Die Macht der wirtschaftlichen Lobby – und die Ohnmacht des Widerspruchs
Wer sich auf LinkedIn mit wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt, begegnet ihnen inzwischen beinahe täglich - der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) und dem eingetragenen Verein "Die Familienunternehmer". Ihre Positionen werden unter anderem durch Thorsten Alsleben, Gitta Connemann und Marie-Christine Ostermann in die Öffentlichkeit getragen. Die Namen und die jeweiligen Anlässe wechseln. Die Botschaften folgen einem erstaunlich wiederkehrenden Muster.
- Der Spitzensteuersatz gilt als zu hoch. Unternehmen müssen dringend entlastet werden.
- Die Kosten des Wirtschaftsstandorts Deutschland seien nicht länger tragbar.
- Soziale Sicherungssysteme geraten unter Rechtfertigungsdruck, sobald ihre Finanzierung Unternehmen belasten könnte.
- Und bei der Übertragung großer Unternehmensvermögen wird die Besteuerung nicht selten als Bedrohung der unternehmerischen Existenz dargestellt, während die Frage nach der gesellschaftlichen Beteiligung an großen Vermögen in den Hintergrund tritt.
Es geht dabei längst nicht mehr um einzelne Beiträge oder isolierte wirtschaftspolitische Forderungen. Es geht um die permanente Präsenz eines bestimmten Weltbildes.
in dem die wirtschaftlichen Interessen von Unternehmen
als vorrangiger Maßstab politischer Entscheidungen erscheinen, während soziale Ansprüche, öffentliche Aufgaben und gesellschaftliche Verteilungsfragen
vor allem als Kostenfaktoren behandelt werden
Die Botschaft lautet nicht immer ausdrücklich, dass Unternehmen grundsätzlich Vorrang vor anderen gesellschaftlichen Interessen haben müssten. Ihre Wirkung entfaltet sich subtiler - die Belastungen der Unternehmen werden als dringliches Problem präsentiert, die Belastungen anderer gesellschaftlicher Gruppen dagegen selten mit derselben Konsequenz zum Gegenstand wirtschaftspolitischer Debatten gemacht.
Wer diese Beiträge regelmäßig verfolgt, erlebt deshalb mehr als eine Folge einzelner Meinungsäußerungen. Er erlebt die fortlaufende Wiederholung einer politischen Deutung - Deutschland müsse wirtschaftlich wieder leistungsfähig werden, und dafür seien vor allem jene Einschränkungen zu beseitigen, die Unternehmen als hinderlich betrachten.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Unternehmen ihre Interessen vertreten dürfen.
Natürlich dürfen sie das.
Die Frage lautet, warum bestimmte Interessen durch ihre organisatorischen Ressourcen, ihre mediale Präsenz und ihre Fähigkeit zur permanenten Wiederholung ein solches Gewicht erhalten, dass ihre Forderungen zunehmend wie allgemeine gesellschaftliche Notwendigkeiten erscheinen.
Denn wer bestimmen kann, welche Probleme täglich auf die politische Tagesordnung gesetzt werden, beeinflusst auch, welche Lösungen als vernünftig gelten - und welche von vornherein als unrealistisch, unbezahlbar oder wirtschaftsfeindlich erscheinen.
Thomas Reinsch 14. Oktober 2026
Die Macht der wirtschaftlichen Lobby – und die Ohnmacht des Widerspruchs
Wie aus Interessen vermeintliche Sachzwänge werden
Wirtschaftliche Interessenvertretung ist ein legitimer Bestandteil einer pluralistischen Demokratie. Unternehmen meinen ihre Märkte , ihre Kosten, ihre Investitionsbedingungen und die Herausforderungen ihrer Geschäftstätigkeit zu kennen. Ihre Erfahrungen sind gleichberechtigte Bestandteile politischer Entscheidungsprozesse.
Doch zwischen der Vertretung eines Interesses und der Behauptung, aus diesem Interesse folge eine allgemeine wirtschaftliche Notwendigkeit, liegt ein entscheidender Unterschied.
Genau an dieser Stelle beginnt das Problem.
Eine Forderung nach niedrigeren Steuern ist zunächst eine steuerpolitische Position. Sie wird nicht allein dadurch zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit, dass sie mit Wettbewerbsfähigkeit begründet wird. Wer eine Senkung des Spitzensteuersatzes fordert, muss erklären, welche wirtschaftlichen Wirkungen damit erreicht werden sollen, welche Gruppen tatsächlich profitieren und welche Folgen sich für die Finanzierung öffentlicher Aufgaben ergeben.
Wer niedrigere Unternehmenskosten verlangt, muss zwischen unterschiedlichen Kostenarten unterscheiden. Energiepreise, Bürokratie, Finanzierungskosten, Löhne, Sozialversicherungsbeiträge und gesetzliche Arbeitszeitregelungen sind keine austauschbaren Größen. Ihre Ursachen und Wirkungen unterscheiden sich erheblich. Eine pauschale Forderung nach Entlastung ersetzt deshalb keine Analyse der jeweiligen Probleme.
Und wer bei großen Unternehmensvermögen vor steuerlichen Belastungen warnt, muss erklären, warum die Sicherung der Unternehmensfortführung eine bestimmte steuerliche Behandlung erfordert, welche Alternativen bestehen und wie sich die Belastungen im konkreten Fall tatsächlich auswirken.
Solche Fragen sind keine Schikane gegenüber Unternehmen. Sie sind die notwendige Voraussetzung einer sachgerechten politischen Entscheidung.
Die politische Wirkung
interessengeleiteter Kommunikation entsteht dort,
wo diese Prüfung durch eine
fertige Schlussfolgerung ersetzt wird.
Aus einer Forderung wird eine vermeintliche Notwendigkeit.
Aus einer bestimmten wirtschaftspolitischen Präferenz wird
der angeblich einzig vernünftige Weg.
Aus der Kritik an einer konkreten Regelung wird die Forderung, den politischen Gestaltungsspielraum grundsätzlich zugunsten der Unternehmen zu verschieben.
- Das funktioniert auch ohne eine einzige frei erfundene Zahl.
- Es genügt, relevante Informationen wegzulassen,
- Vergleichsmaßstäbe selektiv auszuwählen,
- Folgen nur aus einer Perspektive zu betrachten und
- die eigene Schlussfolgerung als zwingendes Ergebnis der Fakten zu präsentieren –
- reduziert Komplexität und vereinfacht mit bereits von den Popolisten aufgezeigten Antworten.
Die entscheidende Verzerrung liegt dann nicht zwingend in einem einzelnen Satz. Sie liegt in der Konstruktion des Gesamtbildes.
Wer beispielsweise ausschließlich die Belastungen von Unternehmen thematisiert, aber nicht danach fragt, wer die Voraussetzungen wirtschaftlicher Tätigkeit schafft, welche öffentlichen Leistungen Unternehmen nutzen und wie wirtschaftliche Erträge und Risiken gesellschaftlich verteilt sind, präsentiert keine vollständige wirtschaftliche Betrachtung. Er präsentiert eine interessengeleitete Perspektive, die sich als Gesamtanalyse ausgibt.
Genau deshalb reicht es nicht, einzelne Zahlen richtigzustellen. Wir müssen auch die gedanklichen Voraussetzungen sichtbar machen, unter denen diese Zahlen verwendet werden.
Denn hinter jeder wirtschaftspolitischen Forderung steht eine Verteilungsentscheidung -
- wer soll entlastet werden?
- Wer trägt die Kosten?
- Welche Risiken werden gemeinschaftlich getragen, welche privatisiert?
- Und wessen Interessen erhalten bei der politischen Abwägung Vorrang?
Diese Fragen verschwinden nicht dadurch, dass man sie hinter Begriffen wie Wettbewerbsfähigkeit, Standortpolitik oder wirtschaftlicher Vernunft verbirgt.
Wirtschaftliche Vernunft ist kein Synonym für die Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen. Und ein privater Vorteil wird nicht dadurch zu einem gesellschaftlichen Vorteil, dass er mit dem Gemeinwohl begründet wird.
Die Macht der Wiederholung und der zustimmenden Resonanz
Die Wirkung solcher Kommunikation erschöpft sich nicht im Inhalt einzelner Beiträge. Sie entsteht auch durch deren Häufigkeit, Sichtbarkeit und öffentliche Resonanz.
Wenn dieselben Grundforderungen immer wieder in unterschiedlichen Zusammenhängen auftauchen, entsteht ein vertrautes Deutungsmuster. Steuern erscheinen als Belastung, soziale Sicherung als Kostenproblem, Regulierung als Hindernis und gesellschaftliche Ansprüche als Einschränkung wirtschaftlicher Freiheit. Die wiederholte Darstellung prägt, welche Zusammenhänge Menschen spontan miteinander verbinden und welche Fragen sie überhaupt noch stellen.
Dabei ist die Wiederholung besonders wirksam, weil sie nicht jedes Mal eine vollständige Begründung benötigt.
- Was bereits bekannt klingt, erscheint schnell plausibel.
- Was ständig als Problem bezeichnet wird, wird als Problem wahrgenommen.
- Und was regelmäßig als alternativlos dargestellt wird, gerät irgendwann aus dem Bereich politisch umstrittener Entscheidungen in den Bereich vermeintlicher Selbstverständlichkeiten.
So verschiebt sich der öffentliche Diskurs. Nicht unbedingt durch eine einzelne spektakuläre Kampagne, sondern durch die alltägliche Präsenz derselben Grundannahmen.
LinkedIn verstärkt diese Dynamik. Beiträge werden kommentiert, geteilt und positiv bewertet. Sie erscheinen in den Feeds weiterer Nutzer und erreichen Menschen, die sich mit den ursprünglichen Argumenten womöglich gar nicht intensiv auseinandergesetzt haben. Zustimmung wird sichtbar. Widerspruch muss sich dagegen häufig erst Gehör verschaffen.
Die positiven Bewertungen sind dabei mehr als dekoratives Beiwerk. Sie signalisieren öffentlich erkennbare Resonanz. Wer einen Beitrag mit zahlreichen Likes sieht, nimmt wahr, dass die darin vertretene Position Zustimmung findet. Daraus folgt zwar nicht, dass jeder Bewertende die Argumentation geprüft hat. Es entsteht aber ein sichtbares Bild sozialer Bestätigung, das die Wahrnehmung einer Position beeinflussen kann.
Das ist besonders problematisch, wenn eine zugespitzte Behauptung Zustimmung erhält, bevor ihre Voraussetzungen und Schlussfolgerungen geprüft wurden. Die Reichweite einer Aussage und die Zahl ihrer positiven Bewertungen sagen nichts darüber aus, ob ihre Argumentation vollständig, ihre Zahlen aussagekräftig oder ihre Schlussfolgerungen tragfähig sind.
Trotzdem kann sich ein Eindruck verfestigen -
- offenbar sehen viele Menschen die Sache genauso.
- Offenbar ist die Forderung vernünftig.
- Offenbar handelt es sich um eine weithin anerkannte wirtschaftliche Wahrheit.
Hier entsteht eine gesellschaftliche Wirkung, die über die ursprüngliche Aussage hinausgeht. Eine Interessenposition erhält durch ihre Sichtbarkeit und Resonanz den Anschein allgemeiner Gültigkeit.
Wer über die Ressourcen verfügt, regelmäßig Themen zu setzen, zugespitzte Botschaften zu verbreiten und sie mit hoher Sichtbarkeit im öffentlichen Raum zu platzieren, besitzt einen strukturellen Vorteil. Dieser Vorteil liegt nicht allein im Inhalt der Argumente. Er liegt in der Fähigkeit, die Bedingungen ihrer öffentlichen Wahrnehmung mitzugestalten.
Und genau darin liegt die politische Bedeutung
dieser Kommunikation - sie beeinflusst nicht nur,
wie über einzelne Maßnahmen gesprochen wird.
Sie beeinflusst auch,welche politischen Handlungsmöglichkeiten als legitim erscheinen
Wenn Steuersenkungen als wirtschaftliche Vernunft und zusätzliche gesellschaftliche Ansprüche an große Vermögen als wirtschaftliches Risiko gerahmt werden, verschiebt sich der Ausgangspunkt der Debatte. Dann muss sich nicht mehr die Forderung nach Entlastung rechtfertigen. Rechtfertigen müssen sich vielmehr diejenigen, die nach ihrer Finanzierung, ihren Verteilungswirkungen oder ihren gesellschaftlichen Kosten fragen.
Das ist keine neutrale Ausgangslage. Es ist eine Verschiebung der Begründungslast zugunsten der Interessen, die den Diskurs prägen.
Warum individuelle Gegenwehr nicht ausreicht
Wer solche Beiträge kritisch kommentiert, kennt das Problem - eine zugespitzte Aussage ist schnell veröffentlicht. Ihre sorgfältige Prüfung kann Stunden dauern.
Welche Zahlen wurden verwendet? Auf welchen Zeitraum beziehen sie sich? Welche Vergleichsgröße wäre angemessen? Welche Informationen fehlen? Sind die gezogenen Schlussfolgerungen tatsächlich durch die angeführten Daten gedeckt? Welche Interessen und Verteilungswirkungen bleiben unberücksichtigt?
Wer sachlich widersprechen will, muss diese Fragen beantworten können. Ein bloßes Gegenargument genügt nicht, wenn es darum geht, eine unvollständige oder irreführende Darstellung überzeugend zu korrigieren.
Das führt zu einem strukturellen Missverhältnis. Die Veröffentlichung einer zugespitzten Botschaft erfordert vergleichsweise wenig Aufwand. Ihre gründliche Überprüfung verlangt Fachwissen, Recherchezeit und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen.
Der ursprüngliche Beitrag ist längst verbreitet, während die kritische Antwort noch Quellen prüft. Die Behauptung erhält Aufmerksamkeit, während die Korrektur erst erarbeitet werden muss. Und wenn diese schließlich veröffentlicht wird, hat sich die Diskussion häufig bereits anderen Themen zugewandt.
Für einzelne Nutzer entsteht daraus ein Dilemma. Entweder sie investieren einen erheblichen Teil ihrer Zeit in die Prüfung und Widerlegung einer einzelnen Aussage, oder sie lassen sie unwidersprochen stehen. Wer beruflich, familiär oder anderweitig eingebunden ist, kann diese Arbeit nicht beliebig oft leisten.
Das Ergebnis ist vorhersehbar - selbst Menschen mit fundierten Kenntnissen beteiligen sich nur punktuell. Andere verzichten ganz auf eine Auseinandersetzung, weil ihnen die Zeit für eine belastbare Antwort fehlt. Wieder andere reagieren mit einem knappen Widerspruch, der zwar verständlich ist, der Argumentation aber wenig entgegenzusetzen hat.
Die ursprüngliche Behauptung bleibt sichtbar. Die sachliche Korrektur erreicht häufig weniger Menschen.
Damit entsteht ein Vorteil für jene Akteure, die ihre Positionen professionell und kontinuierlich verbreiten können. Sie verfügen über Organisationen, Kommunikationsressourcen, eingespielte Formate und die Möglichkeit, wirtschaftspolitische Themen immer wieder aufzugreifen. Die Gegenwehr dagegen bleibt häufig auf einzelne Personen verteilt, die jedes Mal von vorn beginnen.
Das ist der entscheidende Punkt - das Problem liegt nicht allein in der Qualität einzelner Beiträge. Es liegt auch in der ungleichen Verteilung der Ressourcen, die erforderlich sind, um öffentliche Aussagen wirksam zu prüfen und zu korrigieren.
Solange jeder Kritiker für sich allein recherchiert, argumentiert und kommentiert, wird ein großer Teil dieser Arbeit immer wieder neu geleistet. Erkenntnisse werden nicht systematisch weitergegeben. Quellen bleiben verstreut. Frühere Widerlegungen geraten aus dem Blick. Und dieselben Argumentationsmuster können mit geringem Aufwand erneut verbreitet werden.
Eine solche Situation ist kein Versagen einzelner Menschen.
Sie ist ein Organisationsproblem.
Wer eine dauerhafte Veränderung der öffentlichen Debatte erreichen will, muss deshalb nicht nur bessere Argumente entwickeln. Er muss auch die Bedingungen schaffen, unter denen diese Argumente kontinuierlich, überprüfbar und mit vertretbarem Aufwand in den öffentlichen Raum eingebracht werden können.
Vom vereinzelten Widerspruch zur organisierten Sachkritik
Was wäre also zu tun?
Ich halte es für notwendig, dass sich Menschen zusammenschließen, die nicht bereit sind, die permanente Wiederholung interessengeleiteter Behauptungen als unvermeidlichen Bestandteil des wirtschaftspolitischen Diskurses hinzunehmen.
Nicht als neue Lobbyorganisation, die lediglich die Interessen einer anderen Gruppe vertritt. Nicht als Gegenkampagne, die zugespitzte Behauptungen mit ebenso zugespitzten Gegenbehauptungen beantwortet. Und auch nicht als Gemeinschaft, die sich vor allem gegenseitig in der eigenen politischen Überzeugung bestätigt.
Was wir brauchen, ist eine organisierte Fähigkeit zur sachlichen Prüfung und öffentlichen Korrektur.
Der Ansatz könnte bewusst einfach beginnen - ein loser Verbund von Menschen beobachtet die Beiträge relevanter wirtschaftspolitischer Akteure auf LinkedIn, identifiziert besonders bedeutsame Behauptungen und organisiert deren Überprüfung arbeitsteilig.
Einige Mitglieder bringen Fachkenntnisse in Steuerfragen mit, andere beschäftigen sich mit Sozialversicherungen, Arbeitsrecht, Energiepolitik oder Unternehmensbesteuerung. Wieder andere übernehmen Recherche, Quellenprüfung, redaktionelle Arbeit oder die verständliche Aufbereitung komplexer Zusammenhänge.
Nicht jeder muss alles wissen. Aber die Gruppe muss in der Lage sein, vorhandenes Wissen zusammenzuführen und daraus belastbare öffentliche Beiträge zu entwickeln.
Der erste Schritt wäre eine gemeinsame Arbeitsweise. Welche konkrete Behauptung wird geprüft? Welche Quelle liegt ihr zugrunde? Welche Informationen fehlen? Was lässt sich nachweisen, was ist strittig, und wo handelt es sich um eine politische Wertung statt um eine Tatsachenbehauptung?
Diese Unterscheidung ist unverzichtbar. Eine nachweislich falsche Zahl muss anders behandelt werden als eine unvollständige Darstellung oder eine legitime wirtschaftspolitische Forderung. Sachkritik gewinnt ihre Glaubwürdigkeit gerade dadurch, dass sie nicht alles unterschiedslos als Lüge oder Manipulation bezeichnet.
Aus der Prüfung entsteht eine nachvollziehbare Dokumentation. Quellen werden verlinkt, Vergleichsmaßstäbe offengelegt und Schlussfolgerungen begründet. Andere Mitglieder können die Ergebnisse kontrollieren, Einwände vorbringen und die Analyse verbessern.
Anschließend werden die Erkenntnisse dort öffentlich gemacht, wo sie gebraucht werden - in eigenständigen Kommentaren unter den betreffenden LinkedIn-Beiträgen, in weiterführenden Beiträgen und in einem dauerhaft zugänglichen Archiv.
Dabei geht es nicht darum, dass möglichst viele Menschen denselben Kommentar veröffentlichen. Identische Kommentare, künstlich erzeugte Zustimmung oder eine koordinierte Flut von Reaktionen würden die Glaubwürdigkeit des Vorhabens beschädigen. Die Stärke liegt gerade in der Qualität der Argumente, der Transparenz ihrer Entstehung und der Möglichkeit, ihre Grundlagen zu überprüfen.
Die Beteiligten sollten eigenständig formulieren, ihre Quellen offenlegen und als Mitglieder eines sachorientierten Verbunds erkennbar sein. Sie müssen nicht in jeder politischen Frage übereinstimmen. Entscheidend ist eine gemeinsame Verpflichtung auf nachvollziehbare Argumentation und die Bereitschaft, auch die eigenen Positionen kritisch zu überprüfen.
Ein solches Netzwerk könnte seine Arbeit zunächst auf wenige, wiederkehrende Argumentationsmuster konzentrieren. Nicht weil andere Themen unwichtig wären, sondern weil die systematische Aufarbeitung Zeit benötigt. Wenn eine Behauptung regelmäßig wiederkehrt, lohnt es sich, ihre Grundlagen einmal gründlich zu prüfen und die Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie später wiederverwendet und aktualisiert werden können.
Damit entstünde Schritt für Schritt ein gemeinsames Wissensarchiv. Eine neue Behauptung müsste nicht mehr jedes Mal eine vollständige Einzelrecherche auslösen. Vorhandene Analysen könnten als Ausgangspunkt dienen, neue Daten ergänzt und veränderte Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.
Der Effekt wäre doppelt - die Qualität der Gegenargumente würde steigen, während der Aufwand für den einzelnen Beteiligten sinkt. Aus vereinzeltem Wissen würde eine gemeinsame Ressource. Aus punktueller Kritik könnte eine dauerhafte öffentliche Praxis werden.
Das wäre eine Form gesellschaftlicher Selbstorganisation, die nicht darauf wartet, dass Medien, Parteien oder andere Institutionen die notwendige Korrekturarbeit übernehmen. Sie würde dort ansetzen, wo die Behauptungen verbreitet werden, und die Informationen bereitstellen, die für eine fundierte Beurteilung fehlen.
Das Ziel wäre nicht, jede Diskussion zu gewinnen. Es wäre, zu verhindern, dass eine Behauptung allein deshalb unwidersprochen bleibt, weil ihre Überprüfung aufwendig ist.
Die Deutungshoheit muss wieder zur Diskussion stehen
Die Auseinandersetzung mit INSM, MIT und Die Familienunternehmer ist deshalb mehr als eine Frage einzelner wirtschaftspolitischer Positionen. Sie berührt das Verhältnis von wirtschaftlicher Macht, öffentlicher Kommunikation und demokratischer Willensbildung.
Unternehmen benötigen verlässliche Rahmenbedingungen. Sie sind auf Infrastruktur, qualifizierte Beschäftigte, funktionierende Institutionen und gesellschaftliche Stabilität angewiesen. Ihre wirtschaftliche Tätigkeit findet nicht außerhalb der Gesellschaft statt. Sie nutzt deren Voraussetzungen und wirkt auf deren Entwicklung zurück.
Deshalb kann die Frage nach der Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland nicht auf die Minimierung unternehmerischer Belastungen reduziert werden. Sie muss ebenso die Qualität öffentlicher Leistungen, die Verteilung wirtschaftlicher Chancen, die Finanzierung sozialer Sicherung und die langfristigen Voraussetzungen gesellschaftlicher Entwicklung berücksichtigen.
Wer wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zum obersten Maßstab erklärt, muss sich fragen lassen, welche Form von Wettbewerbsfähigkeit gemeint ist und welchen gesellschaftlichen Preis sie haben soll. Wer Entlastungen fordert, muss ihre Wirkungen und ihre Finanzierung offenlegen. Wer soziale Standards infrage stellt, muss erklären, welche Folgen die vorgeschlagenen Veränderungen für die betroffenen Menschen und die Gesellschaft insgesamt haben.
Das sind keine wirtschaftsfeindlichen Fragen. Es sind demokratische Fragen.
Sie dürfen nicht dadurch aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt werden, dass eine bestimmte Interessenposition über ausreichend Ressourcen verfügt, um ihre Forderungen immer wieder als alternativlos zu präsentieren.
Der politische Druck, der aus einer solchen Deutungshoheit entsteht, muss gebrochen werden. Nicht durch die Unterdrückung wirtschaftlicher Interessen, sondern indem ihre Ansprüche wieder dem unterworfen werden, was für jede politische Forderung gelten muss - einer nachvollziehbaren Begründung, einer offenen Prüfung ihrer Voraussetzungen und einer Auseinandersetzung mit ihren Folgen.
Die entscheidende Gegenmacht ist deshalb nicht die lautere Parole. Sie ist die organisierte Fähigkeit, genauer hinzusehen, Zusammenhänge offenzulegen und Behauptungen an überprüfbaren Maßstäben zu messen.
Das wird die öffentliche Debatte nicht über Nacht verändern. Aber es kann verhindern, dass dieselben verkürzten Darstellungen immer wieder als unangefochtene Wahrheiten im Raum stehen bleiben.
Eine demokratische Gesellschaft braucht wirtschaftliche Interessenvertretung. Sie braucht aber ebenso Menschen, die deren Aussagen prüfen, ihre Voraussetzungen hinterfragen und die ausgelassenen Zusammenhänge sichtbar machen.
Wenn wir diese Aufgabe weiterhin jedem Einzelnen überlassen, werden wir den strukturellen Vorteil organisierter Kommunikation kaum ausgleichen. Wenn wir sie gemeinsam übernehmen, können wir etwas schaffen, das bislang häufig fehlt - eine dauerhafte, fachlich fundierte und öffentlich sichtbare Gegenöffentlichkeit.
Nicht jede wirtschaftspolitische Forderung verdient Zustimmung. Aber jede Forderung, die gesellschaftliche Folgen beansprucht, muss sich einer sachlichen Prüfung stellen. Und keine Interessenorganisation darf allein aufgrund ihrer Reichweite darüber bestimmen, welche Antworten eine Gesellschaft für vernünftig hält.

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