Golem hier 2. Februar 2026 Mario PetzoldAusbau erneuerbarer Energie durch Erdwärme begrenzbar
Mit stabiler Grundlast ließe sich ein Drittel der Stromspeicher einsparen. Insgesamt könnten die Energiekosten um 60 Prozent sinken, konservativ gerechnet.
Eine Studie der Stanford University, Kalifornien, USA, hat die Auswirkungen neuer technischer Entwicklungen im Bereich der Geothermie genutzt, um ein globales Energiesystem ohne fossile Energieträger durchzurechnen. Der große Vorteil bei der Stromerzeugung via Erdwärme wäre die Grundlastfähigkeit, wodurch bereits ein Anteil von 10 Prozent an der gesamten Energieproduktion große Effekte hätte.
Es handelt sich nicht um die derzeit oftmals im Bereich heißer Quellen und vulkanisch aktiver Gegenden erfolgende Nutzung der Erdwärme, sondern um die sogenannte erweiterte Geothermie oder Tiefengeothermie, die auch hierzulande erforscht wird. Dabei werden Bohrungen bis in eine Tiefe von 8 km getrieben. Die technischen Grundlagen schuf die Erdgas- und Erdölindustrie.
Gebaut wird ein solches Kraftwerk beispielsweise gerade in Utah, USA. Es soll noch 2026 den ersten Strom produzieren und eine Leistung von 2 Gigawatt erreichen, was einem großen Kohlekraftwerk entspricht.
Geringerer Aufwand, weniger Landbedarf
Solche Geothermiekraftwerke könnten so gut wie überall in Betrieb genommen werden, weil in dieser Tiefe immer rund 200 °C herrschen, teils deutlich mehr. Laut dem Forschungsteam, dessen Studie in Cell Reports Sustainability erschienen ist, würde ein zehnprozentiger Anteil der Geothermie an der Energieversorgung ausreichen, um fast ein Drittel weniger Stromspeicher in Form von Akkumulatoren zu benötigen.
Bei der Windkraft ließen sich dadurch 15 Prozent an Leistung einsparen, bei der Photovoltaik 12 Prozent. Hinzu käme, dass der globale Flächenbedarf für die Energieerzeugung um 20 Prozent geringer ausfallen würde. Das wäre vor allem in dicht besiedelten Regionen entscheidend, denn insgesamt läge der Landverbrauch auch ohne Geothermie bei 0,57 Prozent.
Energiekosten wenig überraschend deutlich niedriger
Bei einer Umstellung komplett auf erneuerbare Energiequellen erwartet das Forschungsteam, dass die Energiekosten gegenüber dem aktuellen Stand um 60 Prozent sinken. Für Europa sollen es sogar 64 Prozent sein.
Überraschend ist das nicht: Heizen mit einer Wärmepumpe ist grob überschlagen halb so teuer wie mit Öl oder Gas. Ähnlich sieht es bei der individuellen Mobilität aus: Laut ADAC(öffnet im neuen Fenster) ist aktuell ein Elektroauto inklusive Anschaffungspreis der günstigste Pkw, gerechnet auf die gefahrenen Kilometer.
Allerdings handelt es sich dabei um einen konservativen Rechenansatz. Die Forschungsgruppe hat außerdem weitere Faktoren eingerechnet, die den fortschreitenden Klimawandel inklusive gesundheitlicher Risiken und Schäden durch extreme Wetterereignisse und steigenden Meeresspiegel abbilden. Dann lägen die Energiekosten inklusive versteckter Ausgaben 90 Prozent unter den Energiekosten bei gleichbleibendem fossilen Anteil.
Frankfurter Rundschau hier 02.02.2026, Von: Anne Bajrica
Konstant
verfügbar Tag und Nacht: Warum Geothermie aus mehreren Kilometern Tiefe alles
verändert
Dauerstrom aus der Tiefe: Stanford-Studie rechnet den großen Vorteil der Geothermie vor
Eine weltweite Modellrechnung aus Stanford zeigt, wie konstante Erdwärme Stromnetze stabilisiert, Fläche spart und Kosten massiv senkt.
Der Stromhunger wächst rasant. Rechenzentren schießen aus dem Boden, Künstliche Intelligenz läuft Tag und Nacht, digitale Dienste sind im Dauerbetrieb. Gleichzeitig soll der Strom sauber werden. Klimaneutral, zuverlässig, bezahlbar. Das bringt das System an seine Grenzen. Denn mehr Strom heißt bisher: mehr Windräder, mehr Solarfelder, mehr Leitungen, mehr Speicher. Die Netze stoßen an Grenzen, der Platz wird knapp, der Ausbau teuer.
Eine neue weltweite Analyse der Stanford University kommt zu dem Ergebnis, dass sauberer Strom kompakter und günstiger erzeugt werden kann, mit weniger Anlagen, weniger Fläche und weniger Technik. Entscheidend ist dabei eine Energiequelle, die ständig verfügbar ist – und bislang oft unterschätzt wurde: tiefe Geothermie.
Weniger Technik, gleiche Leistung
In der Analyse wird untersucht, wie sich das Energiesystem verändern würde, wenn Geothermie nicht nur eine Nebenrolle spielt, sondern gezielt als konstante Stromquelle eingebunden wird. Gemeint sind sogenannte „Enhanced Geothermal Systems“, kurz EGS. Sie erschließen Hitze aus mehreren Kilometern Tiefe und liefern Strom unabhängig von Tageszeit und Wetter.
Schon ein vergleichsweise kleiner Anteil dieser Technologie verändert in der Modellrechnung der Stanford-Experten das Gesamtsystem spürbar. Liefert Geothermie etwa zehn Prozent des Stroms, sinkt der Bedarf an Windkraft, Solaranlagen und Batteriespeichern deutlich. Netze müssten weniger ausgleichen, Speicher seltener einspringen. Das System bleibt stabil – bei nahezu identischen Kosten.
Geothermie spart Platz bei der Energiewende
Ein zentrales Ergebnis betrifft den Flächenbedarf. Ohne tiefe Erdwärme beansprucht ein vollständig erneuerbares Energiesystem weltweit rund 0,57 Prozent der Landfläche. Mit Geothermie sinkt dieser Wert auf 0,48 Prozent. Der Unterschied klingt klein, entspricht aber Hunderttausenden Quadratkilometern.
Der Grund liegt in der Technik: Geothermieanlagen benötigen vergleichsweise wenig Platz und würden dafür konstant Strom liefern. Dadurch ließen sich andere Anlagen reduzieren:
- Onshore-Windkraft ginge um rund 15 Prozent zurück
- Solarkapazitäten würden um etwa 12 Prozent sinken
- Batteriespeicher reduzierten sich um fast ein Drittel
Besonders profitieren würden dicht besiedelte Regionen und kleine Länder wie Südkorea, Taiwan oder Singapur, in denen Fläche knapp und teuer ist.
Strombedarf sinkt – trotz Elektrifizierung
Die Studie betrachtet 150 Länder, die zusammen fast 100 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verursachen. Zieljahr ist 2050. In diesem Szenario werden nahezu alle Energiesektoren elektrifiziert: Verkehr, Industrie, Gebäude und Wärmeversorgung.
Das überraschende Ergebnis: Der globale Endenergiebedarf sinkt trotz steigenden Stromverbrauchs um mehr als die Hälfte. Ursache sind Effizienzgewinne. Elektromotoren arbeiten effizienter als Verbrenner, Wärmepumpen nutzen Umweltwärme, und viele Verluste fossiler Systeme entfallen. Insgesamt fällt der Energiebedarf von rund 19,6 Terawatt auf etwa 9 Terawatt.
Studie rechnet vor: Energiekosten sinken um rund 60 Prozent
Auch wirtschaftlich liefert die Analyse klare Zahlen – unter den getroffenen Annahmen. Die privaten Energiekosten würden im Vergleich zu einem fossilen Weiter-so um rund 60 Prozent sinken. Global gingen sie von etwa 17 Billionen Dollar pro Jahr auf knapp 7 Billionen zurück. Entscheidend ist dabei nicht die Geothermie allein, sondern die Kombination aus Effizienz und erneuerbaren Quellen.
Noch stärker fällt der Effekt aus, wenn Gesundheits- und Klimaschäden einbezogen werden. Luftverschmutzung und Treibhausgase verursachen heute enorme Folgekosten. In einem vollständig erneuerbaren System entfallen diese Schäden im Modell nahezu vollständig. Die gesellschaftlichen Gesamtkosten würden um mehr als 90 Prozent sinken.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Wissensmagazin SMART UP NEWS
Wissenswertes aus Gesundheit und Ernährung, neuen Technologien, Umwelt- und Klimathemen sowie Psychologie und Lebensstil – smartup-news.de. Jeden Tag klüger.
Geothermie statt Kohle und Kernenergie
Ein zentraler Punkt der Studie ist die Rolle konstanter Stromquellen. Lange galten Kohle- und Kernkraftwerke als unverzichtbar, weil sie Grundlast liefern. Tiefe Geothermie könnte diese Funktion übernehmen, ohne Brennstoffe, ohne radioaktiven Abfall, ohne Emissionen.
„EGS ist eine saubere, erneuerbare Technologie, die gemeinsam mit Wind, Solar, Wasser und Speichern eine zuverlässige Energieversorgung ermöglicht – bei niedrigen Kosten und ohne Luftverschmutzung oder Erderwärmung“, erklärt Stanford-Studienleiter Mark Jacobson.
Energie für KI und Rechenzentren
Rechenzentren benötigen gleichmäßige Leistung. Schwankungen sind teuer und technisch aufwendig. Geothermie erreicht im Modell einen Kapazitätsfaktor von rund 90 Prozent – nahe am Dauerbetrieb.
Dadurch ließen sich Batteriespeicher reduzieren, die sonst einspringen müssten, wenn Wind und Sonne ausfallen. Für neue KI-Zentren, die oft fern großer Netzknoten entstehen, ergäben sich neue Optionen. Strom könnte lokal, stabil und planbar erzeugt werden.
Gesundheit und Klima profitieren massiv
Im fossilen Szenario kalkuliert die Studie für das Jahr 2050 rund 5,6 Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch Luftverschmutzung. In einem vollständig erneuerbaren Energiesystem fallen diese Emissionen rechnerisch weg. Energiebedingte Schadstoffe würden ebenso verschwinden wie klimaschädliche Treibhausgase.
Die monetarisierten Effekte sind erheblich. Etwa 37 Billionen Dollar pro Jahr entfallen in der Modellrechnung auf vermiedene Gesundheitskosten, weitere 32 Billionen Dollar auf vermiedene Klimaschäden. Diese Größenordnungen übersteigen die reinen Energiekosten deutlich – und markieren den stärksten Hebel der berechneten Energiewende.
Kurz zusammengefasst:
Konstante Erdwärme statt schwankender Energie: Tiefe Geothermie liefert rund um die Uhr Strom und kann Kohle- und Atomkraft als Grundlast ersetzen – auch für energiehungrige Rechenzentren.
Weniger Technik, weniger Fläche: Schon ein Anteil von etwa zehn Prozent senkt weltweit den Bedarf an Windrädern, Solarfeldern und Batteriespeichern deutlich.
Großer Kosteneffekt: Durch Effizienzgewinne und wegfallende Gesundheits- und Klimaschäden sinken die globalen Energiekosten laut Stanford-Analyse um rund 60 Prozent.
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