den überreichen Ländern einhergehen. Innovationen, Kreislaufwirtschaft und nichtfossile Technologien können viel bewirken, aber zusätzlich muss der materielle Konsum zurückgehen – insbesondere in den gesellschaftlichen Schichten, die sich hohen Verbrauch leisten können. Das bringt Konflikte mit sich und kann zu dieser Gegenbewegung beigetragen haben. 

Ich komme aber trotzdem zu einem anderen Schluss als Adam Tooze. Denn diese ethischen Fragen wurden bei der Entwicklung der SDGs lange diskutiert. Sie waren von sehr vielen gesellschaftlichen Akteur*innen, die an der Erarbeitung und Umsetzung der Agenda 2030 beteiligt waren, absolut ernst gemeint – auch in den westlichen Ländern. Da war nicht von vornherein beabsichtigt, wieder auszusteigen, wie die USA es jetzt planen.

Welche Faktoren haben Fortschritt bei den SDGs am meisten behindert?

Kriege und Konflikte verhindern nicht nur Fortschritt, sondern bringen sogar Rückschritt. Menschen kommen zu Tode, Gesellschaften werden zerstört, Vertrauen erodiert und damit die Voraussetzungen, um Verbesserungen bewirken zu können. Das haben wir im GSD-Report von 2023 herausgearbeitet. Die weltweiten Entwicklungen seither haben das leider nur bestätigt. Ein anderer wesentlicher Punkt ist die mangelnde Gleichstellung der Geschlechter.

Weshalb ist das so zentral?

Abgesehen davon, dass Frauen Rechte haben, die erfüllt werden müssen, wirkt sich mehr Gleichberechtigung sehr positiv auf Bildung und Gesundheit und damit auch auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aus. Auch für Demokratie ist es zentral, dass die Hälfte der Menschheit in ihrer ganzen Stärke zum Zuge kommt. UN-Generalsekretär António Guterres warnte 2023, dass wir Geschlechtergerechtigkeit erst in über 300 Jahren erreichen, wenn wir im bisherigen Tempo weitermachen. Das ist empörend.

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