Petra Pinzler /LinkedIn
Während wir am Wochenende die Hitze genießen konnten, wird es jetzt im Arbeitsalltag wieder zäh. Und für manche Menschen tatsächlich tödlich.
Das liegt daran, dass es Deutschland immer noch an einer flächendeckend Hitzepolitik fehlt. Also nehmen wir den Tod von Menschen in Kauf. Das muss nicht sein - und deswegen ist es besonders bitter.
Zeit hier Aus der Kolumne: Fünf vor acht von Petra Pinzler 22. Juni 2026
Viele Todesfälle wären vermeidbar
Wir sollten zwar den Sommer genießen, müssen aber mehr gegen die Gefahren durch Hitze tun – denn es wird nicht kühler. In einigen Kommunen gibt es bereits kluge Ansätze.
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Ach, wäre das doch schon alles. Auch mit ein bisschen Schweiß auf der Stirn leben und arbeiten die meisten von uns irgendwie weiter. Leider aber beginnt mit der Hitze auch das Sterben. Sollte das Wetter nicht noch überraschend umschlagen, wird wahrscheinlich auch in diesem Sommer die Zahl der sogenannten »hitzebedingten Todesfälle« in Deutschland überdurchschnittlich hoch liegen. Wie schon in den Jahren zuvor werden Menschen sterben, schlicht und einfach, weil es heiß ist.
Das müsste nicht so sein. Nicht alle, aber viele der Todesfälle könnten vermieden werden. Dafür aber müssten die Politik, Verwaltungen und auch viele Menschen endlich aufhören, das Problem vor allem als ein individuelles zu betrachten, kleinzureden oder sogar zu ignorieren. Und dafür bräuchte Deutschland endlich eine bessere, flächendeckende Hitzepolitik.
Hohe Temperaturen belasten besonders die Älteren, die Schwachen und die Kinder
Um einen Einwand gleich vorweg auszuräumen: Ja, früher war es im Sommer auch schon heiß. Allerdings passierte das sehr viel seltener, auch wenn die persönliche Erinnerung anderes erzählt.
Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die Temperatur in Deutschland viele Tage lang über 30 Grad liegen wird, steigt stetig. So gab es in den Jahren von 1951 bis 1990 insgesamt nur ein Jahr mit mehr als zehn heißen Tagen. In den Jahrzehnten danach bis heute waren es hingegen 13 – neun davon allein im Zeitraum von 2010 bis 2024. Das Rekordjahr mit insgesamt 20,4 heißen Tagen war 2018.
Was an den heißen Tagen genau passiert, ist in Fachkreisen lange bekannt. Und Experten wie der Arzt Martin Herrmann von der Organisation KLUG warnen schon lange vor den Folgen. Im ZEIT-Podcast hat er davon ausführlich berichtet.
Hier die Kurzform: Hohe Temperaturen belasten besonders die Älteren, Schwachen und Kinder.
In den Krankenhäusern stellt man sich vor Hitzewellen deswegen regelmäßig auf mehr Schlaganfälle, Herzinfarkte und dehydrierte Menschen ein. Und auch die Bestattungsinstitute haben mehr zu tun.
Wie man das Sterben so genau messen und auf die Hitze zurückführen kann? Hier kurz die Erklärung: Statistiker schauen sich die Todesfälle in einem Monat an und vergleichen sie mit den Monaten der Vorjahre. Sind besonders viele Menschen gestorben, nennen sie das Übersterblichkeit. Das Robert Koch-Institut (RKI) stellt die traurigen Zahlen in seinem »wöchentlichen Bericht zur hitzebedingten Mortalität« ins Netz. Danach kam es im 2022 zu einer Übersterblichkeit von etwa 4.500 Menschen. Im Sommer 2023 gab es rund 3.200 und für den Sommer 2024 rund 3.000 hitzebedingte Sterbefälle.
Gute Politik würde arme Viertel im Sommer erträglicher machen
Arme und Reiche, Kranke und Gesunde, Alte und Junge sind übrigens ganz unterschiedlich heftig betroffen. Menschen, die es sich leisten können, die einen Garten, ein gut gedämmtes Haus oder eine Klimaanlage besitzen, trifft das Problem eher selten. Und auch die, die besser gebildet sind, wissen sich in der Regel zu schützen. Prekärer ist die Lage bei armen, alten Menschen, die allein wohnen und gern mal das Trinken vergessen. Bei Obdachlosen, für die es viel zu wenig öffentliche Brunnen und oft auch keine Schutzräume gibt. Und bei denjenigen, die in den ärmeren Vierteln der Städte wohnen – dort, wo es zu wenig Grün gibt, kaum Wasser und sich die schlecht gedämmten Apartments schnell aufheizen.
Gute Politik wäre also auch, in schlechten Wohngegenden das Leben im Sommer erträglicher zu machen. Die Altenheime flächendeckend und schnell besser gegen die Hitze zu schützen, die Schulen und Kitas auch. Den öffentlichen Raum umzugestalten und für mehr Schatten zu sorgen, damit die, die draußen sein müssen, mehr Schutz finden. Immer noch passiert jedoch genau das Gegenteil. Berlin hat erst jüngst den 20.000 Quadratmeter großen Gendarmenmarkt fast komplett neu gepflastert und so den perfekten Ofen geschaffen – einen Ort, der im Sommer öder kaum sein könnte.
Die Verwaltungen müssen schneller planen, um sich an das neue Klima anzupassen
Städte wie Bochum oder Straubing gehen hingegen andere Wege. Sie schaffen grüne Inseln in armen Vierteln, Verneblungsanlagen, und sie animieren die Bürger dazu, selbst aktiv zu werden: Sie motivieren Hausbesitzer, die Fassaden zu begrünen. Sie rufen die Anwohner der kleinen Parks dazu auf, die zu pflegen und die Bäume zu gießen. Und sie bitten alle, die alten Nachbarn von nebenan vielleicht mal daran zu erinnern, dass Trinken wichtig ist. Das klingt trivial, aber es kann tatsächlich Menschenleben retten.
Viele andere Kommunen sind längst noch nicht so weit. Deren Verwaltungen müssen anders planen und schneller, um sich an das neue Klima anzupassen. Doch ganz allein werden sie den Umbau ihrer Infrastruktur nicht schaffen – schon weil der nicht selten ihre finanziellen Mittel übersteigt.
Bis zum vergangenen Jahr hatte der Bund immerhin ein Programm, mit dem er den Umbau von sozialen Einrichtungen unterstützt hat. Pflegeheime, Kitas oder Schulen konnten Zuschüsse beantragen.
Doch genau das Programm haben CDU, CSU und SPD für 2026 gestrichen.
Stattdessen legte jüngst die Gesundheitsministerin drei neue »Hitzeschutzpläne« vor. In denen wird unter anderem den Veranstaltern von Sportereignissen geraten, bei zu hohen Temperaturen lieber auf den Wettkampf zu verzichten, keinen Alkohol auszuschenken und nicht zu grillen. Was alles richtig ist, aber doch einen bitteren Beigeschmack hat – wenn die Bundesregierung zugleich die Mittel für das Programm für den Umbau der Altenheime gestrichen hat. Denn so wird ein gesellschaftliches und politisches Problem schlicht privatisiert.
Deutschland, hat mir vor ein paar Jahren einmal ein Australier gesagt, begreift sich als kaltes Land, in dem vor allem die Heizungen funktionieren müssen. In Australien sei das umgekehrt, da dächten alle darüber nach, wie sie durch den heißen Sommer kommen.
Es wird Zeit, dass Deutschland etwas australischer wird.
Ein Blick in die Daten zeigt, dass es Hitze schon immer gab, aber der Kontext hat sich verändert, denn was früher ein Ausnahmejahr war, ist heute Teil eines Trends.
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