Dienstag, 16. Juni 2026

Die Bedeutung und das Ausmaß dieser Pilze lassen sich kaum überbewerten

Standard hier Karin Krichmayr  13. Juni 2026,

Erste Pilz-Weltkarte enthüllt das verblüffende Ausmaß unterirdischer Netzwerke

Rätselhafte Subkultur: 
Erste Pilz-Weltkarte enthüllt das verblüffende Ausmaß unterirdischer Netzwerke
Würde man das Geflecht entwirren, würde es eine Milliarde Mal von der Erde zur Sonne reichen. Es versorgt Pflanzen mit Mineralstoffen und transportiert enorme Mengen an CO₂ in den Boden

Was wir gemeinhin unter Pilzen verstehen – die essbaren Schwammerl, die auf unseren Tellern landen –, ist vergleichbar mit der Spitze eines Eisbergs. Denn diese Pilze sind lediglich die oberflächlichen, kurzlebigen Fruchtkörper, die der Fortpflanzung dienen und riesigen, weitverzweigten und hochkomplexen Netzwerken unter der Erde entspringen.

Der eigentliche Organismus der Pilze, das Myzel, besteht aus mikroskopisch kleinen, röhrenförmigen Zellen, die als Hyphen ein Geflecht im Boden bilden. Diese Fäden sind so dünn, dass sie nicht nur Wurzeln von Pflanzen umschlingen, sondern bis in deren Zellen eindringen können. Auf diese Weise haben sich vor etwa 150 Millionen Jahren, als die ersten Wälder entstanden, Symbiosen zwischen Pilzen und Bäumen gebildet, Mykorrhiza genannt. 
Der Deal: Der Pilz versorgt die Pflanzen mit Wasser und Mineralstoffen wie Phosphor. Im Gegenzug erhält er lebensnotwendigen Zucker in Form von Kohlenstoffverbindungen, die er nicht selbst durch Photosynthese herstellen kann.

Die Grafik zeigt die Illustration eines Pilzes samt Fruchtkörper und Mycel sowie die Symbiose , die einige Pilzarten mit einem Baum bilden.

So transportiert das Hyphennetzwerk enorme Mengen an Kohlenstoff in die Böden der Erde, wo er gebunden wird. Doch das genaue Ausmaß dieses Ressourcentransfers liegt im Dunkeln, ebenso wie die Größe dieser unterirdischen Pilzinfrastruktur nach wie vor ein blinder Fleck in der Erforschung unseres Planeten ist. Diese zu quantifizieren, hat sich nun ein internationales Forschungsteam vorgenommen.

CO₂-Schlucker
Bereits im vergangenen Jahr veröffentlichten Forschende in Nature eine globale Analyse unterirdischer Mykorrhiza-Pilzgemeinschaften, begleitet von einem digitalen Tool, dem Underground Atlas, um Hotspots der Pilzdiversität zu lokalisieren. 
Die Fortführung dieser Arbeiten, eine umfassende Berechnung der Dichte und globalen Verteilung der Pilznetzwerke, wird aktuell im Fachblatt Science vorgestellt. Im Zuge dessen wird auch die erste interaktive Weltkarte veröffentlicht, welche das Ausmaß der versteckten Subkultur visualisieren soll.

Eine Visualisierung der globalen Mykorrhiza-Infrastruktur, dargestellt auf einem rotierenden Globus. Die Karte zeigt die Dichte der Hyphen von AM-Pilzen (M/cm³), farbcodiert von dunkelblau (<3) bis leuchtend gelb-grün (>6).

Truth &amp; Beauty / Moritz Stefaner, Justin Stewart / SPUN

Das Team konzentrierte sich dabei auf sogenannte arbuskuläre Mykorrhiza, bei der die Hyphen innerhalb der Wurzelzellen von Pflanzen eine verzweigte Bäumchenform entwickeln. Sie sind besonders aktiv bei der Symbiose und gehen Beziehungen mit rund 70 Prozent der Pflanzenarten auf der Erde ein, darunter viele Nutzpflanzen, die von der gesteigerten Phosphat-Zufuhr profitieren.

Die Ergebnisse sind verblüffend: 
  • Weltweit enthalten die oberen Böden etwa 110 Billiarden (110.000.000.000.000.000) Kilometer an arbuskulären Mykorrhiza-Pilznetzwerken. Um eine Vorstellung davon zu bekommen: Das ist so lang wie eine Milliarde Mal die Strecke von der Erde zur Sonne. 
  • Die Masse des Geflechts dürfte etwa 300 Megatonnen Kohlenstoff betragen, das ist ungefähr das Fünffache der Masse aller auf der Erde lebenden Menschen. 
  • Durch die Symbiose werden jährlich schätzungsweise vier Milliarden Tonnen CO₂ in den Boden transportiert, das entspricht elf Prozent aller vom Menschen verursachten Kohlendioxidemissionen.

Hohe Dichte in Grasländern
"Die Bedeutung und das Ausmaß dieser Pilze lassen sich kaum überbewerten", sagt Justin Stewart von der Society for the Protection of Underground Networks (SPUN), der die Studie leitete. "In nur einem Teelöffel Erde könnte sich ein bis zu zehn Meter langes Mykorrhiza-Netzwerk befinden."

Für die Studie hat das Forschungsteam Daten aus 322 Studien zusammengetragen, die mehr als 16.000 Bodenproben aus neun Biomen umfassen. Anschließend entwickelten die Forschenden mithilfe von Machine Learning dann Modelle, die Daten von Wüsten über die Tundra bis hin zu Wäldern einbezogen, um die Netzwerkdichte in nicht untersuchten Ökosystemen vorherzusagen. Aufgrund dieser räumlichen Vorhersagen und mithilfe von Robotern, die Bilder von mehr als 300.000 im Labor gezüchteten Pilzhyphen aufnahmen, erstellten sie schließlich ein Modell, das die globale Pilzbiomasse abbilden soll.

Dabei zeigte sich, dass Graslandschaften schätzungsweise 40 Prozent der arbuskulären Mykorrhiza-Pilzinfrastruktur der Erde beherbergen. Die überschwemmten Grasländer im Südsudan, den Everglades in Florida und auf dem Tibetischen Plateau weisen demnach eine außergewöhnlich hohe Netzwerkdichte auf. Gerade diese Ökosysteme gehören jedoch zu den am wenigsten geschützten, merken die Forschenden an.

Nährstofflieferanten
Große landwirtschaftliche Anbauflächen verfügen hingegen über eine nur halb so große Netzwerkdichte wie wilde Ökosysteme, lautet die Einschätzung. Es seien zwar noch weitere Untersuchungen nötig, aber weniger dichte Pilznetzwerke könnten die Fähigkeit des Bodens beeinträchtigen, Kohlenstoff zu speichern, Nähr- und Mineralstoffe zirkulieren zu lassen und Stress zu widerstehen, befürchten die Forschenden.

In gesunden Böden können Mykorrhiza-Netzwerke den Bereich, über den Pflanzenwurzeln Mineralstoffe aufnehmen können, um das bis zu 100-Fache vergrößern und gleichzeitig mehr als 80 Prozent des Phosphorbedarfs einer Pflanze decken, heißt es in der Studie.

"Mit neuen Technologien in den Bereichen hochauflösender Bildgebung, maschinellem Lernen und Robotik beginnen wir, das aufzudecken, was lange Zeit unter unseren Füßen verborgen war", sagt Corentin Bisot, Biophysiker vom niederländischen Forschungsinstitut Amolf. "Wir lernen, wie die komplexen Gebilde der netzwerkbildenden Pilze Nährstoffe transportieren und zur Regulierung des Klimas beitragen."

Zustand überwachen
Die Daten stünden zum Download bereit, damit Entscheidungsträger einen Überblick bekommen, wo diese lebenswichtigen Pilzsysteme gedeihen und wo sie bedroht sind, betont das Forschungsteam. Somit könnte auch damit begonnen werden, den Zustand kritischer Pilzgemeinschaften zu überwachen. Pilze seien in der Klima- und Naturschutzpolitik viel zu lange ignoriert worden. Jetzt ist es an der Zeit, diesen Kurs zu ändern.

"Mykorrhizapilze prägen das Leben auf der Erde seit Hunderten Millionen Jahren, doch wir wissen immer noch zu wenig darüber, wie die Infrastruktur dieser lebenden Transportsysteme über den Planeten verteilt ist", sagt der britische Mykologe Merlin Sheldrake, der die verborgene Welt der Pilze in dem Buch Verwobenes Leben anschaulich aufgeblättert hat und an der Studie beteiligt war. Die Arbeit sei ein Schritt zum Verständnis der Funktionsweise dieses planetaren Kreislaufsystems und zeige Wege auf, "wie wir besser mit Pilzen zusammenarbeiten können, um viele der sich abzeichnenden Herausforderungen unserer Zeit anzugehen, von der Ernährungssicherheit bis zum Klimawandel." (Karin Krichmayr, 13.6.2026)



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