Donnerstag, 22. Oktober 2026

Mileis Kettensäge: gescheitertes marktradikales Experiment auf Kosten der Bevölkerung

 Kalle Pipoh

Die Jünger des Milei

Da sich immer wieder in den Kommentarspalten meiner Beiträge einige Jünger des Milei tummeln, um mit Verweis auf die marktradikalen Reformen in Argentinien und die angeblich daraus resultierenden Erfolge die Überlegenheit des Kapitalismus zu behaupten, habe ich mich dazu entschlossen, diese vermeintlichen Erfolge mal kritisch zu hinterfragen und die Ergebnisse in einem Artikel zu bündeln.

Denn die vermeintlichen Erfolge Mileis sind keineswegs so eindrucksvoll, wie oftmals dargestellt, sondern bieten nur einen extrem verkürzten Blick auf die Gesamtbevölkerung. In Wahrheit zeigt sich auch in Argentinien deutlich, dass die neoliberale/rechtslibertäre Ideologie nur diejenigen, die bereits vermögend sind, noch reicher macht. 

Kalle Pipoh  21. Oktober 2026

Die Jünger des Milei

1. Das Narrativ: „Die Armut ist nach dem ersten Peak rasant gesunken.“

Das Argument der Milei-Anhänger: Die hohen Armutszahlen stammten nur aus den ersten Monaten 2024. Danach sei die Armutsquote drastisch gefallen (offiziell aktuell auf 32,3% gesunken), was als historischer Erfolg gefeiert wird.

Die Realität – Schocktherapie mit verheerenden Folgen:

Der historische Anstieg der Armutsquote auf über 57% (UCA) war kein Erbe der Vorgänger, sondern das direkte Resultat von Mileis schlagartiger Peso-Abwertung und Preisfreigaben. 

Die mittlerweile angeblich stark gesunkene Quote beruht auf veränderten und veralteten Erhebungsmethoden des nationalen Statistikamtes INDEC. Selbst INDEC-Mitarbeiter sowie Institute wie UCA und CEPA kritisieren die Zahlen als „ungenau“ und „politisch instrumentalisiert“.

Fast die Hälfte der Bevölkerung arbeitet in Argentinien im „informellen Sektor“ (trabajo informal). Der informelle Sektor bezeichnet unregulierte, nicht registrierte und prekäre Beschäftigung. 

Den Beschäftigten fehlen formelle Arbeitsverträge, Sozial- und Krankenversicherung, Kündigungsschutz oder Ansprüche auf Mindestlohn und Rente. 

Zu diesen Menschen gehören Tagelöhner, Straßenverkäufer, prekäre Angestellte in kleinen Betrieben (Gastronomie, Haushalt usw.), deren Arbeitgeber sie nicht bei den Behörden und Sozialversicherungen anmelden, kleinste Gewerbetreibende oder Handwerker. Deren Lebensrealität wird bei der Einkommensmessung zur Ermittlung der Armutsquote gar nicht erfasst.

Um die Entwicklung der Armut in Argentinien jedoch realistisch abbilden zu können, muss man sich den informellen Sektor zwingend anschauen: Die Quote der informell Beschäftigten stieg seit dem Amtsantritt Mileis von 41,4% auf ca. 45,0% an, da rund 268.000 formelle Stellen vernichtet wurden. Informell Beschäftigte verdienen laut INDEC im Schnitt weniger als die Hälfte (ca. 706.000 Pesos) eines formell Angestellten (ca. 1,43 Mio. Pesos).

Über 40 % von ihnen verdienen sogar weniger, als zum reinen Überleben notwendig ist. Die reale Armutsquote wird durch die reine Messung offizieller Einkommen massiv unterschätzt. Gewerkschaften gehen von einer realen Armutsquote von bis zu 62% aus. Zudem tragen informell Beschäftigte das volle Risiko bei Krisen. Sie bekommen keine gewerkschaftlich ausgehandelten Lohnanpassungen und werden im Zweifel von einem Tag auf den anderen entlassen.

2. Das Narrativ: „Der Gini-Koeffizient hat sich kaum verändert – die Reichen wurden nicht reicher.

Das Argument der Milei-Anhänger: Der Gini-Koeffizient habe sich nur minimal verändert (um „0,007 Punkte“), folglich gebe es keine relevante Verschärfung der Ungleichheit.

Die Realität – statistische Irreführung: 

Die offiziellen INDEC-Daten zeigten während der Schocktherapie einen gewaltigen Sprung des Gini-Wertes von 0,435 (Q4 2023) auf 0,467 (Q1 2024) – historisch ein extremer Anstieg der Ungleichheit in kürzester Zeit. Während Sachwerte, Devisen und Großinvestitionen (RIGI) geschützt blieben, brachen die Reallöhne im informellen Sektor ein, Mindestrenten fielen 20% unter die Armutsgrenze, und Massenentlassungen trieben die Menschen in prekäre Tagelöhnerei (informeller Sektor).

3. Das Narrativ: „Das sind notwendige Anpassungskosten und makroökonomische Erfolge.“

Das Argument der Milei-Anhänger: Kurzeitige Härten seien unvermeidbare „Anpassungskosten“. Der ausgeglichene Staatshaushalt (Budgetüberschuss), steigendes BIP und die sinkende monatliche Inflation belegen das „Wirtschaftswunder“.

Die Realität – Die reinen Wirtschafts- und Haushaltsdaten bilden nicht die Lebensrealität der Bevölkerung ab: 

Wer eine Politik als Wirtschaftswunder verkauft, trägt die Beweislast, dass sie der Gesamtbevölkerung nützt. Soziale Kollateralschäden als bloße „Anpassungskosten“ abzutun, ist ideologische Verharmlosung. Sinkende Inflationsraten bedeuten keine fallenden Preise, sondern nur langsameren Anstieg auf Rekordniveau bei eingefrorenen Löhnen. 

Der Haushaltsüberschuss wurde durch den Stopp von Infrastrukturprojekten, Kürzungen bei Suppenküchen, Krebsmedikamenten, Universitäten und Renten erpresst. Ein großer Teil der argentinischen Bevölkerung profitiert nicht von den marktradikalen Reformen in Argentinien, sondern lebt noch immer von der Hand in den Mund.

4. Das Narrativ: „Ihre Kritik ist nur moralische Empörung ohne saubere Kausalanalyse.“

Das Argument der Milei-Anhänger: Man müsse einen „konsistenten Betrachtungszeitraum“ wählen und Mileis Reformen von den strukturellen Problemen der Vorgängerregierungen trennen.

Die Realität – eine ganzheitliche Bilanz statt Rosinenpicken: 

Eine saubere Kausalanalyse darf sich nicht auf geglättete Finanzdaten beschränken, die 40% der Beschäftigten überhaupt nicht erfasst, sondern muss die echten gesellschaftlichen und humanitären Folgen einbeziehen.

Dazu gehören auch die 268.000 vernichteten Jobs, die gestiegene Arbeitslosenquote (von 6,2% auf 7,9%), das Abgleiten von Arbeitslosen in unregulierte Tagelöhnerei, Straßenverkauf und Schwarzarbeit ohne jeglichen Sozialschutz, der Anstieg der Wohnungslosen in Buenos Aires um knapp 30% nach Mietmarkt-Freigabe, der Anstieg der Suizidzahlen auf über 5.200 Fälle (besonders unter Jugendlichen) sowie Zunahme der Alltagskriminalität durch schlagartige Verarmung sowie die autoritäre Repression mit Abbau des Streikrechts, Einschränkung der Demonstrationsfreiheit („Protokoll Bullrich“) und gewaltsame Polizeieinsätze gegen demonstrierende Rentner.

Fazit: Die empirische Wissenschaft straft die neoliberale Ideologie Lügen – nicht nur in Argentinien

Wer glaubt, die Entwicklung in Argentinien sei ein bedauerlicher Einzelfall oder ein "Übergangsproblem" einer ansonsten funktionierenden Wirtschaftstheorie, ignoriert den globalen wissenschaftlichen Konsens. Die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik ("Trickle-Down-Economics"), auf die Milei und seine Jünger bauen, ist empirisch längst widerlegt.

Umfassende wissenschaftliche Untersuchungen zeichnen ein eindeutiges Bild:

Der Mythos vom Wachstum durch Reichen-Entlastung: 

  • Eine Langzeitstudie der London School of Economics (Hope & Limberg, 2022; Oxford Academic) untersuchte Daten aus 18 OECD-Ländern über 50 Jahre. Das Ergebnis: Steuersenkungen für Spitzenverdiener führen zu keinerlei statistisch signifikantem Wirtschaftswachstum oder höheren Beschäftigungsquoten. Der einzige dauerhafte Effekt ist ein drastischer Anstieg der Einkommensungleichheit. 

  • Auch eine Meta-Analyse im European Economic Review (Heimberger & Gechert, 2022) belegt: Nach Bereinigung von Publikationsverzerrungen tendieren die Wachstumseffekte von Unternehmenssteuersenkungen gegen Null.

  • Ungleichheit als ökonomischer Bremsklotz: Die OECD zeigte bereits in ihrem Bericht „In It Together“ (2015), dass steigende Einkommensungleichheit das langfristige Wirtschaftswachstum massiv ausbremst. Weil Familien im unteren Einkommensdrittel die Mittel für Bildung und Gesundheit fehlen, sinkt die gesamtgesellschaftliche Produktivität. Ungleichheit ist kein Kollateralschaden, sondern ein ökonomischer Hemmschuh.

  • Der Effizienz-Mythos der Privatisierung: Die Forschung von Peter Bakker (Oxford University Press, 2023) zeigt, dass das Versprechen, private Unternehmen würden staatliche Aufgaben „effizienter und günstiger“ erledigen, historisch meist ein Trugschluss ist. Nach der Privatisierung von Infrastruktur und öffentlichen Gütern steigen die Preise für Endverbraucher fast immer, während Qualität und Arbeitsbedingungen sinken. Gewinne werden privatisiert, Risiken und Sanierungskosten auf die Allgemeinheit abgewälzt – exakt die Dynamik, die wir derzeit auch am argentinischen Wohnungs- und Pflegemarkt beobachten.

  • Demokratierelevante Schieflage: Empirische Studien zur politischen Repräsentation (z. B. Wegner & Pellicer, Univ. Marburg) belegen, dass politische Entscheidungen in neoliberale Systemen fast ausschließlich mit den Interessen der obersten 10 % korrelieren. Die Interessen von Gering- und Mittelverdienern haben nahezu keinen Einfluss. Extreme wirtschaftliche Ungleichheit führt somit zwangsläufig zur Aushöhlung demokratischer Prozesse.

Die negativen Folgen von Mileis Kettensägen-Massaker sind keine „Anpassungskosten“, sondern die direkten Folgen eines gescheiterten, totalitären und marktradikalen Experiments auf Kosten der Bevölkerung. 

Mileis radikale Reformen bringen kein „Wirtschaftswunder“, sondern bedienen lehrbuchmäßig die Interessen der Oberschicht auf Kosten der breiten Masse. Die Behauptung, Verarmung, Obdachlosigkeit, der Kollaps der Reallöhne und der Anstieg der Suizide seien bloße „Anpassungskosten“ eines langfristigen Erfolgsmodells, ist nichts anderes als eine ideologische Lüge, garniert mit manipulierten Daten.

Ein System, das makroökonomische Kennzahlen durch statistische Kosmetik schönt und auf dem Rücken von Gesundheit, Kaufkraft, Freiheit und Existenz der eigenen Bevölkerung „saniert“, ist kein Wunder – es ist eine unsoziale, autoritäre und empirisch gescheiterte Schocktherapie und die Blaupause für einen totalitären Kapitalismus.

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Quellen, Analysen & Studienverzeichnis:


1. Daten zu Argentinien (Armut, Gini, Arbeitsmarkt & Sozialer Impact):

  • INDEC (Instituto Nacional de Estadística y Censos): Encuesta Permanente de Hogares (EPH) – Berichte zu Pobreza e Indigencia & Evolución de la distribución del ingreso.
  • Observatorio de la Deuda Social Argentina (ODSA-UCA): Berichte zur Armutsentwicklung und Methodenevaluation.
  • CEPA (Centro de Economía Política Argentina): Analysen zu Reallohn- und Beschäftigungsentwicklung.
  • Frankfurter Rundschau / Ippen.Media: „Milei manipuliert Armutsquote – Medien und Politik lassen sich täuschen“ (Untersuchung zur INDEC-Methodenkritik mit Gutachten von UCA, CEPA & Prof. H.-J. Burchardt).
  • Chequeado: Unabhängige Faktenchecks zur Gini-Entwicklung und Kaufkraft unter Milei.


2. Empirische Wissenschaft zur Angebotspolitik & Ungleichheit:

  • Hope, D., & Limberg, J. (2022): The economic consequences of major tax cuts for the rich. Socio-Economic Review (LSE / Oxford Academic).
  • Heimberger, P., & Gechert, S. (2022): Do corporate tax cuts boost economic growth? A meta-analysis. European Economic Review.
  • OECD (2015): In It Together: Why Less Inequality Benefits All. OECD Publishing.
  • Bakker, P. (2023): The Political Economy of Privatization. Oxford University Press.
  • Wegner, J., & Pellicer, M. (2023): The Reproduction of Wealth and Economic Inequality. Universität Marburg.
  • Brülle, J., & Spannagel, D. (2023): Armut ist ein Risiko für die Demokratie. WSI-Report 90.


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