Mittwoch, 10. Juni 2026

Hambi bleibt - Die dauerhaften Erfolge von morgen beginnen meist mit kleinem Widerstand im Heute

Utopia hier  Von dpa und Benjamin Hecht  10. Juni 2026, 

Und wird Urwald: Das sind die Pläne für den Hambacher Forst

Aus Protestwald wird Urwald: Der umkämpfte Hambacher Forst soll unter Naturschutz gestellt werden. Die Beteiligten haben sich jetzt auf Eckpunkte geeinigt.


Der Hambacher Forst, Symbol des Widerstands gegen die Braunkohle-Verstromung, soll Urwald werden. Dafür werde er dauerhaft unter Schutz gestellt, teilte das NRW-Umweltministerium mit. Landesregierung, Kommunen, Naturschutz und Landwirtschaft hätten sich mit dem Eigentümer, dem Energiekonzern RWE, auf entsprechende Eckpunkte geeinigt und diese in einer gemeinsamen Erklärung festgehalten. 

Der Wald zwischen Köln und Aachen wird demnach spätestens 2035 in öffentliches Eigentum überführt und als sogenanntes Wildnisentwicklungsgebiet ausgewiesen. Dafür werde er unter Naturschutz gestellt. RWE werde ihn aber schon vorher nicht mehr forstwirtschaftlich nutzen. 

Ein Wildnisgebiet ist ein Schutzgebiet, in dem sich die Natur ohne menschliche Eingriffe frei entwickeln kann. In solchen Gebieten findet keine forstwirtschaftliche Nutzung statt. Der Wald wird sich selbst überlassen und kann so zu einem Urwald heranwachsen.

Verbund von drei Wäldern geplant 
Zudem seien zwei Waldverbundkorridore geplant: Der Hambacher Wald werde mit der Steinheide und dem Merzenicher Erbwald verbunden, um Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu vernetzen. Damit wird zugleich eine Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung umgesetzt. RWE habe zugesagt, den Hambacher Wald in die öffentliche Hand zu übertragen. 

Der Hambacher Forst war unter dem Motto „Hambi bleibt“ zum bundesweiten Symbol für den Kampf um die Energiewende geworden. Umweltschützer:innen und Aktivist:innen hatten seit 2012 Baumhäuser errichtet, um die Rodung des Waldes für die klimaschädliche Braunkohle-Verstromung zu verhindern und ihn vor dem anrückenden Braunkohletagebau zu schützen. 

In einem der größten Polizeieinsätze der Geschichte Nordrhein-Westfalens wurden die Baumhäuser 2018 mit Verweis auf den Brandschutz geräumt. Ein Journalist kam dabei ums Leben. Kurz nach der Räumung im Herbst 2018 verfügte das Oberverwaltungsgericht Münster einen vorläufigen Rodungsstopp.

Die endgültige Rettung des Waldes kam durch die politische Einigung: Im Kohle-Kompromiss zwischen Bund, Ländern und Energiekonzernen wurde Anfang 2020 entschieden, dass der Hambacher Forst erhalten bleiben soll.

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Christoph Bautz / Campact 

Manchmal gibt es politische Erfolge, deren ganzes Ausmaß sich erst Jahre später zeigt. Der Hambacher Wald ist einer davon.

Vor acht Jahren stand ich im #Hambi auf der Demonstration mit zehntausenden Menschen. Damals wirkte das noch wie der sprichwörtliche Kampf David gegen Goliath.

RWE wollte den Wald roden - für den Abbau von Braunkohle. Die Landesregierung stellte sich mit all ihrer polizeilichen Macht hinter den Konzern. Baumhäuser wurden geräumt, Aktivist*innen verletzt. Ein Fotograf kam sogar bei einem Sturz von einem Baumhaus ums Leben. Und die meisten Medien taten den Protest als unrealistisch ab.

Ich erinnere mich noch gut an die aufgeheizte Stimmung damals. An die Entschlossenheit vieler Menschen. An die starke Unterstützung durch viele Anwohner, von Künstlern und Bands wie Revolverheld. Aber eben auch an die Zweifel von Journalist*innen und selbst sympatisierenden Politiker*innen, ob dieser Widerstand mehr sein könnte als schöne Symbolik. Ob das ganze Engagement denn überhaupt etwas bewirken kann.

Jetzt wissen wir die Antwort. Yes, we could! Wir haben tatsächlich Geschichte geschrieben.

Damals haben wir die Rodung verhindert - und den Boden dafür bereitet, dass die Bundesregierung kurz später den Kohleausstieg beschlossen hat. Und nun stellt das Land Nordrhein-Westfalen den Wald dauerhaft unter Naturschutz. Die verbliebenen Flächen von RWE sollen bis 2035 in öffentliches Eigentum übergehen.

Ich finde, das ist mehr als eine gute Nachricht für den Naturschutz. Es ist eine Erinnerung daran, wie gesellschaftlicher Wandel entsteht. Und ein Denkmal für die Kraft von Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Denn der #Hambi wurde nicht gerettet, weil Konzerne oder Landesregierung plötzlich ihre Meinung geändert hätten. Er wurde gerettet, weil Menschen hartnäckig geblieben sind. Weil sie protestiert, organisiert, diskutiert und Laut geblieben sind. Über Jahre hinweg.

Damals habe ich auf der Demo-Bühne gerufen: „Der Hambi bleibt – und RWE verliert!“

Viele hielten auch das für Wunschdenken. Für gutgemeinte, aber überzogene Rhetorik.

Heute steht fest: Der Wald bleibt. Die Kohle geht.

Gerade heute, wo wir oft das Gefühl haben, positive Veränderungen seien kaum noch möglich, lohnt sich der Blick nach Hambach. Denn auch der Hambi erinnert uns von nun an daran, dass soziale Bewegungen Geschichte machen können.

Das geht meist nicht sofort und ist oft beschwerlich. Aber dafür ist es manchmal sehr nachhaltig.

Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft der Entscheidung in NRW: Die dauerhaften Erfolge von morgen beginnen meist mit kleinem Widerstand im Heute. Dass der Hambacher Wald heute noch da ist, ist dafür der beste Beweis. 

Herzlichen Glückwunsch an alle, die dazu beigetragen haben.

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