Samstag, 31. Oktober 2026

Der Diesel wird weltweit immer knapper – und nichts deutet auf eine Entspannung hin

 

Daniel Mautz

Wer Jahrzehnte lang gesagt hat, E-Mobilität kommt zu früh, steht heute an der 2,19-Euro-Tankstelle

Diesel kostet in Österreich gerade so viel wie noch nie, abgesehen von den Wochen direkt nach Ausbruch des Irankriegs im März 2026. 

Acht Prozent der weltweiten Raffineriekapazitäten sind ausgefallen. 

Was harmlos klingt, hat dramatische Folgen, denn die Welt verbrennt täglich 4,6 Milliarden Liter Diesel. Davon fehlen gerade 16 Millionen pro Tag auf dem Weltmarkt.

Nur zehn Prozent des globalen Diesels landet in Pkw-Tanks. Den Rest brauchen Lkw, Schiffe, Traktoren, Mähdrescher und Bagger. Diesel ist der Treibstoff der globalen Lieferkette. Sein Preis sitzt in jedem Produkt, das transportiert, produziert und geliefert wird.

Warum fallen Kapazitäten aus? 

  • Saudi-Arabien und die Emirate stecken in einem Zweifrontenkrieg. Iranische Angriffe und Huthi-Raketen treffen gezielt die Hydrocracker-Anlagen, die für Dieselproduktion nötig sind.

  • Die Frachtkosten für Öltanker zwischen Nahem Osten und Asien haben sich vervierzigfacht.

  • Ukrainische Drohnen treffen russische Raffinerien in Moskau und im sibirischen Omsk.

  • Die OECD-Dieselreserven sind auf historische Tiefststände gesunken.

Jahrelang wurde die Abhängigkeit von fossiler Logistik als technisch alternativlos verkauft. Technologieoffenheit hieß das Framing, wenn es darum ging, E-Lkw-Förderung zu blockieren und die Transformation des Güterverkehrs zu vertagen. 

Jetzt zeigt sich, was diese Abhängigkeit für Spediteur:innen, Landwirt:innen und alle Verbraucher:innen bedeutet. Hinter dem Versprechen der Versorgungssicherheit steckte Erpressbarkeit durch jeden Krieg auf jedem Kontinent.

Der Dieselpreis von 2,19 Euro könnte erst der Anfang sein.


Standard: hier  Joseph Gepp  28. Oktober 2026

Dieselkrise: Der Diesel wird weltweit immer knapper – und nichts deutet auf eine Entspannung hin

Acht Prozent der weltweiten Kapazitäten fehlen derzeit. Was nach nicht besonders viel klingt, wirkt sich dramatisch aus. Mit noch kritischeren Engpässen ist zu rechnen

Ungefähr 2,19 Euro. So viel kostet derzeit ein Liter Diesel an Österreichs Tankstellen. Niemals zuvor war er derart teuer, mit Ausnahme gleich nach Ausbruch des Iran-Kriegs im März 2026. Woran liegt das?

Der Rohölpreis kann es nur bedingt sein. Öl kostete Mitte Oktober rund 108 Dollar pro Barrel (Sorte Brent). Auch dabei handelt es sich zwar um einen historisch hohen Stand – nur im vergangenen März lag der Ölpreis noch höher, ebenso etwa im Jahr 2008, während der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Aber Benzin, das ebenfalls aus Erdöl hergestellt wird, verzeichnet bei weitem nicht derart extreme Preissprünge wie Diesel. Es muss also ein Problem speziell bei Diesel geben.

Wer sich diese Frage stellt, landet bei den weltweiten Raffineriekapazitäten. Sie brechen gerade ein. Acht Prozent weniger Diesel als üblich verlassen täglich die Raffinerien dieser Welt. Was auf den ersten Blick nach keinem besonders hohen Anteil klingt, wirkt sich dramatisch aus: Die Welt braucht täglich rund 4,6 Milliarden Liter Diesel; laut Internationaler Energieagentur (IEA) fehlen derzeit auf dem Weltmarkt Tag für Tag rund 16 Millionen Liter. "Ein verringerter Raffinerieausstoß ließ in den ersten neun Monaten dieses Jahres die weltweiten Exporte deutlich sinken", konstatieren die IEA-Experten.

Treibstoff der Welt

Hinter den trockenen Worten steckt Dramatik. Auch wenn sich die Debatte vornehmlich um die Tankstellenpreise dreht, geht der Mangel weit darüber hinaus. Weltweit landen nur rund zehn Prozent des Diesels in Pkw-Tanks. 

Mit dem großen Rest werden Lkw, Schiffe, Traktoren, Mähdrescher und Baufahrzeuge betrieben. Diesel ist viel wichtiger für die globale Wirtschaft als Benzin. Der Verbrauch lässt sich kaum reduzieren, wenn individuelle Autofahrer auf ihren Sonntagsausflug verzichten oder öffentlich in die Arbeit pendeln. Und: Die Preissprünge beim Diesel kommen früher oder später überall an, bei sämtlichen Produkten und Dienstleistungen, weil die Logistik dahinter auf Diesel basiert.

Aber warum nun der Mangel? Man landet bei den großen geopolitischen Konflikten und deren Auswirkungen in aller Welt. Zuallererst: beim Nahen Osten.

Zweifrontenkrieg

Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate stellen zusammen laut OECD rund ein Zwanzigstel der weltweiten Raffineriekapazitäten. Ein überdurchschnittlich hoher Anteil an der dortigen Produktion besteht aus Diesel, weil die Anlagen vergleichsweise modern sind. Viel davon geht nach Europa.

Allerdings: Die saudischen und emiratischen Dieselexporte auf den Weltmarkt brachen dieses Jahr zeitweise um bis zu zwei Drittel ein. Die Staaten stecken in einem Zweifrontenkrieg. Vom Norden hat der Iran angegriffen; vom Süden tun es die Huthi-Rebellen aus dem Jemen, die mit dem Iran verbündet sind. 

  • Die Raffinerie im saudischen Jizan etwa, die besonders viel Diesel herstellt, wurde im vergangenen Juli und August von den Huthis bombardiert. 
  • Die riesige Ruweis-Raffinerie im emiratischen Abu Dhabi wiederum wurde im Frühjahr vom Iran ins Visier genommen. 
Die Angriffe zielen vor allem auf die hochkomplexen sogenannten Hydrocracker-Anlagen, die schwieriger zu reparieren sind – und die es zur Produktion von Diesel braucht, nicht aber für Benzin.

Vervierzigfachte Frachtkosten

Und das wäre nur, wenn man so will, der direkte Effekt. Als indirekter kommt hinzu, dass aufgrund der Blockade der Seewege weniger Rohöl den Nahen Osten verlassen kann, um in Asien zu Diesel verarbeitet zu werden.

Warum? Nicht nur die viel diskutierte Straße von Hormus ist teilweise blockiert, auch jene auf der anderen Seiten der Arabischen Halbinsel: die Straße von Bab Al-Mandab zwischen dem Indischen Ozean und dem Roten Meer. Die Meerenge grenzt an Huthi-Territorium. 

Ein Gutteil des nahöstlichen Rohöls für Asien muss deshalb einen enormen Umweg nehmen: durch den Suezkanal, durch das Mittelmeer, rund um Afrika und danach in den Pazifik. Das treibt die Transportkosten und reduziert die Liefermengen. Die Raffinerien im Fernen Osten haben infolgedessen nicht genug Öl, das sie zu Diesel verarbeiten können. 

Die täglichen Kosten für den Betrieb eines großen Öltankschiffs zwischen dem Nahen Osten und Asien haben sich laut Financial Times vervierzigfacht – von 30.000 Dollar vor dem Irankieg auf den Rekordwert von 1,2 Millionen Dollar im heurigen Herbst. Geschätzt ein Viertel des globalen Diesel-Ausfalls gehen auf die massiven Erschwernisse beim Transport zurück.

Drohnen in Sibirien

All das hätte schon ausreichend Potenzial, um einen globalen Mangel hervorzurufen. Aber es gibt noch ein weiteres Problem: Russland, der drittgrößte Ölverarbeiter der Welt hinter den USA und China. Im Schatten des Irankriegs sind dort ganze 2,2 Millionen Barrel Raffineriekapazität ausgefallen, das entspricht zirka drei Prozent der globalen Produktion.

Woran liegt's? Ukrainische Drohnen erreichen mittlerweile Ziele in Tausenden Kilometern Entfernung. Die wichtige Raffinerie Kapotnja in Moskau und die größte russische Raffinerie in der sibirischen Stadt Omsk wurden jeweils im Frühsommer und Herbst getroffen. 

Das Ziel der Ukraine: erneut vornehmlich die komplexen Veredelungsanlagen, die es für Diesel braucht. Wegen der internationalen Sanktionen gegen Russland lassen sich die Teile zudem kaum reparieren. Die Folge: Wieder einmal leidet vor allem die Dieselproduktion unter Ausfällen.

Historische Tiefststände

Insgesamt lieferten der Nahe Osten und Russland zusammen im heurigen September laut Energieagentur rund 60 Prozent weniger Diesel auf den Weltmarkt als im September des Vorjahres. Es waren 130 Millionen Liter pro Tag verglichen mit 207 Millionen 2025. Die Dieselreserven der OECD-Länder, also der reichen Staaten des Westens, sind auf einen historischen Tiefstand von knapp 90 Milliarden Liter gesunken.

Russland, Saudi-Arabien, die Emirate, der Ferne Osten: Geopolitische Konflikte verstärken einander; der Mangel vor allem an Diesel wird immer bedenklicher. Ein Ende ist derzeit bei keinem der Konflikte in Sicht. Der Dieselpreis von 2,19 Euro pro Liter an Österreichs Tankstellen könnte erst der Anfang sein. (Joseph Gepp, 28.10.2026)


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