Süddeutsche Zeitung
Rund um den Globus verschiebt El Niño die Wettermuster und verändert nacheinander die Klimabedingungen, so als würde er einen Schalter umlegen
Wüsten erblühen, Regenwälder trocknen aus, Wirbelstürme häufen sich, oder sie zeigen sich auf einmal gar nicht mehr.
Der sich derzeit entfaltende El Niño ist so stark wie keiner, der je zuvor aufgezeichnet worden ist. Entsprechend groß sind die erwarteten Auswirkungen.
Zumal der Klimawandel die Ausgangsbedingungen ohnehin schon verändert hat und Dürren und Regenfälle extremer macht.
Doch warum reichen die Greifarme jenes natürlichen Klimaphänomens im Pazifik so weit um die Erde herum? Welche Folgen wird es haben? Und wo zeigt sich El Niño bereits?
Süddeutsche Zeitung (SZ Plus): hier Von Benjamin von Brackel 16. Oktober 2026
Was der Rekord-El-Niño mit dem Weltwetter macht
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Kalifornien
Zu einem El-Niño-Ereignis kommt es, wenn sich der Wind dreht und das im zentralen Pazifik aufgestaute Warmwasser zurück in den Ostpazifik schwappt. Kelvinwellen nennen sich diese pulsartigen Vorstöße der Wassermassen in Richtung Amerika, die bis in 200 Metern Tiefe reichen können.
Und genau solch eine Welle rollt gerade auf die kalifornische Küste zu. „Es sind Tausende Quadratkilometer Wasser, die auf einen Schlag zurückschwappen“, sagte Dillon Amaya von der North Carolina State University der New York Times. „Darin steckt viel potenzielle Energie.“
Stoßen sie auf einen Widerstand – den amerikanischen Kontinent – verzweigen sie sich und bewegen sich mit der Geschwindigkeit eines Joggers die Küsten hinauf und hinab. Man darf sie sich nicht wie klassische Wellen vorstellen, die am Ufer brechen. Vielmehr wölbt sich der Ozean. Dabei erhöht sich der Meeresspiegel um bis zu 30 Zentimeter.
Da von hinten immer weitere Wellen nachstoßen, ebbt der hohe Meeresspiegel auch nicht ab, sondern bleibt konstant hoch, jedenfalls bis in den Februar hinein. Kommt es zu Springfluten, können diese mehr Schaden anrichten. El Niño erhöht aber auch die Wellen selbst. Kalifornien hat deshalb bereits den Notstand ausgerufen und stellt sich darauf ein, dass Küsten überschwemmt werden und Strände erodieren. „Treffen die erhöhten Wasserstände auf Winterstürme und extreme Gezeiten, drohen schwere Überschwemmungen und massive Schäden“, sagt die Klimaforscherin Daniela Matei vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. „Aber die wahren Tragödien spielen sich woanders ab.“
Südamerika
Unmittelbare Auswirkungen hat El Niño auf Peru. Da sich die Warmwassermassen wie ein Deckel auf die Meeresoberfläche legen, verhindern sie den Aufstieg von nährstoffreichem, kaltem Tiefenwasser vor der Küste des Landes. Daraufhin sterben die Fische oder fliehen.
Die Folgen gehen aber über die Küstenregionen hinaus. Denn El Niño verschiebt auch die großräumigen Zirkulationsmuster in der Atmosphäre. Dafür muss sich nur der Wärmeschwerpunkt im Pazifik verlagern. Normalerweise befindet er sich vor Indonesien im Westpazifik. Hier steigen heiße Luft und Wasserdampf auf und kühlen auf dem Weg nach oben ab. Sie kondensieren, und es bilden sich Wolken, die für viel Regen sorgen.
Die Luft über dem Pazifik wandert weiter, einmal nach Westen und einmal nach Osten. Im Osten bis über die Küstengewässer Perus, die ja kühl sind und deshalb die Luft regelrecht herunterziehen. Das unterdrückt die Bildung von Regenwolken und macht die Gegend dadurch trocken. Kein Wunder, dass sich hier die trockenste Wüste außerhalb der Polargebiete befindet: die Atacama-Wüste im Süden Perus und Norden Chiles.
Die Luft über dem Pazifik wandert weiter, einmal nach Westen und einmal nach Osten. Im Osten bis über die Küstengewässer Perus, die ja kühl sind und deshalb die Luft regelrecht herunterziehen. Das unterdrückt die Bildung von Regenwolken und macht die Gegend dadurch trocken. Kein Wunder, dass sich hier die trockenste Wüste außerhalb der Polargebiete befindet: die Atacama-Wüste im Süden Perus und Norden Chiles.
Verschiebt sich das Wärmezentrum im Pazifik aber infolge eines El Niños nach Osten und damit auch die sogenannte Walker-Zirkulation, dann regnet es auf einmal in Peru und Chile. Und die Atacama-Wüste erblüht. Auf einer Fläche von 17 000 Quadratkilometern sollen derzeit rund 200 verschiedene Pflanzen sprießen. Auf Fotos sind lila und weiße Bänder zu sehen.
Chile erlebte aber wochenlange Regenfälle, Sturzfluten und Erosionen: die schlimmste Naturkatastrophe im Land seit Jahrzehnten.
Etwas weiter östlich, im Nordosten Brasiliens, sorgt die Verschiebung der Walker-Zirkulation für ganz andere Bedingungen. „Der größte Teil des Amazonasgebiets ist gerade von einer schweren Dürre betroffen“, berichtet der Klimaforscher Carlos Nobre. „Und diese wird noch mindestens fünf Monate andauern.“ Das behindert die Stromversorgung durch Wasserkraftwerke und schwächt den Amazonas-Regenwald.
Indonesien
Auch auf der anderen Seite des Pazifiks sinkt die Luft nun auf Indonesien herab und sorgt für Trockenheit. Seit Wochen breiten sich dort Wald- und Torfmoorbrände auf einer Rekordfläche aus. Das hat nicht nur Tausende Orang-Utans sowie Gibbons und Elefanten verletzt, getötet oder zur Flucht getrieben, sondern auch gewaltige Rauchwolken aufsteigen lassen, die 175 000 Menschen gefährlicher Luftverschmutzung aussetzen.
El Niño habe dabei nur die Vorbedingungen geschaffen, meint Matei, die Brände seien meist menschengemacht. „Viele Bauern nutzen die extreme Dürre, um Wälder gezielt zu roden und neue Flächen für Palmölplantagen zu erschließen.“
Australien
Ebenfalls mehr Trockenheit bringt El Niño Australien, vor allem dem Osten des Landes. Während dem El Niño von 2015/2016 kam es zu verheerenden Vegetationsbränden und Korallenbleichen. In diesem Jahr hat El Niño zwar zum zweitheißesten September in der Landesgeschichte beigetragen. Aber sein Einfluss fällt insgesamt schwächer aus als der mancher seiner Vorgänger, da sein Zentrum diesmal im Osten des Pazifiks liegt und ihm auch regionale Klimabedingungen in der Region entgegenwirken.
Indien
Noch weiter im Westen, im Indischen Ozean, unterdrücken die absinkenden Luftmassen Regenfälle. Das aber erwärmt den Ozean und schwächt den Temperaturgegensatz zum Land und damit den Motor des indischen Monsuns.
Zwischen Juni und September erhalten die rund 1,5 Milliarden Inder normalerweise den Großteil ihrer jährlichen Regenmenge. Auf diese Monsunzeit ist die gesamte Landwirtschaft ausgerichtet. Doch El Niño führt tendenziell zu mehr Trockenheit auf dem Subkontinent: In dieser Regensaison fiel um 12,6 Prozent weniger Regen als üblich. Es war der schwächste Monsun seit 2015.
„Das wirkt sich auf Gesundheit, Landwirtschaft und Wasser aus und kann zudem feuchte Hitze verstärken“, sagt der Atmosphärenwissenschaftler Raghu Murtugudde von der Universität von Maryland. „Derzeit erleben wir eine Hitzewelle im Oktober.“
Atlantik
Bei Wirbelstürmen haben sich die Verhältnisse ebenfalls umgekehrt. Normalerweise bauen sich zu dieser Jahreszeit im Atlantik mehr als drei Hurrikane auf. Doch in diesem Jahr gab es noch überhaupt keinen: ein Novum in der 100-jährigen Aufzeichnungsgeschichte.
Der Grund: Die warme Luft, die über dem östlichen Pazifik aufsteigt, führt zu Höhenwinden, die bis in den tropischen Atlantik wehen. Das verstärkt die oberen Westwinde. Diese laufen den an der Oberfläche wehenden Ostwinden entgegen, und deshalb nimmt die Windscherung zu – etwas, das Hurrikane zersetzt.
Pazifik
Im Pazifik hingegen verringert sich die Windscherung. Obendrein ist das Wasser sehr heiß und entlässt viel Wasserdampf in die Atmosphäre. Das sind perfekte Bedingungen für tropische Wirbelstürme. Im August verwüstete Hurrikan Lala Teile Hawaiis und im September Hurrikan Lowell. Ende September traf dann Hurrikan Polo Mexiko und sorgte für Regenfälle, Erdrutsche und Überschwemmungen.
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Daniel Mautz 18. Okt.
Die Ruhe über dem Atlantik ist das Gefährlichste an diesem El Niño
Monatelang kein einziger Hurrikan über dem Atlantik. Der erste der Saison bildete sich so spät wie noch nie seit Beginn der Satellitenbeobachtung. Wer das als gute Nachricht liest, hat das Prinzip von El Niño noch nicht verstanden.
El Niño schaltet das globale Wettersystem in einen anderen Betriebsmodus. Und der aktuelle Modus gilt Wissenschaftler:innen als möglicherweise stärkster seit tausend Jahren. Was am Atlantik gespart wird, zahlt der Pazifik. Was Europa als milder Winter erscheint, treibt anderswo Dürren, Fluten und Hungersnöte an.
Das Fatale daran ist die kommunikative Unsichtbarkeit. Niemand filmt das Ausbleiben eines Hurrikans. Keine Katastrophenbilder aus dem Stillen Ozean passen in die Abendnachrichten Europas. Stattdessen Wetterbericht. Mild, etwas trüb, normaler Dezember. Als wäre nichts.
Extremwetter macht Bilder. Systemische Destabilisierung macht keine. El Niño wäre auch ohne Klimawandel ein mächtiges Phänomen. Aber globale Erhitzung und El Niño multiplizieren sich. Was früher ein Klimazyklus war, wird zum Brandbeschleuniger.
Wer Europa fragt, was El Niño bedeutet, bekommt eine Antwort über Winter und Sommer. Wer den Rest der Welt fragt, bekommt eine Antwort über Ernteausfälle und Wasserknappheit.
Link: https://lnkd.in/eURsdFET
Daniel Mautz 16. Okt.
450.000 Hitzetote bis Februar 2027 sind eine wissenschaftliche Prognose und kein Aktivismus.
Die Weltwetterorganisation WMO hat es bestätigt. Klimaforscher Andreas Becker vom Deutschen Wetterdienst ordnet es ein. Der aktuelle El Niño ist der stärkste seit Beginn der Aufzeichnungen.
Mit fast 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit hält er bis Februar 2027 an. Und er dürfte 2027 zum heißesten Jahr machen, das je gemessen wurde.
Becker erklärt den Mechanismus mit einer Analogie, die sitzt. El Niño ist wie eine Schaukel, die seit jeher hin- und herschwingt. Manchmal alle drei Jahre, manchmal alle sieben. Heute aber schaukelt sie auf einer Linie, die stetig nach oben zeigt.
Die Klimakatastrophe hebt den Boden an, auf dem die Schaukel steht. Jeder neue El Niño ist damit ein Kandidat für neue Allzeitrekorde. Der Ursprung liegt nicht im Pazifik, sondern in Jahrzehnten fossiler Verbrennung.
Das Climate Impact Lab der Universität Chicago hat 450.000 Todesfälle durch Hitzewellen bis Ende Februar 2027 errechnet. Dazu kommen Opfer durch Waldbrände, Extremregen und Überschwemmungen in Australien, Indonesien und Südafrika.
Wenn dort Palmölplantagen großflächig ausfallen, bekommen auch europäische Verbraucher:innen das in den Supermarktregalen zu spüren.
Becker sagt es ohne Umschweife. Der eigentliche Treiber sind steigende Treibhausgaskonzentrationen. El Niño ist nur der Verstärker.
Man könnte das zur Kenntnis nehmen. Oder man diskutiert weiter, ob die Energiewende zu schnell geht.
Link: https://lnkd.in/eAjb3nXV
El Niño legt weltweit Sehenswürdigkeiten lahm und lässt Vieh verhungern
https://de.euronews.com/2026/10/20/el-nino-legt-weltweit-sehenswurdigkeiten-lahm-und-lasst-vieh-verhungern?utm_source=flipboard.com&utm_campaign=feeds_euope-explained&utm_medium=referral
El Niño könnte zu 450.000 zusätzlichen Hitzetoten führen
https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/el-nino-koennte-zu-450-000-zusaetzlichen-hitzetoten-fuehren-a-488ec583-3509-4845-b6ca-1823945bd08b#ref=rss
Was macht der Super-El-Niño mit Europas Winter?
https://www.spektrum.de/news/el-nino-was-er-fuer-unser-wetter-nicht-bedeutet/2345577?utm_source=fgfeed&utm_medium=rss&utm_content=erde-umwelt&utm_campaign=feeds
Climate Change / ESG Professionals Group
Philippe Curchod
Der Ozean wird nicht nur wärmer – er speichert enorme Energiemengen, die das Wetter weit jenseits der Küste verstärken können.
Im Mai 2026 schätzte die NOAA, dass 28 % der globalen Ozeane Meereshitzewellen erlebten, mit ungewöhnlich warmen Gewässern in Teilen des östlichen Pazifiks, des Mittelmeers, Atlantiks und Südlichen Ozeans.



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