Donnerstag, 2. Juli 2026

Der Markt für große Netzspeicher explodiert europaweit - Das ist Europas Chance

VonRico Grimm  Jun 30, 2026

Nach dem Batteriebeben: Wo Europa noch gewinnt 

Netzspeicher, Verteidigung, Recycling – und ausgerechnet in Ungarn.

Es ist im dritten Jahr dieses Newsletters fast Tradition: Im Sommer werfe ich einen Adlerblick auf Europas Batterielandschaft. Das hat einen aktuellen Anlass.

Denn Volkswagen will 100.000 Menschen entlassen; Europa diskutiert den China-Schock 2.0. Die chinesischen Exporte nach Europa steigen immer weiter an. Ein wichtiges Handelsgut: Batterien.

Die Trümmer sind weggeräumt. Jetzt zeigt sich, wo Europas Batterie-Stärken wirklich liegen.

Europa wollte zwischen 2020 und 2023 eine eigene Batterieindustrie aufbauen – rund 2 TWh Kapazität waren angekündigt, aber nur knapp die Hälfte kommt. Was überlebt, konzentriert sich in Ungarn, Spanien und Nordfrankreich – meist in der Hand asiatischer Hersteller. Wo Europa trotzdem noch gewinnen kann: bei Netzspeichern, in der Verteidigung und beim Recycling.

Das Batteriebeben – wo Europa herkommt

Zwischen 2020 und 2023 kündigten viele europäische Unternehmen an, eigene große Batteriefabriken zu bauen. Rund 2 TWh Kapazität kamen so in die Pipeline.

Haupttreiber war der European Green Deal, ein großes industriepolitisches Programm, mit dem Europa seine frisch verschärften Klimaziele erreichen sollte. Corona-Lockdowns und Ukraine-Krieg zeigten, wie anfällig Lieferketten sind und wie teuer einseitige Abhängigkeit wird.

Die Gründe:

  • Gestiegene Zinsen verteuerten ab 2022 die Finanzierung.
  • Gleichzeitig kauften die Kunden weniger E-Autos als gedacht.
  • Die Nachfrage, die es gab, bedienten chinesische Konkurrenten billiger – sie hatten sich über Jahre einen großen Vorsprung in der technisch schwierigen Zellproduktion erarbeitet.

Erwischt hat es vor allem Projekte in Mitteleuropa, nahe den großen deutschen Autofabriken. Schau dir die Karte abgesagter Projekte an:

Volkswagen baut bis 2030 wohl 100.000 Stellen ab – auch weil erst jetzt mit dem ID Polo ein bezahlbarer E-Wagen kommt.

Die ersten Opfer der verschlafenen E-Auto-Strategie waren aber die Batteriepläne. VW selbst war mit 20% am insolventen Batteriebauer Northvolt beteiligt.

Wer das Beben überlebt hat

Fünf große Batteriefabriken siedelten sich in Ungarn an, dem Land, in dem 16 Jahre lang Viktor Orbán regierte. Ungarn bildet zusammen mit Nordfrankreich und Spanien das Rückgrat der europäischen Batterieproduktion.

Ungarn warb die Hersteller mit Subventionen, niedrigen Strompreisen, schnellen Genehmigungen und billiger Arbeitskraft. Spanien punktet auch mit niedrigen Stromkosten, Nordfrankreich mit Subventionen und guter Hafenanbindung:

Fast alle Fabriken produzieren Nickel-Mangan-Kobalt-Lithium-Ionen-Akkus (NMC). Nur wenige setzen auf Lithium-Eisenphosphat (LFP). Lyten will die Ex-Northvolt-Werke schrittweise auf Lithium-Schwefel umstellen, während die NMC-Produktion dort zunächst weiterläuft.

Aber es dominieren ostasiatische Anbieter. Sie stellen zusammen ungefähr 60% der aktiven und geplanten Kapazität:


🍏 Was ich denke – fünf Thesen zur Zukunft

1. Asiatische Hersteller werden die Produktion etablierter Zellchemien in Europa dominieren

Europa ist verlängerte Werkbank: Wir schrauben zusammen, was anderswo erdacht und in Teilen geliefert wird. So hat China im Juli 2025 die Technologie für die modernste LFP-Kathode unter Exportkontrolle gestellt. Vorn mitspielen könnte Europa nur bei Zukunftstechniken, die heute kaum einen Markt haben – der Feststoffbatterie und der Silizium-Anode.

2. Europäische Abnehmer werden versuchen, die Asiaten herauszudrängen

Möglicherweise integrieren sich mehr Autokonzerne vertikal, um Wertschöpfung abzugreifen – Volkswagen macht es mit der eigenen Zellfertigung bei PowerCo in Salzgitter, Valencia und St. Thomas (Kanada) vor.

Die Batterie ist das wichtigste Teil eines E-Autos und Zentrum der Wertschöpfung. Die alten Riesen taumeln gerade, durchleiden große Krisen und diese führen oft zu Erkenntnis: Wenn sie höhere Margen wollen, müssen sie mehrere Teile der Wertschöpfungskette beherrschen.

Sobald sie im E-Auto-Markt etabliert sind, greifen sie ihre asiatischen Zulieferer an.

3. Europa wird seine Batterieindustrie schützen – ein bisschen

Aktuell tobt (endlich) eine Debatte um den zweiten China-Schock. Ich hatte schon vor neun Monaten auf Linkedin darauf hingewiesen.

Gerade der ehemalige Exportweltmeister Deutschland überdenkt seine Position. Da Frankreich seit jeher protektionistischer ist, wird die EU die Zölle auf Batterien aus Ostasien anheben und chinesischen Unternehmen das anbieten, was China westlichen Unternehmen angeboten hat: Marktzugang nur gegen Technologietransfer. Ähnliches hat die Kommission schon mit ihrem Battery-Booster-Paket im Dezember 2025 angedeutet.

Zurzeit belegt die EU chinesische Batterien mit kaum zwei Prozent an Zöllen. In den USA sind es mehr als 50 Prozent.

4. Lithium-Schwefel für Drohnen, Natrium-Ionen für große Netzspeicher könnten Europa eine eigene Batterieindustrie bringen

 

Der Markt für große Netzspeicher explodiert europaweit. 

Er wächst um 40 bis 50 Prozent pro Jahr und müsste sich bis 2030 etwa verzehnfachen. 

Das ist Europas Chance.

 

Diese Speicher können aus Lithium-Ionen- oder Eisenphosphat-Zellen bestehen – wo asiatische Hersteller dominieren –, sie müssen es aber nicht. Andere Chemien wie Natrium-Ionen bieten eine zweite Chance. Dazu treibt bei Netzspeichern das ganze Drumherum die Kosten.

Aber Ausstattung der Speicher, Steuerungssoftware, Handelsalgorithmen und das Verständnis für lokale Strommärkte können Europäer genauso gut wie Ostasiaten. Wer hier klug plant und steuert, hat einen Vorteil.

Im Verteidigungsbereich wiederum dürften die Hersteller ihre Lieferketten chinafrei halten wollen. Wer Batterien einsetzt, baut sie in alliierten Ländern. Bei Drohnen bieten Lithium-Schwefel-Chemien Vorteile – das ist genau die Chemie, auf die Northvolt-Käufer Lyten setzt.

5. Das große Versprechen der Recyclingindustrie löst sich später ein als erhofft

Es gibt einen Bereich, in dem Europa strukturell im Vorteil ist: das Recycling alter Batterien. 

Der Grund ist simpel – Altbatterien sind bereits im Land. Ein EU-Gesetz schreibt ab 2031 vor, dass ein wachsender Teil neuer Batterien aus recyceltem Material bestehen muss.

 

Heute aber verlassen Schätzungen zufolge mehr als 50 % der europäischen Batterie-Abfälle Europa, um in Asien recycelt zu werden. 

Recycling kann aber echte strategische Rohstoff-Autonomie bieten, weil Batterie-Metalle fast endlos wiederverwendet werden können.


Es ist wahrscheinlich, dass die EU diesen Rohstoff schützen wird. Konkret erwarte ich, dass 100 % bestimmter Batterietypen, die in Europa als Müll anfallen, auch in Europa bleiben müssen.


Was das für Gründer bedeutet

Nische, Nische, Nische. China kann die Masse und setzt mit Natrium-Ionen schon zum nächsten Coup an. Wer in Europa bestehen will, kann nicht mit Standard-Chemien über den Preis kommen. Der Batteriemarkt differenziert sich gerade aus. Es ist unwahrscheinlich, dass eine Firma wie CATL auf ewig wirklich alle Anwendungen dominieren wird.


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