Montag, 26. Oktober 2026

Ein Staat, der seine Jugend verzagen lässt, ist für niemanden mehr lebenswert

 

Süddeutsche Zeitung

Es ist nicht nur Frankreich. Die Wut der Jugend erfasst Europa wie ein Flächenbrand. 

Angesichts der erschreckenden Gewalt geht fast unter: Viele Anliegen sind legitim. Antworten zu finden, darf man nicht den Extremen überlassen, schreibt SZ-Autorin Karin Janker.



Süddeutsche Zeitung hier Kommentar von Karin Janker 20.10.2026

Ein Staat, der seine Jugend verzagen lässt, ist für niemanden mehr lebenswert

Es ist nicht nur Frankreich. Die Wut der Jugend erfasst Europa wie ein Flächenbrand. Angesichts der erschreckenden Gewalt geht fast unter: Viele Anliegen sind legitim. Antworten zu finden, darf man nicht den Extremen überlassen.

Für Frankreich war der vergangene Samstag eine Zäsur, für Europa sollte er ein Weckruf sein. Die rohe Gewalt, in der sich die Wut entlud, war erschreckend. 

Aber es ist nicht nur Frankreich: 

  • Auch in Italien, Albanien und Belgien protestierten am Wochenende vor allem junge Menschen, manche von ihnen gewaltsam. 
  • In Spanien und Portugal besetzen sie seit Wochen Plätze größerer Städte mit Zeltlagern, um auf die Wohnungsnot und die steigenden Lebenshaltungskosten aufmerksam zu machen. 
  • In Irland, Griechenland und Österreich treiben ähnliche Probleme Studierende auf die Straßen. 

Die Wut der Jugend erfasst Europa wie ein Flächenbrand.

So schrecklich die Bilder aus Frankreich sind, so sinnlos die Gewalt der Randalierer ist und so groß der Verdacht, dass die Proteste von radikalen Kräften auch aus dem Ausland unterwandert wurden –

 die Anliegen derer, die ursprünglich zu den Kundgebungen aufgerufen hatten, sind legitim:
Ihre Forderungen sind zukunftsweisend.
 

Hier kämpft die Jugend für ein menschenwürdiges Leben.
Und sie kämpft nicht allein für sich, denn ein Staat,
der seine Jugend verzagen und verarmen lässt,
ist für niemanden mehr lebenswert.


Bei vielen Menschen in Europa wächst das Gefühl, sich „das Leben“ nicht mehr leisten zu können

Umso verständlicher ist die Frustration der Demonstranten darüber, dass sie ihre Forderungen nicht zum ersten Mal vorbringen. 


Zu lange schon wurden sie überhört,
nicht hoch genug priorisiert oder vertröstet. 


Sie sind nicht die Einzigen, die von Kaufkraftverlust, gekürzten Sozialleistungen und gestiegenen Preisen betroffen sind. Bei vielen Menschen in Europa wächst das Gefühl, sich „das Leben“ – gemeint ist eine menschenwürdige Teilhabe an der Gesellschaft – nicht mehr leisten zu können.
Die Jugend trifft es allerdings besonders hart: Sie ist gerade erst dabei, sich ein Leben aufzubauen.

Die Protestzüge in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal oder Albanien künden von einem gravierenden Dilemma der westlichen Demokratien: Ihr Versprechen auf Chancengerechtigkeit und sozialen Aufstieg durch Bildung, ihr Versprechen auf eine Zukunft wird nicht mehr eingelöst.

 

Debatte:Eine Wut, die für nichts mehr kämpft

Frankreich hat eine mächtige Tradition von Aufständen, und immer wurden sie von einem Drang in die Zukunft getragen. Erbärmlich, dass das verschwunden ist.

Gastbeitrag von Bernard-Henri Lévy  hier


Die wenigen Jungen werden von den Älteren schlicht überstimmt

Warum gelingt es gewählten Regierungen nicht, die Belange künftiger Generationen ernst zu nehmen und durchzusetzen? Sie ächzen unter Spardruck, müssen Ausgaben entsprechend priorisieren. Und dann wird eben eher in Rüstung als in Schulen investiert. Oder in einen Tankrabatt statt in eine Erhöhung des Elterngeldes. Auch ein Dilemma der Demokratie in Zeiten alternder Gesellschaften: Die wenigen Jungen werden von den Älteren schlicht überstimmt.

Die Konsequenzen für ganze Generationen heranwachsender Wähler sind bitter. Sie erleben, dass in ihrer Schule in der Banlieue kein Geld für Klopapier da ist, während Frankreichs Milliardäre reicher sind als die Hälfte der Franzosen zusammen. 24 Minuten dauert es laut Oxfam, bis einer dieser Milliardäre das jährliche Durchschnittseinkommen eines Franzosen verdient. Wundert es da, dass die Jungen wütend werden, wenn sie keinen Studienplatz bekommen? Dass sie erst das Vertrauen in die versprochene égalité verlieren und dann womöglich das in den Staat?

Überall haben sich Parteien an den politischen Rändern in Stellung gebracht, um die Nöte für sich zu instrumentalisieren

Frankreich, Italien, Spanien und Portugal haben gemeinsam, dass dort die Jugendarbeitslosigkeit weit über dem EU-Durchschnitt liegt, während gleichzeitig die Ausgaben für Bildung im EU-Vergleich unterdurchschnittlich sind. Und das schon lange. 15 Jahre ist es her, dass in Spanien die Indignados die Städte besetzten und „Occupy Wall Street“ auf soziale Ungerechtigkeit aufmerksam machte. Seither haben sich die Zukunftsaussichten für Europas Jugend keineswegs verbessert.

Etwas Entscheidendes aber hat sich verändert: Inzwischen haben sich überall in Europa Parteien an den politischen Rändern in Stellung gebracht, um die Nöte derer, die sich von der Mitte nicht gehört fühlen, für sich zu instrumentalisieren. Die Jugend wird von extremen Linken wie von extremen Rechten heftig umworben. Das zeigt sich in Frankreich, wo sich Jean-Luc Mélenchon als ihr Fürsprecher geriert, aber auch in Deutschland, wo die AfD zunehmend jüngere Wähler gewinnt.

Für junge Menschen mit dem Gefühl der Perspektivlosigkeit droht sich der Eindruck zu verfestigen, nur die an den Rändern nähmen ihre Belange ernst. Es ist an den Parteien der politischen Mitte, diesem Eindruck energisch entgegenzutreten. Die soziale Schieflage nicht als gegeben hinzunehmen, sondern über ebenso drastische wie wirksame Maßnahmen nachzudenken, um den Jungen wieder eine Perspektive zu schenken. Denn eines haben die Proteste vom Wochenende unmissverständlich gezeigt: Die jungen Menschen wissen, es geht um ihr Leben.

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