Deutschland feiert Investitionszusagen von Tech-Giganten und nennt das Souveränität.
Und die freuen sich über günstiges Schweigegeld.
Auf dem "Invest in Germany"-Gipfel verkündet Bundeskanzler Merz Zusagen von 800 Milliarden Euro. Amazon will 16 Milliarden in Rechenzentren und Logistik stecken.
Die Bundesregierung feiert eine Partnerschaft mit Nvidia. 200 Unternehmenschefs sind angereist. Friedrich Merz erklärt den Deutschen, sie seien fleißig, zuverlässig und stünden früh auf. Beruhigend.
Niemand sagt laut, was diese Investitionen wirklich sind. AWS baut Rechenzentren in Deutschland nicht aus Zuneigung zum Standort, sondern weil Amazon damit kritische digitale Infrastruktur systematisch unter seine Kontrolle bringt, während europäische Cloud-Alternativen weiter unterfinanziert bleiben. Diese Milliarden schaffen Abhängigkeit.
Was passiert, wenn man kritische Infrastruktur unberechenbaren Akteuren überlässt, hat die Ukraine vorgemacht. Starlink war der Lebensnerv militärischer Kommunikation. Elon Musk drosselte den Dienst gezielt, wenn ihm politische Entscheidungen der Ukraine nicht passten. Nicht als Fehler. Als Hebel.
Das Muster wiederholt sich. Erst Abhängigkeit schaffen, dann Einfluss ausüben.
Rechenzentren und KI-Kapazitäten in amerikanischer Hand stärken nicht die Souveränität, sie schaffen Ankerpunkte für externe Steuerung genau dann, wenn es darauf ankommt.
800 Milliarden klingen nach Wirtschaftswunder. In Wirklichkeit kaufen sich diese Konzerne damit das Recht, später die Konditionen zu diktieren.
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Freitag hier Von Simon Zeise 22.10.2026
Investitionsgipfel: Wie Merz Deutschland zum Renditeparadies für BlackRock
und Co. macht
Weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit: 200 Chefs von Banken und Fonds kamen zum Gipfel „Invest in Germany“ nach Berlin. Ihre Wünsche: Rente und Stromnetz. Und wer zahlt die Zeche?
Der Bundeskanzler bittet die Finanzmärkte um Hilfe. Denn der Wirtschaft geht es schlecht. Das Bruttoinlandsprodukt wird laut Prognosen bis zum Jahresende zwar mit 1,3 Prozent zulegen. Doch getragen wird dieses Miniwachstum fast ausschließlich von Staatsausgaben für Rüstung und Infrastruktur. Private Investitionen bleiben weiter aus.
Am Montag und Dienstag lud die Bundesregierung deshalb 200 Chefs der größten Banken, Fonds und Unternehmen zum Gipfel „Invest in Germany“ nach Berlin. Weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit versuchte Merz, den Kapitalgebern profitable Anlagemöglichkeiten schmackhaft zu machen. Für die CEOs bestand auf Wunsch auch die Möglichkeit, ein vertrauliches Gespräch mit dem Kanzler oder Ministern wahrzunehmen.
„Um langfristig Innovation zu finanzieren und Wachstum zu generieren, muss vor allem privates Kapital mobilisiert werden“, teilte die Bundesregierung mit. Mit den im Deutschlandfonds gebündelten rund 30 Milliarden Euro öffentlicher Mittel sollen private Investoren angelockt werden, die wiederum Finanzmittel von mehr als 130 Milliarden Euro für die deutsche Wirtschaft bereitstellen sollen. Eingeladen wurden Investmentmanager, Banken und Private-Equity-Schwergewichte, die Deutsche Bank, J.P. Morgan, Goldman Sachs, KKR Capital und BlackRock.
Die Linke organisierte einen Gegengipfel
Die Linke sieht darin die Gefahr eines Ausverkaufs der Infrastruktur an Finanzinvestoren. Deshalb lud die Bundestagsfraktion am Montag kurzerhand zum Gegengipfel ein. „Der alte Arbeitgeber von Kanzler Merz ist offizieller Business-Co-Host der Veranstaltung“, kritisierte Jörg Cezanne, energiepolitischer Sprecher der Linksfraktion.
Das Stelldichein der Manager hatte für Cezanne ein besonderes Geschmäckle. Im Tagungsort, der European School of Management and Technology (ESMT), tagte früher der Staatsrat der DDR. So saßen die Vorstandschefs möglicherweise im Festsaal Erich Honeckers – mit Hammer-und-Zirkel-Wappen der DDR und Wandgemälden des sozialistischen Realismus.
Doch es gehe bei dem Investmentgipfel nicht nur um Händeschütteln und schöne Fotos. „Hinter dem Gipfel steht eine sehr konkrete Strategie der Bundesregierung“, warnte Cezanne. Da die Schuldenbremse nur für Investitionen in Rüstung aufgehoben worden sei und das Sondervermögen vielfach genutzt werde, um Haushaltslöcher zu stopfen, habe Deutschland enorme Investitionsbedarfe, insbesondere für den Umbau zu einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Wirtschaft. „Und die Strategie der Bundesregierung ist es, für diese Investitionen private Kapitalgeber wie BlackRock oder KKR zu gewinnen“, so Cezanne.
Finanzinvestoren wollen die kapitalgedeckte Rente
Tatsächlich meldeten die größte US-Bank J.P. Morgan und der größte Vermögensverwalter der Welt, BlackRock, schon vor Konferenzbeginn ihre Ansprüche an. Entscheidend sei eine „starke kapitalgedeckte Altersvorsorge“, sagte JP-Morgan-Deutschland-Chef Alexander Mayer der Frankfurter Rundschau. „Die wirksamste einzelne Entscheidung wäre die Rentenreform in Deutschland mit einer starken kapitalgedeckten Säule. Fließt nur ein Teil dieser Ersparnisse in heimische Unternehmen, entsteht eine enorme Kraft für Wachstum.“
Auch BlackRock-Chef Larry Fink will den Rentnern ans Ersparte, um das Geld an den Kapitalmärkten anzulegen. „Früher wurde den Bürgern in einem leistungsorientierten System eine konkrete Rentenhöhe für den Ruhestand versprochen. Heute wird keine feste Rentenhöhe mehr garantiert“, sagte Fink dem Handelsblatt. Stattdessen zahle jeder Beschäftigte einen festen Beitrag auf ein persönliches Konto ein, und die spätere Rente richte sich dann auch nach dem angesparten Kapital und den Anlageerfolgen.
„Deutschland ist offen für Investitionen, Deutschland ist offen für Geschäfte, und Deutschland ist bereit, schneller zu wachsen“, sagte der Kanzler bei einem Treffen mit eben diesen Finanzvertretern am Montagabend. „Wir möchten gemeinsam mit Ihnen eine neue Ära der Investitionen, der Kapitalmobilisierung und des Wirtschaftswachstums in Deutschland einläuten.“ In den kommenden Jahren will die Bundesregierung dafür eine Billion Euro für Infrastruktur und Verteidigung bereitstellen.
Was passiert, wenn staatliche Infrastruktur für privates Kapital geöffnet wird?
Für die Linksfraktion birgt das Gefahren. Die Bundesregierung habe mit dem Deutschlandfonds ein Instrument geschaffen, mit dem die Risiken von privaten Investoren durch öffentliche Garantien abgesichert werden. Das Geschäftsmodell zielt darauf ab, Profite zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren.
Neben dem Rentensystem will die Regierung auch die Energieversorgung für Investoren öffnen. Über eine Projektgesellschaft soll die kommunale Energieversorgung für große Finanzkonzerne geöffnet werden, berichtete die Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion. Damit kommt sie dem Wunsch von Finanzkonzernen nach. Für sie sind Investitionen in die Energieinfrastruktur aufgrund ihrer planbaren und langfristigen Erträge in weitgehend staatlich abgesicherten Märkten ein lukratives Geschäft.
Die Bundesregierung musste auf Anfrage der Linksfraktion einräumen, dass Wirtschaftsministerin Katherina Reiche schon mehrfach mit dem Europa-Chef des US-Private-Equity-Konzerns KKR, Vincent Policard, im engen Austausch gestanden hat. Dieser wiederum hatte im September in einem Interview genau so eine Projektgesellschaft vorgeschlagen: eine Verteilnetz-GmbH, mit der die Stromnetze von hunderten Stadtwerken gebündelt werden, damit Investoren einsteigen können.
Viel stehe auf dem Spiel, wenn die Interessen der Investoren durchgesetzt würden. „Es geht um die Frage der demokratischen Kontrolle über zentrale und kritische Infrastruktur“, sagt Cezanne.
„Wir haben Sorge, dass eine Unterordnung strategischer Wirtschafts- und Industriepolitik unter kurzfristige Renditeinteressen und extraktive Geschäftsmodelle privater Finanzinvestoren kommt.“ Insbesondere in den Bereichen der öffentlichen Grundversorgung könne es fatale Folgen haben, wenn privates Kapital aufgrund kurzfristiger Finanzierungsengpässe Investitionen aufschiebe. Die Auswirkungen sieht man nicht zuletzt auf dem Berliner Wohnungsmarkt.
Die Renditeanforderungen privater Geldgeber erhöhen die Preise für Verbraucher
Die Verbraucher müssten letztlich höhere Kosten tragen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Ökonomen Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk von der Universität Mannheim. Danach würden Investitionen in die Stromnetze mit privaten Kapitalgebern bis zu 220 Milliarden Euro mehr kosten als rein staatliche Ausgaben. „Die Differenz resultiert aus den hohen Renditeforderungen privater Investoren, die zwischen acht und zehn Prozent liegen“, heißt es in der Studie von Krebs und Kaczmarczyk. „Dadurch fallen deutlich höhere Eigenkapitalrenditen an, die von den Verbraucherinnen und Verbrauchern getragen werden müssen.“ Auch die Fremdkapitalaufnahme wäre teurer als im Vergleich zur Finanzierung durch die öffentliche Hand. „Der öffentliche Ausbau der Stromnetze ist günstiger als der Ausbau über private Investoren wie BlackRock und Co.“
„In den USA versuchen derzeit Senatsmitglieder, die Übernahme eines Energieversorgers durch BlackRock zu stoppen“, sagte der Linke-Abgeordnete Cezanne. „Denn die Erfahrung lehrt: Wo BlackRock investiert, steigen die Strompreise für die Haushalte.“

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