Jörg Kremer / LinkedIn
Von der Freiheit, rechtsextrem zu sein.
Es muss eine unglaubliche Erleichterung sein, rechtsextrem zu werden. Wie viel Ballast man abwerfen kann. Erziehung, Umgangsformen, Skrupel, intellektuelle Selbstzweifel. Weg.
Was andere kultivieren, darf man verwildern lassen. Und wird dafür auch noch geliebt.
Diese Freiheit ist paradiesisch bequem.
Keine komplizierten Zusammenhänge, keine widersprüchlichen Wahrheiten. Für jedes Problem ein Schuldiger, für jede Niederlage ein Verräter, für jede absurde Behauptung Applaus.
Die Zumutung, möglicherweise selbst falschzuliegen, entfällt.
Früher musste man sich Anerkennung verdienen.
Durch Wissen, Können, Charakter oder wenigstens anständiges Benehmen. Heute genügt in diesen Kreisen ein Griff in die unterste Schublade. Wer lügt, beleidigt und Menschen verachtet, darf auf Zustimmung hoffen. Eine Karrierechance für notorische Nervensägen.
Und erst die Befreiung von der Scham!
Man darf Menschen herabwürdigen, Verbrechen relativieren und Ahnungslosigkeit als Offenbarung vortragen. Kritik wird zum Orden, Achtungsverlust zur Tapferkeit.
Das Raffinierte ist die Entlastung von Verantwortung.
Man muss nicht an sich arbeiten, wenn andere an allem schuld sind. Keine Leistung vorweisen, wenn die angeblich richtige Abstammung als Leistung gilt.
Rücksichtslosigkeit heisst Klartext, Unwissenheit gesunder Menschenverstand, Menschenverachtung Mut. Selten wurde Selbstüberschätzung so preiswert angeboten.
Der Preis: Man verabschiedet sich von Menschen, die Vielfalt schätzen und Anstand nicht für Schwäche halten.
Doch auch das wird umgedeutet:
- Wer Abstand hält, unterdrückt.
- Wer keinen Hass hören will, beschneidet angeblich die Meinungsfreiheit.
- Verlorene Freunde ersetzt eine Gemeinschaft, die den Verlust beklatscht.
Hier endet die Komik. Gesellschaft lebt von etwas, das kein Gesetzbuch vorschreiben kann. Rücksicht, Vertrauen, Bildung, Neugier und Respekt vor der Würde anderer. Das ist Kultur.
Nicht Theaterabonnements, sondern die Kultur des Zusammenlebens.
Rechtsextremismus braucht ihre Schwächung. Wer Menschen nach Herkunft sortiert, entwertet gleiche Würde. Wer autoritär herrschen will, verachtet Widerspruch.
Niveauverlust ist keine Nebenwirkung, sondern Methode.
- Aus der Lust an Beleidigungen wird Gewöhnung an Entmenschlichung,
- aus Gelächter über Menschenverachtung Zustimmung zu ihrer Politik.
- Die Geschichte kennt diesen Weg.Oft beginnt er mit Sätzen, die man angeblich nicht ernst nehmen soll.
Die grösste Ironie ist, dass Menschen, die sich für unabhängig halten, sich einer Gemeinschaft, unterwerfen die ihnen vorgibt, wen sie verachten müssen. Sie nennen es freies Denken, wenn sie dieselben Parolen wiederholen. Ihre Freiheit reicht bis zum nächsten ausbleibenden Applaus.
Freiheit ist aber nicht die Abwesenheit von Anstand. Sie zeigt ihre Grösse darin, dass man andere nicht erniedrigt, nur weil man es kann.
Das ist kein Triumph der Freiheit. Das ist die Belohnung ihrer Verwahrlosung.

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