Golem hier 26. Januar 2026
Europa forciert Abkehr von US-Technologie
Politische Spannungen und schwere Cloud-Ausfälle im Jahr 2025 treiben die europäische IT-Souveränität voran. Der Umstieg auf Open Source läuft.
Angesichts wachsender politischer Unwägbarkeiten in den USA und einer Reihe kritischer Infrastrukturausfälle im Jahr 2025 intensiviert Europa seine Bemühungen um technologische Souveränität. Das berichtete das Wall Street Journal
Ziel sei es, die Abhängigkeit von US-Plattformen zu verringern, die derzeit weite Teile der europäischen Wirtschaft stützen. Ein plötzlicher Entzug des Zugangs zu US-Rechenzentren oder Softwarelösungen gilt in Brüssel mittlerweile als ernsthaftes Risiko für die staatliche Funktionsfähigkeit.
Die Dominanz der US-Anbieter bleibt massiv: Die drei Marktführer Amazon, Microsoft und Google kontrollieren weiterhin rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. Die wirtschaftliche Verflechtung ist gewaltig. Schätzungen für das Jahr 2024 gehen davon aus, dass US-Unternehmen digital lieferbare Dienstleistungen im Wert von rund 360 Milliarden US-Dollar nach ganz Europa exportierten, wobei allein auf die EU-Mitgliedstaaten knapp 295 Milliarden US-Dollar entfielen.
Schwere Ausfälle als Weckruf
Zusätzliche Dringlichkeit erhielt die Debatte durch zwei großflächige Störungen im Herbst 2025. Am 20. Oktober 2025 führte ein Fehler im automatisierten DNS-Management bei Amazon Web Services (AWS) zu einem massiven Blackout, der Millionen von Diensten weltweit lähmte. Nur zwei Monate später, am 5. Dezember 2025, beeinträchtigte ein schwerer Ausfall bei Cloudflare rund 28 Prozent des globalen HTTP-Traffics. Diese Vorfälle verdeutlichten die Risiken der einseitigen Konzentration auf wenige US-Anbieter.
In Deutschland schuf Schleswig-Holstein als Vorreiter bereits Fakten. Bis Ende 2025 wurden dort rund 80 Prozent der Verwaltungsarbeitsplätze auf Libre Office umgestellt und 44.000 E-Mail-Konten auf die Open-Source-Lösung Open-Xchange migriert. Während das Land damit die praktische Umsetzung anführt, testet das Bundesdigitalministerium mit Opendesk weiterhin eine eigene Open-Source-Suite für Bundesbehörden, um den Vendor Lock-in bei Microsoft-Produkten zu beenden.
Politische Bestrebungen und Reaktionen
Auf politischer Ebene fordern Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine "europäische Präferenz" bei der IT-Beschaffung. Macron betonte auf einem Souveränitätsgipfel im November 2025, dass der Aufbau eigener "Champions" notwendig sei, um ein 'Vasallentum' zu verhindern
Parallel dazu versuchen US-Konzerne, mit lokalisierten Angeboten gegenzusteuern. Microsoft baut seine Kooperation mit der SAP-Tochter Delos Cloud aus, während Amazon eine sogenannte Sovereign Cloud in Deutschland betreibt, die ausschließlich von EU-Bürgern verwaltet wird. Ob diese Maßnahmen ausreichen, um die europäische Politik von ihrem Kurs der Entkopplung abzubringen, bleibt angesichts der jüngsten Entwicklungen fraglich.
TAZ hier 25.1.2026 Tobias Müller
Digitale Souveränität: Die Niederlande haben Angst um ihre Daten
Ausgerechnet der Cloud-Anbieter, der für die digitale Identität verantwortlich ist, soll an einen US-Konzern verkauft werden. Die Besorgnis ist groß.
Bei den niederländischen Behörden sollen die Bürger:innen des Landes sich sicher einloggen können. Das verspricht ihnen ihre Regierung. Denn mit ihrer digitalen Identität, kurz DigiD, können die Menschen zwischen Groningen und Maastricht Angelegenheiten mit Finanzamt, Rentenfonds oder Versicherungen regeln, ebenso bei Bildungs- oder medizinischen Einstellungen. Die Niederländer:innen tun dies reichlich, denn obwohl ein DigiD-Zugang nicht obligatorisch ist, kommt man im Alltag kaum noch darum herum. Im Jahr 2023 sorgten knapp 17 Millionen Bürger:innen für gut 480 Millionen Log-ins. „Ihre persönlichen Daten“, versichert die Regierung, „sind dabei gut geschützt.“
Genau darum gibt es derzeit jedoch große Sorgen: Der in Amsterdam ansässige Cloud-Anbieter Solvinity, der spezialisiert auf staatliche Kunden ist, darunter eben auch DigiD, gab im November bekannt, die Aktionäre hätten einer Übernahme durch Kyndryl Netherlands zugestimmt. Der hiesige Zweig des New Yorker IT-Infrastruktur-Giganten Kyndryl entstand im Jahr 2021 aus einer Abspaltung vom US-Techkonzern IBM.....
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