FRankfurter Rundschau hier 11.06.2026, Von: Joachim Wille
Neuer Klimaplan: 5000 Euro für alle und Erderwärmung bei 1,8 Grad
Weniger Ungleichheit, weniger fossile Energie, weniger Überkonsum und trotzdem mehr Wohlstand. Ein Thinktank um Ökonom Thomas Piketty hat eine Vision.
Die Welt könnte bis zum Ende des Jahrhunderts deutlich gerechter und zugleich klimaverträglicher werden. Nicht ein bisschen, nicht nur in Modellregionen, nicht nur für die schon Wohlhabenden, sondern global – mit steigenden Einkommen für die Mehrheit der Menschheit, weniger Arbeitszeit, stark ausgebauter Bildung und Gesundheitsversorgung, einem Ende der fossilen Energien und der Erderwärmung, die bei etwa 1,8 Grad gestoppt würde.
Das ist die Kernbotschaft des neuen „Global Justice Report“ des World Inequality Lab, der jetzt auf einer Konferenz des Thinktanks in Paris vorgelegt wurde. (hier)
Der Bericht ist nicht ein weiteres der üblichen Klimapapiere. Er rechnet nicht nur Windräder, Solaranlagen, Stromnetze und CO₂-Preise durch.
Er setzt bei der Machtfrage an:
Wer besitzt? Wer konsumiert? Wer zahlt? Wer entscheidet?
Und wer trägt die Folgen, wenn die Weltwirtschaft weiter
auf Wachstum, fossile Energie und
die Wünsche der Superreichen zugeschnitten bleibt?
Wer besitzt? Wer konsumiert? Wer zahlt? Wer entscheidet?
Und wer trägt die Folgen, wenn die Weltwirtschaft weiter
auf Wachstum, fossile Energie und
die Wünsche der Superreichen zugeschnitten bleibt?
Genau darin liegt die Provokation. Das World Inequality Lab, angesiedelt an der Paris School of Economics, verbindet Verteilungsforschung, Klimadaten und Szenarien für eine neue Weltfinanzordnung. Koordiniert wurde das Projekt unter anderem von Lucas Chancel, Cornelia Mohren und Thomas Piketty.
Thomas Piketty (55) ist ein französischer Ökonom, der durch Arbeiten zur Einkommens- und Vermögensverteilung bekannt wurde. Sein 2020 auf Deutsch erschienenes Buch „Kapital und Ideologie“ erreichte Platz 2 der Bestsellerliste.
Piketty ist der bekannteste Name in diesem Kreis. Der französische Ökonom lehrt unter anderem an der Paris School of Economics. International bekannt wurde er mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, in dem er die langfristige Konzentration von Einkommen und Vermögen analysierte und eine stärkere Besteuerung großer Vermögen forderte. In dem neuen Report geht es nicht nur um Verteilung, sondern um planetare Überlebensfähigkeit.
Neuer Klimaplan von Piketty: 5000 Euro monatlich für alle und überall
Der Bericht beschreibt einen Zielpfad bis 2100. In allen Weltregionen soll das durchschnittliche monatliche Nationaleinkommen danach pro Kopf auf umgerechnet rund 5000 Euro steigen. Heute reicht die Spanne laut World Inequality Lab von etwa 290 Euro in Subsahara-Afrika bis 4590 Euro in Nordamerika. Zugleich soll der Anteil der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung am globalen Vermögen von heute rund zwei auf 30 Prozent steigen. Der Anteil der Milliardäre dagegen würde von gut sechs Prozent auf 0,05 Prozent sinken.
Das wäre eine historische Umverteilung –
und genau darin sehen die Autoren die Voraussetzung dafür,
dass Klimapolitik politisch tragfähig wird.
und genau darin sehen die Autoren die Voraussetzung dafür,
dass Klimapolitik politisch tragfähig wird.
Die Klimaseite des Plans ist ebenso radikal. Der Anteil fossiler Energien am weltweiten Energiemix soll bis 2050 auf unter 20 Prozent sinken und vor Ende des Jahrhunderts auf null. Strom würde Mitte des Jahrhunderts fast vollständig klimaneutral erzeugt und den größten Teil des Endenergiebedarfs decken. Damit ließe sich die Erderwärmung nach den Berechnungen auf 1,8 Grad begrenzen; derzeit liegt sie bei bis zu 1,5 Grad.
Zugleich geht es um Suffizienz (Genügsamkeit): weniger Rohstoffverbrauch, weniger besonders materialintensive Produktion, weniger rotes Fleisch. Gleichzeitig soll es mehr Waldschutz, mehr Bildung, Gesundheit, Pflege und Kultur geben. Die durchschnittliche Erwerbsarbeitszeit soll langfristig von gut 2000 auf 1000 Stunden im Jahr sinken.
Wohlstand wird also nicht mehr vor allem
als mehr Warenkonsum verstanden,
sondern auch als mehr verfügbare Zeit,
Gesundheit, Bildung und eine bewohnbare Erde
als mehr Warenkonsum verstanden,
sondern auch als mehr verfügbare Zeit,
Gesundheit, Bildung und eine bewohnbare Erde
Klimapolitik heute vergisst, über Verteilung, Macht und Lebensstile zu reden
Das klingt nach Utopie. Die Umweltkoordinatorin des Labs, Cornelia Mohren, räumt das gegenüber dem „Guardian“ auch ein: Der Bericht sei „visionär und vielleicht utopisch“. Aber das sei nötig, um andere Pfade überhaupt sichtbar zu machen. Wichtig ist dem Autorenteam die Abgrenzung vom klassischen Degrowth-Label. Mohren sagt: Suffizienz bedeute nicht Schrumpfung, sondern weniger Arbeitszeit, andere Konsummuster und mehr Gesundheit und Bildung. Ein zusätzlicher Euro Wertschöpfung in Bildung und Gesundheit habe einen deutlich kleineren materiellen Fußabdruck als ein zusätzlicher Euro in der Industrie.
Damit formuliert der Report auch eine Kritik an Teilen der bisherigen Klimapolitik. Zu lange habe sie so getan, als könne eine „klassenlose Ökologie“ funktionieren: grünes Wachstum für alle, ohne über Verteilung, Macht und Lebensstile zu reden. Piketty sagt im „Guardian“, diese Illusion habe grüne Politik bei vielen Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen unpopulär gemacht.
Das Problem: Wer Wärmepumpen, CO₂-Preise und Elektroautos politisch durchsetzen will, aber Mieten, Einkommen, Vermögen und globale Ungerechtigkeit ausblendet, produziert Abwehr – und überlässt das Feld denen, die Klimaschutz als Elitenprojekt denunzieren. Robert Watson, früherer Chef des Weltklimarats IPCC, sagte dem „Guardian“ zu diesem Thema, man hätte von Anfang an die Sozialwissenschaften mehr in die Klimadebatte holen müssen. Naturwissenschaftliche Daten allein hätten Regierungen nicht ausreichend zum Handeln gebracht.
Der Report will allerdings auch mehr sein als eine sozialpolitische Korrektur der Energiewende. Er stellt sich gegen zwei große Konzepte. Das eine ist das der techno-fossilen Rechten, die weiter auf Öl, Gas, Kohle, KI, Datenzentren, Militärmacht und die Macht von Milliardären setzt.
Piketty warnt, die Ideologie von Donald Trump und „all den kleinen Trumps“ weltweit werde nicht liefern. Am Ende werde es kooperative Umverteilung von Ressourcen und Macht brauchen, sonst drohten ökologische, klimatische und soziale Desaster. Das andere Konzept ist das der traditionellen Linken, die Wohlstand weiter vor allem als mehr BIP, mehr Industrieproduktion und mehr Konsum versteht. Auch das funktioniere auf einem begrenzten Planeten nicht.
Die Finanzierung ist der härteste Teil in dem neuen Report. Vorgeschlagen wird ein „Global Justice Fund“ (Globaler Gerechtigkeitsfonds), gespeist durch weltweit eingeführte Steuern für die Reichsten, im Extremfall mit sehr hohen Vermögensteuern für Milliardäre und Spitzensätzen bei hohen Einkommen. Die Mittel sollen pro Kopf an Länder verteilt werden, vor allem für Energiewende, Gesundheit, Bildung und sozialen Ausgleich. Zwischen 2026 und 2060 würden die Ausgaben des Fonds im Durchschnitt bei gut zehn Prozent des Welt-BIP pro Jahr liegen. Subsahara-Afrika könnte demnach Transfers von fast neun Prozent seines BIP erhalten, für Europa und Nordamerika wäre es deutlich weniger. Später soll ein globaler Staatsfonds die Finanzierung tragen.
Gegen die Klimakrise: Das Konzept von Piketty hat eine offene Flanke
Genau hier setzt die Kritik an. Wie realistisch ist eine globale Vermögensteuer, wenn schon nationale Vermögensteuern politisch schwer durchsetzbar sind? Wie verhindert man Kapitalflucht und Steuervermeidung? Warum sollten reiche Länder Macht an neue Institutionen abgeben, während Multilateralismus ohnehin unter Druck steht? Und wie sollen Gesellschaften, die schon über Tempolimit, Heizungen oder Agrarwende erbittert streiten, eine Politik akzeptieren, die Arbeitszeit, Fleischkonsum, Industrieanteile und Vermögensverteilung verändert?
Die französische Zeitung „Le Monde“ fasst die offene Flanke so zusammen: Der Plan schwimme gegen den Strom – in einer Zeit von Protektionismus, Trumpismus und geschwächter internationaler Kooperation.
Das Autorenteam bestreitet diese Einwände nicht. Es schlägt vor, zunächst mit einer Koalition williger Staaten zu beginnen. Länder, die nicht mitmachten, könnten mit Ausgleichszöllen belegt werden. Piketty nennt die Architektur selbst „unvollkommen“ und als Arbeitsgrundlage gedacht. Doch der Gegencheck lautet: Wie realistisch ist das Weiter-so? Eine Welt, in der die ärmere Hälfte kaum Vermögen besitzt, die Reichsten überproportional viele Emissionen verursachen, fossile Konzerne weiter klotzig verdienen und Klimaschäden in einer Drei-Grad-Welt zuerst jene treffen, die am wenigsten dazu beigetragen haben, ist, gelinde gesagt, ebenfalls ziemlich unvollkommen.
Utopia hier Von Martin Tillich 9. Juni 2026,
Studie: Eine gerechtere Welt wäre klimaverträglich – und machbar89 Prozent der Weltbevölkerung könnten ihr Einkommen verdoppeln, während die Erderhitzung auf 1,8 Grad begrenzt wird: Eine neue Studie des World Inequality Lab zeichnet das Bild einer gerechteren und zugleich klimaverträglichen Zukunft.
Klimaschutz oder Wohlstand? Weniger Ungleichheit oder wirtschaftliches Wachstum? In politischen Debatten werden diese Ziele oft als Gegensätze dargestellt. Eine neue Studie des World Inequality Lab um den Ökonomen Thomas Piketty kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Eine gerechtere Welt könnte nicht nur den Lebensstandard der meisten Menschen verbessern, sondern gleichzeitig die Erderhitzung auf ein vergleichsweise sicheres Maß begrenzen.
Die zentrale Botschaft des sogenannten Global Justice Report lautet: Ein gutes Leben für nahezu alle Menschen innerhalb der planetaren Grenzen ist materiell möglich. Was dafür fehlt, seien weniger technische Lösungen als politische Entscheidungen.
Fast 90 Prozent der Menschheit würden ihr Einkommen verdoppeln
Für den Bericht haben Forschende verschiedene Zukunftsszenarien bis zum Jahr 2100 modelliert. Im ambitioniertesten Szenario würden 89 Prozent der Weltbevölkerung ihr Einkommen verdoppeln. Gleichzeitig könnte die globale Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf etwa 1,8 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden. Ohne grundlegende Veränderungen würde die Erwärmung laut den Berechnungen dagegen auf über vier Grad steigen.
Das wäre ein bemerkenswertes Ergebnis. Schließlich gilt in vielen politischen Debatten noch immer die Annahme, dass Klimaschutz zwangsläufig mit Wohlstandsverlusten verbunden sei. Die Studie stellt diese Sichtweise infrage.
Vier Hebel für eine gerechtere und klimafreundlichere Welt
Im Zentrum des Berichts steht ein Entwicklungspfad, der soziale Gerechtigkeit und planetare Grenzen miteinander verbinden soll. Die Autor nennen dabei mehrere Voraussetzungen:
- eine schnelle Dekarbonisierung der Energiesysteme,
- eine deutliche Verringerung des materiellen Ressourcenverbrauchs,
- tiefgreifende Veränderungen bei Konsum, Ernährung und Landnutzung,
- sowie eine starke Verringerung von Einkommens-, Vermögens- und Machtungleichheiten.
Wohlstand neu definieren
Ein zentraler Begriff der Studie ist „Suffizienz“. Dahinter steckt die Idee, dass Lebensqualität nicht zwangsläufig von immer höherem Konsum abhängt. Stattdessen setzen die Autor auf eine Wirtschaftsweise mit geringerem Ressourcenverbrauch und einer stärkeren Ausrichtung auf Bereiche wie Bildung und Gesundheit.
Konkret skizziert der Bericht unter anderem:
- deutlich kürzere Arbeitszeiten,
- einen geringeren Materialverbrauch,
- weniger ressourcenintensive Konsummuster,
- Veränderungen bei Ernährung und Landnutzung,
- massive Investitionen in erneuerbare Energien,
- höhere Ausgaben für Bildung und Gesundheit,
- sowie eine stärkere Besteuerung großer Vermögen.
- Laut dem Szenario würden Menschen weltweit nur noch etwa halb so viele Arbeitsstunden leisten wie heute. Gleichzeitig soll sich die Wirtschaftsstruktur stärker in Richtung vergleichsweise ressourcenschonender Bereiche wie Bildung und Gesundheit verschieben.
Weniger Vermögen bei Milliardären, mehr für die Mehrheit
Ein weiterer Schwerpunkt des Berichts ist die Vermögensverteilung.
Milliardäre, die lediglich 0,001 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, besitzen derzeit rund sechs Prozent des weltweiten Vermögens. Im Szenario der Studie würde ihr Anteil am globalen Vermögen auf 0,05 Prozent sinken. Gleichzeitig würde der Anteil der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung am globalen Vermögen von heute zwei auf rund 30 Prozent steigen.
Die Forschenden sehen darin nicht nur einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit, sondern auch eine Voraussetzung für die Finanzierung der globalen Energiewende sowie höherer Investitionen in Bildung und Gesundheit.
Gegenentwurf zum Klima-Pessimismus
Die Autor verstehen ihren Bericht ausdrücklich als Gegenentwurf zu Zukunftsbildern, die von wachsender Ungleichheit, fossilen Energien und zunehmender Klimazerstörung ausgehen.
Stattdessen wollen sie zeigen, dass soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz keine Gegensätze sein müssen. Nach ihrer Einschätzung sind viele der notwendigen Technologien bereits vorhanden. Die entscheidende Frage sei daher nicht, ob ein solcher Wandel technisch möglich ist, sondern ob er politisch gewollt wird.
Wie realistisch ist das?
Wichtig ist allerdings: Der Bericht ist keine Vorhersage.
Die Autor behaupten nicht, dass sich die Welt automatisch in diese Richtung entwickeln wird. Vielmehr handelt es sich um ein modelliertes Zukunftsszenario. Die Forschenden beschreiben einen „ökonomisch und ökologisch konsistenten Transformationspfad“ bis zum Jahr 2100, der zeigen soll, unter welchen Bedingungen eine gerechtere und zugleich klimaverträgliche Zukunft möglich wäre.
Ob zentrale Voraussetzungen des Modells tatsächlich umgesetzt werden können, bleibt offen. Dazu gehören etwa globale Vermögenssteuern, eine weitreichende Reform der internationalen Finanzordnung oder eine deutliche Umverteilung von Vermögen und Einkommen zwischen und innerhalb von Staaten.
Genau darin liegt auch die größte Schwäche des Szenarios: Die technischen Voraussetzungen erscheinen realistischer als die politischen.
Dennoch liefert die Studie einen interessanten Perspektivwechsel. Sie widerspricht der weit verbreiteten Vorstellung, dass Klimaschutz zwangsläufig Verzicht und Wohlstandsverlust bedeuten müsse. Stattdessen zeichnet sie das Bild einer Zukunft, in der mehr Gleichheit und ein stabiles Klima Hand in Hand gehen könnten.
Das Fazit des Berichts lautet entsprechend: Eine bewohnbare und zugleich gerechtere Welt sei materiell möglich. Im Weg stünden nicht technische Grenzen, sondern politische Entscheidungen und die Frage, ob sich dafür gesellschaftliche Mehrheiten finden lassen.
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