hier 29.01.2026
„Wir sind umgeben von professionell hergestellter Desinformation“
Fossile Lobbyarbeit findet statt, um das Geschäft der Branche mit Kohle, Öl und Gas abzusichern und möglichst profitabel in die Zukunft zu verlängern. Zum Teil mit verblüffendem Erfolg, wie Spiegel-Journalist Christian Stöcker im Interview erzählt.
Christian Stöcker ist Journalist, Autor, Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.
Herr Stöcker, die größten Aha-Effekte erzielen Sie in Ihren Vorträgen unter anderem, wenn Sie die Frage nach dem Anteil der regenerativen Energien am globalen Kraftwerkszubau stellen. Der lag im Jahr 2024 noch einmal bei …?
… 92,5 Prozent. 2022 bei 83 Prozent, 2023 bei 86 Prozent.
Dann staunen alle, und man fragt sich: Warum nimmt man medial in Deutschland in erster Linie ein Gezänk wahr um Stromtrassen, Netzzugänge, Proteste gegen Windparks, den Zubau von Gaskraftwerken, in Teilen auch eine angebliche Renaissance der Atomkraft – wenn es global doch fluppt?
Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zumindest in der Vergangenheit hat man es hier mit dem politikwissenschaftlichen Konzept der issue ownership zu tun. Ohne Not haben alle Parteien in Deutschland das Thema Erneuerbare Energien an die Grünen abgegeben, und in dem Moment, in dem man offen sagt, Erneuerbare Energien sind die Zukunft, scheint man Werbung für die Partei zu machen, die man zuvor als den politischen Gegner identifiziert hat.
Und: Natürlich gibt es lautstarke Kräfte, die hart daran arbeiten, alte Narrative am Leben zu erhalten. Man darf nicht unterschätzen, dass man es mit einer Öl- und Gasbranche zu tun hat, die seit 50 Jahren strategische Kommunikation zur Absicherung ihrer Geschäftsmodelle macht, mit einer gewaltigen Infrastruktur, unter anderem aus Thinktanks und Stiftungen. Das alles ist gut dokumentiert.
Die 92,5 Prozent, sagen Sie, bedeuten: Der Markt hat entschieden. Und man vernimmt ein leises Aufatmen: Wenn das so ist, kriegen wir vielleicht doch noch die Kurve mit der Energiewende. Nehmen Sie das auch so wahr?
Ich meine, es ist schon gut, den Leuten zu sagen: Es geht tatsächlich voran.
Denn die mittlerweile effektivste Methode derer,
die mit fossilen Brennstoffen Geld verdienen wollen, ist:
die erlernte Hilflosigkeit von Politik und Bevölkerung
immer schön anzufachen.
die mit fossilen Brennstoffen Geld verdienen wollen, ist:
die erlernte Hilflosigkeit von Politik und Bevölkerung
immer schön anzufachen.
In dem Moment, in dem man deutlich macht,
dass deren Narrative nicht mehr stimmen,
hat man erst einmal einen Knoten durchschlagen.
Das macht die Leute wieder handlungsfähig.
dass deren Narrative nicht mehr stimmen,
hat man erst einmal einen Knoten durchschlagen.
Das macht die Leute wieder handlungsfähig.
Aber: Global ist der Anteil der fossilen Energien an der Stromproduktion immer noch verdammt hoch, und er schrumpft zu langsam. Wir werden wohl bei mindestens 2,2 Grad globaler Erwärmung rauskommen. Das können wir nicht verkraften. Es ist also wichtig zu sagen: Erneuerbare funktionieren. Aber ebenso wichtig: Es gibt Leute, die sich aktiv in den Weg stellen, damit ihre Geschäftsmodelle am Leben bleiben, auf Kosten der Menschheit.
Vor uns liegt also eine immense Wegstrecke. Denn weltweit steigen ja leider die CO2-Emissionen immer noch. Und: Der Markt hat entschieden, aber nur für den Strombereich. Zählt man Wärme und Verkehr hinzu, sieht es anders aus: 2024 lagen die Erneuerbaren beim Primärenergieverbrauch in Deutschland nur bei 20 Prozent.
Da muss ich direkt einhaken. Der Begriff der Primärenergie ist mittlerweile toxisch, ein fossiler Kampfbegriff. Denn: Er suggeriert, dass das, was „Primärenergie“ genannt wird, ersetzt werden muss. Das ist aber falsch. Von den 100 Prozent Energie, die ich ins Verbrennerauto stecke, treiben nur 20 Prozent das Auto voran, der Rest geht durch den Auspuff. Genau so bei der Kohle. Ein supereffizientes Kohlekraftwerk hat einen Wirkungsgrad von vielleicht 40 Prozent, die anderen 60 Prozent gehen durch den Schornstein. Die Lösung des Problems immer so unmöglich erscheinen zu lassen, dass man es gar nicht mehr versucht – das ist ein fossiler talking point, mehr nicht.
Für Ihr Buch „Männer, die die Welt verbrennen“ haben Sie weitere Mythen in der Energiedebatte aufgedeckt. Welches sind Ihre Lieblingsmythen?
Nach dem erwähnten extrem hohen Zubau der Erneuerbaren, den die wenigsten kennen, ist mein Zweit-Lieblingsmythos die Aussage: „Die Leute wollen die Energiewende gar nicht.“ Das ist belegbar absolut falsch, national wie international. Eine ganz deutliche Minderheit, nur etwa ein Viertel, sagt bei uns: Wir wollen weniger Klimaschutz.
Auch die Pace-Studie aus Erfurt hat gezeigt: Die Wähler aller Parteien wollen von ihren Parteien, die sie wählen, dass sie signifikant mehr für den Klimaschutz tun, als sie bisher tun. International gibt es eine Studie von 2022, erschienen in nature, wonach 89 Prozent der Befragten wollen, dass ihre Regierung mehr für den Klimaschutz tut. Es gibt dafür gigantische Mehrheiten. Aber es wird sehr effektiv der Eindruck erweckt, dass das nicht so ist. Das ist Meta-Desinformation und zahlt auch auf das erlernte Hilflosigkeits-Gefühl ein. Es stimmt aber einfach nicht.
Was ist der dritte Lieblingsmythos?
Alles, was zum Thema Elektromobilität an Desinformation kursiert. Es ist weiterhin sehr populär infrage zu stellen, ob ein Elektroauto wirklich besser ist als ein Diesel. Die Studienlage ist aber absolut glasklar: 0,005 Prozent des globalen Metallabbaus betrifft Lithium. Trotzdem spricht man vom Raubbau an der Natur. Dabei werden um Größenordnungen mehr Mengen Aluminium und Eisenerze abgebaut. Da sorgt sich niemand. Und über jedes Elektroauto, das brennt, berichtet die BILD-Zeitung gern. Wir sind umgeben von professionell hergestellter, gegen die Transformation gerichteter Desinformation, die ganze Zeit.
Dennoch würde ich sagen: Wer sich interessiert, findet die Informationen. Und die Leute sind verantwortlich für ihre Konsum- und Wahlentscheidungen.
Um es noch einmal geradezurücken: Es liegt mir fern, meine gesamte Branche über einen Kamm zu scheren. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen „BILD“ und „WELT“ und vielen anderen deutschen Medien. Dennoch ist das Narrativ etwa, dass wir massenweise Atomstrom aus Frankreich importieren, eine nachweislich verzerrte Darstellung der Realität. Das hören Sie aber durchaus von nicht-radikalen FAZ-Lesern. Man darf es nicht unterschätzen, dass auch in den Wirtschaftsredaktionen seriöser deutscher Medienhäuser Leute sitzen, die die ökonomischen Realitäten nicht akzeptieren wollen. Nicht alle – es gibt fantastische Berichterstattung über Klimapolitik und Technologieentwicklung, aber leider auch solche, die auf den alten Geschichten hängen geblieben sind.
Ein früherer deutscher Staatsmann sprach von „BILD“, „Bams“, Glotze. Heute könnte man sagen: Lanz, Insta, TikTok. Wie kriegen wir die 92,5 Prozent dort platziert?
Na ja, ich bin durchaus der Meinung, dass die Branche der Erneuerbaren in den letzten Jahren kommunikativ extrem naiv vorgegangen ist. Das muss man leider sagen.
Wenn man es mit einer 50 Jahre alten Industrie zur strategischen Kommunikation zu tun hat und dem Ziel, die eigenen Geschäftsmodelle madig zu machen, dann muss man sich eben etwas entschlossener wehren, als das bisher der Fall war. Das habe ich unterschiedlichen Vertretern der Branche in Deutschland auch gesagt.
Wenn man es mit einer 50 Jahre alten Industrie zur strategischen Kommunikation zu tun hat und dem Ziel, die eigenen Geschäftsmodelle madig zu machen, dann muss man sich eben etwas entschlossener wehren, als das bisher der Fall war. Das habe ich unterschiedlichen Vertretern der Branche in Deutschland auch gesagt.
Enttäuschend ist auch, wenn etwa der BDI immer noch erzählt, die Erneuerbaren machten den Strom teuer, was nachweislich Nonsens ist. Netzentgelte, Abgaben und Merit-Order machen den Strom teuer. Viele Leute hängen auf den alten Geschichten. Es gibt einen Stapel aus Trägheit und gewohnheitsmäßig weitererzählter Desinformation. Wie wird man dem Herr? Ich habe da keine abschließende Antwort. Aber letztlich höhlt steter Tropfen den Stein. Ich schreibe einmal die Woche im Spiegel eine Kolumne, wo ich zum Teil absurderweise durchaus der deutschen Öffentlichkeit Dinge zum ersten Mal mitteile.
Haben Sie ein Beispiel?
Habe ich. Eins, das auch Hoffnung macht, nämlich das Thema Großspeicher. Interessanterweise hat sich die Überschrift, die wir damals gewählt haben, später komplett verselbständigt. Das Wort „Batterie-Tsunami“ ist jetzt Topos, denn plötzlich gab es auch in anderen Medien eine Berichterstattung über dieses Thema, die gezeigt hat: Dieser Tsunami passiert wirklich.
Ich glaube, immer wieder laut und unter Verweis auf verlässliche Quellen zu berichten, ist für mich der sinnvollste Weg, die Debatte zu bewegen. Ich will mich da auch gar nicht so groß machen. Früher oder später hätte jemand anderes als erstes darüber berichtet. Aber nach und nach wollen viele Redaktionen offenbar verstehen, wie das deutsche Energiesystem funktioniert, statt nachzuerzählen, was E.on so erzählt. Aber das ist eben kein Journalismus.
Ja, bei der Energiewende gibt es Erfolge: Die erwähnte Wärmepumpe hat die Gasheizung mittlerweile überholt. 2025 gab es 284.000 verkaufte Einheiten, nur 230.000 bei der Gasheizung.
Die Leute sind ja nicht blöd. Wenn man sich anschaut, wer sich diese Technik zu Hause einbaut, stellt man fest: Es sind nicht die sogenannten grünen Milieus in den Großstädten, sondern die Balken sind am höchsten bei den Landgemeinden und bei den Handwerksmeistern. Die wissen, was ihnen die Technik bringt. Interessant sind auch die Zustimmungswerte für die Energiewende, gemessen vom KfW-Energiewendebarometer vom Sommer 2024 und 2025.
„Wie wichtig finden Sie die Energiewende?“, lautete die Frage. Zu Beginn der Kampagne gegen die Wärmepumpe 2023 lag die Zustimmung – „wichtig“ oder „sehr wichtig“ – bei 88 Prozent. 2024, nach der Kampagne waren es 82 Prozent, 2025 war der Wert wieder etwas gestiegen, auf 83 Prozent. Das sind gigantische bundesweite Mehrheiten.
Die Zustimmung ist eindeutig. Also müsste die Energiewende politisch forciert werden, weniger über die Einsparbemühungen des Individuums. Haben Sie dennoch Dinge, wo Sie denken: Da könnte ich meinen CO2-Fußabdruck verbessern?
Gibt es: Flüge, aber – ich wohne in einem Niedrigenergie-Haus mit Wärmepumpe und Photovoltaik auf dem Dach. Wir haben Elektro-Auto und Elektro-Roller. Weite Teile meiner Familie bewegen sich mit dem Fahrrad fort. Sie sprechen aber einen wichtigen Punkt an.
Die Individualisierung der Verantwortung für die Klimakrise ist ein fossiler talking point.
Der erste CO2-Rechner, den man im Internet finden konnte, war von BP. Das ist also Strategie. Zu den Flügen: Ich war auf Einladung des Goethe-Instituts im November in Mumbai. Da können Sie als Hochschulprofessor nicht nein sagen. Also bin ich geflogen und hab einen CO2-Ausgleich bezahlt. Anders kommen Sie aber nicht nach Indien. Es gibt Dinge, die können Sie als Individuum nicht lösen. Sie können ja auch nicht das Stromsystem umbauen. Was man tun kann, soll man tun. Aber wir werden die systemischen Probleme der Energiewende nicht lösen, indem wir alle tugendhaft werden.
Der erste CO2-Rechner, den man im Internet finden konnte, war von BP. Das ist also Strategie. Zu den Flügen: Ich war auf Einladung des Goethe-Instituts im November in Mumbai. Da können Sie als Hochschulprofessor nicht nein sagen. Also bin ich geflogen und hab einen CO2-Ausgleich bezahlt. Anders kommen Sie aber nicht nach Indien. Es gibt Dinge, die können Sie als Individuum nicht lösen. Sie können ja auch nicht das Stromsystem umbauen. Was man tun kann, soll man tun. Aber wir werden die systemischen Probleme der Energiewende nicht lösen, indem wir alle tugendhaft werden.
Das Gespräch führte Benedikt Brüne.
Christian Stöcker ist Journalist, Kognitionspsychologe sowie Autor des Bestsellers Männer, die die Welt verbrennen. Als Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg leitet er den Master-Studiengang Digitale Kommunikation.
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