Frankfurter Rundschau hier 21.06.2026, Von: Joachim Wille
Doch
keine Renaissance? Die wahre Rolle von Atomenergie in der Zukunft
Eine neue Untersuchung des Öko-Instituts kommt zu dem Schluss, dass der Anteil von Atomkraft bis 2050 nur im einstelligen Prozentbereich liegen könnte.
Die politische Debatte über eine Renaissance der Atomkraft hält weltweit an. Frankreich setzt auf den Bau neuer Reaktoren, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) bezeichnet Kernenergie regelmäßig als Teil eines klimaneutralen Energiesystems, und in Deutschland werben Politiker wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für neue Mini-AKW. Doch zugleich zeigen sich die Grenzen des neuen Atom-Optimismus. In der Schweiz erlitt Energieminister Albert Rösti jetzt einen Rückschlag, als der Nationalrat einen Vorstoß zur Aufweichung des seit 2017 geltenden Neubauverbots für Atomkraftwerke zurückwies. Die Debatte über die Zukunft der Kernenergie ist also weiter offen.
Eine neue Untersuchung des Öko-Instituts im Auftrag des deutschen Umweltbundesamtes gibt den Befürwortern einer nuklearen Renaissance wenig Rückenwind.
Die Fachleute kommen nach Auswertung internationaler Energieszenarien, nationaler Ausbaupläne und zahlreicher Studien zu dem Schluss, dass Kernenergie bei der Erreichung der Klimaziele allenfalls eine begrenzte Rolle spielen dürfte. Die zentrale Säule eines klimaneutralen Energiesystems seien erneuerbare Energien.
Für ihre Analyse wertete das Forschungsteam mehrere globale Szenarien aus, die eine Begrenzung der Erderwärmung und Netto-Null-Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts beschreiben.
In allen untersuchten Zukunftspfaden wächst die Bedeutung von Wind- und Solarenergie massiv. Bis 2050 erreichen erneuerbare Energien darin Anteile von 70 bis nahezu 100 Prozent an der weltweiten Stromversorgung. Der Beitrag der Atomkraft bleibt dagegen vergleichsweise klein. Selbst in Szenarien mit einer besonders atomfreundlichen Ausrichtung liegt ihr Anteil nur im einstelligen Prozentbereich.
Das widerspricht der Vorstellung eines weltweiten nuklearen Aufschwungs.
Zwar haben sich 2023 auf dem Weltklimagipfel COP 28 in Dubai in mehr als 20 Staaten dafür ausgesprochen, die globale Kernkraftkapazität bis 2050 zu verdreifachen. Nach Einschätzung der Autor:innen erscheint dieses Ziel jedoch kaum erreichbar.
Um es zu verwirklichen, müssten über Jahrzehnte hinweg Jahr für Jahr neue Reaktoren in einer Größenordnung ans Netz gehen, die zuletzt während des historischen Ausbaubooms der 1980er Jahre erreicht wurde. Tatsächlich liegen die jährlichen Neubauraten seit Langem deutlich darunter.
Besonders kritisch bewertet die Studie die wirtschaftliche Seite der Kernenergie.
Neue Atomkraftwerke verursachen laut den ausgewerteten Daten erheblich höhere Stromerzeugungskosten als Windkraft- oder Solaranlagen. Für Europa lagen die Kosten neuer Reaktoren bereits 2020 deutlich über denen der wichtigsten erneuerbaren Technologien.
Atomkraft gegen den Klimawandel? Kostenexplosion bei Neubauten in Europa
Ein Kostenvergleich muss auch die Aufwendungen für Stromspeicher und Netzausbau-Kosten berücksichtigen. Hier kommen andere Untersuchungen zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Die finnische LUT University hat zahlreiche globale und nationale Studien zu 100-Prozent-Erneuerbaren-Systemen veröffentlicht, in denen Speicher, Netze und Dunkelflauten berücksichtigt werden. Ergebnis: Sie seien bis 2050 günstiger als fossile oder nuklear geprägte Systeme.
Die Atomenergie-Agentur (NEA) des Industrieländerclubs OECD ermittelte hingegen 2024, dass ein Mix aus Kernenergie und Erneuerbaren günstiger sein könne als ein System mit sehr hohen Anteilen von Wind und Solar. Kritisiert wird hier freilich, dass die NEA mit vergleichsweise günstigen Annahmen für Kernkraft und eher konservativen Annahmen für Speichertechnologien arbeite.
Unstrittig ist: Die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit Reaktoren in Europa zeigen eine Kostenexplosion. Große Neubauprojekte in Frankreich, Großbritannien oder Finnland waren von erheblichen Verzögerungen und Kostensteigerungen geprägt. Das britische Kraftwerk Hinkley Point C wird voraussichtlich deutlich später fertig und erheblich teurer als vorgesehen. Für den Klimaschutz ist das ein entscheidender Faktor.
Denn emissionsarme Technologien können nur begrenzt helfen, wenn sie erst nach vielen Jahren oder Jahrzehnten zur Verfügung stehen. Die EU peilt 90 Prozent Emissionsminderung bereits bis 2040 an, um 2050 klimaneutral sein zu können. Deutschland will die „Netto-Null“ 2045 erreichen, der Stromsektor soll dazu aber bereits bis etwa Mitte der 2030er Jahre emissionsfrei sein.
„Die Klimadebatte braucht realistische Optionen.
Neue Kernkraftwerke sind teuer,
ihre Inbetriebnahme dauert sehr lange und
sie passen nur schlecht in ein Energiesystem,
das künftig stark von Wind- und Solarenergie
geprägt sein wird“
sagt Christoph Pistner, Leiter des Bereichs Nukleartechnik und Anlagensicherheit am Öko-Institut und Leitautor der aktuellen Studie.
Dabei bestreiten die Autor:innen keineswegs, dass Atomkraft vergleichsweise geringe Treibhausgasemissionen verursacht. Über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg – vom Uranabbau über den Betrieb bis zum Rückbau – liegt die Klimabilanz in einer ähnlichen Größenordnung wie die von Wind- und Solarenergie. Sie argumentieren jedoch, dass die Emissionsbilanz nicht ausreicht, um die Eignung einer Technologie für den Klimaschutz zu beurteilen. Ebenso wichtig seien Kosten, Bauzeiten, technische Risiken und die Fähigkeit, Emissionen rasch zu senken.
Mögliche Folgen des Klimawandels – selbst für die Atomkraft
Ein weiterer Einwand betrifft die Rolle der Kernenergie in einem künftigen Stromsystem. Mit dem starken Ausbau von Wind- und Solarenergie wächst der Bedarf an Flexibilität. Stromspeicher, Lastmanagement und flexibel einsetzbare Kraftwerke sollen Schwankungen im Angebot ausgleichen. Klassische Atomkraftwerke sind dagegen für einen möglichst kontinuierlichen Betrieb ausgelegt. Werden sie häufiger hoch- und heruntergefahren, verschlechtert sich ihre Wirtschaftlichkeit zusätzlich.
Auch die oft als Hoffnungsträger präsentierten Mini-Reaktoren, die sogenannten Small Modular Reactors (SMR), ändern aus Sicht der Studie wenig an diesem Befund. Zwar könnten sie einige technische Nachteile großer Anlagen verringern. Bisher existieren jedoch außer in China und Russland keine kommerziellen Erfahrungen mit solchen Anlagen. Ein schneller Beitrag zum Klimaschutz ist daher auch von dieser Technologie nicht zu erwarten.
Hinzu kommen weitere Herausforderungen, die mit der Kernenergie verbunden sind. Dazu zählen die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle, das Risiko schwerer Unfälle sowie Fragen der nuklearen Sicherheit und Proliferation.
Auch wird auf mögliche Folgen des Klimawandels selbst für die Atomkraft verwiesen. Höhere Wassertemperaturen und zunehmende Hitzeperioden können die Kühlung von Reaktoren erschweren und ihre Verfügbarkeit einschränken.
Der Befund der Studie fällt eindeutig aus:
Wer die CO₂-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts möglichst schnell und kostengünstig auf null senken will, sollte seine Investitionen vor allem auf
Wind- und Solarenergie, Netze, Speicher und
flexible Stromverbraucher konzentrieren
Christian Stoecker
Repeat after me: Elektrifizierung und Erneuerbare gewinnen. Der Mark hat längst entschieden.
(das violette Streifchen ganz unten ist übrigens die angeblich „überall“ stattfindende „Renaissance der Atomkraft“). Brandneuer International Energy Agency (IEA) Report zu Energieinvestitionen
YouTube hier
Christian Stoecker
Ich durfte mich diese Woche mit Anne Will über die Frage unterhalten, ob Atomkraft wirklich den Strom billig macht (Spoiler: nein), warum so emotional und politisiert über Stromerzeugung diskutiert wird, was wohl im Innneren der Union so vorgeht.
Apple Podcasts: https://lnkd.in/ecizrb_g
Spotify: https://lnkd.in/eVyK_dGv
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