Eine interessante Sichtweise - vielleicht ist es auch mal heilsam aus einer anderen Perspektive auf unsere Wirtschaft zu blicken. Ein Nutzerkommentar drückte das prompt so aus: "Das kann nicht sein. Bei uns ist doch alles schlecht! " Ich habe die Diskussionen mit eingefügt, sie runden das Bild ein wenig ab
Dr. Franz Hitzelsberger /Linkedin
China: sehr stark
Deutschland: stärker
Europa: viel stärker
Technik für Erneuerbare Energien ist neben KI DIE Zukunfts-Technik. Die Industrie welcher Länder ist darin wie stark?
Ich betrachte dazu die Welt-Leitmessen für
- Solar: intersolar in München
- Batterie: ees in München
- Wind: Wind Energy in Hamburg
- Wasserstoff: World Hydrogen Summit in Rotterdam
- Wasser/Wärme/Luft: ISH in Frankfurt
- Geothermie: geotherm in Offenburg
Nun zähle ich, wie viele Aussteller aus welchen Ländern kommen. Die Anzahl sagt zwar nichts über Umsatz und Wertschöpfung aus, ist aber ein sehr starker Indikator. Wer sich so einen teuren Messebesuch leisten kann, muss auch etwas zu verkaufen haben.
Unter "EU plus" zähle ich die 27 EU-Staaten + Großbritannien, Schweiz und Norwegen.
Hier das Ergebnis
- intersolar 2026
EU plus: 1.538 Aussteller
Deutschland: 894
China: 778
USA: 46
Japan: 4
- Wind Energy 2026
EU plus: 929
Deutschland: 492
China: 101
USA: 19
Japan: 1
- ees (Batterie) 2026
EU plus: 1.557
Deutschland: 893
China: 745
USA: 52
Japan: 4
- World Hydrogen Summit 2026
EU plus: 225
Deutschland: 70
China: 48
USA: 0
Japan: 19
- Geotherm 2026
EU plus: 274
Deutschland: 167
China: 1
USA: 5
Japan: 2
- ISH 2025
EU plus: 1.522
Deutschland: 580
China: 300
USA: 12
Japan: 5
Es fällt auf:
- ALLE Welt-Leitmessen für EE-Technik sind in Europa. Fast alle in Deutschland.
- China ist sehr stark, kein Zweifel.
- Deutschland ist mit China bei Solar-, Batterie- und Wasserstofftechnik auf Augenhöhe, bei Wind- und Wärmetechnik weit voraus.
- Europa insgesamt ist viiiel stärker als China.
- Der Rest der Welt spielt keine Rolle bei dem Mega-Billionen-Markt Energie-Technik.
Die USA und Japan sind erschreckend schwach.
China und Europa teilen diesen Markt unter sich auf. - Deutschland ist das einzige Land, das überall in der Spitzengruppe ist.
- Ebenfalls stark in Europa: Niederlande, Italien, Österreich, Frankreich, Spanien
Mögliche Gründe für die Stärke Europas / Deutschlands:
- China dominiert die Fertigung von billigen Komponenten wie PV-Module und Batterie-Teile.
Bei diesen Komponenten unterbieten sich die chinesischen Hersteller gegenseitig. - EE-Technik ist viel mehr als nur PV-Module, Rotorblätter und Batterie-Teile.
- Bei höherwertigen Komponenten, Planung, Steuerung, Service, Gesamtpaketen, Sektorenkopplung etc. dominieren offensichtlich die Europäer. In diesen Bereichen wird das eigentliche Geschäft gemacht.
Nutzen wir diese europäische und deutsche Stärke!
Energiewende = RE-Industrialisierung für Deutschland
Kommentar Vahid Parma
Wir in Deutschland sind vor allem Anwender. Mit Reindustrialisierung hat das wenig zu tun.
Zumindest bei Photovoltaik kommen die Preis-Leistungs-Sieger immer aus Asien. Und die Erneuerbaren sind raus aus der early-adopter-Phase. Künftig zählt vor allem, ob sich eine Anlage mindestens innerhalb der Garantiezeit amortisiert. Genau da sind wir nicht konkurrenzfähig.
Antwort auf den Kommentar von Vahid Parma
Dr. Franz Hitzelsberger: Vahid Parma Da sind Sie auf dem Holzweg.
Billige Komponenten wie PV-Module kommen aus Asien, ja (auch die Module bei uns auf dem Dach). Aber mit denen ist heute ohnehin kein Geschäft mehr zu machen, weil sich die chinesischen Hersteller gegenseitig mit den Preisen unterbieten (und gegenseitig kaputt machen).
Entscheidend bei der Wertschöpfung ist, was man mit diesen Billig-Modulen macht, und da ist die deutsche Wirtschaft sehr gut. Gesamtkonzepte, Projektierung, Sektorenkopplung, Programmierung, Service u.v.m.
Schauen Sie ruhig mal selbst auf die intersolar (in München, nicht in Shanghai), um zu sehen, was die deutsche Industrie in Sachen Solar drauf hat.
Vahid Parma: Dr. Franz Hitzelsberger die Intersolar kenne ich als Insider sehr gut. Ich glaube, ich verstehe Sie jetzt richtig: Sie sprechen von Reindustrialisierung, meinen aber überwiegend Dienstleistungen. Das ist relativ spät in der Wertschöpfungskette und keine Industrie im klassischen Sinne.
Reden wir über Hardware, Software und Fertigung samt Innovation und Zulieferern, müssen wir leider nach Asien blicken.
Dr. Franz Hitzelsberger: Das mag bei PV zutreffen (bei Solarthermie ist die Fertigung fast ausschließlich in Deutschland). Erneuerbare Energien sind aber viel mehr als nur PV.
In den anderen Sparten wie
- Windräder (die technisch viel komplexer sind als PV-Module)
- Wasserstoff
- Wärmetechnik (Wärmepumpen, industrielle Abwärmenutzung, Wärmetauscher usw.)
- Geothermietechnik
- Biogas
- E-Fahrzeuge
ist die deutsche Industrie in der Fertigung sehr viel stärker vertreten.
Ich schüttele immer wieder den Kopf wenn ich höre "Energiewende, das ist ja nur PV". Nein. PV ist wichtig, aber technisch nur die Spitze des Eisbergs.
Die billigen chinesischen PV-Module leisten einen indirekten Beitrag zur Re-Industrialisierung der deutschen Industrie. Sie geben ihr die Möglichkeit, mit diesen billigen Modulen billigen Strom zum Eigenverbrauch zu erzeugen und damit die Produktionskosten zu senken.
Kommentar Patrick Schneider
Ihre Aufstellung zeigt vor allem, dass Deutschland ein sehr starker Messestandort ist. Dass auf einer deutschen Fachmesse mehr europäische als asiatische Unternehmen vertreten sind, ist daher wenig überraschend. Daraus jedoch eine besondere Marktstärke Deutschlands oder Europas bei den erneuerbaren Energien abzuleiten, halte ich für gewagt.
Dr. Franz Hitzelsberger: Die gleichen Gedanken hatte ich auch. Bei Messen in Deutschland ist natürlich zu erwarten, dass die deutschen Hersteller überwiegen. Ich habe daher etliche Messen ausgeklammert, z.B. bei Biogas.
Und es gibt natürlich große EE-Messen im Rest der Welt, auch in China.
Aber es gibt in jeder Branche Leitmessen. Wer da nicht vertreten ist, der spielt in der Branche keine Rolle. Gerade die sehr starke Präsenz chinesischer Unternehmen bei den von mir genannten Messen spricht dafür, dass das wirklich globale Leitmessen sind. Da haben die Europäer einen gewissen Heimvorteil, wenngleich die europäischen Länder zusammengenommen eine ordentliche "Macht" bei EE-Technik darstellen.
Die Europäer und China machen diesen Zukunftsmarkt unter sich aus, das ist meinen Augen die wesentliche Aussage meines Posts. Der Rest der Welt spielt keine Rolle, nicht einmal die USA und Japan. Am meisten enttäuscht hat mich dabei Japan, welches nur beim Wasserstoff so vertreten ist, wie es der viertgrößten Wirtschaft der Welt zukommt. Bei allen anderen Techniken ist es so gut wie nicht existent.
Kommentar Mathias Berkel
Sehr empirische Erhebung mit dem Mangel keine einzige chinesische Messe besucht zu haben und dort zu zählen welche Länder wie stark vertreten sind.
Ob die Rückschlüsse so haltbar sind kann man zwar bezweifeln, aber die positive Message ist durchaus willkommen. Ähnlich „empirisch“ erhobene aber sehr negative Daten (Narrative?) gibt es ja zuhauf…
Dr. Franz Hitzelsberger: Dieses Makels bin ich mir bewusst. Auch in China gibt es sehr große Messen, sicher auch in Japan oder den USA. Auf keiner dieser Messen bin ich gewesen.
Aber es gibt in jeder Branche eine Welt-Leitmesse. Wer dort nicht vertreten ist, der spielt international nicht mit.
Gerade die starke Vertretung durch China auf den Messen in München und Hamburg ist ein Zeichen dafür, dass es sich hier um Leitmessen handelt.
Im Grunde ist es gar nicht so wichtig, ob die europäischen oder chinesischen Hersteller stärker sind.
Mir geht es zum zwei Kernaussagen:
1. Europa (insbesondere Deutschland) ist sehr stark bei EE-Technik aufgestellt. Auf Augenhöhe mit China, teilweise besser.
2. Europa und China machen den Markt für Erneuerbare Energien Technik unter sich aus. Der Rest der Welt spielt nur eine Nebenrolle. Sogar die USA und Japan.
Wobei ich von der schwachen Vertretung Japans am meisten enttäuscht bin. Wenn bei der Welt-Leitmesse für Batterietechnik 745 Aussteller aus China vertreten sind, aber nur 5 (!) aus der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt (Japan), dann sollte sich die japanische Wirtschaft ernsthafte Sorgen machen. Bei der Welt-Leitmesse für Windenergie war es gar nur ein einziger Aussteller aus Japan.
Kommentar Ruedi Meier
Interessante Resultate. Vermutlich aber zu stark durch die besuchten Messen geprägt. Der Draghi-Bericht zeigt ein anderes, weit kritischeres Bild für die Europa.
Siehe Link: https://zukunft-medien.ch/wp-content/uploads/2026/02/20-02-25-Teil-2-Forschungspolitik.pdf
Dr. Franz Hitzelsberger / LinkedIn
Die Energiewende ist ein Jobmotor für Deutschland
Während in Branchen wie Automobil und Maschinenbau teilweise Arbeitsplätze abgebaut werden, gibt es zwei technische Branchen, welche boomen und zahlreiche Arbeitskräfte suchen: Rüstungstechnik und Energie-Technik, insbesondere Technik für Erneuerbare Energien.
Hier eine kurze Zusammenstellung von Berichten über den Arbeitskräftemangel in der Energiebranche:
- EON: Die Energiewende steht vor einem Mangel an Fachkräften hier
- Frankfurter Rundschau vom 01.08.2025: Fachkräftesuche in der Energiebranche: Nachfrage steigt um über 500%. Besonders gesucht: Projektleiter, Servicetechniker, Straßenbauer, Klimaschutzmanager und Energiemanager.
- FAZ vom 17.11.25: Sonntagsarbeit für die Energiewende? Der Netzausbau stößt bei Herstellern von kritischen Komponenten wie der Trench Group an Kapazitätsgrenzen
- Nach der Bertelsmann/IHK-Studie von 2025 fehlt bis 2030 im Bereich der Erneuerbaren Energien rund eine halbe Million Arbeitskräfte!
Die Betriebe der Erneuerbaren Energien stabilisieren den deutschen Arbeitsmarkt und kompensieren Verluste an Arbeitsplätzen in anderen Branchen. Sie bieten auch neue Beschäftigungsmöglichkeiten für Fachkräfte, die bisher in Bereichen tätig waren, welche künftig nicht mehr benötigt werden (z.B. Produktion von Verbrenner-Komponenten für PKW).
Neben der Industrie besteht im Handwerk große Nachfrage nach Arbeitskräften, v.a. bei Installation und Elektro. Wie die Handwerkskammer Nürnberg so treffend sagt: Ohne Hände keine Wende!
Gerade die deutsche Industrie ist Weltspitze im Bereich Erneuerbare Energien Technik.
Hier ein Bericht zu diesem Thema
Umso wichtiger, dass wir die Beschäftigungschancen in diesem Bereich nutzen.
Aber es gibt auch Probleme, die damit zusammenhängen:
In den nächsten 5 Jahren gehen 30% der Facharbeiter und Meister in Rente. Da drohen Arbeitskräftemangel, Schließung von kleinen Betrieben, Produktionseinbruch und Verlust von Wissen / Erfahrung.
Durch den Mangel an Arbeitskräften werden Aufträge nicht ausgeführt werden können, die Stundenlöhne werden steigen. Was gut für die Mitarbeiter ist, schlecht für Arbeitgeber, Produktionskosten und Wirtschaft insgesamt.
Mögliche Lösungen dafür: Umschulungen, Automatisierung und Zuwanderer.
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