O Friedrich Merz ich hör dich maulen...
Er denkt tatsächlich er könne den Staat lenken, indem er alte Narrative hervorkramt und bedient...
T. Reinsch räumt damit auf: "Dieses Versprechen bildete lange Zeit den emotionalen Kern der Bundesrepublik: Wer arbeitet, wird Wohlstand erfahren". Diese Erzählung wirkt nur deshalb so plausibel, weil sie große Teile der historischen, geopolitischen und ökonomischen Voraussetzungen dieses Wohlstands ausblendet.
Thomas Reinsch 25.5.26
Der Mythos vom „ehrlich erarbeiteten Wohlstand“
Deutschlands Erfolgsgeschichte und ihre verdrängten Voraussetzungen
„Dieses Land wurde von demokratischen Parteien aufgebaut. Vor allem von Millionen Menschen, die jeden Tag arbeiten, Verantwortung tragen und dieses Land zusammenhalten – und damit den Wohlstand entwickelten und sicherten“
Sätze wie diese begegnen einem in den letzten Jahren immer häufiger. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung, wirtschaftlicher Krisen oder politischer Polarisierung wirken sie wie ein Versuch moralischer Selbstvergewisserung. Sie erzählen von Stabilität, Vernunft, Arbeitsethos und demokratischer Kontinuität. Deutschland erscheint darin als Produkt verantwortungsvoller Politik und fleißiger Menschen. Der gesellschaftliche Wohlstand wird zur Folge demokratischer Tugend.
Doch wie vieles heute, ist auch dies eine sehr eindimensionale Betrachtung.
Der Mythos vom „ehrlich erarbeiteten Wohlstand“
Denn diese Erzählung wirkt nur deshalb so plausibel, weil sie große Teile der historischen, geopolitischen und ökonomischen Voraussetzungen dieses Wohlstands ausblendet. Sie reduziert Geschichte auf Moral.
Aus einem hochkomplexen historischen Prozess wird eine beinahe pädagogische Erzählung über Anständigkeit, Demokratie und Leistungsbereitschaft.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Millionen Menschen gearbeitet und dieses Land aufgebaut haben. Selbstverständlich haben sie das. Die Lebensleistungen der Menschen in West und Ost sind real. Die Frage ist vielmehr, unter welchen historischen Bedingungen diese Arbeit stattfand, wer von welchen globalen Strukturen profitierte und welche Machtverhältnisse die Grundlage des hier eher bundesrepublikanischen implizierten Wohlstands bildeten.
Denn die heutige Erzählung tut häufig so, als sei der Wohlstand Deutschlands im Wesentlichen aus demokratischer Vernunft, sozialer Marktwirtschaft und individueller Leistungsbereitschaft entstanden. Dadurch entsteht ein Bild der Bundesrepublik als nahezu selbstgenügsames Erfolgsmodell — losgelöst von globalen Abhängigkeiten, geopolitischen Machtkonstellationen und kapitalistischen Strukturbedingungen.
Gerade diese Entkopplung von Geschichte und Macht, macht die Erzählung ideologisch wirksam.
Die verdrängte Vorgeschichte Deutschlands
Auffällig an vielen gegenwärtigen Wohlstandserzählungen ist, dass die deutsche Geschichte faktisch erst 1945 zu beginnen scheint. Die Bundesrepublik erscheint darin wie ein demokratischer Neuanfang aus moralischen Trümmern.
Die Katastrophe des Nationalsozialismus fungiert gewissermaßen als historischer Nullpunkt, nach dem aus Demokratie, Marktwirtschaft und westlicher Integration ein neues Deutschland entstanden sei.
Doch diese Darstellung unterschlägt entscheidende Kontinuitäten.
Denn die industrielle Basis Deutschlands entstand nicht erst nach 1945.
Große Teile der wirtschaftlichen Infrastruktur, des technischen Wissens, der industriellen Organisation und der ökonomischen Machtstrukturen existierten bereits vorher. Viele der großen Konzerne, die später das „Wirtschaftswunder“ tragen sollten — etwa Volkswagen, Siemens oder BASF — reichen historisch tief in das Kaiserreich und die industrielle Expansion des 19. Jahrhunderts zurück.
Ebenso verschwinden häufig die personellen Kontinuitäten nach 1945 aus dem öffentlichen Bewusstsein. Zahlreiche wirtschaftliche, juristische und administrative Eliten der frühen Bundesrepublik standen in Kontinuität zu Strukturen des „Dritten Reiches“. Der westdeutsche Wiederaufbau war daher keineswegs ausschließlich ein völliger Neuanfang, sondern auch eine Reorganisation bestehender Machtstrukturen unter neuen geopolitischen Bedingungen.
Hinzu kommt ein weiterer verdrängter Aspekt - die koloniale und imperiale Einbettung der europäischer Industrialisierung insgesamt.
Zwar besaß Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Mächten nur relativ kurze koloniale Herrschaftsphasen, doch profitierte auch die deutsche Industrie massiv von einer Weltordnung, die auf kolonialer Ausbeutung, ungleichen Handelsstrukturen und globaler Ressourcenkontrolle beruhte.
Die moderne Industriegesellschaft entstand nicht isoliert aus Fleiß und Ingenieurskunst. Sie entstand ebenso aus Zugriffen auf Rohstoffe, Märkte, Arbeitskraft und geopolitische Einflussräume.
Wenn heutige politische Narrative diese Vorgeschichte ausblenden, entsteht der Eindruck, der bundesrepublikanische Wohlstand sei beinahe ausschließlich das Resultat moralischer Tugenden gewesen. Tatsächlich war er jedoch tief in historische Machtverhältnisse eingebettet.
Der Kalte Krieg als ökonomische Sonderbedingung
Besonders problematisch wird die gegenwärtige Erfolgserzählung dort, wo sie den Kalten Krieg nahezu vollständig entpolitisiert. Denn die Bundesrepublik entwickelte sich nicht unter normalen historischen Bedingungen, sondern innerhalb einer außergewöhnlichen geopolitischen Konstellation.
Westdeutschland entwickelte sich im Zentrum der westlichen Systemkonkurrenz des Kalten Krieges.
Die USA hatten ein enormes strategisches Interesse daran, die Bundesrepublik wirtschaftlich zu stabilisieren und politisch zu integrieren. Der westdeutsche Wohlstand war deshalb nicht einfach nur Ergebnis wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, sondern ebenso Ausdruck geopolitischer Systemkonkurrenz.
Die Bundesrepublik profitierte dabei von mehreren strukturellen Vorteilen gleichzeitig:
- militärischer Schutz durch die USA,
- Integration in westliche Absatzmärkte,
- stabile internationale Währungsstrukturen,
- vergleichsweise geringe Verteidigungslasten,
- privilegierter Zugang zu internationalen Märkten.
Der Mythos des rein „selbst erarbeiteten“ Wohlstands unterschlägt diese geopolitischen Sonderbedingungen weitgehend.
Besonders selten wird jedoch ein anderer Zusammenhang thematisiert - die Rolle des Ostblocks für den westdeutschen Kapitalismus.
Denn die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik fand nicht unabhängig vom „Eisernen Vorhang“ statt, sondern teilweise gerade durch ihn begünstigt. Osteuropäische Staaten fungierten in vielen Bereichen als günstige Produktions- und Rohstoffräume. Gleichzeitig begrenzte die politische Abschottung dieser Länder ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber westdeutschen Industrien.
Selbstverständlich spielten technologische Innovation, organisatorische Fähigkeiten und reale industrielle Leistungen eine zentrale Rolle. Die Frage ist jedoch, unter welchen globalen Bedingungen diese Leistungen wirksam werden konnten.
Der westdeutsche Exporterfolg beruhte daher nicht allein auf technischer Überlegenheit oder wirtschaftlicher Effizienz, sondern auch auf asymmetrischen geopolitischen Bedingungen.
Hinzu kommt die globale Ebene.
Westdeutsche Produkte fanden weltweit Absatz — allerdings innerhalb eines internationalen Systems, dass technologische, finanzielle und handelspolitische Strukturen die industrielle Eigenentwicklung vieler Staaten massiv erschwerten. Technologische Vorsprünge, Patentsysteme, ungleiche Handelsbeziehungen und politische Einflussnahmen stabilisierten die dominante Position westlicher Industriestaaten.
Gerade die deutsche Chemie- und Maschinenbauindustrie profitierte davon, dass zahlreiche Staaten zwar westliche Technologien kaufen mussten, jedoch kaum die Möglichkeit erhielten, vergleichbare industrielle Strukturen selbst aufzubauen.
Die heutige Wohlstandserzählung spricht häufig von Leistung — aber selten von struktureller Macht.
Der Mythos vom freien Markt
Besonders widersprüchlich wird die deutsche Selbstbeschreibung dort, wo wirtschaftlicher Erfolg mit dem Mythos des „freien Marktes“ erklärt wird.
Denn gerade der deutsche Kapitalismus war historisch niemals ein vollständig freier Markt. Vielmehr handelte es sich um eine hochgradig organisierte, politisch geschützte und institutionell abgesicherte Wirtschaftsordnung.
Die deutsche Industrie profitierte jahrzehntelang von:
- staatlicher Infrastruktur,
- Exportförderung,
- branchenspezifischer Industriepolitik,
- technologischer Abschottung,
- beruflicher Ausbildungsstruktur,
- korporatistischen Netzwerken zwischen Politik, Industrie und Gewerkschaften.
Der Erfolg deutscher Schlüsselindustrien entstand also keineswegs allein aus „freiem Wettbewerb“, sondern ebenso aus strategischer Regulierung und politischer Machtorganisation.
Gerade darin liegt eine historische Ironie.
Jene Wirtschaftsverbände, die heute häufig radikale Marktöffnung, Deregulierung und Sozialabbau fordern, verdanken ihren eigenen historischen Aufstieg oftmals gerade jenen staatlichen und institutionellen Schutzmechanismen, die sie inzwischen ideologisch abwerten.
Hinzu kommt ein weiterer blinder Fleck - die Externalisierung von Kosten.
Der deutsche Wohlstand beruhte über Jahrzehnte auf:
- billiger fossiler Energie,
- globalisierten Lieferketten,
- ökologischer Auslagerung,
- günstiger Arbeitskraft im Ausland,
- Ressourcenimporten.
Die sozialen und ökologischen Folgekosten wurden vielfach anderen Regionen oder zukünftigen Generationen überlassen.
Auch dies verschwindet in der moralischen Erfolgserzählung des „ehrlich erarbeiteten Wohlstands“.
Arbeit, Leistung und die ideologische Naturalisierung des Kapitalismus
Besonders wirksam wird die gegenwärtige Erzählung dort, wo sie menschliche Leistungsbereitschaft unmittelbar mit kapitalistischen Produktionsformen identifiziert.
Oft lautet die implizite Botschaft - der Mensch will arbeiten, sich entwickeln, produktiv sein — also entspreche der Kapitalismus letztlich der menschlichen Natur.
Dieser Gedanke wirkt auf den ersten Blick plausibel. Tatsächlich wollen Menschen gestalten, tätig sein, Anerkennung erfahren und ihr Leben sinnvoll organisieren. Arbeit besitzt zweifellos eine anthropologische Dimension.
Doch daraus folgt keineswegs automatisch die Notwendigkeit kapitalistischer Produktionsverhältnisse.
Denn menschliche Produktivität existierte lange vor dem Kapitalismus. Menschen arbeiteten, entwickelten Werkzeuge, organisierten Gemeinschaften und schufen Kultur, lange bevor Profitmaximierung, Konkurrenzlogik und Lohnarbeit dominante gesellschaftliche Prinzipien wurden.
Die heutige Ideologie verschmilzt jedoch häufig zwei völlig unterschiedliche Ebenen:
- den menschlichen Wunsch nach Tätigkeit,
- und die spezifische kapitalistische Form der Arbeitsorganisation.
Gerade dadurch erscheint der Kapitalismus nicht mehr als historisches System, sondern als Ausdruck menschlicher Natur.
Diese Naturalisierung hat weitreichende Folgen. Denn sobald kapitalistische Produktionsweisen als anthropologisch alternativlos erscheinen, wird jede grundlegende Systemkritik automatisch als unrealistisch, extremistisch oder „gegen den Wohlstand“ gerichtet interpretiert.
Dabei haben Denker wie Karl Marx, Erich Fromm oder David Graeber immer wieder darauf hingewiesen, dass zwischen sinnvoller menschlicher Tätigkeit und kapitalistisch organisierter Arbeit ein fundamentaler Unterschied besteht.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Menschen tätig sein wollen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen geschieht diese Tätigkeit — und wem dient sie?
Die Krise der Wohlstandserzählung
Warum gewinnen solche Narrative gerade heute wieder an Bedeutung?
Nicht weil die alte bundesrepublikanische Ordnung noch uneingeschränkt stabil wäre — sondern gerade weil ihre Stabilität zunehmend zerfällt.
Die Nachkriegsjahrzehnte vermittelten vielen Menschen den Eindruck, wirtschaftlicher Fortschritt, sozialer Aufstieg und demokratische Stabilität seien nahezu natürliche Begleiterscheinungen des westlichen Kapitalismus.
Dieses Versprechen bildete lange Zeit den emotionalen Kern der Bundesrepublik:
Demokratie und Marktwirtschaft erscheinen darin als gegenseitige Garantieversprechen.
Doch genau dieses historische Versprechen gerät inzwischen sichtbar in die Krise.
- Reallöhne stagnieren,
- Wohnraum wird unbezahlbar,
- soziale Ungleichheit wächst,
- prekäre Beschäftigung nimmt zu,
- öffentliche Infrastruktur verfällt,
- Zukunftserwartungen brechen weg.
Immer mehr Menschen erleben, dass die bestehende Wirtschaftsordnung den versprochenen gesellschaftlichen Aufstieg gerade nicht mehr absichert. Der Glaube an die alte bundesrepublikanische Stabilität erodiert.
Gerade darin liegt ein zentraler Grund für den Aufstieg der Alternative für Deutschland.
Denn große Teile der Bevölkerung haben nicht mehr das Gefühl, dass die etablierten Parteien den historisch aufgebauten Wohlstand noch sichern können. Die politische Krise entsteht dabei nicht trotz der alten Wohlstandserzählung — sondern aus ihrem Zerfall.
Paradoxerweise reagieren große Teile der politischen und wirtschaftlichen Eliten darauf jedoch nicht mit einer grundlegenden Analyse der strukturellen Probleme, sondern mit einer weiteren Radikalisierung neoliberaler Politik.
Gerade unter Friedrich Merz zeigt sich diese Entwicklung besonders deutlich.
Obwohl sich die gesellschaftliche Krise unter anderem aus Deregulierung,
wachsender Ungleichheit und
sozialer Entsicherung speist,
treiben wirtschaftsnahe Lobbyorganisationen weiterhin genau jene Politikmodelle voran,
die diese Entwicklungen verschärfen.
Organisationen wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft oder Die Familienunternehmer propagieren weiterhin:
- Deregulierung,
- Steuersenkungen,
- Sozialstaatsabbau,
- Arbeitsmarktflexibilisierung,
- weitere Marktöffnung.
Dabei entsteht eine paradoxe Dynamik:
Je stärker die sozialen Sicherheiten erodieren, desto aggressiver wird häufig die Forderung nach noch mehr Marktlogik formuliert.
Gerade dadurch wächst jedoch in Teilen der Bevölkerung nicht das Vertrauen in demokratische Institutionen, sondern das Gefühl politischer Ohnmacht.
Viele Menschen erleben den Staat zunehmend
nicht mehr als schützende Struktur,
sondern als Vollzugsapparat ökonomischer Interessen.
Die alte Erzählung vom „demokratisch erarbeiteten Wohlstand“ wirkt deshalb heute oftmals nicht mehr überzeugend-integrativ, sondern zunehmend defensiv. Sie versucht eine gesellschaftliche Ordnung moralisch zu stabilisieren, deren materielle Grundlagen für viele Menschen bereits brüchig geworden sind.
Und genau in dieser Lücke zwischen offizieller Erfolgserzählung und realer sozialer Erfahrung wachsen Misstrauen, Ressentiments und autoritäre Versuchungen.
Die Wiedervereinigung und der Schock der kapitalistischen Transformation
Besonders deutlich zeigen sich die Widersprüche der deutschen Wohlstandserzählung im Umgang mit der Wiedervereinigung.
Offiziell erscheint die Vereinigung häufig als Erfolgsgeschichte demokratischer Befreiung und wirtschaftlicher Integration. Tatsächlich bedeutete sie für viele Menschen in Ostdeutschland jedoch einen tiefgreifenden gesellschaftlichen und ökonomischen Schock.
Mit dem Zusammenbruch der DDR verschwand nicht nur ein politisches System. Innerhalb weniger Jahre wurden ganze industrielle Strukturen, Berufsbiografien, soziale Sicherheiten und kollektive Lebenswelten aufgelöst.
Millionen Menschen verloren:
- ihre Arbeitsplätze,
- ihre berufliche Identität,
- ihre gesellschaftliche Funktion,
- ihre ökonomische Sicherheit.
Besonders folgenreich war dabei die Rolle der Treuhandanstalt.
Innerhalb kürzester Zeit wurde ein großer Teil des volkseigenen Eigentums privatisiert, abgewickelt oder verkauft. Für viele Ostdeutsche bedeutete dies die Erfahrung, dass gesellschaftliches Eigentum, das über Generationen hinweg aufgebaut worden war, praktisch über Nacht verschwand.
Unabhängig davon, wie man die DDR politisch bewertet, hinterließ dieser Transformationsprozess tiefe psychologische und gesellschaftliche Spuren.
Denn viele Menschen erlebten die Wiedervereinigung nicht nur als Demokratisierung, sondern zugleich als massive Entwertung ihrer bisherigen Lebensleistung.
Hinzu kam eine kulturelle Dynamik der Abwertung:
- ostdeutsche Berufsbiografien galten plötzlich wenig,
- ostdeutsche Erfahrungen wurden delegitimiert,
- westdeutsche Marktlogik wurde alternativlos gesetzt.
In vielen Regionen entstand dadurch das Gefühl, Objekt eines ökonomischen und kulturellen Umbaus geworden zu sein, den man weder kontrollieren noch beeinflussen konnte.
Gerade diese Erfahrungen wirken bis heute nach.
Die gegenwärtige politische Krise Ostdeutschlands lässt sich deshalb nicht allein durch „Populismus“ oder „Demokratieferne“ erklären. Sie ist auch Ausdruck einer tiefen historischen Erfahrung gesellschaftlicher Entwurzelung unter Bedingungen eines radikal beschleunigten Kapitalismus.
Die Wiedervereinigung markiert damit einen entscheidenden Widerspruch der bundesrepublikanischen Selbstbeschreibung:
Einerseits präsentiert sich Deutschland als soziale Demokratie.
Andererseits bedeutete die konkrete ökonomische Transformation nach 1990 für viele Menschen eine der radikalsten marktwirtschaftlichen Umstrukturierungen Europas.
Zwischen Anerkennung und Mythologisierung
Eine ernsthafte Analyse deutscher Nachkriegsgeschichte muss zwei Dinge gleichzeitig leisten können.
Sie muss anerkennen, dass Millionen Menschen in Ost und West unter schwierigen Bedingungen gearbeitet, aufgebaut und gesellschaftliche Stabilität geschaffen haben.
Aber sie muss ebenso anerkennen, dass dieser Wohlstand niemals ausschließlich aus individueller Leistung, demokratischer Vernunft oder marktwirtschaftlicher Effizienz entstanden ist.
Er war immer eingebettet in:
- geopolitische Machtstrukturen,
- globale Ungleichheiten,
- kapitalistische Expansionslogiken,
- historische Sonderbedingungen,
- ökologische Externalisierung.
Gerade deshalb wird die gegenwärtige Selbstbeschreibung Deutschlands problematisch, wenn sie aus Geschichte eine moralische Erfolgserzählung macht.
Denn sobald Wohlstand nur noch als Resultat von Tugend erscheint, verschwinden Macht, Abhängigkeit und historische Gewalt aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein.
Eine demokratische Gesellschaft sollte jedoch in der Lage sein, ihre eigene Geschichte komplexer zu erzählen.
Nicht um individuelle Leistungen zu entwerten.
Nicht um Demokratie zu relativieren.
Sondern um zu verstehen, dass wirtschaftliche Ordnungen keine Naturgesetze sind - und dass Wohlstand immer auch eine Frage historischer Bedingungen, globaler Machtverhältnisse und gesellschaftlicher Organisation bleibt.
Ein hochinteressanter Artikel, der uns einen Blick in die aktuelle gesellschaftliche Situation eröffnet. Dank an ländle4future
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