Nicht die Milliardenlöcher.
Nicht der Investitionsstau.
Nicht die Bürokratie.
Nicht die Wohnungsnot.
Nein. Ich.
Ich bin Mutter. Lebe getrennt und arbeite fast Vollzeit. Ich kümmere mich um meine Kinder, meine Eltern, Termine, Pflege, Haushalt und nebenbei um einen Job. Ich zahle Steuern und Sozialabgaben. Ich funktioniere, immer.
Kurz gesagt: Ich bin eine der Personen, auf denen sich dieses Land täglich ausruht.
Und nun erklärt mir ein Mann, der in einer finanziellen Welt lebt, die viele Familien nie erreichen werden, dass ausgerechnet mein Lebensmodell das Problem sei.
Interessant.
Denn während ich versuche, Beruf, Kinder, Pflege und die nächste Mieterhöhung und steigende Lebenskosten unter einen Hut zu bringen, wird über meine Teilzeit gesprochen, als wäre sie eine Charakterschwäche.
Als hätte ich sie gewählt, weil ich gern ausschlafe. Als gäbe es überall Betreuung. Als würden sich pflegebedürftige Eltern selbst versorgen oder die finanziellen Mittel dazu haben.
Die Wahrheit ist unbequemer: Unsere Gesellschaft lebt davon, dass Millionen Frauen unbezahlte Care-Arbeit leisten. Sie füllen die Lücken, die Politik und Infrastruktur hinterlassen. Sie verzichten auf #Karriere, #Gehalt, #Gesundheit und später auf #Rente.
Sie halten das System am Laufen – mit Zeit statt Geld und ohne Gegenleistung.
Und als Dank heißt es: einfach mehr arbeiten.
Man fordert Leistung von denen, die längst am Limit sind. Man spricht von #Eigenverantwortung, während der Staat sich auf unbezahlter Arbeit ausruht und keine Verantwortung übernimmt.
Und am Ende bleibt für viele nicht Anerkennung, sondern #Altersarmut.
Vielleicht wäre es an der Zeit, die Stützen dieses Landes nicht länger als Belastung zu behandeln.
Denn wenn all die Frauen, die Kinder großziehen, Angehörige pflegen, Familien organisieren und arbeiten, morgen aufhören würden, stünde Deutschland still.
Vielleicht sind wir nicht das Problem. , dass so vieles nicht funktioniert.
Wir sind der Grund, warum dieses Land überhaupt noch funktioniert.
Heute gönne ich mir etwas #Luxus.
Ich fahre in eine überfüllte Arztpraxis, warte zwei Stunden auf ein Attest und bekomme damit die Erlaubnis, einen halben Tag nicht zu funktionieren.
Selbstfürsorge – made in Germany.
Kommentar Jürgen Schöntauf
Friedrich Merz verwendet das falsche Wort. Es geht nicht um Leistung. Wir leben nicht in einer Leistungsgesellschaft.
Wäre das so, würde deine Leistung gewürdigt, anerkannt und entsprechend honoriert.
Das Problem ist, dass wir in einer Erfolgsgesellschaft leben. Genau das ist es, was Merz toll findet und will: Erfolg. Und das ist das, was honoriert wird.
Ach ja, häufig wird in einer Erfolgsgesellschaft erben mit Erfolg verwechselt.
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