Samstag, 14. Februar 2026

Wo Umwelt- und Naturschutz Wirkung zeigen: vorsichtig optimistisch beim Jangtse in China

Spektrum  hier  13.2.26  von Daniel Lingenhöhl

Das bemerkenswerte Comeback des Jangtse

Überfischung, Verschmutzung und Wasserbau sind nur drei der Probleme, die den Jangtsekiang beeinträchtigen. Doch ein Fischereiverbot zeigt bereits rasche Erfolge.




400 Millionen Menschen leben im Einzugsbereich des Jangtsekiang, täglich befahren ihn Tausende Schiffe, an seinen Ufern stehen riesige Fabrikkomplexe und Staudämme schränken seinen Lauf ein: Der chinesische Fluss gehört zu den am stärksten von Menschen beeinträchtigten Fließgewässern der Erde. Und doch kann sich die Natur dort erholen, wenn man sie lässt. Das zeigt eine Studie von Fangyuan Xiong und Co., die die Auswirkungen eines kommerziellen Fischereibanns untersucht haben, der 2021 in Kraft gesetzt wurde.

Die chinesische Regierung hatte dieses zehnjährige Moratorium erlassen, um die geplünderten Bestände des Stroms zu schonen und einen Abwärtstrend umzukehren, der seit den 1950er Jahren angehalten hat. Seit damals waren die Fischzahlen des Flusses um 85 Prozent zurückgegangen. Verschiedene Fischarten gelten inzwischen auch wegen des Fangs als stark bedroht. Gleichzeitig hatte die Fischerei stark dazu beigetragen, dass der Baiji (Lipotes vexillifer), eine endemische Flussdelfinart des Jangtse, ausgestorben ist und die Zahl der Östlichen Glattschweinswale (Neophocaena asiaeorientalis) bedenklich zurückging.

Da verschiedene kleinere Maßnahmen zuvor nicht gewirkt hatten, setzte die Zentralregierung 2021 schließlich auf Prinzipien der Evolutionären Spieltheorie: Sie gab drei Milliarden US-Dollar aus, um Einnahmeverluste von 200 000 Fischern zu kompensieren und ihnen alternative Einkommensmöglichkeiten zu erschließen. Dadurch erreichte die Regierung, dass rund 100 000 Boote stillgelegt wurden. Der Erfolg zeigte sich rasch, wie ein Vergleich von Bestandsdaten verschiedener Fische aus der Zeit vor und nach dem Bann zeigte. Innerhalb von nur zwei Jahren nach Inkrafttreten des Banns hatte sich die Biomasse der Fische verdoppelt und war die Artenvielfalt wieder um 13 Prozent gestiegen.

Für den Baiji kamen die Maßnahmen zu spät, doch die Glattschweinswale profitierten ebenfalls: Ihre Zahl wuchs um ein gutes Drittel von rund 450 auf knapp 600 Tiere. Große Fische wie der Jangtse-Stör (Acipenser dabryanus) oder Winkelkarpfen (Myxocyprinus asiaticus) sind nach Angaben der Forscher zwar immer noch selten, aber es deutet sich ebenfalls ein Trend nach oben ab. Ob dies für den Chinesischen Stör (Acipenser sinensis) schon gelte, sei jedoch noch ungewiss, schreiben die Forscher. Viele dieser Fische werden nachgezüchtet und dann im Fluss ausgesetzt, um die Bestände aufzustocken.

Angesichts ihrer Analysen und Modellierungen gehen Xiong und Co. davon aus, dass das Fischfangverbot hauptsächlich für diese positive Entwicklung verantwortlich ist. Verringerter Schiffsverkehr, verbesserter Bewuchs an den Ufern und Maßnahmen, den Fluss sauberer zu halten, hätten jedoch auch zu dem Erfolg beigetragen. Nun müsse sich zeigen, ob und wie lange dieser Trend anhält – und was nach Ablauf des Moratoriums passiert. Die Studie zeige jedoch, dass sich selbst intensiv genutzte Flüsse und ihre Bewohner erholen können, wenn Menschen es nur zulassen.



Tagesspiegel hier 14.02.2026,

Naturschutz: Studie: Fischbestände in Chinas Jangtse-Fluss erholen sich

Jahrzehntelange Ausbeutung des Jangtse-Flusses bringt die Fischbestände an ihre Grenzen. Doch nun scheint eine Kehrtwende einzusetzen. Was hat sich verändert?

Fischbestände und Artenvielfalt in Asiens längstem Fluss Jangtse haben sich spürbar erholt. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forscherteam in China, wo sich der dort „Chang Jiang“ (Langer Strom) genannte Strom über 6.300 Kilometer vom westlich gelegenen tibetischen Hochland bis zur Metropole Shanghai an der Ostküste erstreckt. 

„Der sieben Jahrzehnte währende Verlust von biologischer Vielfalt wurde gestoppt, mit Verbesserungen bei der Fischbiomasse, dem körperlichen Zustand, der Artenvielfalt und einer ersten Erholung der bedrohten Arten“, schreiben die Wissenschaftler um Chen Yushun von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften Wuhan im Fachblatt „Science“. 

Darum verbesserten sich die Bedingungen 
Zur Erholung der jahrzehntelang ausgebeuteten Fischbestände und Artenvielfalt trug den Fachleuten zufolge maßgeblich das 2021 wirksam gewordene Gesetz zum Schutz des Jangtse bei, das auch ein Fischereiverbot enthielt. Zusätzlich veranlassten die Behörden, die Wasserqualität zu verbessern und die ufernahen Bereiche zu renaturieren. Auch das Schiffverkehrsaufkommen sank.

Die Wissenschaftler verglichen in ihrer Arbeit Daten vor und nach dem Fischereiverbot. Nach dessen Inkrafttreten verdoppelte sich demnach die Fischbiomasse - diese Kennzahl gibt die Gesamtmasse an Fischen in einem Ökosystem an. Zudem stellten die Forscher fest, dass große Fische, die etwa weiter oben in der Nahrungskette stehen oder wirtschaftlich wertvoll sind, besonders von dem Verbot profitierten, auch weil ihre Überlebenschancen stiegen.

Die Rolle des Jangtse in China
Seit der Gründung der Volksrepublik 1949 bis zum Inkrafttreten der Schutzvorschriften erlebte der Jangtse als wichtige Wasserstraße auch Schattenseiten der rasanten Entwicklung der chinesischen Wirtschaft. Der Fluss durchquert Metropolen wie Chongqing, von der auch viele Flusskreuzfahrten ablegen, und Millionen-Großstädte wie Wuhan und Nanjing - heute Zentren der chinesischen Industrie. Umweltschutz hatte in der Zeit des Aufstiegs eine untergeordnete Rolle. 

Einige Tierarten sind unter diesen Bedingungen für immer verschwunden, wie die Forscher schreiben. Dazu gehören etwa der Chinesische Flussdelfin (Lipotes vexillifer) oder der Chinesische Schwertstör (Psephurus gladius). Weitere drohen demnach auszusterben. 


Der Ausblick der Forscher
„Wir bleiben vorsichtig optimistisch, dass diese kurzfristige Erholung der biologischen Vielfalt von Dauer sein wird“, schreiben die Forscher. Sie mahnen jedoch, weiterzuforschen und die Entwicklung zu überwachen.

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