Flaneure aller Länder, vereinigt euch!
Wenn die Welt aus den Fugen gerät, rufen wir nach Experten. Ökonomen und Strategen analysieren Daten, entwickeln Modelle und wundern sich, warum die Wirklichkeit sich ihren Vorstellungen widersetzt.
Auf die Idee, einen Flaneur einzuladen, kommt niemand. Dabei könnte der Mensch, der ziellos durch Strassen streift, etwas beitragen. Nicht weil er mehr weiss. Sondern weil er anders sieht.
Vielleicht haben wir die Welt so lange denjenigen zur Erklärung überlassen, die für sie zuständig sind, dass wir vergessen haben, diejenigen zu fragen, die sie tatsächlich sehen.
Baudelaire sah im Flaneur den Beobachter der modernen Stadt. Walter Benjamin schrieb: «Der Müßiggang des Flaneurs ist eine Demonstration gegen die Arbeitsteilung.» Robert Walser machte aus einem Spaziergang eine Entdeckungsreise, auf der das Bedeutende im Beiläufigen erscheint.
Darin steckt eine aktuelle Kritik. Arbeitsteilung bestimmt nicht nur, was wir tun, sondern auch, was wir wahrnehmen. Der Ökonom sieht Märkte, der Stadtplaner Verkehrsströme, der Unternehmer Zielgruppen. Jeder Blick ist wertvoll. Aber keiner ist die ganze Welt.
Der Flaneur besitzt keine Zuständigkeit. Er sieht in einer Warteschlange eine Gesellschaft und in einem Blick eine Geschichte. Er interessiert sich für das, wonach niemand gefragt hat.
Als Fotograf kenne ich das. Manchmal gehe ich lange durch eine Stadt, ohne ein Bild zu machen. Dann geschieht etwas Ungeplantes: eine Geste, ein Blick, eine flüchtige Beziehung zwischen zwei Menschen. Das Bild entsteht, weil ich bereit war, es zu entdecken.
Was wäre, wenn Stadtplaner solchen Beobachtern zuhörten, bevor sie Plätze entwerfen? Wenn Unternehmen den Alltag ihrer Kunden ohne Fragebogen erkunden liessen? Wenn wir zuerst den Menschen sähen und erst danach seine statistische Kategorie?
Natürlich ist zielloses Gehen noch keine Weisheit. Der Flaneur kann sich ebenso täuschen wie der Experte. Seine Qualität ist die Bereitschaft, sich von der Wirklichkeit korrigieren zu lassen. Er sucht keine Belege für eine fertige Meinung. Er erlaubt dem Unerwarteten, sein Denken zu verändern.
Ich stelle mir einen Flaneur in einer Vorstandssitzung vor. Drei Stunden Strategiedebatte. Dann erzählt er von einer unscheinbaren Beobachtung auf der Strasse. Vielleicht stellt sie alles infrage. Allein diese Möglichkeit wäre einen Stuhl wert.
Wir vermessen immer genauer, was wir bereits für wichtig halten, und übersehen, was wir noch gar nicht als wichtig erkannt haben. Vielleicht fehlt uns nicht Wissen, sondern die Fähigkeit, unsere Fragen zu überprüfen.
Flaneure aller Länder, vereinigt euch! Nicht, um gemeinsam in dieselbe Richtung zu marschieren. Sondern um einer Welt voller Antworten die Freiheit zurückzugeben, sich zunächst einmal umzusehen.
Die nächste grosse Erkenntnis kommt vielleicht von jemandem, den niemand eingeladen hat. Und der ohnehin gerade einen anderen Weg genommen hat.

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