Ingwar Perowanowitsch
Jetzt ist es also amtlich.
Das Deutschlandticket wird zum 1. Januar 2027 zum 4. Mal hintereinander teurer.
Von ursprünglich 9 Euro auf jetzt dann 66,80 Euro. Das haben Bund und Ländern soeben beschlossen. Der Grund: Beide Parteien weigern sich mehr als 1,5 Mrd. € pro Jahr zur Stabilisierung des Tickets beizutragen. Ein Trauerspiel angesichts der 2,5 Mrd. Euro, die gerade für drei Monate Tankrabatt verschleudert werden.
Das Absurdeste ist aber die Begründung: „Steigende Energiekosten“.
Seltsam: Verbrenner-Fahrer werden bei steigenden Energiekosten mit Rabatten begünstigt. ÖPNV-Fahrer müssen stattdessen draufzahlen.
Wann hat diese unsägliche Zwei-Klassen Verkehrspolitik endlich mal ein Ende?
Zeit hier Von Erica Zingher Aus der Serie: Was jetzt? 1. Oktober 2026, Podcast
Warum Tanken günstiger und Bahnfahren teurer wird
Autofahren wird günstiger, das Deutschlandticket wohl teurer. Was bedeutet das für die Mobilität?
Autofahren wird günstiger. Mit dem Start des Tankrabatts sinkt die Energiesteuer auf Benzin und Diesel um 14 Cent pro Liter, einschließlich Mehrwertsteuer entspricht das einer Entlastung von knapp 17 Cent.
Schon vor dem Start waren die Spritpreise deutlich gesunken. Doch gleichzeitig könnte Bus- und Bahnfahren teurer werden: Der Preis für das Deutschlandticket soll einem Medienbericht zufolge um vier Euro auf 66,90 Euro steigen. Hinzu kommen Einschränkungen im Fernverkehr. Wegen einer Sanierung müssen Reisende zwischen Berlin und Hannover ab Freitag mit bis zu 80 Minuten längeren Fahrzeiten rechnen. Warum wird das Deutschlandticket teurer? Und was bedeuten diese Entwicklungen für die Mobilität in Deutschland? Das erklärt Jonas Schulze Pals aus dem Wirtschaftsressort der ZEIT.
TAZ hier 30.9.2026 Nanja Boenisch
Ungleiche Förderung
Sprit wird billiger, Deutschlandticket teurer
Das Nahverkehrsabo kostet nächstes Jahr 66,80 Euro im Monat. Derweil steckt der Bund viel Geld in den Tankrabatt. Eine falsche Priorität, finden Verbände.
Der Preissprung war schon seit Monaten befürchtet worden, jetzt ist er besiegelt: Das Deutschlandticket soll ab dem 1. Januar 2027 nicht mehr 63,00 Euro, sondern 66,80 Euro pro Monat kosten. Das haben Vertreter:innen der Bundesländer am Mittwochnachmittag bekanntgegeben. Das Deutschlandticket als Jobticket soll ab Januar demnach 63,46 Euro, das Semesterticket für Studierende 40,08 Euro im Monat kosten.
Den neuen Preis hat die D-Tix-Gesellschaft berechnet, die seit der Einführung des Deutschlandtickets mit der Verteilung der Einnahmen aus dem Abo auf verschiedene Verkehrsverbünde betraut ist. Grundlage ist ein Kostenindex, in den unter anderem die Personal-, Energie- und Betriebskosten der Nahverkehrsbetreiber einfließen. Die Verkehrsminister:innen der Länder hatten sich Ende März auf die Formel geeinigt.
Ingo Wortmann, Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), suchte nach dem Beschluss nach versöhnlichen Worten: „Wir haben Verständnis dafür, dass eine Preiserhöhung in Zeiten steigender Verbraucherpreise für manche Fahrgäste schmerzhaft ist.“ Die Kostensteigerungen träfen aber auch die Verkehrsunternehmen hart. „Sie können diese Mehrkosten nicht auffangen“, sagte Wortmann – vor allem, weil Bund und Länder ihre Zuschüsse zum Deutschlandticket seit dessen Einführung konstant bei insgesamt 3 Milliarden Euro hielten.
Tatsächlich hat sich das Leben in Deutschland im September so stark verteuert wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Besonders die hohen Preise für Benzin, Diesel und Gas trieben die Inflationsrate um 0,4 Prozentpunkte auf 3,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt auf Basis vorläufiger Zahlen mitteilte. Höher war die Inflationsrate zuletzt im Dezember 2023, damals stiegen die Verbraucherpreise um 3,7 Prozent.
Entlastung nur für Autofahrende
Hintergrund der hohen Energiepreise ist der schwelende Krieg zwischen den USA, Israel und Iran. Zuletzt setzte die Blockade der Huthi-Miliz im Jemen in der Meerenge von Bab al-Mandab die globale Ölversorgung noch mehr unter Druck. So mussten die Bürger:innen in Deutschland im September laut dem Statistischen Bundesamt 14,9 Prozent mehr für Kraftstoffe und Haushaltsenergie zahlen als im gleichen Monat vor einem Jahr. Lebensmittel kosteten nur 0,4 Prozent mehr.
Um Autofahrer:innen beim Tanken zu entlasten, hat die Bundesregierung kürzlich einen neuen Tankrabatt beschlossen. Schon im Juni und Juli hatte sie die Spritpreise über eine Senkung der Energiesteuer abgedämpft – und sich das 1,6 Milliarden Euro kosten lassen. Der neue Tankrabatt tritt nun am 1. Oktober in Kraft, der Bund verzichtet so mindestens auf weitere 2,5 Milliarden Euro Steuereinnahmen.
Ausgerechnet die Menschen, die Bus und Bahn nutzen,
sollen noch tiefer in die Tasche greifen
Pauline Schur, Nabu
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) sagte, die ausbleibenden Einnahmen würden mit sogenannten Ausgaberesten kompensiert – also mit Geldern aus dem Bundeshaushalt, die nicht ausgeschöpft wurde.
„Für einen Tankrabatt sind Milliarden schnell mobilisiert“,
kritisierte Pauline Schur, Teamleiterin Klima und Verkehr beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), am Mittwoch. „Wenn es aber um bezahlbaren ÖPNV geht, sollen ausgerechnet die Menschen, die Bus und Bahn nutzen, selbst noch tiefer in die Tasche greifen.“ Schur fordert: „Wer Menschen entlasten und den Umstieg auf klimafreundliche Mobilität ermöglichen will, darf den ÖPNV nicht zum Sparposten machen.“
Das Deutschlandticket – als Monatsabo erhältlich und bundesweit im Nahverkehr gültig – habe gezeigt, wie attraktiv ein einfacher öffentlicher Nahverkehr sein kann, meint auch Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). Dieser Erfolg drohe jedoch ausgehöhlt zu werden, wenn das Ticket nun regelmäßig teurer wird. Als das Ticket im Mai 2023 eingeführt wurde, kostete es 49 Euro, seitdem stieg der Preis schon zweimal auf zunächst 58 Euro und dann 63 Euro im Monat.
Mögliche Alternativen
„Gerade in Zeiten steigender Spritpreise brauchen Verbraucherinnen und Verbraucher attraktive Alternativen zum Auto“, sagte Pop.
Ihr Vorschlag: ein bundesweit einheitlicher Nahverkehrstarif ohne Abozwang, um auch Gelegenheitsfahrer:innen leichten Zugang zu Bus und Bahn zu gewähren.
Die Deutsche Umwelthilfe fordert, 12 Monate lang ein Deutschlandticket für 29 Euro anzubieten und den Preis anschließend bei maximal 49 Euro einzufrieren.
Ende 2025 nutzten rund 14,6 Millionen Menschen das Deutschlandticket, laut dem VDV lag die Kündigungsquote Anfang 2026, als der Preis auf 63 Euro kletterte, bei 5,75 Prozent. Wenn die verbliebenen rund 13,76 Millionen Menschen, die noch Anfang 2026 ein Deutschlandticket hatten, im gesamten Jahr 2027 den neuen Preis von 66,80 Euro im Monat zahlen, kommen zusätzlich gut 627 Millionen Euro zusammen. Andersrum lässt sich vereinfacht argumentieren: Es hätte Bund und Länder 627 Millionen Euro gekostet, den Preis stabil zu halten – ein Bruchteil von dem, was sie für den Tankrabatt aufwenden.
Frankfurter Rundschau hier Artikel von Leo Fischer
Millionärspolitik: Deutschlandticket soll teurer werden, während Milliarden in die Fossilindustrie fließen
Die Regierung Merz-Klingbeil kürzt beim Elterngeld und verteuert den ÖPNV, doch Tankrabatte sichern Milliarden für die Ölindustrie. Viele Wähler merken erst jetzt, wen diese Politik wirklich trifft. Die Kolumne
Gesundheitsminister fordert: Der Gang zum Friseur muss wieder deutlich schmerzhafter werden”, „Merz will Mittagspause abschaffen”, „Klingbeil: Fernsehverbot für Rentner ab 2027” – alle diese Schlagzeilen habe ich mir gerade ausgedacht, aber es unterscheidet sie wenig von denen, die uns täglich realiter erreichen. Nicht ausgedachte, aber genauso abgefahrene Schlagzeilen der vergangenen Tage: „Linnemann will Elternkrankentage reduzieren”, „Kürzung beim Elterngeld”, „Deutschlandticket soll teurer werden”. Längst vergessene Popanze wie die „Krankschreibung am ersten Tag” werden uns bestimmt auch bald wieder einholen.
Man hätte meinen können, die Welle an sinnlosen Grausamkeiten, die die Regierung Merz-Klingbeil über dem Land auskippt, würde durch ihre Niederlagen in Sachsen-Anhalt und Berlin gemildert, gar gebrochen. Aber nein, sie machen einfach so weiter: ein permanenter Sturm aus Scheiße, der einem da aus dem Reichstag entgegenbläst, Durchfall auf die Mühlen der Nazis.
Es ist nicht einmal mehr unterscheidbar, welche dieser unablässigen „Forderungen”, „Umstrukturierungen” und „Reformen” performative sozialchauvinistische Kraftmeierei sind und welche genuin politisches Vorhaben.
Es ist ein ständiges bedrohliches Fuchteln in alle möglichen Richtungen – heute sollen die Eltern in Angst leben, morgen die ÖPNV-Pendler:innen, übermorgen die Solarindustrie, die irgendwie nie zu der ominösen „Wirtschaft” zählt, um die es doch angeblich geht. Wie bei keiner anderen Regierung vor ihr scheint diese „Wirtschaft” vor allem aus Kumpels in der Fossil- und der ihr angeschlossenen KI-Industrie zu bestehen.
Jetzt eben das Deutschlandticket, eine hervorragende Erfindung fast ohne Nachteile: Millionen nutzen es, Tendenz steigend, trotz der ständigen Preiserhöhungen; eine richtig gute Sache, die das Leben eines Gutteils der Bevölkerung leichter macht. Und das ist eben auch das Problem: Niemand kann sich dabei bereichern, kein alter Spezi alimentiert werden, weswegen das Ganze möglichst unattraktiv werden soll; die CDU in Hessen will es sogar abschaffen. Währenddessen fließen via Tankrabatt erneut Milliardenbeträge in die Taschen der Fossilindustrie, die bereits angekündigt hat, mit allen Mitteln gegen die lachhaften Auflagen anzugehen, die ihnen mit diesem Geldgeschenk augenzwinkernd auferlegt wurden.
Appelliert wird dabei an einen immer wieder aktivierbaren Überlegenheitskomplex bei einer Bevölkerung, die sich an der Wahlurne wie „temporally inconvenienced millionaires” verhält, wie es in den USA heißt, also kurzzeitig in Verlegenheit gebrachte Millionär:innen. Die Frage, ob mich all diese Steuern und Abgaben nicht auch nerven würden, sollte ich einmal Millionär:in werden, war leider wahlentscheidend.
Dafür wurden sie gewählt, dafür, und um Arme und Ausländer:innen zu schikanieren; aber für diese Leute sind sämtliche Lohnabhängigen verachtenswert, allen soll es schlechter gehen, damit endlich wieder irgendwelche Powerpoints nach oben zeigen statt nach unten.
Nur wird der breiten Masse langsam klar: Diese Politik trifft nicht die „Sozialschmarotzer”, sondern sie selbst. Und die Illusion, bald selbst Millionär zu sein, zahlt leider keine Busfahrkarte.
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