Sonntag, 5. Juli 2026

Das zähe Ringen um die teure Atomkraft

Golem  hier

Trump-Regierung hat bei Atomkraft das Shiny-Object-Syndrom

Das US-Energieministerium hat seine Prognose für die Entwicklung des US-amerikanischen Energiemarkts veröffentlicht. Darin sinkt in den meisten möglichen Szenarien die absolute Menge an Strom aus Atomkraft.

Das steht im Gegensatz zum Vorhaben der Regierung von Donald Trump, der mit einer Reihe von Verfügungen einen Ausbau der Atomkraft in den USA erreichen wollte. Stattdessen könnte eine Leistungszunahme durch das Handeln der Verantwortlichen komplett ausbleiben, während alte Kraftwerke irgendwann vom Netz genommen werden müssen.

Wie es zu dieser Situation kommen konnte, hat das Wall Street Journal (Paywall) analysiert. Es diagnostiziert bei den Verantwortlichen das Shiny-Object-Syndrom, mithin ein Verhalten, bei dem sich Personen für neue, besondere Objekte begeistern, aber das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren.

Small Modular Reactors könnten zum Problem werden

Demnach werden Gelder vor allem an Start-ups vergeben, die mit neuen Kernkraftwerkskonzepten einen Durchbruch erzielen wollen. Keines der geförderten Projekte ist bereits technisch ausgereift.

Es ist derzeit völlig unklar, ob die größtenteils als Small Modular Reactors konzipierten Kernkraftwerke tatsächlich konkurrenzfähigen Strom liefern können. Eine Studie der TU Berlin zeigt beispielsweise, dass tausende solcher Minikraftwerke gebaut werden müssten, bis ausreichend Erfahrung bei der Serienproduktion besteht, um überhaupt bezahlbaren Strom produzieren zu können.

Aber auch aktuell besteht laut Wall Street Journal ein ähnliches Problem. Unter den insgesamt aktiven 96 Kernkraftwerken in den USA finden sich 50 unterschiedliche Typen. Fast nie wurde demnach ein erfolgreich errichtetes Kraftwerk an anderer Stelle erneut gebaut, um von bestehenden Erfahrungen zu profitieren.

Stattdessen sei stets versucht worden, ein besseres und moderneres Kraftwerk zu errichten. Beim Ziel der Energiesicherheit stand demnach auch früher schon ein schöneres, glänzenderes Kraftwerk im Weg.

Konventionelle Versuche scheitern ebenfalls

Gleichzeitig fasste die US-Regierung den Plan, zehn bereits bestens vertraute Reaktoren vom Typ AP1000 des US-Herstellers Westinghouse bauen zu lassen. Der Auftrag hätte einen Gesamtwert von 80 Milliarden US-Dollar.

Dem Bericht zufolge kam in den letzten acht Monaten jedoch kein Vertrag zustande. Trotz vorhandener Erfahrung gab es bei den beiden zuletzt fertiggestellten Reaktoren starke Kostensteigerungen, die Westinghouse in die Insolvenz geführt hatten.

Somit soll das Risiko, erneut Kostensteigerungen zu erleben, während die zu erwartenden Gewinne vergleichsweise gering ausfallen dürften, für die neuen Eigentümer zu hoch sein. Allenfalls eine komplette Übernahme der Risiken durch den Staat inklusive einer Deregulierung im Bereich Kernenergie könnte den Bau attraktiv machen.

Ganz abwegig ist das nicht, denn für die Entwicklung der Small Modular Reactors wurden zuletzt zahlreiche Sicherheitsvorschriften aufgehoben. Unter anderem müssen Reaktortests nicht mehr zwingend auf dem Gelände staatlicher Kernforschungsanlagen durchgeführt werden.


Golem hier  1. Juli 2026  / Mario Petzold

Neue Schweizer AKWs müssten doppelt subventioniert werden

Kosten der Kernkraft :Mehrere Szenarien zeigen, dass sich Atomkraft in der Schweiz nicht lohnt. Auch unabhängig würde das Land dadurch nicht.

Eine Studie der ETH Zürich und des Paul-Scherrer-Instituts in Villingen, beide in der Schweiz, kommt zu dem Schluss, dass Kernkraft ohne staatliche Unterstützung zukünftig keine bezahlbare Stromquelle sein wird. Das Forschungsteam hat in unterschiedlichen Szenarien untersucht, wie die Schweiz den angenommenen Mehrbedarf von 45 Terawattstunden bis zum Jahr 2050 am kostengünstigsten decken kann.

Dabei wurden der Ausbau von Windkraft, Solarenergie sowie Wasserkraft in Kombination mit neu zu errichtenden Kernkraftwerken als nahezu CO2-neutrale Alternative gegenübergestellt beziehungsweise kombiniert. Demnach ist der starke Ausbau der Photovoltaik zusammen mit der Wasserkraft und Speichern in Form von Pumpspeicherwerken und Batterien am preiswertesten.

Kritisch sehen die Autoren der Studie, die in der Bibliothek der ETH Zürich abgerufen werden kann, die Importabhängigkeit von Strom in den Wintermonaten. Die wäre jedoch kaum größer als zuletzt und ließe sich durch den Bau neuer AKWs ebenfalls nicht beseitigen.

Ungewisse Baukosten problematisch

Teuer wird die Errichtung von Atomkraftwerken zum einen durch die Risikoabsicherung, die typischerweise bei 8 Prozent der Kapitalkosten liegen soll. Das entspricht einem hohen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr für 1 Gigawatt Leistung.

Gleichzeitig hängt dieser Betrag stark von den Baukosten ab. Und diese sind laut Studie deutlich zu hoch. Im Durchschnitt hätte jedes Kilowatt Leistung aus neuen Atomkraftwerken in Europa und den USA zuletzt etwa 13.000 Euro gekostet – ein typischer Atomreaktor mit 1,2 bis 1,4 Gigawatt dementsprechend 15 bis 18 Milliarden Euro.

Erst bei einer Reduzierung der Baukosten um 40 bis bestenfalls 60 Prozent, was äußerst unrealistisch erscheint, wäre ein Zubau von zwei bis vier neuen Reaktoren wirtschaftlich lohnenswert.

Rechnet man die in der Studie genannten Kosten für Bau, Betrieb, Wartung, Brennstoff und Entsorgung zusammen, ergäbe sich ein Preis von 17 Cent je Kilowattstunde (kWh) für Atomstrom – ohne Steuern, Abgaben oder Netzentgelte. Darin sind die Kosten für Stilllegung und Entsorgung mit maximal 1 Cent je kWh enthalten, was zumindest sehr vorsichtig geschätzt ist.

Selbst mit zusätzlichen Zwischenspeichern und Stromimporten, die erneuerbare Energien erfordern würden, wäre Atomstrom mithin vielfach teurer als aus Windkraft und Photovoltaik.

Insgesamt nennen die Autoren nur zwei Argumente für den Bau von Kernkraftwerken. Sie führen an, dass auch der Zubau von Speichermöglichkeiten subventioniert wird. Zumindest bei sehr niedrigen Baukosten könnte Atomstrom mit ähnlich hohen Zuwendungen interessant werden, sofern der Staat die erwähnte Risikoabsicherung deckelt.

Der zweite Punkt ist die Abhängigkeit von Stromimporten aus den Nachbarländern. Die bliebe jedoch selbst mit neuen AKWs bestehen, wenn auch minimal. Und andererseits profitiert die Schweiz stark vom Stromhandel. Die schon jetzt vorhandenen Pumpspeicherwerke nutzen günstigen Strom, größtenteils aus Deutschland, zum Einspeichern und geben ihn bei Bedarf und zu entsprechend höheren Stromkosten wieder ab, auch nach Deutschland.

Somit dürfte insgesamt kaum zu erwarten sein, dass die Schweiz in nächster Zeit in neue Atomkraftwerke investieren wird.




Marvin Endres /LinkedIn

𝗗𝗮 𝗺𝗲𝗶𝗻 𝗹𝗲𝘁𝘇𝘁𝗲𝗿 𝗣𝗼𝘀𝘁 𝘇𝘂𝗿 𝗳𝗿𝗮𝗻𝘇𝗼̈𝘀𝗶𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗔𝘁𝗼𝗺𝗸𝗿𝗮𝗳𝘁 𝗮𝘂𝗳 𝘃𝗶𝗲𝗹 𝗔𝘂𝗳𝗿𝗲𝗴𝘂𝗻𝗴 𝗴𝗲𝘀𝘁𝗼ß𝗲𝗻 𝗶𝘀𝘁, 𝗺𝗼̈𝗰𝗵𝘁𝗲 𝗶𝗰𝗵 𝘃𝗲𝗿𝘀𝘂𝗰𝗵𝗲𝗻, 𝗵𝗶𝗲𝗿 𝘄𝗲𝗶𝘁𝗲𝗿 𝗮𝘂𝗳𝘇𝘂𝗸𝗹𝗮̈𝗿𝗲𝗻. Atomkraft ist teuer und langsam!

𝗩𝗼𝗿𝘄𝗲𝗴: Das ist keine Kritik an Frankreich selbst.

Frankreich handelt aus seiner eigenen Historie heraus. Das Land hat über Jahrzehnte einen großen Atompark aufgebaut und muss nun entscheiden, wie es damit umgeht.

Gerade deshalb ist Frankreich ein perfektes Beispiel dafür, welche Folgen eine Kraftwerksstrategie langfristig haben kann.

Wer Atomstrom pauschal als günstig bezeichnet, macht meiner Meinung nach einen gravierenden Fehler. Denn Frankreich zeigt gerade ziemlich gut, wie teuer, langsam und unflexibel diese Strategie werden kann.

Der französische Rechnungshof sieht bei EDF bis 2040 einen Investitionsbedarf von bis zu 460 Mrd. €.
Mehr als 200 Mrd. € davon hängen direkt an Verlängerung und Erneuerung des französischen Atomparks.

Allein Sanierungen des bestehenden Parks liegen bei rund 90 Mrd. €. Dazu kommen neue EPR2-Reaktoren: Für die ersten sechs stehen inzwischen 72,8 Mrd. € im Raum.

𝗗𝗲𝗿 𝗲𝗿𝘀𝘁𝗲 𝗻𝗲𝘂𝗲 𝗥𝗲𝗮𝗸𝘁𝗼𝗿 𝘀𝗼𝗹𝗹 𝗳𝗿𝘂̈𝗵𝗲𝘀𝘁𝗲𝗻𝘀 𝟮𝟬𝟯𝟴 𝗮𝗻𝘀 𝗡𝗲𝘁𝘇 𝗴𝗲𝗵𝗲𝗻.

Gleichzeitig steigt der Strombedarf durch Industrie, Rechenzentren, Wärmepumpen, Elektromobilität und Wasserstoff nicht irgendwann, sondern jetzt. 

Und genau hier liegt der Denkfehler: Atomkraft ist nicht billig. Sie wird nur anders finanziert.

- Über den Staat.

- Über die Bilanz von EDF.

- Und am Ende über den Stromkunden.

Wenn man allein den nuklearen Investitionsblock überschlägig auf die heutige Atomproduktion umlegt, entsteht daraus ein zusätzlicher CAPEX-Druck von grob 3–4 ct/kWh.

Und da sind Brennstoff, Betrieb, Rückbau, Finanzierungskosten und Bauverzögerungen noch nicht vollständig eingerechnet.

Natürlich müssen auch Netze massiv ausgebaut werden.
Das muss jedes Land irgendwann tun. 

Aber genau hier liegt der Unterschied:

Netze, Speicher und Flexibilität sind keine Subvention für eine einzelne Technologie.
Sie sind die Infrastruktur für ein Energiesystem, in dem Wind und Sonne langfristig mit nahezu null Grenzkosten Strom liefern.

Bei Erneuerbaren sinkt mit jeder Skalierung der staatliche Förderbedarf pro kWh.

Die Investitionen werden vor allem durch Private Investoren getätigt

Bei Atomkraft ist es umgekehrt:

Je älter der Park wird, desto höher wird der staatliche Absicherungsbedarf.

Je später neue Reaktoren kommen, desto größer wird die Finanzierungslücke.

Je höher die Baukosten steigen, desto stärker landet die Rechnung bei Staat, Unternehmen oder Verbraucher.

PV, Wind, Speicher, Flexibilität und digitale Steuerung können heute skaliert werden. 𝗡𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗲𝗿𝘀𝘁 𝟮𝟬𝟯𝟴.

Meine These bleibt: Die Energiefrage entscheidet sich nicht in ideologischen Debatten über alte Technologien.


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