Donnerstag, 4. Juni 2026

Wir sehen eine Gesellschaft, die sozial weiter auseinanderdriftet: mehr als 13 Millionen armutsgefährdeten Menschen

TAZ hier  Kommentar von Marie Frank  2.6.2026

Neue Zahlen zu Armut

Frausein macht arm

Der Armutsbericht des Paritätischen zeigt: Die Regierung tut nichts, um Menschen vor Armut zu schützen – im Gegenteil. Frauen trifft das besonders hart.

Tagesspiegel hier 02.06.2026, 

Armutsbericht:  „Trauriger Rekord“ bei Armut in Deutschland

Reformen und Armut: Millionen in Geldnot - Wie wirken die Reformen?
Viele können heute schon ihre Rechnungen für Strom, Heizung oder einen neuen Kühlschrank nicht bezahlen. Wie wirken die Reformpläne der Regierung auf die steigenden Armutsrisiken in Deutschland?

Mit mehr als 13 Millionen armutsgefährdeten Menschen erlebt Deutschland einen Höchststand. Der Paritätische Wohlfahrtsverband spricht in seinem neuen Armutsbericht von „einem traurigen Rekord“. 16,1 Prozent der Bevölkerung erzielten 2025 so wenig Einkommen, dass sie statistisch als armutsgefährdet gelten. 

Deshalb mahnt der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Joachim Rock, die Regierungskoalition: „Jetzt immer neue Kürzungen zu diskutieren, schürt Angst und Unsicherheit.“
Welche Reformpläne geraten bei der Armutsdiskussion in den Fokus?

Zuletzt lag die „Armutsquote“ in Deutschland 2020 bei 16,1 Prozent. Dann sank sie auf 14,4 Prozent 2023 und stieg ab dem Folgejahr wieder - allein von 2024 zu 2025 um 0,6 Prozentpunkte. „Wir sehen eine Gesellschaft, die sozial weiter auseinanderdriftet“, mahnt Rock. 

Weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens

Der Verband nennt diesen Teil der Bevölkerung armutsbetroffene Menschen oder Arme. Für die offizielle Statistik etwa des Statistischen Bundesamts, das die Zahlen bereits im Februar veröffentlicht hatte, sind es dagegen Menschen, die Gefahr laufen, arm zu werden. Es sind all jene, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. 

Bei Alleinlebenden lag diese Grenze zuletzt
bei netto 1.446 Euro im Monat,
für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern
unter 14 Jahren bei 3.036 Euro


Armutsfalle Lebensabend?

Betroffen ist ein breiter Personenkreis - darunter 19,5 Prozent der Ab-65-Jährigen. „Der Lebensabend droht zur Armutsfalle zu werden“, warnt der Wohlfahrtsverband. Die Situation Älterer sei „angespannt“. 

Auch andere Gruppen sind stärker betroffen: Alleinlebende (Quote der Armutsgefährdeten: 30,3 Prozent), Alleinerziehende (28,9 Prozent) oder Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss (29,1 Prozent).


70 Prozent der Betroffenen haben laut dem Armutsbericht
die deutsche Staatsbürgerschaft,
30 Prozent sind Ausländerinnen oder Ausländer.
 

Der Verbandsgeschäftsführer sagt zudem, 
es sei für viele vielleicht ein „überraschender Befund"
 dass ein Fünftel der Armen erwerbstätige Arme sind


Höchste Quoten in Bremen und Sachsen-Anhalt 

„Gleichzeitig wächst die Kluft zwischen Regionen und Bevölkerungsgruppen“, sagt Rock. So gibt es in Bayern und Baden-Württemberg mit ihrer jeweils starken Wirtschaftsstruktur laut Bericht die niedrigsten Betroffenenquoten, mit 12,6 bzw. 13,2 Prozent. 

Die höchsten Anteile an Betroffenen gibt es demnach in Bremen (27,5 Prozent), Sachsen-Anhalt (21,3 Prozent) sowie Hamburg (18,9 Prozent) und Berlin (18,7 Prozent). Im Westen gibt es Höchststände in Regionen wie Trier (21,4 Prozent), Weser-Ems (20,8 Prozent) und Arnsberg (19,6 Prozent), im Osten etwa in Regionen wie Chemnitz (18,2 Prozent) oder Leipzig (17,4 Prozent). 

Starke Entbehrungen bei 4,6 Millionen Menschen

Millionen haben akute Finanznot. Angesichts der statistischen Unsicherheit, wer tatsächlich arm ist, richtet der Verband seinen Blick mit Hilfe weiterer Zahlen auch auf die „erheblichen materiellen Entbehrungen“. Zuletzt waren 4,6 Millionen Personen in Deutschland davon betroffen - darunter etwa eine Million Kinder und Jugendliche und 650.000 Altersrentnerinnen und -rentner.

Bei 6,9 Prozent der Bevölkerung reichten die Finanzen 2025 nicht, um laufende Kosten zu decken. Oft konnten die steigenden Preise für Strom und Heizung nicht bezahlt werden, oft auch kein neuer Kühlschrank oder neuer Herd.

Zahl der Superreichen wächst

Gleichzeitig gibt es mehr sogenannte Superreiche, die mehr als 100 Millionen Dollar (rund 86 Mio. Euro) besitzen. Ihre Zahl wuchs in Deutschland laut einem aktuellen Report der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) 2025 um rund 1.100 auf rund 5.000. Sie haben zusammen mehr als ein Viertel des Finanzvermögens im Land.

Wohin steuern die geplanten Reformen?

Der Bericht kommt keine vier Wochen, bevor Schwarz-Rot ein großes Reformpaket vorlegen will. Mehr Wirtschaftswachstum ist das Hauptziel. Das könnte auch das Einkommen vieler Menschen verbessern. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ruft im brandenburgischen Bad Saarow noch einmal alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf, „daran konstruktiv mitzuarbeiten“. Doch die Koalition steht wegen der angespannten Bundesfinanzen auch auf der Sparbremse. Der Paritätische Verband warnt zum Beispiel, geplante Einsparungen beim Wohngeld würden die Armut besonders in Regionen mit hohen Wohnkosten verschärfen. Rente und Bafög müssten gestärkt werden. 

SPD gegen „zusätzliche Belastungen“

Die SPD versucht, sich als Beschützerin der Menschen mit kleinem Portemonnaie zu positionieren - Stichwort Bezahlbarkeit. „Viele Menschen ächzen unter den steigenden Preisen, egal ob es Miete ist, Lebensmittel, Mobilität, alle merken das“, sagt SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf im RTL/ntv-„Frühstart“. „Dann zu sagen, wir machen jetzt zusätzliche Belastungen für einen Großteil von Menschen, das ist mit uns schwer zu verhandeln.“

Beispiel Krankenversicherung: Das 16-Milliarden-Euro Sparpaket von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) mit Ausgabenbremsen bei Praxen, Kliniken und Pharmabranche ist bereits in der parlamentarischen Beratung. Es enthält aber auch höhere Zuzahlungen für Medikamente und Einschränkungen der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern.
Klüssendorf sagt: „Es geht uns ganz stark darum, dass vor allen Dingen die Patientinnen und Patienten, die Versicherten, am Ende nicht die Hauptlast tragen.“ Mögliche Änderungen an dem Vorhaben wolle die SPD im Bundestag prüfen.

© dpa-infocom, dpa:260602-930-160639/3











 
 
Es sind schockierende Zahlen,
Deutschland hat die viertmeisten Milliardäre weltweit - und gleichzeitig ist in Deutschland jeder Fünfte von Armut bedroht. Doch nicht nur das: Der neueste Oxfam-Bericht zu sozialer Ungleichheit zeigt, dass im vergangenen Jahr der Reichtum von Überreichen (auch Superreiche genannt) so schnell gewachsen ist wie noch nie zuvor. Sieht so ein gerechter Rekord aus?

Während sich Überreiche und mächtige Abgeordnete im Fernsehen klar gegen eine Vermögensteuer positionieren, fordern immer mehr Menschen in der Zivilgesellschaft: Tax the rich! (Zu Deutsch: Besteuert die Reichen!)

Das Absurde: Wer mehr als 100 Millionen Euro auf der hohen Kante hat, zahlt im Verhältnis oft weniger Steuern als eine mittelständische Familie. Wie kann das sein?
Wir haben nachgefragt: Bei Menschen, die für eine Vermögensteuer sind. Und bei denen, die sie ablehnen. Herausgekommen ist dieses 13-minütige Video

Doch eine wichtige Perspektive fehlt noch: Ihre. Denn wie wir mit extremer Ungleichheit umgehen, sollte nicht nur hinter verschlossenen Türen oder von denen mit den größten Yachten entschieden werden. Jetzt ist die Zeit, mitzureden - in unserem Format “Hausparlament”: 

Gemeinsam wird die Frage diskutiert: “Soll eine Vermögensteuer ab 100 Millionen Euro eingeführt werden?” Anders als in vielen Talkshows geht es in unserem offenen Diskussionsformat nicht um plakative Aussagen, sondern um echten Austausch. Und so funktioniert’s: 

Kostenlose Treffen (on- oder offline)
Dauer: 1-2 Stunden
Hintergrundinfos und Argumente für den Einstieg
4 bis 15 Teilnehmende
Ein Treffen selbst vorschlagen oder einem bestehenden beitreten
Pilotphase: Es gibt wenige Plätze für angeleitete Online-Runden mit Moderatorin Rosa Brandt
Zum Hausparlament Vermögensteuer 


Eine Vermögensteuer ab 100 Millionen Euro bedeutet nicht, dass Erspartes oder das geerbte Haus von Oma Erna in Gefahr ist. Die Vermögensteuer ist für extreme Vermögen gedacht, wie sie 99,9 % der Menschen in Deutschland niemals erreichen. Und genau diese 99,9 % möchten wir zu Wort kommen lassen. 
Danke, dass Sie dabei sind.

 
Herzliche Grüße
Jessica Seip
Leiterin Kommunikation & Kampagnen

PS: mal angenommen, Sie würden bei einem Hausparlament für 90 Minuten über eine Vermögensteuer diskutieren. In dieser Zeit verdient ein deutscher Milliardär das durchschnittliche Jahreseinkommen in Deutschland. Überreiche können sich Gehör einfach erkaufen - alle anderen müssen schauen, wo sie bleiben. Genau diese Menschen wollen wir abholen. Statt mit Werbung oder politischen Geldern finanziert sich unsere gemeinnützige Organisation ausschließlich aus Spenden. Über Ihre Unterstützung mit einer Spende für unsere politische Bildungs- und Beteiligungsarbeit würden wir uns sehr freuen.

• Statistisches Bundesamt (Destatis): "16,1 % der Bevölkerung in Deutschland sind armutsgefährdet", 03.02.2026. 
• Oxfam International: “Resisting the Rule of the Rich. Protecting freedom from billionaire power”, Januar 2026. 
• SZ: “Reiche werden reicher. Oxfam: Vermögen von Milliardären legt rasant zu”, 19.01.2026.


TAZ hier  Kommentar von Marie Frank  2.6.2026

Neue Zahlen zu Armut

Frausein macht arm

Der Armutsbericht des Paritätischen zeigt: Die Regierung tut nichts, um Menschen vor Armut zu schützen – im Gegenteil. Frauen trifft das besonders hart.

Je­de:r vierte 18- bis 25-Jährige und je­de:r dritte Alleinlebende ist arm

Wer nicht von Armut betroffen ist, kann sich kaum vorstellen, wie es ist. Nicht genug zu essen zu haben ist eine Erfahrung, die ei­ne:n das ganze Leben lang prägt. Noch heute esse ich viel zu schnell – ein Überbleibsel der Angst, dass sonst nicht genug für mich übrig bleibt, weil mein Bruder schon alles aufgefuttert hat. Aber auch die Scham, bei Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenken nur Selbstgebasteltes vorweisen zu können oder Klamotten aus Kleiderkammern tragen zu müssen, sitzt tief. Nicht nur bei Kindern: Auch die alleinerziehende Mutter, die kein Geld hat, ihrem Kind und dessen Freun­d:in­nen eine Kugel Eis oder Pommes im Freibad zu kaufen, ist von Scham und Schuld geplagt.

Auch hier muss die Scham die Seiten wechseln. Dass Merz und auch sonst nur wenige in der Bundesregierung jemals von Armut betroffen war und je sein werden, ist keine Entschuldigung dafür, dass sie nichts tun, um Betroffenen zu helfen. 13,3 Millionen Menschen leiden hierzulande unter Armut, Obdachlose und Geflüchtete in Sammelunterkünften nicht mitgerechnet. Ein neuer Höchstwert.

Die strukturelle Benachteiligung von Frauen in dieser Gesellschaft schlägt sich auch hier nieder. Zwar sind Frauen mit 16,7 Prozent nur etwas häufiger von Armut betroffen als Männer mit 15,6. Doch sowohl bei jungen Erwachsenen als auch bei älteren Menschen ist der Anteil von armen Frauen signifikant höher. Ganz zu schweigen von Alleinerziehenden, von denen mehr als 80 Prozent Mütter sind.

Doch die Bundesregierung tut weder etwas für die Gleichberechtigung von Frauen noch für die Bekämpfung von Armut. 1,8 Millionen Menschen leben trotz Vollzeitstelle in Armut – hier würde eine Anhebung des Mindestlohns helfen. Je­de:r vierte 18- bis 25-Jährige und je­de:r dritte Alleinlebende ist arm – bezahlbares Wohnen ist eine Lösung. Fast jede dritte Alleinerziehende ist arm – hier braucht es bessere Kinderbetreuung und finanzielle Absicherung. Das würde auch aus der Teilzeitfalle helfen und damit Altersarmut von Frauen verringern.

CDU und SPD tun jedoch genau das Gegenteil. Kaum ein Tag vergeht, an dem der Kanzler nicht gegen Arme und Ge­ring­ver­die­ne­r:in­nen hetzt. Ausgerechnet das Wohngeld soll gekürzt und der Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende eingeschränkt werden.

Die Zeiten, in denen ich auf Wohngeld oder meine Mutter auf den Unterhaltsvorschuss angewiesen war, sind zum Glück vorbei. Die Verachtung der Bundesregierung gegenüber großen Teilen der Bevölkerung finde ich jedoch nach wie vor bestürzend. Leider führt das jedoch nicht zu einer vereinten, progressiven Arbeiter:innenklasse, sondern treibt immer mehr Menschen in die Arme populistischer Parteien wie der rechtsextremen AfD. Und die hat für kein Problem eine Lösung, auch nicht für Armut.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen