Christian Siebert
Oder ist ein Land wohlhabend, wenn Schulen funktionieren, Brücken nicht gesperrt werden müssen, Kommunen investieren können, Menschen bezahlbaren Wohnraum finden und gute Bildung unabhängig vom Elternhaus möglich ist?
Prof. Dr. Florian Becker argumentiert, Wohlstand entstehe vor allem durch Wachstum und nicht durch Umverteilung.
Dem kann ich nicht zustimmen.
Wohlstand ist etwas anderes als ein wachsendes BIP. Eine steigende Wirtschaftsleistung sagt zunächst nur, dass mehr Geld umgesetzt wird. Sie sagt aber nichts darüber aus, ob es den Menschen dadurch tatsächlich besser geht.
Auch Erdgasförderung im Wattenmeer, neue Kohlekraftwerke oder ein Tagebau, für den ein ganzes Dorf verschwindet, erhöhen das BIP.
Entsteht dadurch Wohlstand?
Wohl kaum. Vor allem dann nicht, wenn die Gewinne privatisiert werden, während die Gesellschaft die ökologischen und sozialen Kosten trägt.
Zahlen lügen nicht: wir erleben seit Jahren durchaus eine massive Umverteilung. Nur nicht von oben nach unten.
Sondern von unten nach oben.
Während Arbeitseinkommen mit Einkommensteuer und Sozialabgaben belastet werden, wachsen große Vermögen oft deutlich schneller als die Einkommen der Menschen, die jeden Morgen zur Arbeit gehen. Die Vermögen an der Spitze steigen seit Jahren, während gleichzeitig der Investitionsstau in Deutschlands Kommunen inzwischen bei über 230 Milliarden Euro liegt. Schulen, Straßen, Sportstätten und öffentliche Gebäude verfallen vielerorts vor sich hin.
Gleichzeitig besitzen inzwischen rund 5.000 Superreiche mehr als ein Viertel des gesamten Finanzvermögens in Deutschland. Die Zahl der Menschen mit Vermögen im dreistelligen Millionenbereich wächst rasant.
Und deren unzureichende Besteuerung sind für unseren Wohlstand ein riesiges Problem. Das Geld fehlt schlichtweg dort, wo es gebraucht wird.
- Es fehlt in Schulen.
- Es fehlt in Kitas.
- Es fehlt in Krankenhäusern.
- Es fehlt bei der Digitalisierung.
- Es fehlt bei Bahnstrecken, Brücken und kommunale Infrastruktur.
Wenn wir über eine gerechtere Besteuerung von sehr, sehr, sehr reichen Menschen sprechen, dann ist das kein Neid. Es ist eine Notwendigkeit. Mit den Milliarden ließen sich fast alle notwendigen Investitionen binnen kürzester Zeit realisieren, ohne an ihrem Reichtum zu kratzen.
Wohlstand ist nicht die Zahl auf dem Depot eines Milliardärs.
Wohlstand ist das, was einer Gesellschaft tatsächlich zur Verfügung steht:
- Bildung.
- Sicherheit.
- Gesundheit.
- Infrastruktur.
- Chancengleichheit.
- Eine lebenswerte Umwelt.
Wenn das BIP steigt, die Vermögen der Reichsten explodieren und gleichzeitig die öffentliche Infrastruktur verfällt, dann steigt vielleicht der Reichtum einiger Weniger, aber nicht der Wohlstand einer Gesellschaft, die ihren Reichtum erst möglich gemacht hat.
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