Tim Meyer / LinkedIn
„Energiepolitische Geisterfahrer“ gibt es tatsächlich auf der Welt. Diese Grafik aus dem IEA Energy Investment Report 2026 zeigt, wer das vor allem ist: die USA.
In den meisten Industrieländern fließen über 90% der Investitionen in neue Stromerzeugungskapazität in Clean Energy-Technologien. Davon wiederum sind über 90% Erneuerbare Energien.
Die wirklich gute Nachricht: auch die meisten Schwellen- und Entwicklungsländer haben diese Richtung in den letzten 10 Jahren eingeschlagen – ein Kurswechsel mit atemberaubendem Tempo. Nicht nur China, sondern auch Indien, der afrikanische Kontinent oder zuletzt Südostasien. Im Durchschnitt liegt auch in diesem Teil der Welt die Investitionsquote in Clean Energy mittlerweile bei über 75%. Kostengünstige Energie ohne die eingebauten geopolitischen Risiken von Öl und Gas ist eben unschlagbar.
Kommen wir zum Geisterfahrer USA. Im Rückwärtsgang wird da in diesem Jahr eine Quote um nur noch 65% erwartet. Wie das? Einen wichtigen Teil davon erklärt die Anti-Erneuerbaren- und Pro-Fossil-Politik von Donald Trump. Viele der neuen Regelungen insb. gegen die Windkraft schlagen 2026 erstmalig voll zu Buche.
Mehr noch aber trägt der Boom von Hyperscaler-Rechenzentren bei und der hohe Anteil der Gasverstromung zu deren Versorgung. Ein nicht nur klimapolitisch fragwürdiger Weg, sondern auch wirtschaftspolitisch.
Alleine die Investitionsentscheidungen für neue on-site Gasverstromung in den USA – vor Ort am Rechenzentrum und ohne Netzanbindung – erreicht das Volumen aller Neubauvorhaben in Europa. Dazu kommt mehr als das Dreifache (!) für netzgekoppelte Neubauprojekte mit Gaskraftwerken in den USA.
In China liegt der Wert bei etwa der Hälfte der amerikanischen on-site-Projekte oder weniger als einem sechstel der Gesamt-Projektpipeline für neue Gasverstromung in den USA.
Klar, der Boom der Rechenzentren in den USA hat einen industriepolitischen Treiber: Dominanz bei KI. Ob der Weg dahin über diese brutale Muskelkraft und Menge sowohl bei den Investitionen in Rechenzentren selbst als auch in deren fossile Energieversorgung führt, wird sich aber erst noch weisen. Überfluss an Kapital und künstlich günstig gehaltener fossiler Energie führt typischerweise nicht zu sparsamem Umgang mit Beidem. Deep Seek aus China war auch ohne möglich. Und die Umsetzungsraten neuer Rechenzentren in den USA sind in Q1/2026 erstmalig gesunken, lokaler Widerstand wegen steigender Strom- und Wasserpreise nimmt zu.
Nachhaltig geht auch wirtschaftspolitisch eben anders.
Kommentar Hagen Piotraschke
Bin jetzt etwas verwirrt. Der Beitrag lässt die Deutung zu, die US-Hyperscaler würden nicht nur zur Überbrückung auf Gasturbinen setzen, sondern auch längerfristig. In einem sehr informativen Interview hat jedoch Dirk Specht erst kürzlich betont, dass sich eigentlich alle SaaS-Großkonzerne in den USA (Google, Microsoft usw.) in ihrer Investitionsstrategie zur Stromversorgung ihrer Rechenzentren sehr klar zugunsten von Solarzellen mit Batteriepuffern entschieden haben.
Ist es vielleicht doch nicht ganz so klar, wohin die Konzerne tatsächlich steuern?
Antwort Tim Meyer
Ich denke, der Unterschied der Betrachtung liegt in den Zeitachsen sowie den genauen Energiemixen, Anwendungen und Player. Alle Datenkonzerne bauen auch massiv Solar-/Batteriesysteme aus. Nach meinem Wissen meist aber eben ergänzt um Netzanschlüsse (über die auch Gasstrom bezogen wird) oder eben on-site Erzeugung da, wo keine ausreichenden Netzkapazitäten verfügbar sind. Akteure wie Meta oder xAI scheinen dabei besonders aggressiv auf (teilweise nicht einmal genehmigten) Aufbau vieler kleinerer Gasturbinen zu setzen. Das ist wie gesagt die kurzfristige Sicht. Ich denke aber ebenfalls, dass sich dieser Kurs nicht durchhalten lässt (Akzeptanz, Kosten, Business Case) und das Pendel auch bei den Investitionsquoten, um die es in meinem Post geht, zurückschlagen wird.
Kommentar Dirk Specht
Wie Tim richtig ergänzt, ist es eine gesamtstrategische Reaktion. Der AI-Wettbewerb erzwingt Geschwindigkeit, denn sonst würde niemand Nvidia&Co diese Preise zahlen. Die Strombezugskosten sind daher derzeit sekundär. Zugleich ist dieses AI-Rennen inzwischen wesentlicher Treiber der gesamten US-Wirtschaft, trifft jedoch auf immer mehr reale Hürden. Nach den Nvidia-Chips lesen wir täglich von Komponenten der Lieferkette, die knapp sind. Die USA erkennen zunehmend - Goldman Sachs hat das heraus gearbeitet - dass ein großer Nachteil im globalen AI-Wettbewerb der viel modernere und dynamischere chinesische Stromsektor ist.
Daher wird einerseits irgendwas sofort machbares ergriffen, leider oft die Gasleitung, die bei einem Glasfaserknoten liegt, parallel aber eine wirklich hoch skalierbare Lösung verfolgt. Das sind die PV+BESS versorgten Rechenzentren in sonnenreichen Gegenden. Dort müssen aber Datenleitungen und PV-Parks gebaut werden, da sind 10 Gaspeaker leider (noch) schneller.
Jan Rosenow LinkedIn
NEUE ANALYSE: Die International Energy Agency (IEA) hat gerade den Bericht World Energy Investment 2026 vorgestellt.
Investitionen in saubere Energie sind mittlerweile mehr als doppelt so hoch wie in fossile Brennstoffe.
2.155 Milliarden Dollar für saubere Energie im Jahr 2025, gegenüber 1.008 Milliarden Dollar für Öl, Gas und Kohle.
Das Crossover fand etwa 2016 statt. Seitdem ist die Lücke nur noch größer geworden. Was vor einem Jahrzehnt noch ein knapper Vorsprung war, ist heute ein Verhältnis von > zu 2.
Dies geschieht während der größten Energiesicherheitskrise, der die Welt je erlebt hat, wobei die Straße von Hormus faktisch geschlossen ist. Und die Antwort ist kein Überstürzen zurück zu fossilen Brennstoffen. Die IEA prognostiziert, dass die Ölinvestitionen für 2026 unter 500 Milliarden US-Dollar sinken werden, ein drittes Jahr in Folge des Rückgangs.
Stattdessen wenden sich die Länder dem zu, was sie im eigenen Land bauen können. Allein Solarenergie wird im nächsten Jahr voraussichtlich 365 Milliarden Dollar anziehen. Die Investitionen in das Netz sind im Jahresvergleich um fast 20 % gestiegen. Niedrigemissionsquellen machen heute mehr als 70 % aller weltweiten Investitionen in Stromerzeugung aus.
Es gibt Vorbehalte. Die Kohleausgaben steigen langsam, die Gasinvestitionen steigen dank neuer LNG, und die Finanzierungskosten steigen in den Volkswirtschaften, die sie sich am wenigsten leisten können.
Aber die Schlagzeilenzahl ist schwer zu widersprechen. Wenn die Welt einen Energieschock erlebt, fließt das Geld zunehmend in Strom und im Inland verfügbare saubere Strom, nicht weg.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen