Christiane Grefe
Politische Entscheidungen sollen wissenschaftlich begründet sein, auf neuestem Stand - sehr zu Recht. Ob dieser Anspruch aber künftig bei der Zulassung von Pestiziden noch eingelöst wird, das bezweifeln hunderte europäischer Forscher und Wissenschaftsorganisationen.
Sie fragen angesichts neuer Regeln, die gerade in einem der Omnibus-Pakete zum Bürokratieabbau verhandelt werden:
Steckt die rechte und konservative Mehrheit des EU-Parlaments lieber den Kopf in den Sand als möglichen Risiken für Menschen und Ökosysteme vorzubeugen?
hier Zeit Von Christiane Grefe 19. Oktober 2026,
Die EU will die Vorgaben für den Einsatz von Pestiziden verschlanken.
Für Menschen und Ökosysteme könnte das Risiken bringen – und biologische Alternativen ausbremsen.
Mit welchen Mitteln dürfen Europas Bauern ihre Pflanzen schützen? Und wie sollen mögliche Risiken für Mensch und Natur geprüft werden? Wenn das EU-Parlament in den nächsten Wochen über diese Fragen entscheidet, werden nur vordergründig spröde technische Regeln diskutiert. Tatsächlich steht viel mehr auf dem Spiel: Es geht um den Stellenwert, den wissenschaftliche Erkenntnisse bei der Pestizidzulassung noch haben. Und es geht um die Zukunft der Landwirtschaft.
Die kämpft in vielen Regionen mit enormen Herausforderungen, man kann sie am Beispiel des Ackerfuchsschwanzes verdeutlichen. Das Süßgras mit seinen rauen Halmen und lanzenartigen Scheinähren breitet sich seit Jahren auf vielen Weizenfeldern immer rasanter aus und lässt die Ernten oft drastisch schrumpfen. Ein Grund: Die Pflanze bildet schnell Resistenzen gegen Unkrautvernichtungsmittel, oft sogar Multiresistenzen. Die gängigen Herbizide helfen dann nicht mehr.
Als Gegenmittel hat die Bundesregierung kürzlich ein neues Präparat genehmigt, obwohl es noch nicht abschließend geprüft ist. Umweltschützer vermuten, Luxinum von BASF könne hormonschädigend wirken und Wasserlebewesen gefährden. Bei der Aussaat des Winterweizens dürfen Landwirte das Herbizid trotzdem seit September für vier Monate einsetzen. Solche »Notfallzulassungen« werden auch bei Raps, Obst und Gemüse immer öfter durchgewinkt, weil der Druck von Läusen, Fliegen und anderen Insekten in vielen Kulturen so groß geworden ist. Oft waren die Pestizide vorher verboten
Zulassungsverfahren sollen schlanker werden
Ein Grund für die Häufung solcher Ausnahmen seien die langwierigen Zulassungsverfahren für abgelaufene und neue Wirkstoffe, monieren Bauern-, Chemie- und Agrarverbände. Sie fordern deshalb, dass die zuständige EU-Behörde EFSA schlanker und schneller arbeiten müsse – und haben die EU-Kommission mit ihrer Argumentation überzeugt.
Für Bürokratieabbau sind die Türen in Brüssel gerade ohnehin weit geöffnet. In allen Wirtschaftsbereichen sollen Verwaltungsprozesse entschlackt werden. Dazu dienen zwölf Gesetzespakete, »Omnibusse« genannt, weil in jedem mehrere Sachthemen gleichzeitig abgefahren werden. Aktuell wird die Linie 10 zur »Sicherheit von Lebens- und Futtermitteln« verhandelt. Sie soll auch die Zulassung neuer Pestizide beschleunigen. Aber das »Wie« stößt nicht nur bei Umwelt-NGOs auf Widerstand. Selten einhellig warnen auch Hunderte von Wissenschaftlern und hochrangigen Forschungsorganisationen aus ganz Europa, dass der Preis der geplanten Beschleunigung zu hoch sei.
Der EU-Vorschlag werde »das Schutzniveau für Mensch und Umwelt« deutlich absenken, kritisierte etwa die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina Anfang Juni in einem Politikpapier. Er steigere Pestizidrisiken, urteilte kurz darauf eine Autorengruppe in der renommierten Fachzeitschrift Science. Ähnliche Bedenken brachten 573 Biologen, Ökologen und Toxikologen aus ganz Europa im September in einem Schreiben an das EU-Parlament vor. Auch Mediziner, Gesundheitswissenschaftler und die Internationale Gesellschaft für Epidemiologie zeigten sich jüngst in einem offenen Brief, den sie an »Europas Politiker« richteten, »äußerst besorgt«. Sie sehen ein System der Lebensmittelsicherheit bedroht, das »dafür anerkannt ist, am besten zu schützen«.
Die konkreten Vereinfachungspläne der EU-Kommission reichen tatsächlich weit. Fortan soll ein Pestizid nicht mehr befristet für zehn Jahre zugelassen werden, sondern in der Regel unbegrenzt. Das hieße: Bayer, BASF und andere Hersteller müssten keinen Verlängerungsantrag mehr stellen, bei dem wie bisher mögliche Risiken für die menschliche Gesundheit, für Gewässer, Böden und Biodiversität automatisch abermals überprüft und neu bewertet würden.
Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten des Klimawandels
Als Begründung führt die EU-Kommission neben der wirtschaftlichen Gefährdung der Landwirte und Europas Wettbewerbsfähigkeit an, dass der Klimawandel Pflanzen durch Starkregen und Hitzewellen schwächt und sie zugleich durch invasive Schädlinge und Unkräuter und -gräser immer stärker gefährdet. Ohne wirksamen Pflanzenschutz stehe deshalb die sichere Versorgung mit Nahrungs- und Futtermitteln auf dem Spiel. Wenn die EFSA nicht mehr so viele alte Mittel überprüfen müsse, könne sie innovative, harmlosere Wirkstoffe schneller zulassen, so erläutert die Kommission ihre Pläne weiter. Dann werde das Schutzniveau trotz der Deregulierung erhalten bleiben.
Für die Leopoldina ist das aber eine Milchmädchenrechnung: Grundsätzlich dürfe man nicht die möglicherweise geringeren Risiken der neuen Mittel mit Abstrichen bei der Sicherheit der alten verrechnen, heißt es in ihrer Analyse. Auch die Experten der Leopoldina erkennen an, dass es in der EFSA einen Arbeitsstau gibt. Es müsse aber trotzdem möglich sein, neue Erkenntnisse der Forschung periodisch geltend zu machen und dabei die Gesundheit von Menschen, Pflanzen, Tieren und ganzen Ökosystemen im Blick zu haben.
Im derzeitigen »lernfähigen Regulierungssystem« der EU wurden laut dem Leopoldina-Papier 165 Wirkstoffe seit 2009 nicht mehr verlängert. Teils haben die Unternehmen selbst aus wirtschaftlichen oder strategischen Gründen keine Anträge mehr eingereicht. Doch bei mindestens 54 Produkten gaben laut einer Auswertung des Datenteams beim Bayerischen Rundfunk neue Erkenntnisse über Risiken, die höher waren als ursprünglich angenommen, den Ausschlag für die Entsagung.
Alternative Lösung: mehr Personal
Eine wiederholte Prüfung ohne Verzögerungen wäre möglich, indem die EFSA besser ausgestattet würde. Die Behörde selbst hatte erklärt, mit 50 zusätzlichen Fachkräften könne sie den Zulassungsrückstau innerhalb von drei Jahren abbauen. Es bedeute, den wissenschaftlichen Fortschritt zu vernachlässigen, wenn man stattdessen die Zulassungsfristen einfach abschaffe, schreiben die Leopoldina-Experten.
Ob chemische Stoffe nur die unerwünschten Beikräuter, Pilze und Schädlinge ausschalten oder auch andere Lebewesen gefährden, das zeige sich nun mal erst in der praktischen Anwendung und oft nach Jahren, betonte auch die Ökotoxikologin Martina Vijver von der Universität Leiden Anfang September bei einer Anhörung im EU-Parlament.
Für einige sogenannte Neonicotinoide zum Beispiel wurde über die Zeit immer konkreter belegt, dass sie nicht nur das Nervensystem der Insekten beeinflussen. Studien zufolge können sie auch beim Menschen das werdende Leben schädigen oder Parkinson, Probleme der Nieren und des Herz-Kreislauf-Systems befördern und dürfen deshalb nur noch ausnahmsweise genutzt werden. Erst seit einigen Jahren rücken PFAS ins Blickfeld, die sich in Gewässern und Böden anreichern und denen eine krebserregende Wirkung nachgesagt wird. In Dänemark wurden 23 Pflanzenschutzmittel, die solche »Ewigkeitschemikalien« bildeten, im Jahr 2025 verboten.
Wenn sich der Positionsentwurf des EU-Parlaments durchsetzt, den der Agrarausschuss gerade diskutiert, dann wären solche Verdikte für das eigene Land nicht mehr ohne Weiteres möglich. Denn die verhandlungsführenden Abgeordneten wollen über den Kommissionsvorschlag hinausgehen und Zulassungen nicht nur auf EU-Ebene für die einzelnen Wirkstoffe entfristen, sondern auch für die anwendungsfertigen Pestizidprodukte, und darüber entscheiden die nationalen Regierungen. Die Regierungen von Dänemark, Frankreich oder Polen wären dann faktisch an die Erstbewertung der EFSA gebunden, ihre eigene wissenschaftliche Analyse nicht mehr wirksam.
Eine Überprüfung bedenklicher Stoffe gäbe es nur noch in konkreten Einzelfällen, wenn starke Indizien für Gefahren vorgebracht werden können. Hätte sie ein Verbot zur Folge, dann käme noch ein weiterer Deregulierungsvorschlag zum Tragen: Künftig dürften die Hersteller ihre Lagerbestände bis zu drei Jahre lang abverkaufen und Landwirte sie über den gleichen Zeitraum aufbrauchen. Das wäre doppelt so lange wie bisher. Kritiker sehen darin einen Anreiz für verzweifelte Bauern, sich mit giftigen Stoffen zu bevorraten.
Allerdings werden auch viel grundsätzlichere Zweifel an der Initiative der EU vorgebracht. Schließlich gibt es noch andere Antworten auf Resistenzen als allein die Entwicklung immer neuer Pestizide. Mehr ökologischer Landbau etwa würde ihren Einsatz reduzieren, und auch in der konventionellen Landwirtschaft stehen bessere Anbaupraktiken und biologische Methoden der Schädlingsbekämpfung zur Verfügung.
Bauern sollten besser beraten werden
Mehr Engagement forderte der deutsche Wissenschaftliche Beirat zum Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz vor wenigen Wochen in einer Bewertung des »Integrierten Pflanzenschutzes«. Das Konzept sieht Pestizide als Ultima Ratio, es setzt auf nicht chemische Verfahren und vorbeugende Maßnahmen wie passende Sorten, längere Fruchtfolgen, mehr Vielfalt auf Äckern und Feldern. Obwohl rechtsverbindlich, sei dieser Plan von seiner Verwirklichung weit entfernt, bemängeln die Experten. Es sei wenig passiert, und es fehle an allem: Beratung für die Bauern etwa oder auch an wirtschaftlichen Anreizen für ihre Mehrarbeit, für die sparsame Ausbringungstechnik mithilfe von Drohnen oder für regionale Kooperationen der Bauern, um Erreger und Schädlinge gemeinsam noch gezielter auszuschalten.
Dabei sollte der Einsatz von Ackergiften noch vor Kurzem laut dem Green Deal in der ganzen EU bis 2030 auf die Hälfte reduziert werden. Geplant war, biologischen Methoden der Schädlings- und Unkrautbekämpfung bei der Zulassung neuer Mittel Vorfahrt zu geben. In den Niederlanden gibt es bereits so einen grünen »Fast Track«.
Einseitige Gespräche?
Dass der Green Deal in dem geplanten Omnibus 10 kein Thema mehr ist, führt die NGO Corporate Europe Observatory nach Auswertung zahlreicher Dokumente darauf zurück, dass die EU-Kommission zwar mit Chemieunternehmen und den Interessenvertretungen der Bauern Gespräche geführt habe. Wissenschaftler, die sich mit lebendigen Systemen befassen, habe sie jedoch kaum konsultiert. Auch das Parlaments-Hearing Anfang September sei einseitig besetzt gewesen. Zu Wort kamen vor allem Agrarökonomen und -praktiker,
Martina Vijver sprach als einzige Umweltexpertin. Ein Versuch, die umweltwissenschaftlichen Bedenken noch einmal auf die Tagesordnung des Agrarausschusses zu setzen, wurde Anfang Oktober von dessen Spitze abgeblockt.
Während vor allem die rechte und konservative Mehrheit der Abgeordneten auf eine Zuspitzung des Kommissionsvorschlags drängt, hat der Ministerrat einige Abschwächungen vorgeschlagen. Das EU-Parlament berät nun, womöglich wird Anfang November abgestimmt.
Der anschließende Trilog der drei EU-Institutionen wird zeigen, ob, wie die Kritiker aus der Wissenschaft warnen,
eine europäische Errungenschaft untergraben wird:
das Vorsorgeprinzip.
Ihm zufolge sind die Mitgliedsstaaten daran gebunden, möglichen Schäden für Mensch und Umwelt lieber vorzubeugen, als ihr Eintreten zu riskieren.
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